Böser Opa …

Sieht er nicht seriös aus, dieser Opa auf dem Bild? Schaut ihn euch genauer an. Man könnte glauben, so wie er dasitzt, könne man ihm nichts Böses zutrauen. Böse sind immer die anderen. Irgendwie wirkt er wie eine gerechte, moralische Instanz. Dumm ist er nicht, schließlich hält er offensichtlich ein Buch in der Hand. Was ist es wohl für ein Buch aus dem er sein geistiges Potenzial schöpft? Will man es wirklich wissen? Richtig vermutet: dieser nette Opa ist selbst ein sogenannter Geistlicher, einer zu dem die Menschen pilgern und Rat suchen. Sein Betätigungsumfeld liegt im Iran, wo er einst Justizminister war. Sein Name lautet: Mahmud Haschemi Schahrudi.
Kaum zu glauben, dass diese graue Eminenz ein Kinderschänder ist. Ja, als solchen darf man ihn getrost bezeichnen: Unter seiner Regie wurde ein 13-jähriges Mädchen zum Tode verurteilt. Die Begründung für diesen Kindermord ist besonders geistlich-intelligent: Das Mädchen wurde vergewaltigt und da dies geschah, hatte sie außerehelichen Verkehr, wofür sie den Tod verdiene. Mehr Perversion geht nicht. Werft nochmal einen Blick auf dieses Gesicht und dann fragt euch: Wie sehen Kriminelle aus? Richtig! Und da kommt wieder das Buch ins Spiel, das er in seiner Hand hält und aus dem scheinbar seine Massaker-Träume entspringen. Nun fragt mich ruhig, ob ich Religion mag .. ich glaube nicht, dass ich darauf eine Antwort geben brauche.

böser opa

 

Die Maske gehört zu mir …

Man solle keine Maske tragen, sondern ehrlich und authentisch sein – so hört man es von überall her. Sei du, fordert man uns auf; versuche herauszufinden, wer du im Grunde deines Herzens bist. Die Medien sind voll mit derlei Weisheiten und Sprüchen. Und immer geht es darum: du musst dich ändern; am besten dorthin, wer du wirklich bist.

Wie erfrischen wirkt es da, wenn Rimbaud sagt:“Ich bin ein Anderer.“

Wie auch soll es möglich sein, in den unendlichen Abgründen seiner Selbst, den Kern des Seins zu finden?

Ich habe Bewusstsein und besitze die Möglichkeit, ein Bild von mir zu machen. Doch dieses Bild bleibt trügerisch, denn ich werde nie in der Lage sein, all mein Denken und Fühlen in die Außenwelt zu tragen, demzufolge die anderen ein anderes Bild von mir haben. Selbst wenn ich spreche – man kennt es von Tonaufnahmen – ist der Klang meiner Stimme, die ich in mir trage, eine andere als die in der Außenwelt.

Ich bin ein Anderer, wenn ich an der Kasse mit der Kassiererin kommuniziere, ein Anderer, wenn ich mit Freunden rede. Das Schöne am Sex ist nicht, derjenige zu sein, der man in der Gesellschaft ist, sondern erregend ist es, eine Art Tier zu werden. Im besten Fall sind wir im Orgasmus Andere und haben gesellschaftliche Konventionen entgrenzt.

Vielleicht ist das das Problem der Psychiatrie: nicht die Notwendigkeit anzuerkennen, dass man verschiedene Masken benötigt.

Als ich „Serena“ schrieb war ich weder die eine noch die andere Figur in dem Roman – ich war nur ein Anteil davon, eine Vielheit. Genauso wie jetzt in dem Roman „Africa“. Wenn ich mich hinsetzte und schreibe setzte ich mir eine Maske auf, um überhaupt Worte rausbringen zu können. Der Akt des Schreibens ist ein Werdungsprozess – ich schreibe aus dem heraus, der ich noch nicht bin; ich befinde mich nur auf dem Weg. dorthin

Als man Henry Miller fragte, ob er das, was er schrieb, wirklich alles erlebt habe, antwortete er knapp: es sei ein Roman. Bei ihm ist das „Ich“, mit dem er schreibt, eine Kunstfigur.

Nietzsche setzte sich die Maske des Dionysos auf, nur so war er, der mit Krankheiten zu kämpfen hatte, in der Lage eine Philosophie der Gesundheit und des Lebens zu entwickeln.

Keine Frau wird als Mutter geboren, sie wird es erst, wenn das Kind zur Welt kommt. Sie ist aber auch eine Liebhaberin, eine Professorin, eine Sekretärin, ein Freundin, eine Tochter, ein Mädchen, eine Weltbürgerin. Der Vater könnte vielleicht ein Säufer sein, aber wenn er nach Hause kommt, ist er ein braves Familienmitglied.

Kleidung machen Leute – doch nicht nur das, sie verändern auch das Selbstwertgefühl. Wer häufiger sein Aussehen verändert, wird spüren, wie sich was verändert. Die meisten Jugendbewegungen waren durch Fashion geprägt – durch eine besondere Kleidung, die sich von der Norm abhebt – sei es Punk, Gothic, oder Rock n Roll, erst durch das Aussehen, durch die Maske konnte was Neues entstehen – an der Bruchstelle von gestern zum jetzt ereignet sich was. Ja, das ist das Verhängnis der Psychologie; dass sie ständig auf das Innere verweist oder auf die Vergangenheit, auf die Kindheit.

Das große ICH und das kleine ich (Moi und je), davon spricht Kant. Das Moi, nachdem irrsinniger Weise gesucht wird, ruht wie ein körperloses Organ in uns, ist passiv und nimmt nur auf, ohne sich in irgendeiner Form zu verändern. Das kleine „je“ hingegen, ist unentwegt der Veränderung durch die Zeit ausgesetzt und produziert ständig, was in der Zeit geschieht. Während das Moi still in einem ruht, entfernt sich das kleine ich – Moi und je sind durch die Zeitlinie getrennt. Nochmals Rimbaud: „Schlimm genug für das Holz, das als Geige erwacht … Wenn das Kupfer als Trompete erwacht, ist es nicht seine Schuld.“

Es ginge gar nicht: wenn wir alle Masken ablegen und zu dem Moi vorstoßen könnten, wären wir quasi tot. Weder könnte uns das ICH etwas sagen, noch könnte es atmen oder handeln. Es wäre eine Aufforderung, die nicht machbar wäre und nur zur Verzweiflung triebe.

Warum immer der Verweis auf die Innerlichkeit, warum immer auf die Tiefe, als wollte man uns begraben? Run, Baby, run – auf der (Erd-) Oberfläche spielt sich das Leben ab. Alles geschieht dort, wo sich was mit anderem verbindet – sei es Frau mit Frau, Frau mit Mann oder seinen es Rassen. Die Maske kann ein probates Mittel sein, um aus dem Alten zu etwas Neuem zu sprechen – ein Mittel kann sie sein, um das Denken zu etwas anderem hin zu lenken. Die Masken suchen, die wie ein Kleidungsstück die Haut umschmeicheln –  immer neue Masken der Liebe finden.

Und siehe, jetzt wo ich das hier schreibe, bin ich ein Anderer, ein Agitator, ein Läufer, mit einer zerfetzten Fahne in der Hand, keuchend nach Luft schnappend. Jetzt renne ich wie Jesus übers Wasser und schreie in den Himmel: lass es Masken regnen, unendlich viele – ich setzte sie alle auf.

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Das größte Ereignis aller Zeiten …

Ich bin so groß wie das was ich sehe, sagt Pessoa.

Im Jahr 2017 passierte etwas, was die Menschheit noch nie erlebte: Ein Foto „870 million miles away from home“ wurde von ihr gemacht – die Raumsonde „Cassini“ hatte es vollbracht. Und da sahen wir uns: unsere Erde, neben dem Planeten Saturn – sahen uns als einen kleinen Spot. EinEreignis, was alle Ereignisse übertrifft. Wo ist oben? Wo ist unten? Wo der Himmel und wo finden wir noch Halt?

Unsere Erde als kleiner Punkt.  Alles Leben ( zumindest unseres Sonnensystems) hat sich hier auf diesem Stückchen Fleckt versammelt. Wenn überhaupt von Leben geredet werden kann, steht es nur in der Verbindung mit der Erde. Wenn Gedanken, Schmerz, Glück und Leidenschaften sich bilden, ist es nur auf diesem kleinen Punkt, den wir auf dem Foto sehen, möglich.

Wie absurd erscheint es bei dieser entfernten Betrachtung, dass auf diesem kleinen blauen Planeten, auf dem sich alles Leben unseres Sonnensystems drängt, es so viel Streit und Kriege um Kleinlichkeiten gibt.

Ich bin so groß … Die Vorstellung, ich hätte mich auf die Reise gemacht und wäre nach zwanzig Jahren dort angelangt, von wo die Raumsonde das Bild geschossen hatte und ich würde neben den Saturn-Ringen schweben, aus dem Fenster meines Raumhelms von dort auf die Erde blicken – wäre es dann nicht wunderbar, nach all der Zeit und all der Entfernung, immer noch in meinem  Geiste das Bild von deinem Gesicht vor mir zu haben? Würde ich gar denken, dass die Ungeheuerlichkeit,  Milliarden Kilometer entfernt von der Erde zu sein, nichts dagegen sei, dass es dich gibt, dass du einst auf dem kleinen Punkt, den ich nur verschwommen sehe, geboren warst. Was spielte da noch Raum und Zeit und all die Entfernung für eine Bedeutung, wenn dein Lächeln  sich tief in mir vergraben hätte.

Ein Mann im Mond war einst ein Astronaut und er heißt Jim Lovell. Zweimal war er dort und konnte aus dieser Entfernung auf die Erde blicken. Was er sah, veränderte sein Bewusstsein. Wir sollten glücklich sein, auf unserem Planeten leben zu können, meinte er. Die Hoffnung vieler Menschen nach dem Tod in den Himmel zu kommen, hielt er für aberwitzig. „In reality, if you think about it, you go to heaven when you’re born“, antwortete er. Wenn ein Wunder zur Normalität wird, wird man es als solches nicht mehr empfinden. Doch jeder Mensch, den wir hassen oder lieben, den wir im Mittelmeer ertrinken lassen, gegen den wir Kriege führen oder den wir neben uns im Bett berühren – ja auch das Kücken, das mit leuchtendem gelben Gefieder aus dem Ei schlüpft ist ein Mysterium und trägt eine eigene Welt in sich. Furchtbare, ausgedachte Götter wollen uns auf ein Paradies nach dem Leben verweisen, doch das Paradies ist hier, auf der Erde, wo wir stehen und die Luft durch unsere Lungen atmen. Das Paradies ist, wo sowohl Depression, Krankheit als auch Freude und Glück herrscht – nirgendwo ist die Verzweiflung, Hoffnung und Zufriedenheit am größten. Schau nur hinein in den Sternenhimmel und du müsstest deine Existenz, selbst mit dem Negativen restlos bejahen.

Einst dachte ich, die Sterne würden nur deswegen existieren, weil wir sie sehen können. Ihr Funkeln müsste sowas wie Liebe sein, in der sie zu uns strahlen. Zumindest, auch wenn wir so klein zu all den anderen Planeten sind, sind wir doch so groß, weil wir sie sehen können. Großartig  sind wir in unseren Vorstellungen, dass wir in uns erfassen können, wohin wir wahrscheinlich nie gelangen werden. Aus unseren Körpern können wir heraustreten, nur mit unserem Geist eine Reise antreten, die noch keine Wirklichkeit ist. Je mehr Grenzen wir in unserem Denken durchbrechen, desto eher werden wir an unsere Träume gelangen – so wie das künstliche Auge „Cassini“ – geschaffen aus menschlichem Verstand und Handwerk – uns dieses Foto lieferte.

Kann sich der Mensch überhaupt je restlos erdenken, worin er sich befindet? Wäre das All nicht unendlich, würde es nicht auseinander driften, wir würden einen helllichten Nachhimmel haben. Wird unser Verstand je in der Lage sein, solch eine Ewigkeit denken zu können – eine Ewigkeit ohne Anfang, ohne Ende? Wie großartig müssten wir über uns hinauswachsen, um erfühlen zu können, was das bedeutet? Oben, unten, Zeit, Geburt und Tod würde es nicht mehr geben, alles Sein würden wir als einen endlosen Strom fühlen. Und tatsächlich ist um uns herum alles aufgelöst, die Begriffe sind nur menschlicher Halt, um sich orientieren zu können.

Wir schweben im luftleeren Raum umher – was ist es, was uns hält? Wir rotieren in schwindelerregender  Geschwindigkeit um unsere eigene Achse wir … Unfassbar ist alles, unfassbar für den menschlichen Verstand.

Das größte Ereignis ist das „Cassini“-Foto, was ich sehe. Die Größe des Ereignis betrifft mich, weil es mich zu diesem Text anregt. Jede und jeder trägt sein eigenes Universum mit sich spazieren und füttert seine eigene Wahrheit hinein.

Ich bin so groß was ich sehe … und ich sehe dein Gesicht, währende ich neben dem Saturn schwebe und alles, wäre ich dort, würde ich geben, weitere zwanzig Jahre auf mich zu nehmen (das wären dann schon vierzig) um an den Ufern des Paradies zu stehen, das Rauschen der Wellen  zu vernehmen, die Luft tief in mich zu inhalieren und darauf zu warten, die Fussabdrücke im weißen Sand zu sehen, du du machtest, als du aus weiter Entfernung auf mich zugelaufen kämest, wir uns umarmten, unsere Körper spürten und zusammen in der brodelten See badeten. Mein Verstand, nach der langen Reise, wäre ein Fluss ohne Halt und die Vorstellung, was Ewigkeit wäre, fände ich darin, was Liebe ist, hier mit dir auf Erden.

„Von meinem Dorf aus sehe ich, was man auf Erden vom Weltall sehen kann …

Darum ist mein Dorf auch so groß wie irgendein anderes Land,

Denn ich bin so groß wie das, was ich sehe,

Und nicht so groß wie ich bin …“ (Fernando Pessoa)

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Der Pfeil verweist auf die Erde

Aus dem Kokon entfliehen …

Auch das ist Bewegung: „Ich schreibe anders als ich rede, ich rede anders als ich denke, ich denke anders als ich denken soll und so geht es weiter bis ins tiefste Dunkel.“ (Kafka)

Das Buch „Africa“ hat nun (ohne Korrektur) 777 Seiten. Welch eine schöne Zahl. Und nun stehe ich vor dem Abgrund – Schreibblockade. Ich gehe umher, durchkreuze unter grauem Himmel den Park, laufe auf dem Laufband im Fitnessstudio, stemme Gewichte – nur um die Worte wieder zu finden, die ich verloren habe. Bewegung, Bewegung … so wie die Erde sich um ihre eigene Achse dreht. Im Stillstand bin ich der Koma Patient, der mit letzter Kraft versucht, seine Blutbahn in Schwung zu halten. Schreiben ist der Schutz vor der Gesellschaft wie sie ist . Warum sonst, wenn ich mit ihr klar kommen würde, muss ich all die unzähligen Wörter zwischen ihr und mir stellen. Schreiben ist das rettende Ufer eines keuchenden Ertrinkenden, der nicht im Alltäglichen umkommen will. Es ist ein ständiges Aufbäumen und rebellieren gegen das was stattfindet – es ist Geburt einer Insel aus einem tosenden Meer  – es ist Schaffung einer möglichen Welt, die erst in Jahrtausenden von Menschen besiedelt werden kann. Es ist ein Traum, indem ich nicht einmal leben wollte, denn würde er wahr werden, hätte er keine Bedeutung mehr. Insofern ist Schreiben das wunderbarste dafür, den Grundstein seiner eigenen Niederlage zu legen für ein Fundament, das zusammen stürzen wird.  Wenn etwas „fertig“ geschrieben ist, fühlt man sich wie ein gestrandeter Fisch der mit jämmerlichen Bewegungen versucht ins Wasser zurück zu kommen.

Wie kann auch etwas fertig sein, wo es schließlich kein Ende gibt. Selbst die Geburt eines Leben hat keinen Beginn, sondern platzt mitten in einer unendlichen Geschichte herein, ist eine Wurzel, die sich mit anderen Wurzeln verbindet und etwas Neues entwickelt – ist eine Erzählung, die die große Geschichte – die Geschichte des Menschseins – fortsetzt. Aus unserer Verschiedenheit bilden wir ein Band der Bruder – und Schwesternschaft, das sich um die Erde legt – Schwestern und Brüder, die sich lieben oder hassen, aber sich nicht töten.

Wenn das Gefühl der Liebe aufhört, wenn man in einer Blume, Pflanze oder Meereswelle, in dem Himmel, der Sonne oder dem Ficken, keine Bedeutung mehr empfinden kann, wird man nur noch existieren, in die Rentenversicherung investieren und auf ein Ende hoffen. Oder man wird zum Mörder ohne Leidenschaft, wie all die Soldaten, Generäle und Politiker, die töten und töten lassen ohne je die Getöteten gekannt zu haben, ohne je die wundervollen Körper zu schätzen aus denen sie die Seelen gebombt haben.   

Der Orgasmus ist ähnlich dem Moment, wo der Kokon aufbricht und ein Schmetterling entsteht, die Berührung zweier Zungen ist wie eine Wespe, die die Orchidee befruchtet. Alles findet im Äußeren, in der Fremde statt, dann wenn es für einen winzigen Moment zur eigenen Innerlichkeit wird und wenn ein einziger Satz es vermag, die Konsistenz der Seelenträne des Anderen zu beschreiben. Es ist wie das Paradies, nach dem man sucht, aber es nicht fassen kann, es ist die Seifenblase, die, will man sie in der Hand behalten auseinander bricht. Und doch ist dieses kurze, winzige erfahrbare Glück ausschlaggebend für das eigene Weltgeschehen – der Schmerz der Sehnsucht ist der Motor, der es ermöglicht den wackligen Boden unter den Füssen auf und ab zu gehen.

Ab einer gewissen Stelle kann man nicht mehr aufhören, weil es notwendiger zum Leben ist, als die Wirklichkeit. Ein Gedicht vielleicht –  wäre es nie geschrieben worden, die Welt zum Stillstand gebracht hätte. Eine Melodie, die wichtiger als die Nahrung ist und die Nahrungsaufnahme nur deshalb von Wichtigkeit ist, damit das Lied unaufhörlich gehört werden kann.

Kafka war heilfroh todkrank zu sein – erst jetzt, vom Arbeitsleben befreit, konnte er weiter schreiben. Dostojevski versuchte niemals seinen Kopf vom Blatt zu heben, damit nie der Strom abreißen kann und erschuf damit ein unfassbar umfangreiches Werk. Als Hemingway glaubte nicht mehr schreiben zu können, hatte er sich erschossen. Nietzsche litt zeit seines Lebens an einer Krankheit und schaffte es nur so, eine Philosophie der Gesundheit zu entwickeln. Die Gebiete die er dabei schuf, werden erst jetzt zaghaft betreten. Balzacs Motor war die Liebe zu einer Unbekannten – als er sie schließlich bekam und heiratete, verendete er noch auf der Hochzeitsreise.

Die Leere ist ein fürchterliches Ungeheuer, was vielleicht eines Tages den Planeten vernichtet – der Psychotiker  sollte das am meisten fürchten.

Glaubt mir oder glaubt mir nicht (am besten ihr tut es nicht) – das beste Ziel ist, sich eines zu erfinden das niemals zu erreichen ist. So wie dieser Versuch, mich wieder an eine Blutbahn des Unerklärlichen anzuschließen, in dem lächerlichen Unterfangen eine neue Menschheit zu gründen.

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„Wo man liebt, wird es niemals Nacht“

Nicht der Roman hat sich dem Leben anzupassen … und jetzt quäle ich mich, das kleine Verbindungsstück, diese letzte Brücke, diese wenigen Worte zum letzten Kapitel zu finden. Werde ich es heute schaffen, oder mich wieder ablenken lassen, abwaschen, Kaffee kochen, dumme Gespräche führen, nur um mich vor dem letzten Abschnitt zu drücken?

Im Geiste bin ich in Afrika, physisch in Hamburg, ich tanze in Dakar mit den bunt gekleideten Frauen Voodoo Tänze … Die Brücke muss gebaut werden – heute (oder doch morgen?). Ich fühle mich nicht mehr frei, bin Gefangener meiner eigenen Geschichte. Frei bin ich erst wieder wenn …

Plötzlich taucht Sira auf, eine senegalesische Sängerin und Gitarristin – eine  Teuflin, die verführen will. Sie kennt Europa, sie kennt die westlichen Freiheiten, die es im Senegal so nicht gibt. Trotzdem will sie hier bleiben, in Dakar und versucht es den beiden zu erklären: es sei was Körperliches, das es in Europa so nicht gäbe.

Ja, Cate und Melissa sind in Dakar, eigentlich auf der Durchreise weiter in den Süden, auf der Spur des alten Onkels. Und tatsächlich im letzten Kapitel haben sie ihn gefunden – im letzten Kapitel, was schon geschrieben wurde

Das Leben dem Roman anpassen: zweitausend Kilometer bin ich hin nach Amalfi gefahren, saß auf einem Berg in Pontone, um weiter am Roman zu schreiben. Zweitausend Kilometer fuhr ich wieder nach Hamburg zurück, weil die Einsamkeit mich dort erdrückte. Mit dem Schreiben bin ich zugleich auf der Suche nach einem geeigneten Platz auf der Welt, den ich nicht gefunden habe. Der geeignete Platz ist die Fiktion, ist der Roman selbst. Eine Welt erfinden, die es noch nicht gibt – eine in der ich mich wohlfühle und machen kann was ich will, eine, die mich vom Alltag entfernt. Wenn das Schreiben still steht, stehe ich gleichfalls bewegungslos vor einem Abgrund, bin ich dem Alltag  ausgeliefert. Also: es gibt kein zurück – ich werde von meiner Reise – und auch der von Melissa und Cate – weiter berichten.

„Wo man liebt, wird es niemals Nacht“ (afrikanische Weisheit)

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St.Pauli – Gedankenspiele …

Sonntag: der Himmel ist grau. Ich gehe hinaus. Stimmenrauschen, es sind die Rufe der Fußball-Fans aus dem St.Pauli Stadion. Kalt – meine Gedanken will ich zerstreuen, um sie irgendwo wieder zu finden. In der Talstrasse stehen drei Russen an der Häuserwand gelehnt, unter ihnen auf dem Boden – wie passend – eine halbvolle Wodka Flasche – in ihren zerknitterten Gesichtern liegt ein freundliches Lachen.

Jugendliche mit Pappbechern in den Händen, darauf ein weißer Schnabeldeckel, ziehen vorbei. Vorm Türken – Imbiss sitzen Menschen auf Holzbänken, trinken Tee, rauchen Zigaretten und ich frage mich, ist die Zeit linear, hat sie einen Anfang, hat sie ein Ende, oder ist sie nicht eher wie ein Nebel, der sich in all seiner Breite auf uns legt und uns, fast unbemerkt, in etwas Neues trägt.

Wenn Sonntage einen Geruch hätten, würden sie nach Fleischrouladen gefüllt mit einer fetten Speckschwarte, Salzkartoffel und dicker Soße riechen. Der Sonntag ist das Niemandsland zwischen gestern und morgen, die Leere in der man wartet, dass der Tag vorüber geht. Der Sonntag ist der Horrorausblick auf den Montag – wollte man flüchten, dem Alltag den Rücken kehren, den Ort der ewigen Wiederholung verlassen, müsste die Tat, ja dieses Attentat für ein neues Leben, an einem Sonntag geschehen. Ein leiser Abgang, unbemerkt; heraus aus der bedrückenden Besinnlichkeit, heraus aus den Katerstimmungen, den Sportereignissen, die ohne Ende über die Bildschirme flimmern. Vielleicht mag ich die Sonntage deshalb nicht, weil ausgerechnet an solch einem Tag die Flucht selten gelingt, weil ich nicht inmitten der feiertäglichen Nüchternheit das Auto vollpacke, den Zündschlüssel umdrehe und erst am Mittwoch eine Nachricht über meinen neuen Aufenthaltsort herausschicke. Vielleicht mag ich Sonntage nicht, weil ich gezwungen bin Teil des Sonntages zu sein.

Ein eiskalter Wind weht die Reeperbahn entlang, während ich zusammen mit anderen Leuten vor einer roten Ampel stehe. Als die Nutten von St. Pauli weniger wurden, das kleinkriminelle Milieu sich nach und nach auflöste, die Oben-Ohne-Bars verschwanden,n kamen die Touristen und suchten genau das, was es nicht mehr gab. Das Verruchte des Kietz ist längst verflogen, im Café Keese ist ein Fischrestaurant eingezogen. Vor dem Tor der Herbertstrasse, auf dem hingewiesen wird, dass Frauen und Jugendlichen der Zutritt verboten sei, stehen Mutti und Papi mit der Kamera in der Hand und machen Fotos.

Der ganze Dreck ist beiseite gekehrt, ein Touristenführer steht in einer Gruppe interessierter Menschen und erzählt Geschichten. St.Pauli ist zum Familienglück verkommen.

Alles unter Kontrolle: Schilder weisen darauf hin, dass der Kiez videoüberwacht wird und Schusswaffen verboten sind.

Angst schafft Ausnahmezustände und die Ausnahme wird zu Gewohnheit. Erst waren die Flughäfen besondere Sicherheitszonen, doch irgendwann brach der Damm und die Welle der Sicherheit ergoß sich über die Städte. Wir werden beobachtet, wir werden beschützt vor dem drohenden anderem, vor der unbekannten Psychologie eines eventuellen Massenmörders. Der Mensch als solches steht im Verdacht, die tickende Zeitbombe ist der Fremde.

St.Pauli trotz alledem – nicht vom Klima, aber vom Herzen her – ist der wärmste Punkt in dieser Stadt; die Strömung des kühlen Hanseatischen hat das Viertel noch nicht gänzlich erfasst, aber es ist schon von den Palästen des Geldadels umringt.

Meine Füsse frieren, ich gehe die Strasse weiter entlang; mächtig an der Ecke baut sich der „Silbersack“ vor mir auf, als wollte er der Modernen widerstehen. Andere Kneipen, wie die „Hasenschaukel“ sind längst verschwunden.

Ein Afrikaner, eingehüllt in einer Daunenjacke, darunter einem Kapuzenshirt fragt mich mit freundlichem Lächeln, ob ich etwas brauche; er will mir Drogen verkaufen, ich lehne dankend ab. Weiter setze ich meinen Weg fort.

Bei den ehemals besetzten Häusern der Hafenstrasse, erinnere ich mich daran, wie wir hinter Barrikaden standen, um uns der Staatsmacht, die die Häuser räumen wollten, entgegenzustellen. Es war ein Sonntag. Ein Fluchttag, ein Nicht-Deutscher-Tag, ein Nicht-Familientag – es war das Gefühl auf der Barrikade zwischen Gut und Schlecht, auf der richtigen Seite zu stehen. In einer Welt der ausufernden Ordnung, liegt das Paradies im Chaos, genauso wie im ständigen Chaos die Sehnsucht nach geordneten Zuständen ist. Schlecht und gut ist keine Ideologie, sondern eine Frage der Bekömmlichkeit. Gut ist demnach das, was den Körper nicht zersetzt, sondern ihn aufbaut. Die Grenzen zwischen gut und böse sind meist verschwindend, oftmals wird das Unerträgliche, Unbekömmliche in Kauf genommen, in der Hoffnung eines Tages was anderes, besseres zu bekommen. Ein farblich unkenntlicher Strom ist es, der meist das Gemüt durchzieht, Farbe wird erst wieder erkannt, wenn die Gewohnheit durchbrochen wird. Rebellion der Sinne: durch die Mauer des Immanenten wird ein Loch geschlagen, und ein sonniger Ausblick zum nächst Höheren geschaffen. Wie ein guter Fick, ein Moment des „Ahhh!“, indem ein Wohlgefühl entsteht und der denkende Körper zu dir spricht und sagt: das war richtig.

Die Barrikaden in der Hafenstrasse; eine Wende in der Geschichte, eine Freiheit, die sich erkämpft wurde, wo in einem kurzen Augenaufschlag das „ich“ zum „Wir“ wurde – wir uns, trotz aller Verschiedenheit, wie Schwestern und Brüder fühlten.

Ein Sioux Traum: wir mögen vielleicht untergehen, aber solange wir hoch auf unseren Rossen sitzen, solange wir es uns noch nicht in den uns vorgeschriebenen Reservaten bequem gemacht haben, werden wir die Sonnenstrahlen durch das Loch der Mauer erblicken. Komm Bruder, Schwester lasst uns weiter reiten und der Versuchung widerstehen, Wurzeln zu schlagen. Solange wir uns bewegen, werden die Architekten keine Macht über uns haben.

Über die Brücke, vorbei an dem abgebrannten „Pudel“-Club, führt die Treppe hinunter zum Fischmark. Ich überquere den Platz, gehe zum Geländer hin, will die Bewegung des Wasserstromes beobachten. Ein alter Mann neben mir pisst in die Elbe, ein älteres Ehepaar, händchenhaltend geht mit leerem Blick an mir vorüber.

Die größte Angst, so rede ich innerlich mit mir, hab ich vor der Vereinsamung in der Zweisamkeit, in einem Zustand abgebrannter Gefühle.

Zeit, wie Nebelschwaden, komme ich auf meine Gedanken zurück. Nicht Stunden, Tage, Jahre, sondern Nebel über Nebel, der sich übereinander legt, in der das andere, was gewesen war, sich auflöst und nicht mehr erkennbar ist. Die Hand, die ich in der vergangenen Epoche nicht berührte, wird in der neuen eine andere sein. Was nicht im gleichen Augenblick ergriffen wird, wird für immer verloren bleiben.

Vielleicht sterben wir gar nicht – wer auch schon kann es sagen – sondern ein dichter Nebel legt sich über uns, läutet was Neues ein, löst das Alte auf und trägt die Seelen sanft, mit oder ohne Schmerz, auf seinen Flügeln davon, irgendwo hin, zu einem unbekannten Ort. Der Tod, so sinniere ich für mich, wohnt niemals in mir, er kommt von Außen, so wie der Wind – in mir selbst, das spüre ich, bin ich so unendlich, wie Sterne am Himmel – oder ewig wie Pessoa, an den ich denke und der sagt: „Ich bin so groß, wie das was ich sehe.“

Hoppla! – da sehe ich mich im Spiegelbild der Glasfassade eines Hauses stehen. Meine Mütze ist tief über die Stirn gezogen. Ich ziehe Grimassen. Unerträglich kalt sind meine Füsse geworden und Hunger habe ich – verdammt – vielleicht sollte ich endlich Kaffee trinken gehen.

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Gefaltete Seele

Als ich erwachte, die Augen öffnete und das Licht durch mein Fenster erblickte, überkam mich ein eigenartiges, ichbezogenes Weltgefühl, eines, was manchmal Menschen zu sich empfinden, eben weil sie Menschen und in der Lage sind, ihr Dasein in verschiedene Richtungen zu denken. Der lichte Tag brach in jenem Moment herein, der zwischen Traum und Erwachen stand, jener also, wo man nicht so recht weiß, in welcher Realität man sich real befindet; in der des Taumelns oder der, der vermeintlichen Beständigkeit. Es dauerte nicht lange, da war die Traumwelt – diese schöne Braut – wie mit einem Schwamm von der Tafel des Bewusstseins gewischt und verloschen, und ich fand mich dort wieder, wo meine nächtliche Reise begann, in meinem Bett, mit dem Kopf auf einem zerknitterten Kissen.

Ich ordnete das Kissen, auf dem ich lag, bog es zurecht, sodass ich den Baum vor meinem Fenster erblickten konnte und sah, wie auf einem Ast sich eine Taube niederließ und mit flatternden, ungeschicktem Flügelaufschlag sich wieder entfernte. Verschwommen waren bis dato meine Sinne, noch nicht im Getriebe der Alltäglichkeiten eingepasst, frei noch und fern von beklemmenden Verpflichtungen, die Zeit irgendwie ausfüllen zu müssen.

Da brach die Idee, wie ein Fötus aus mir heraus, der Gedanke, dass das Morgenlicht, der Baum, die Äste und auch die Taube ein Teil von mir seien, dass, wenn ich nicht erwacht, diese Welt mit mir im Schlaf versunken geblieben wäre.

Wie könnte, so mutmaßte ich dreist, die Erde sich ohne mich weiterdrehen, wie das Blatt des Baumes auf dem die Taube saß, sich bewegen, das Licht durch mein Fenster scheinen? Sind denn nicht mein Atem, mein Herzschlag, das pulsierende Blut in meinen Adern an die Erde gebunden? Und der Kosmos, verstieg ich mich egomanisch weiter, ist er nicht auch für mich erschaffen worden. Der Stern, der am nächtlichen Himmel funkelt, hab ich ihn wohlmöglich selbst erfunden? Der Beweis, dass alles so ist, wie es ist, kann doch nur erbracht werden, wenn ich es bin, der ihn aufnehmen kann, wenn ich ihn verstehe. Wer schon könnte mir den Nachweis erbringen, dass alles Leben und Treiben, jede Melodie, jeder Herzschlag, jeder Glanz in den Augen, jede Welle, die sich in den Ozeanen erhebt, jede Katze, die auf die Mauer springt, jeder Laut und jede Stimme, die ich höre … fortbesteht, blieben an dem Morgen meine Augenlider verschlossen?

Vielleicht war dieses Gefühl, was mich an diesem Morgen beherrschte, banal, aber dennoch blieb ich regungslos im Bett liegen, um ja nichts von dieser Ungeheuerlichkeit zu abzuschütteln.

Ich könnte, so sinnierte ich, während ich ängstlich die Bettdecke hoch zu meinen Schultern zog, durchaus den Gedanken verfestigen, dass alles, was ich fühle, höre und sehe, einzig meiner Einbildung entsprungen sei. Vielleicht ist meine Phantasie derartig mächtig, diese Bilderwelt, in der ich lebe, mir vorzugaukeln. Vielleicht ist sie so gewaltig, mich Glück und Schmerz fühlen zu lassen. Vielleicht sind Feuer, Wasser, Menschen, Tiere und die verschiedenen Kontinente nur Fiktion und alleinig aus meiner Idee hervorgebracht. Wer schon könnte mir die Entkräftung erbringen, dass ich mich nicht im Traum befinde, dass wenn ich erneut erwachen würde, diese sogenannte Realität wie Nebelschwaden verschwinden würde. Könnte es nicht sein, dass mein formidabler Geist, mich von einer Welt zur nächsten treibt, dass das Reale die Fiktion ist und der Traum Wirklichkeit?

Mein Gott“, flüsterte ich in mich hinein, in welch einem großartigen Betrug wäre ich hineingeraten!

Stille. Kein Wind bewegte mehr die Blätter der Bäume, keinen Laut konnte ich mehr vernehmen. Wer nur, fragte ich mich, war es, der die Hände gen Himmel erhob, wer sprach das erste Gebet, um der Ungeheuerlichkeit des Gedankens, allein in dieser Welt zu sein, zu entkommen? Wer war der erste Mensch, der sich einen Gott erfand, um wieder festen Boden unter die Füsse zu bekommen? War ich es? Ich musste grinsen. Mein Bett wurde zum Raumschiff, mein Kopf ins Kissen gepresst, flog ich durch das Gestrüpp, durch die Blätter, mit den Vögeln hin zum Licht.

Aber die Liebe? Ja, die Liebe, so dachte ich: zeigt nicht ausgerechnet sie, dass ich nicht alleine bin? …

Es klingelte, ich erschrak, krachend landete das Raumschiff wieder dort, wo es gestartet war. Ich sprang aus dem Bett, zog mir was über, eilte den Korridor entlang und Schritt für Schritt, wie bei einem geöffneten Gefäß, verlor sich das Gefühl, was ich zuvor noch auf dem Kopfkissen hatte. Ich öffnete die Tür und da stand sie vor mir, ihr blondes Haar war aufgewühlt, wahrscheinlich vom Wind. Sie blickte und lächelte mich an, sagte etwas, ich erinnere nur ihre Stimme. Ich bin nicht sie und sie ist nicht ich, schwer zu glauben, meine Phantasie hätte sie erfunden. Ihre Arme umklammerten meine Schulter, ihre Lippen drückten sich auf meinen Mund. Traum oder Wirklichkeit, ich weiß es nicht – das eine so richtig wie das andere. In den Falten der Seele liegt schlummernd und im Dunkeln die Erkenntnis, sie ist unendlich, genauso wie es die Falten sind. Wenn man sich entfalten will, muss man sich nur immer hin zum Himmel strecken.

gefalteteSeele-mazoni

I HAVE NO HOME …

„…Home? I have no home. Hunted, despised, living like an animal! The jungle is my home. But I will show the world that I can be its master! I will perfect my own race of people. A race of atomic supermen which will conquer the world!“ (Bela Lugosi)

Die Rache der Gartenzwerge …

Zäh pochen freudig in Fett getränkte Herzen, ängstlich trauen sie sich durch einen kleinen Spalt ihrer Türen hinaus, in dem Glauben, sie hätten was gewonnen. Gruseliges Zahnarztlächeln tritt vor die Kameras, um einzig die Botschaft zu verkünden: keine Umarmungen mehr, lieber doch abweisende Hände. Schwächlinge haben sich zusammengerauft, bissig sind sie nur, wie feige Hunde, wenn sie in der Meute sind, grenzen ab ihr Revier, ächzen schmallippig kalte Worte heraus, die da lauten: traue keinem Fremden. Doch was jetzt so lautstark erscheint, der grölende Lärm ausdrucksloser Gesichter, das ist das Klappern von Gerippen, das sind Missklänge, vermischt mit verwesendem Mundgeruch der Vergangenheit.

Noch mögen sie bleiern im Schlamm ihrer dunklen inneren Haltung waten, noch die Sonne verdunkeln, aber bald werden die nachfolgenden Generationen sie verachten und verlachen, denn die Welt wird bunt und zusammenwachsen.

Ach, ihr herzverschlossenen Gartenzwerge, ihr seid mir so ferne, nahe sind mir gerade jetzt die Fremden, die wagemutig durch Wirbelstürme und mörderischer See, versuchen ein Licht der Freiheit zu finden. Seelenverwandt fühle ich mich den Starken, jenen, die über Zäune springen und nicht denen, die neue errichten.

surrea-mazoni

Paradise Is Here …

Heute, am „Tag der Erde“, da erinnere ich mich, als ich auf einer Terrasse einer Villa auf Procida saß, auf das Meer und in den Himmel blickte und dies hier niederschrieb. Es sollte ein Satz ohne Punkt werden, man sollte beim Lesen nur noch ausatmen können; es sollte keinen Anfang und kein Ende geben – ein ewiges Stottern und Stöhnen werden. Ich war verliebt: 

Die lebendige Sonne scheint in vollen Zügen auf mich herab, ich schaue auf das Meer, wie spiegelglatt es vor mir liegt und sehe wie die Strahlen sich darin bewegen, wie das Blau des Himmels eintaucht in das Türkisblau der See, sehe die Wellen an den Ufern sich brechen, erblicke gegenüber von mir die Insel Capri liegen, umhüllt von einem leichten weißen Schleier, als habe sie sich als Braut zurechtgemacht, als erwarte sie sehnsüchtige Erfüllung, als wollte sie sich solange in Unschuld kleiden, sich bedecken, bis meine Gedanken Engelsflügel bekämen, um sie zu erreichen und den Schleier zu durchbrechen, jedoch tastet mein Blick noch weiter die Landschaft ab, und aus dem Toilettenfenster – wer kann das schon – könnte ich beim Scheißen den sich drohend aufbäumenden Vesuv erblicken, einem Vulkan, ähnlich einem Venushügel, mit einer faszinierenden Kraft; in ihm tobt und brodelt ein Lavasee von der Größe einer Stadt und ist jederzeit zum Unheil verkündenden Ausbruch bereit – ja, das alles kann ich sehen aus dieser alten Villa, in der ich wohne, gebaut auf einem hohen Hügel, hin zum Meer und ich wohne in jenem Zimmer, in dem einst Bourbonenherrscher schliefen, jede Ecke dieses Hauses hat eine Geschichte zu erzählen, wo auf einem dieser Kachelböden ein Mosaik von Dionysos, es ist ein Kindheitsbild, dem alten griechischen Gott der Freude, des Weines und der Ekstase, als Mosaik auf dem Fußboden gelegt wurde und bezeugt, wie nahe man doch dem Griechischen hier ist, wie nahe dem Leben, einem Leben, das übervoll selbst zur Eruption bereit ist und wie Stolz man doch auf diese wesenhafte Tradition hier ist, und ich fühle mich jetzt selbst, gesetzt in diese Umgebung, wie ein König, nein besser noch wie ein Gott, ein Gott meiner selbst, ein Gott, der nur über mich herrscht und nur über mich steht, hier, wo das Meer blauer als nirgendwo ist, hier, wo ich näher am Himmel bin, näher noch als in der Ägäis, näher als ein Astronaut in seinem Raumschiff, und während ich dies erdenke und erfühle, währenddessen mein Herz höher schlägt, während ich fast regungslos da sitze und eine Flut meine Sinne durchspült, ist die Zeit vergangen und der Abendhimmel hat sich in einem blauroten Kleid der Dämmerung zurechtgemacht, mit einer Mondsichel sich für mich geschmückt – mein Himmel wie schön du doch bist – und ein kleines Boot, durchquert in diesem Moment das Meer, kleine Wellen hinter sich herziehend und bildet eine perfekte Ouvertüre zwischen mir, dem ruhigen Meer, dem Himmel und dem gegenüber liegenden Land, auf dem nun Lichter angehen, die wie kleine Kerzen wirken, als wären sie angezündet worden, um ein Fest einzuläuten, als würde die Welt gleich einen Tanz beginnen und ich frage mich, hab ich etwa Drogen genommen, alles erscheint so unwirklich und doch zum Greifen nahe, was jetzt noch fehlte in dieser kitschig schönen Kulisse, ist vielleicht ein Coca-Cola-Gott oder ein Lied, das über allem schwebt, ein Lied, das aus dem endlosen Meer sich erhebt, übergreift auf Himmel und Land und mehrstimmig ein Konzert anschlägt, indem auch ich meine Stimme erheben werde und wir, Land, Himmel, Meer du und ich – ja wir, die wir alle verschieden, eigenständig, unabhängig sind, ein Erd -Choral anstimmen, das Erdenlied singen, wo im Tanze wir uns solange drehen, bis jeder lästige Gedanke von uns gewichen ist und alles was dann noch fehlen würde, in dieser Ungeheuerlichkeit, wäre der Satz, der niemals endet, wäre der Satz, der in einem Atemzug sagen kann, was ich will, der Satz ohne Punkt und ohne Endung, der Satz, der sagen will, ich liebe dich, du Welt – Schmerz ist in mir entstanden.

Gespeist meinen Körper, meine Sinne mit den Bildern aus diesen späten Oktobertagen, am Abhang zum Meer, auf wackeligem Boden, hier, wo furchteinflößende Ikonenbilder von den Wänden blutüberströmt dich begrüßen, wo Traum und Alptraum dicht beieinander liegen, wo Freudentaumel und Desaster sich die Hände geben, wo Frieden sich mit Chaos kleidet, hier, wo ein Ende scheinbar unbeweisbar ist, so als wollte man gar nicht wissen, wann etwas zum Abschluss gerät, als wollte man gar nicht hören, wann und ob die Schöpfung sich vollendet und wie die Zukunft sich gestaltet, erigieren mit einem Male meine Gedanken, als wollten sie Leben einfangen, und eine Erkenntnis – schrecklich, aber dennoch schön – durchfährt blitzartig meine Sinne: WIR SIND IM PARADIES!

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Pfad der Entscheidung …

Carlos Castaneda lässt seinem Don Juan sagen, dass man besser mit leeren Händen einen Weg entlang gehen sollte. Auch sollte man dabei die Finger spreizen, um den dazwischen fließenden Windzug zu spüren.

So, wie Don Juan es empfiehlt, mache ich es öfters. Es kann ja nichts schaden. Niemand wird meine komische Fingerhaltung bemerken und so kann ich unbemerkt mir erdenken, wie Energie mich dabei durchdringt. Ich mache es nicht, weil ich davon felsenfest überzeugt bin, ich bin überhaupt kein Castaneda – Jünger. Ich mache es einfach nur, weil ich mich dann der Figur Don Juans nahe fühle und in der Phantasie mit ihm durch mexikanische Wälder streife, auf geheimnisvollen Pfaden wandere und selbst ein Stück dieser Romanfigur dabei werde.

Es ist der 11. April. Zum 10. April hatte ich mir vorgenommen eine Entscheidung zu fällen. Entscheidungen sind Gefängnisse – Nichtentscheidungen aber auch – und so ging ich spazieren in der Hoffnung die Gitterstäbe der Entschlüsse ein wenig auseinander biegen zu können.

Die Sonne schien – das ist die Bedingung, damit sich irgendetwas in meinem Gefühl regen und vielleicht nach oben, in den Verstand, dem Zentrum der Entscheidung, dringen kann. Genaugenommen finden Entscheidungen im Solarplexus statt, dort entsteht ein spezieller Affekt, der mir kundtut, ob etwas richtig oder falsch ist. Logik ist kein guter Ratgeber, Vor – und Nachteile abzuwägen, heißt meist, sich gar nicht mehr zu bewegen. Ich mag lieber die Brüche; sie sind wie innere Revolten, sind wie Segel setzen durch stürmische Gefilden und hin zu einer neuen Morgensonne.

Gestern fragte mich ein Freund, was Glück bedeute und ich überlegte, ob es vielleicht eine Form von Verengung und Ausdehnung sei, vergleichbar mit der Bewegung des Herzens, der Lunge, der Pupille des Auges oder des Universums: alles zieht sich unerträglich zusammen und weitet sich aus. Unerträglich ist es die Luft in seinem aufgeblähten Brustkorb anzuhalten, genauso wie es unerträglich ist, in sich zusammengezogen, gar nicht mehr zu atmen. Es könnte sein, so meinte ich, dass das Glück sich verhielte wie der Blitz bei Heraklit: er kommt plötzlich vom Himmel geschossen, erhellt voller Schrecken das Firmament und lässt anschließend alles wieder im Dunkeln zurück. Weder die Helligkeit, noch die Dunkelheit, so mutmaßte ich, sei Glück, sondern es sitzt dazwischen, tritt nur in einem kurzen Moment auf und ist schnell wieder verschwunden. Es ist wie ein Parfum, das verfliegt, wie ein Geruch der Erinnerung, nach dem man strebt.

Ich setzte mich nieder auf die Bank, auf der ich mit ihr einmal saß, schaue hier oben von dem Hügel auf den sich bewegenden Fluss. Er fließt und fließt und mit jedem Moment ändern sich auch die Gesichter, die vor ihm stehen und ihn betrachten.

Wieso, so dachte ich, als ich hinunter zum Elbstrand ging und die kleinen Wellen, hervorgerufen durch die Fahrt eines Schiffes, sich am Ufer brechen sah – wieso hatte das Publikum Beifall geklatscht als ein achtzigjähriger Talk-Show-Gast verkündete, er sei seit sechzig Jahren mit der gleichen Frau verheiratet? Entnahmen die Beifallspender daraus eine Form des Glücks?

Welle für Welle betrachtete ich, Sehnsucht nach einem weiten, tosenden Meer kam in mir auf und ich fühlte, wie angenehm mich Unzufriedenheit durchströmte. Wie oft stand ich hier schon, gegenüber einem Wald voller Kräne und versuchte mit der Hilfe von Himmel, Sonne und Wasser irgendwelche Probleme zu lösen. Probleme, so las ich bei Bergson, seien Dinge an denen man sich entwickle – stelle man das Problem richtig, beinhalte es bereits die Lösung. Also ging ich weiter, man kann wahrscheinlich nichts anderes tun, als gehen und gehen, bis sich endlich etwas löst und in einem Aha-Effekt aufbricht. Ja, ich glaube fest an die Bewegung, früher nahm ich mir sogar einmal vor, solange die Elbe entlangzugehen, bis mir eine zündende Idee komme. Ich tat es dennoch nicht.

Sechzig Jahre verheiratet! Das werde ich nicht mehr schaffen. Nicht schaffen werde ich es, mit meiner Geliebten, wir beide aus dem Frühling kommend, gebrechlich und hinkend, im Winter unserer Gefühle, mit einer Plastikeinkaufstüte in der Hand, nebeneinander herzugehen. Nicht schaffen werde ich es, dass wir uns solange die Hände reichen, bis uns der Sabber aus dem Mund fließt, bis all unsere Leidenschaft sich einfriert in Alltäglichkeit und das Schwert der Emotionen stumpf geworden ist.

Liebe ist doch nur ewig, solange noch Wind in die Segel weht und jede Begegnung ein Rendezvous ergibt. Warum also klatschte das Publikum? Weil es allein das stoische Verharren miteinander als selig machende Form empfand? Unweigerlich musste ich an Sartre und Simone de Beauvoir denken, sie waren in ihrem Zusammensein getrennt – sie waren ein Paar, zweier sich eigenständig bewegender Menschen.

Ein kalter Wind blies mir in den Rücken, die Sonne hatte sich hinter einer Wolke versteckt, mein Haar geriet mir durcheinander, fiel mir von hinten ins Gesicht. Ich lief schneller, die Kälte wurde mir unangenehm und ich bog ab vom Strand hin zu einem windgeschützten Gehweg. Ich hörte mal, Erfrieren sei kein so schrecklicher Tod, man würde einfach einschlafen und nicht wieder aufwachen. Furchtbar. Müsste ich mir mal ein Ende bereiten, ich wollte lieber, so wie ein griechischer Philosoph, vom Kraterrand des Ätna in die Glut der Lava springen und dort verpuffen und als Wolke in den Himmel steigen. Cioran, der Todesphilosoph, meinte, man müsse sein Leben zu einem Zeitpunkt beenden, solange man noch die Handlungsfreiheit darüber hat. Er starb, welch eine Katastrophe, schließlich umnachtet in einem Altersheim. Es gibt keinen richten oder falschen Weg, jede Weisheit ist eine Illusion. Das Glück ist schwer zu erfassen, es ist der kleine Moment, der sich zwischen Blitz und Dunkelheit erzeugt.

Der Wind wurde weniger, ich strich meine Haare wieder nach hinten. Entlang ging ich den Weg zwischen den alten Kapitänshäusern, sah bunte Blumen in den Gärten, sah wie das Grün aus den Zweigen brach. Die dunkle Wolke am Himmel zog weiter und Sonnenstrahlen beschienen mein Gesicht. Wo sind all jene geblieben, mit denen ich einst hier entlang gegangen bin? Wo ist die behinderte Frau geblieben, die ich mit ihren Stöcken und schnellen Schritten damals öfters sah, wenn ich mit dem Fahrrad, jonglierend zwischen all den Menschen, hier entlangfuhr? Sie war immer alleine und soviel Freude stand in ihrem Gesicht. Wo sind all die Wörter geblieben, die ich hier in die Gegend warf? Selbst die Orte bewegen sich, sind nicht mehr die gleichen, die man mal verlassen hatte. Auch sie atmen irgendwie ein und aus, dehnen und ziehen sich zusammen, verändern sich bis zur Unkenntlichkeit.

Auf einem Gartenbeet sprossen bunte Tulpen und als ich um die Ecke bog, passierte es: Eine schwarz-weiß gemusterte Katze, streckte ihren Kopf zwischen Gitterstäben, ich beugte mich zu ihr hinunter. Ein Flohhalsband trug sie und sie quetschte sich elegant durch die Stäbe, kam zu mir hin. Ich streichelte sie, sie schnurrte, ein warmer Strom durchzog mein Gemüt. Und als die Katze in der Türöffnung eines Hauses verschwand, da wusste ich plötzlich, was ich zu tun hatte: Die Entscheidung brach aus mir heraus, als ich mit meinen Fingern das Katzenfell berührte.

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Werner ist tot

Ich stelle die roten Rosen in das Glas, aus dem er trank, davor lege ich das Bild mit seinem Gesicht. Eine weiße Kerze steht daneben – sie brennt nicht.

Werner ist tot! – Die Zeit ist so lang, wie ein Moment.

Morgens, wenn ich aufstand ins Badezimmer oder zur Toilette ging, war er schon wach, seine Tür stand offen, graues Tageslicht beschien den dunklen Flur und wir grüßten uns. Meist war sein Notebook aufgeklappt, auf das er, Zigaretten rauchend, blickte. Öfters fragte ich ihn, ob er auch ein Kaffee von mir wolle – doch ich war zu spät, er wollte lieber Filterkaffee, den sein Mitbewohner in aller Frühe kochte. Der Filterkaffee war ein Verbindungsglied zwischen ihm und Ra., meinem anderen Mitbewohner.

Werner ist tot – mir blieb kaum Zeit ihn näher kennenzulernen. Seit November wohne ich hier. Werner war schon vorher krank, aber, so hörte ich, es stand mit ihm schon einmal schlimmer. Wi., die Freundin von Ra., sagte mal, Werner sei unverwüstlich.

Ende April soll seine Asche in einer Urne, die sich im Laufe der Zeit auflösen wird, in die Erde gelassen werden.

Wohin ist sein Lächeln gegangen, welches ich auf dem Foto vor mir sehe?

Ich fragte meinen Mitbewohner, was er glaubt, wohin die Seelen gehen würden, ob sie irgendwo blieben und uns eventuell beobachten. Er sei Marxist, unbeantwortete er mir meine Frage; die Fragestellung allein sei ihm schon zu esoterisch. Er setzte noch hinterher, nachdem er einen Schluck vom Rotkäppchen Wein genommen hatte, dass Werner auch unreligiös gewesen sei. Aber, konterte ich grinsend, meine Frage sei durchaus materialistisch und von daher auch marxistisch gewesen. Eine Seele, oder was es auch immer sei, müsse doch Bedingung für ein Leben sein. Nichts Lebendiges könne ohne einen speziellen Lebenswillen existieren. Wo also, wollte ich von ihm wissen, bliebe dieses mysteriöse Unbekannte, es könne doch nicht einfach verschwinden. Er sagte mir, es wäre ihm höchst unangenehm, wenn Werners Seele ihn, wohlmöglich bei Intimitäten, unerkannt beobachten würde. Ich gab ihm recht, solch eine Vorstellung wäre mir auch unheimlich.

Werner ist tot. Wie lange dauert das Leben einer Eintagsfliege? Ich meine, wie lange ist eine Eintagsfliegenzeit? Ist eine Sekunde ein Fliegentag, ein Fliegenflügelaufschlag wie eine Fliegenewigkeit?

Ist unsere Lebenszeit ein Wimpernschlag im Auge des Universums?

Es begann alles im grauen Hamburger Winter, als der Regen kein Ende nahm. Werner bekam Husten, erst war er leicht, dann wurde so stark, dass wir aufmerksam wurden. Ich hatte auch Husten – wir unterhielten uns darüber – meiner ging zurück, seiner hingegen bohrte sich tief in seinen Körper. Ich machte Obstsalat, füllte ihm eine Schüssel voll, in der absurden Hoffnung, einige Vitamine könnten vielleicht das Problem in den Griff bekommen. Sein Husten wurde stärker, breitete sich aus – später hörten wir die Diagnose; es wurde eine Lungenentzündung daraus. Dann ging alles ziemlich schnell, er lag regungslos auf seinem Bett, ein Notarztwagen schaffte ihn ins Krankenhaus, wo er, weil mittlerweile auch andere Organe ausfielen, ins künstliche Koma versetzt wurde. Künstlich ernährt, an einem Maschinenpark angeschlossen und ohne Bewusstsein – das waren seine letzten Tage.

Werner starb in jenem Moment, als Wi. sich neben seinem abgemagerten Körper ins Bett legte, ihn streichelte und ihm die Wangen küsste – er starb, als sie zu ihm sprach, er dürfe jetzt loslassen und gehen. Mit welchen Ohren hatte er ihre Stimme vernommen? Es musste ein anderes Bewusstsein gewesen sein, als das, was wir kennen, mit dem er für sich entschied, diese Welt als Werner endgültig zu verlassen.

Werner ist tot, wie fürchterlich das klingt – vielleicht wird er wiederkommen, als jemand anders, vielleicht in einem anderen Körper und ohne die Erinnerung, dass er einmal Werner war. Vielleicht wird er irgendwann wiederkommen und seine Geliebte, die ihn verlassen hatte, wieder treffen und beide werden nicht wissen, warum sie nun unzertrennlich sind, nicht wissen, dass der Ursprung dafür sich im Werner-Zeitalter befand. Vielleicht sind all unsere Seelen, die wir nicht kennen, aber Bedingung dafür sind, dass wir leben – vielleicht sind sie ewiger, unendlicher als unsere Körper, vielleicht verhalten sie sich genauso wie das Universum.

Werner ist tot. Und als er starb, klarte sich ungerechter Weise, nach all der langen Zeit seines Hustens, der Himmel wieder auf. Die Sonne beschien die Stadt mit gesunden Strahlen und das Grün und neues Leben brach aus den Zweigen. Die Menschen trauten sich aus ihren Wohnungen und Lächeln und Sonnenbrillen waren mit einem Male in ihren Gesichtern zu sehen. Rosen habe ich neben seinem Bild gestellt, ein Stück Sonne, die ihm fehlte. Im Regal steht die Tüte H-Milch, die er mir einmal gab, ich schaue auf das Haltbarkeitsdatum – es hat ihn überlebt.

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Stolperstein der Vergegenwärtigung

Stell dir vor, die Berge wären nur Täler und der Strand ohne Meer.

Stell dir vor, die gleiche, dich streichelnde Welle, käme immer wieder.

Stell dir vor es gäbe nur Lebende und keine Toten,

keine Vulkane, die Unheil bringen und keine Gewitter mehr.

Und was wäre alles ohne den verhassten Regen,

was, keine dunkle Wolke mehr würde das Sonnenlicht trüben?

Wie könnte ich noch stürmisch deinen Mund küssen,

wäre er mir nicht entzückend divergent?

Wie noch lieben, wäre in der Liebe kein Geheimnis gegenwärtig?

Eine Landschaft aus gleichem Guss; es wäre fürchterlich.

Ist nicht auch die Trauer des Glückes Mutter?

Wie könnte heiteres Lachen die Lippen umspülen,

gäbe es nicht aus Schmerz geborene Tränen?

Wie könnte ich existieren ohne das Fremde neben mir –

bin ich mir doch selbst ein Immigrant.

Archäologen sind wir, in einer unbekannten Welt,

Stein für Stein tragen wir zusammen, was unsere Hoffnung nährt.

Asyl ist uns gegeben auf dem Raumschiff „Terra“,

suchend nach Halt im Dickicht eines betrunkenen Zauberwaldes.

Terror …

Terror ist Alltag geworden, selbst dann wenn es keinen Terror gibt. Es ist wie im Film „Brazil“, eigentlich weiß man nicht so recht, warum es Terroristen gibt. Sie sind einfach da, religiös hypnotisiert, nicht ansprechbar, nicht umkehrbar – sie sind weder Revolutionäre noch Rebellen, eher wie ein Virus, der die Welt befällt.
Bomben gehen hoch, Menschen schreien, laufen weg, Präsidenten und Minister halten Reden des Bedauerns, versprechen noch mehr Waffen, noch mehr Polizisten, noch mehr Überwachung. Danach wird der Mist weggeräumt, Angst bleibt zurück, aber der Einkauf geht weiter, die Regale sind gefüllt, die Wirtschaft, so ist zu lesen, befindet sich in bester Frühjahrsstimmung – ähnlich wie in „Brazil“.
Terror ist Alltag, längst sind die Zeiten passé, in denen man sich noch gestört fühlte, an Sicherheitspersonal vorbeigehen zu müssen – heute ist die Kontrolle überall präsent, akzeptiert, man wird betatscht, durchröntgt, Individualität ist abgeschafft und selbst der Vermieter, wenn auch anderen Gründen, will wissen wie du dich verhältst. Spuren werden zusammengetragen, Daten gesammelt, Telefone überwacht – zurück bleibt ein devoter, gläserner Mensch.
„Brazil“: Zur Hinrichtung schon bereit gemacht, flüchtet sich Sam Lowry, der Antiheld, in einen Traum einer besseren Welt. Und noch ehe die Henker ihm den Todesstoß versetzten können, stellen sie entsetzt fest: „Er ist uns entkommen.“
Welch ein schönes Ende!

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Rebel Yell …

Sie sitzt am Fenster, das Licht der Morgensonne bescheint ihr Gesicht und dringt durch ihr durchwühltes, blondes Haar.

Weißt du …“, sagt sie zwischen ihren vollen Lippen, ich schaue sie an, aber ihr Blick ist hinausgerichtet, vielleicht hin zum Baum, der gegenüber vom Fenster im Hinterhof steht, vielleicht aber auch gen Himmel – ich kann es nicht erkennen.

Sie werden Rebellen genannt, aber das sind sie nicht“, setzt sie fort und ich lausche gespannt was kommen wird. Ihr weißes Hemd, das über ihre Knie gezogen ist, hängt zart über ihre Schultern, läßt die Arme frei. Ihre entblößten Füsse, mit ihren brüchig, rot lackierten Zehnnägeln, sind auf der Fensterbank abgestützt.

RE-BELL-ION“, sagt – nein singt sie fast schon, lässt genüsslich lang das Wort über ihre Zunge gleiten. Schlafsand entdecke ich in ihren Augen – und sie dreht ihren Kopf wieder hin zum Licht, als solle es, während sie denkt, ihr Gesicht wärmen.

Die Rebellen sind Poeten des Lebens und sie erheben sich, weil die Ketten, die sie zu brechen versuchen sich ständig verändern. Sie müssen die Herzschläge fühlen können, sie müssen wissen, wie der Vogel fliegt, fühlen, wie die Kelche der Blumen sich öffnen, hören wie die Knospen der Blätter an den Bäumen sich öffnen. Rebellen tragen ewig die Kindheitstage in sich und haben die Tränen des Schmerzes und der Freude in ihre Herzen geschlossen. Nächtens stehen sie still am Meeresrand, beobachten, wie Sterne in ihrem Schein sich widerspiegeln, lauschen dem Lied des Rauschens, sehen wie die Wellen sich brechen, sich zurück ziehen und wieder vergehen – nie ist eine Welle dieselbe, genauso wenig wie der Mensch es ist.

Die Rebellin …“, sie sagt tatsächlich ‚Rebellin‘, als will sie damit das Weibliche, oder einfach nur sich selbst unterstreichen, und wendet ihren Blick ab vom Fenster, hin zu mir.

… erinnert sich an die Nächte der Liebe, an jene, in denen überschäumende Lebenskräfte, begrenzende Dämme lustvoll durchbrechen.“

Eine Kunstpause wirft sie ein, ich will ihre Gedanken nicht unterbrechen. Freudige Nachdenklichkeit hat sich über ihr Antlitz gelegt. Gespannt lausche ich ihren Gedanken, die sie mir, trotz Heiserkeit des Klanges, mit engelsgleicher Stimme offeriert. Meine Augen sind auf sie gerichtet, hypnotisiert schaue ich auf die Bewegung ihrer Lippen und den Glanz ihrer Augen, die ebenfalls zu mir reden. Ihre Worte zusammen mit ihrer Erscheinung, wirft sie aus, wie Fischernetze, die ihre Wirkung bei mir nicht verfehlen. Und so denke ich, in diesem bewegenden Moment, dass nicht nur entscheiden ist, was gesprochen wird, sondern auch, wer da spricht, dass die gleichen Worte, weniger wahr sein können, kämen sie von einem anderen.

Wir Rebellen …“, sagt sie, erhebt sich von der Fensterbank, betritt mit ihren nackten Füssen das Holz des Bodens des Raumes, indem wir beide, wie in einem Raumschiff und über die Dinge schwebend, zusammen sind. Ich zünde mir eine Zigarette an, Stolz und Freude erfüllt mich, dass mit dem ‚wir Rebellen‘, sie mich scheinbar mit einbezieht.

Auf mich zukommend, lächelt sie mich an – unter ihrem weißen Hemd, das ihr knapp über ihre Knie reicht, sehe ich ihre Brüste sich bewegen – und nimmt mir die glühende Zigarette aus der Hand, zieht daran und geht damit, eine Rauchwolke hinter sich herziehend, den den Raum entlang.

Wir Rebellen, bevor wir etwas auf unsere Fahnen schreiben, bevor wir zur Schlacht aufrufen, sollten all die Sinne der Welt – und nicht nur die, sondern auch noch all der Sterne und all der anderen Galaxien – in uns empfinden können … mehr als nur das Unrecht herauszuschreien, mehr als nur die Finsternis wie einen Dauerregen niederprasseln zu lassen, sollten wir Licht in die Dinge bringen.“

Aber …“, unterbreche ich hüstelnd ihren Gedankenfluss – ein Kloß hat sich irgendwie in meinen Rachen gelegt, „… wenn das Unrecht nicht benannt wird, wie sollten wir es dann abschaffen können?“

Niederbrennen!“, erwidert sie kurz und knapp, zieht erneut an der Zigarette bläst den Rauch in meine Richtung und drückt sie anschließend , neben mir im Aschenbecher aus.

Niederbrennen?“, frage ich erstaunt zurück.

Ja, richtig“, sagt sie, ihr Tonfall klingt euphorisch. „Wenn wir alle Ströme der Sinnlichkeit aufnehmen, wenn wir mit all unseren Organen, mit all unserem Körper es einatmen … dann, ja dann genügt es nicht allein, es muss in unsere Blutbahnen dringen und unsere Herzen entflammen:“

Aufgebracht läuft sie im Raum umher, so als sei sie schon selbst von ihrem erschaffenen Rebellenblut infiziert, als poche es sehnsuchtsvoll in ihren Adern.

Ich bin nicht nur Wunde, ich bin auch das Messer!“, ruft sie, als stünde sie auf einer Barrikade, händehebend aus. Mir ist, als habe ich den Spruch schon einmal in einem anderen Zusammenhang gehört. Kleinlaut und Respekt vor ihrer Begeisterung zollend, gebe ich zu bedenken, dass das, was sie gerade auf ihre Fahnen schreibt, ein Traum sei, wenn auch ein schöner, aber in der Realität nicht Stand halten könne.

Ich will es aber!“ erwidert sie trotzig, setzt sich auf meinen Schoß und legt einen Arm um meinen Nacken.

Versprichst du mir, dass wir mit den Flammen unserer Herzen, Licht in die Welt bringen werden?“, sagt sie mit sanfter Stimme zu mir, so als könnte ich, alleine mit ihr, die Welt von ihren Ketten befreien.

Ich verspreche es dir. Ich verspreche es dir aus meinem schon glühenden Herzen.“

Das ist schön“, erwidert sie auf meine fast schon unbewusst herausgebrachten Worten. Und während sie ihre Lippen zart auf die meinigen legt, sagt sie, sodass ihr Atem in mir dringt: „Dann sind wir Rebellen, abgemacht?“

Abgemacht!“, hauche ich zurück, in vollster Überzeugung, dass von nun an unser Licht all die Finsternis durchbrechen und unser Traum stärker als alles andere sein wird.

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Kalte Macht …

Die tiefdunkle Nacht durch das das bleiche Licht des Mondes sich bricht – davor fürchte ich mich nicht. Zwischen Vulkanen auf bebenden Boden, im Orchester von Blitz und Donner zu stehen – da finde ich Halt. In der Unendlichkeit all der Sterne verloren und so groß und so klein zu sein, was ich sehe – das entzündet meinen Geist. Der Tod, der auf meiner Schulter hockt, wartend auf seine goldene Stunde – darüber lache ich noch. Die Liebe, die das Herz zerreißt, schmerzlich in die Seele beißt – das ist Feuer, an dem ich mich wärme.

Doch wie groß ist das Leid, wenn es verschwindet, wie bitterlich, wenn es keine Träne mehr zu trinken gibt. Das tödlichste aller Monster, das ist der innere Winter, der mit frostigen Fingern eingreift in das Gemüt. Grau ist die Decke der Monotonie, die sich über das Feuer legt, furchterregend leer ist das Werk, was ihre Betriebsamkeit erschafft – sie ist ein endloser, langsamer Regen, der alle Sinnesfarben erbleicht. Wie ein Bergmassiv aus nassem Asphalt legt sie sich schwer auf die Brust, lässt leuchtende Blütenköpfe krank und verwelkt zurück. Fahl macht sie das Licht des Himmels, zugenäht hat sie seinen Mund, verstummt seine feurige Sprache, die einst mit vollen Lippen deinen Namen rief. Phantasielos glättet sie die Ebene – sie die Monotonie – entreißt der Welt ihren Zauber, stürzt sie in Agonie.

Wie viel Sommer muss man in sich tragen, wie viel Feuer entfachen – wie scharf muss das Schwert im Herzen sein, ihre kalte Macht zu besiegen. Stolz muss die Brust füllen, um mutig in ihre hässliche Fratze zu grinsen. Laut und überzeugt muss das Wort erklingen um die Macht der Leere zu bezwingen, sonnig das Wort, das die Nebelwand durchbricht: „Leidenschaft“! Gib mir die Wunde zurück, durch die ich die Welt atmen kann.

dunkle_machtBild: Michal Mozolewski

Flucht ist alle Hoffnung …

Monatelanger grauer Himmel, Pfützen liegen auf dem Boden, Nieselregen, kahl die Bäume, wie abgestorben, Regenschirme, Autos halten, Scheibenwischer, dicke Jacken, ernste Gesichter. Doch die Ordnung geht weiter, so als sei es normal, werden in dicken Neopren-Jacken Einkauftüten in schrillen, bunten Farben in schützende Häuser getragen.

Nach mehreren Alpträumen schrecke ich hoch, mein Körper ist mit Schweiß bedeckt, feucht das Laken und die Decke, eile ich zur Toilette. Zum Glück, ich bin allein und blass wie vom Mond beschien, betrachtet mich grimmig, mit zerzausten Haaren eine Fratze, ich schrecke zusammen; es ist mein Spiegelbild. Eine Grippewelle hat mich erfasst. Fröstelnd, hustend und zitternd, noch vor dem Beckenrand stehend, wird mir neblig bewusst, dass dies hier der falsche Ort für mich sein muss. Zurück wankend und mich ins Alptraumbett legend, reden fiebrig die Gedanken mit tausenden Stimmen, reden wirr und durcheinander lassen mich nicht zur Ruhe kommen. Wartend auf etwas Helligkeit, die die Dämonen vielleicht verdrängt, rotiere ich im Bett umher – ich bin ein Feind der Winterwelt. So sehr ich mich auch anstrenge, ich kann dem Norden von toten Ästen und einfallslosen Bauten, keine Melancholie entnehmen. Es ist wie ein feuchtes Grab, indem sich wie Würmer lauter Konsumenten bewegen.

FLUCHT – schießt es mir durch dunkle Gefühle, erhellt für Sekunden meinen virenkranken Körper. SONNE soll mich durchdringen, all die kranken Säfte zum Verdunsten und die Samen zum Blühen bringen. Bejahend werden sollen all die Gedanken, das Blau von Meer und Himmel soll mich reinigen. Nicht hoffen will ich mehr, sondern mitten in der Hoffnung leben.

Neun Uhr morgens ist es geworden, Türen knallen, Automotoren brummen, fahles Licht scheint durchs Fenster und ich hab einen Plan. Ich drehe mich zur Seite, die Stimmen werden leiser, verstummen und zurück verbleibt im Ohr ein Summen. Erlösende Müdigkeit kommt auf und mit einem Fluchtplan im Herzen ich schlafe endlich ein.

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Flucht und Grenze

Wer flüchtet, befindet sich immer im Recht – denn jede Flucht ist die Möglichkeit hin zu etwas Besserem. Eine Raserei entsteht, ein Blitz entzündet sich – es kann nicht so bleiben, wie es ist, es muss nach vorne gehen. Die Flucht ist die Heldentat, auch wenn sie nicht gelingt, sie schafft die Besinnung auf was Neues.

Grenzen werden überschritten, das ist der Sinn von jeder Flucht – es ist die Notwendigkeit des Überlebens. Eine Grenze rechnet stets mit einer Überschreitung und Verletzung – denn wofür sonst wäre sie gezogen. Wenn einmal die Zäune niedergerissen sind, ist die Luft danach viel klarer – und so widersinnig es auch klingt: die Grenze erkennt sich erst selbst durch ihre Durchdringung. Denn nun, da der Schlagbaum zerbrochen ist, besinnt man sich auf verloren geglaubte Werte, die einst von ihm begrenzt wurden. Nicht ein bequemes Zuhause, nicht der gemütliche Sessel auf dem man in seinen Anschauungen Platz genommen hat – es ist die Entfremdung, aus der man sich neu erschafft.

Der Flüchtende weiß um die Leere, in die er hineingefallen ist, er fühlt die Angst wie ein Kind, das in der Dunkelheit steht – wie ein Kind aber auch spürt er die Freude, dass der neue Morgen was anderes mit sich bringen könnte – die Flucht ist die Bejahung nach Veränderung.

Das ist genau die entgegengesetzte Bewegung des Seßhaften; er fürchtet jegliche Revision seines bestehenden Zustandes und mit aller Macht, versucht er die Grenze zu verteidigen. Seine Angst ist nicht die Angst eines Kindes, das hinaus will in die Welt, seine Furcht ist die eines Greises, der jeden Moment als was Gleiches erleben will.

Vielleicht ahnt oder fühlt er, dass der Dammbruch nicht zu verhindern ist, doch in seinem rückwärts gerichteten Denken wird er die Befestigung noch höher bauen, bis die Flut sich staut und die Ordnung noch gewaltiger zusammenbricht.bird-mazoni

Liebeskraft

Auf einmal ist es Liebe und nichts erscheint mächtiger und wahrhaftiger als diese Wunde.

Dann ist es, als sei es eine Bestimmung und keinen anderen Grund gäbe es, als nur diesen, wofür man geboren wurde.

Dann ist es, als habe schon vor langer Zeit, eine unbekannte Hand es in den Himmel geschrieben und man hätte nur suchen müssen, das Zeichen zu finden.

Dann spürt man die Kraft, die keinen Namen hat und weiß doch, es ist die gleiche, die das ganze Universum zusammenhält.

liebeskraft

Space Oddity – Gedanken zu David Bowie

Was ist schon der Schmerz gegen die Leere, gegen die Kälte, die das Gemüt durchfriert. David Bowie ist tot.

Space Oddity: Der Astronaut als das Sinnbild des Menschen in der sich verlierenden Unendlichkeit, träumend von Freiheit, kann er nur überleben im engsten Raum. Es ist die Tragik, dass die Realität stärker erscheint als der Traum, dass die Freiheit kleiner ist, als das was sie verspricht.

Träume sind aus Klängen gewebt, Wellen tragen dich davon und dort wo Liebe ist, ergreift die Musik dich mit Tentakel-Armen. Wenn Traum und Musik den Hochzeitstanz eingehen, ist die Realität im Sternenstaub versunken, der Ernst vernichtet – ein Lächeln auf den Lippen verschönert das Gesicht.

Als Kind wollte ich Astronaut werden – irgendwie entfliehen. Aus dem Raumschifffenster wollte ich bessere Welten erblicken und in der Unendlichkeit schweben. Wenn ich schwerelos durchs All gleiten würde, so dachte ich, dann hätte ich nur meine eigenen Probleme zu lösen, dann gäbe es kein „du musst“, kein „du sollst“, kein dick, kein dünn, kein Alter und keine Zeit – dann würden die Blumen in meinem Kopf ewig blühen und die Bäume immer fette Früchte tragen. Zwischen gestern und morgen gäbe es keine Grenze mehr, eins wäre ich und verschmolzen in Unsterblichkeit.

Major Tom steigt einfach aus, will das Glühen der Sterne spüren, doch sehnsuchtsvoll blickt er zurück auf den blauen Planeten, vielleicht auch auf die Wellen, die sich in Ozeanen regen.

Als ich „Space Oddity“ das erste Mal hörte, war ich längst kein Kind mehr, da war es eigentlich zu spät, da hatte David Bowie Ziggy Stardust schon lange zu Grabe getragen. War es nötig Ziggy sterben zu lassen, dieses Kind eines metrosexuellen Traumes?

Doch das Raumschiff, das in meinem Inneren pochte, in unendliche Weiten fort fuhr, die Astronautensehnsucht, die nie verblasste, all das war ergriffen von diesem Lied. Es war, als ginge ich den Regenbogen auf und ab, als bildeten sich neue Fluchtlinien:

I’m stepping through the door. And I’m floating in a most peculiar way. And the stars look very different today.“

EinesTages jedoch, ich stand vor der „Sagrada Familia“ in Barcelona, da musste ich an Major Tom denken. Liebesschmerz trieb mich dorthin und in meinem Wahn wollte ich alles auf einmal von der Welt entdecken. Als ich vor der Kathedrale stand – im gleichen Wahn, in dem ich mich befand, von Gaudi erschaffen – wurde mir schwindelig und ich musste mich setzen. Sonne schien auf das Wunderwerk herab und ein tiefblauer Himmel untermalte die Kulisse. Spitz ragten die Türme wie hinein in die Ewigkeit und als ich es sitzend und tiefatmend vor mir sah, war mir als befände ich mich tiefer im Kosmos als jedes Flugzeug und als jedes Sternenschiff. Major Tom, so durchglühte es mich, hätte hierher kommen müssen, berührt von der Wunde der Liebe, um das Paradies, das er suchte, zu finden. Fern war mir nun der Gedanke im Dunkeln der Unendlichkeit umher zu irren – Sonnenkrieger wollte ich werden und selbst im Schatten dem Lichte hinterher jagen.

David Bowie ist tot. Zurück bleiben Märchen. Ziggy Stardust ist am Leben! Alles ist im Kopf, alles in der Phantasie und es wird wichtig sein, dem Traum an den richtigen Platz zu bringen. Die Realität ist nur ein kleines Werkzeug den Traum zu justieren, ihn zu verfeinern, ihn mit noch mehr Bildern zu füllen.

I want eagles in my daydreams, diamonds in my eyes“

David Bowie: Er wusste, dass er sterben wird, aber er wollte entkommen. 18 Monate kämpfte er mit dem Krebs, doch die Krankheit hat ihn nicht besiegt. Er hat die Flucht nach vorne, mit dem Raumschiff seiner Träume, angetreten:

„Look up here, I am in heaven/ I’ve got scars, that can’t be seen/ I’ve got drama, can’t be stolen/ everybody knows me now“. „Black Star is waiting for me“, „You know, I’ll be free“, „Oh, I’ll be free/ just like that bluebird/ Oh, I’ll be free/ ain’t that just like me“ (aus seinem letzten Album, erschien am 8. Januar)

Lebe wohl David, wo immer Du auch bist – ich halte Ziggy Stardust tief in meinen Armen fest.

ziggy-mazoni

Alles Liebe …

… Auch wenn das, wo wir sind, fern von Zahl und Mathematik, einzig von der Sternenschar umblüht, auch wenn wir in uns ewig sind und Jahre weder Anfang noch Ende  kennen, auch wenn der Fluß immer weiter fließt, halte ich still für einen Moment, werfe den Blick zurück und wünsche allen das Glück, dass quälende Sorgen durch lichtdurchflutende Morgen sich verdunsten und Sonne in die Herzen bringen. Auf, auf ihr Sehfrauen – und sehende Männer, die Augen zum Horizont gelenkt, vorbei an Ungeheuern, es gibt kein Ziel, sondern immer neue Abenteuer.

Wir sehen uns wieder, singen neue Lieder auf den Barrikaden des Zwanzighundertsechzehn. 

time-mazoni

Must Be Talking To An Angel

Ob Dein Seelenengel aus der Hölle kommt oder geflogen vom Himmel,

ob er die Fackel des Satans trägt, all Deine Dämonen zu erleuchten,

ob er zart und in weißem Gewand, seine Lippen auf Deine Stirn bettet

oder ob er beides ist; mal ein bleicher Nebel, der Dein Gemüt durchzieht,

mal auf seinen Flügeln, hoch zum sonnigen, blauen Zelt, Dich hebt –

Er ist Dein Kind, geboren aus Deinem Leib aus Deinen Sinnen.

Drücke ihn an das heiße Herz und erinnere Dich: Du musst ihn beschützen!

Schöne Festtage euch allen!

blk.angel-mazoni

Yesterday Is Here …

Das Rauschen des Bambusfeldes. Höre ich jetzt. Wie die Büsche sich im Wind bewegten. Ich vermisse es. Die Sonne, die ins Auge stach, der blaue Himmel, der Hoffnung barg …

If you want to go

where the rainbows end
you’ll have to say goodbye

Der viel zu große Küchentisch, beratend, was werden wird – es war das Holz zur Welt. Jetzt sehe ich uns dort sitzen – ratlos wie immer – unsere Gespräche haben neue Nahrung bekommen. Die Katzen, die jaulten, Essen haben wollten … Ich vermisse sie.

If you want money in your pocket
and a top hat on your head
a hot meal on your table
and a blanket on your bed

Und wenn wir es gewusst hätten, wäre es fraglich gewesen, ob wir den Weg zurück gegangen wären. Das Fremde ist so warm, die Heimat ist so ferne.

well today is grey skies
tomorrow is tears
you’ll have to wait til yesterday is here

Weißt du noch, aus der Pavoni hatten wir uns den „Caffe“ gemacht, an dem wir uns wärmten.

Die Pfützen waren tief, neben uns das Meer und weiter hinten, dort wo die Götter wohnten, waren die Berge. „Neapel sehen und sterben!“ Der schwarze Vogel auf dem Zitronenast hatte uns ein Lied gebracht.

and it’s out where your memories lie

well the road’s out before me

and the moon is shining bright

what I want you to remember

as I disappear tonight

Jetzt wieder Nomade werden, den Blick gerichtet auf den Horizont – die sinnlosen Ziele haben uns entzweit. Und je schneller wir uns bewegen, desto mehr Erinnerungen werden wir uns geben – das Glück liegt dort, wo es verlassen worden ist, man spürt es erst, wenn es vergangen ist.

today is grey skies
tomorrow’s tears
you’ll have to wait til yesterday is here

Ein Sonntagmorgen in St.Pauli

Als ich aufwachte und den grauen Himmel aus meinem kleinen Fenster sah, anschließend die niedrige, weiße, mit Raufasern tapezierte Decke über mir erblickte, kam mir mit einem Male die Frage in den Sinn: Bin ich glücklich?

Ich konnte mir keine Antwort darauf geben. Wie denn auch? Ist Glück ein breites Grinsen im Gesicht, ein guter Fick, ein Jauchzen bevor man einschläft, ein Klopfen auf die Schulter, ein Liebesgefühl, ein gelungener Text, ein wunderbares Buch, das man liest – ist es die Sonne, das blaue Meer, eine Zigarette, sind es Augen in die man blickt und dabei den Mund sich bewegen sieht, ist es das Gefühl: dieser Tag gehört mir allein oder ist es die Blume zu der man sich niederkniet, ist es der Vogel, der auf einem Ast singt – ist Glück sehnlich erwünschte Hoffnung, ist es ein Volk, das es noch nicht gibt, oder ist es nur die Freude darüber, dass das Herz noch schlägt?

Noch am Abend, bevor ich einschlief, nahm ich mir vor, diesmal, am sonntäglichen Morgen, aus dem Bett zu schnellen, mich zu reinigen und anzuziehen, innere Euphorie in mir zu erzeugen und raus zu gehen, um den Tag mit einem Lächeln auf den Lippen zu begrüßen.

Untersagt hatte ich es mir, noch vor meiner Aktivität, Nachrichten zu lesen, die mich niederdrücken und lähmen könnten. Heute wollte ich nichts von der großen weiten Welt wissen, klein sollte alles bleiben und erquicklich.

Voller Tatendrang betrat ich die Küche, traf dort beim Kaffeekochen meinen Wohnungsgenossen, der blass und mit dicken Rändern unter den Augen mich begrüßte. Die Küche ist immer kalt, weil, so wurde mir gesagt, es unnötig sei, sie zu beheizen.

Der Grund für sein verkatertes Aussehen war nicht, dass er die Nacht über durchmachte; nicht zuviel Alkohol war im Spiel – im Gegenteil es war zuwenig. Normalerweise trank er gerne sehr viel, doch nun hatte eine strenge, weibliche Hand, nämlich die seiner Geliebten, ihm klar gemacht, er möge doch bitte weniger zu sich nehmen. Es sei Scheiße, erklärte er mir, ohne Alkohol mache das Leben weniger Spaß und das er sich jetzt einschränken müsse, bereite ihm unnütz viel Schmerzen.

Ich ging hinaus, ließ ihn alleine, er wollte auch nicht viel reden. Nieselregen und Wind fegte mir um die Nase und ich verschränkte vor Kälte meine Arme über meine Brust. An der Strassenecke hatte sich ein Bullenauto aufgebaut. FC St. Pauli spielte. Schutzhelme sah ich durch die Windschutzscheibe und auch Schlagstöcke. Der Fahrer trank aus einem Becher ein Heißgetränk, der Motor lief und auf der Rückbank erkannte ich trotz abgedunkelter Fenster andere Männer, die sich für den Ernstfall bereit hielten. Es war kalt, der Asphalt glänzte, Scherben und Kronkorken hatten sich von der Samstagnacht auf der Strasse verteilt. Der Himmel war verschwunden und eine eigenartige, bedrückende Sonntagsstille hatte sich über die Gegend gelegt. Ich beschloss in ein Café zu gehen, um das mitgenommene Buch, weiter zu lesen. Ich lese gerne an anderen Orten, oftmals erinnere ich mich an die Orte wieder wenn ich lese und an das Gelesene wenn ich die Orte wieder betrete.

Heute jedoch waren alle Cafés in der Umgebung überfüllt. Menschen, meist verkatert vom Vortage, drängten sich um die Tische. Hastig bediente das Personal die zischende Espressomaschine, um dem Fluss des geforderten Koffeins in Bewegung zu halten. Ich verzichtete darauf, ein schmales Plätzchen in all dem Stimmengewirr noch zu finden und beschloss, beim Bäcker mir Brötchen zu holen. So suchte ich jene kleine Bäckerei auf, die seltener Weise noch selber Brot und Brötchen backt.

Die Bäckerei ist kaum noch auszumachen, weil groß daneben, als sollte sie erdrückt und verdrängt werden, ein größerer Backshop sich breit gemacht hat. Heute war sie fast menschenleer.

Eine ältere Dame, elegant gekleidet, wollte mir gerne den Vortritt geben. Gewiss war sie nur gekommen, sich mit den ebenso älteren Frauen, die mit schlürfenden Schritten hinter dem Ladentresen hin und her wandelten, Unterhaltung zu führen.

Ich bedankte mich bei ihr über die Freundlichkeit und suchte mir, irritiert über das große Brot-Angebot drei Brötchen aus. Deutschland ist das Land der Brote.

Mit einem zarten Lächeln auf ihren leicht geschminkten Lippen, beobachtete mich die ältere Lady bei meiner Bestellung. Ein Croissant solle ich doch noch kaufen, meinte sie zu mir, das hätte sie früher auch gemacht. Etwas Sehnsuchtsvolles klang in ihrer Stimme und erstaunt fragte ich, ob sie denn nun nicht mehr frühstücke. Nein, nein, antwortete sie mir und schenkte mir erneut ihr bezauberndes Lächeln, das sei vorbei. Eine Scheibe Schwarzbrot und eine Tasse Tee, das sei nun alles, mehr gäbe es nicht mehr in ihrem Leben. Sekundenschnell kreuzten sich unsere Blicke, sodann aber wandte sie sich ab, hin zur Verkäuferin, die mit ernster Miene und gekrümmten Rücken meine Bestellung in die Papiertüte packte. Ein Croissant solle sie noch mit hinzu tun, rief ich der Verkäuferin zu und sah wie die Lady dabei zustimmend lächelte.

Ich ging hinaus, in meinen frierenden Händen die Tüte. Eine junge Mutter schob an mir ihren Kinderkarren vorbei, St. Pauli Fans hatten sich vor einem Kiosk versammelt und tranken Bier aus Flaschen. Sie aber hatte aufgehört zu Frühstücken! Versammelten sich vielleicht einst die Männer um ihren gedeckten Tisch, brachten ihr Blumen mit und sie legte, mit ihrem reizenden Ausdruck im Gesicht, jedem, als Überraschung, ein Croissant auf den Tisch? Ihren Stolz, ihr anmutendes Wesen, ihre Schönheit und ihre Eleganz, das alles konnte ich, als sie mit geradem Rücken vor mir stand, erkennen. Irgendwann war alles vorbei, kein Gentleman kam mehr vorbei, all die Vasen blieben leer, kein Rot der Rosen, die ihr Herz einst beglückten, gab es mehr. Was war nur geschehen, fragte ich mich, während ich den Weg nach Hause ging. Sie hätte es nicht tun sollen, schlussfolgerte ich – sie hätte nie aufhören sollen zu Frühstücken.

Alleine und mit diesen Gedanken im Kopf, ging ich zurück in meine Wohnung, kochte mir Kaffee, belegte meine Brötchen. Es war vierzehn Uhr, von Weitem hörte ich aus dem Stadion die Menge grölen, blickte aus dem Fenster hinein in den Nieselregen, ging hin zum Spiegel, zog Grimassen und stellte mir dabei erneut die Frage: Bin ich glücklich?

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Spielplatz

#Hamburg: Wenn ich aus dem Fenster schaue, erblicke ich vor mir einen Kinderspielplatz. Der Platz ist übersät mit toten, braunen Herbstblättern; er ist nicht sehr groß, dicht an dicht befinden sich dort eine Schaukel, eine Rutsche und ein Drehkarussell. Daneben eine Parkbank, wahrscheinlich dazu erdacht, dass Eltern darauf Platz nehmen, um ihre Kinder zu bewachen und zu beschützen. Fein säuberlich ist das Terrain für Kinder eingezäunt und brav in deutscher Manier, sind an der Umzäunung Schilder angebracht, die ich von Weitem nicht entziffern kann. Noch nie hab ich dort Kinder spielen sehen, aber irgendjemand muss den Platz mal betreten haben, denn im Mülleimer, der neben der Bank steht, befindet sich eine frische Mülltüte. Mütter ziehen mit Kinderkarren oder fahren auf Fahrrädern mit Kindersitzen vorbei, aber nie findet ein Kind seinen Weg hin zu diesem Platz, der eigentlich zum Spielen geplant war. Einzig der kalte, nordische Hamburger Nieselregen – Wind bewegt die Schaukel, dreht manchmal auch das Karussell. Gibt es sie noch: spielende Kinder?

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November …

„Dunkle Lippen, mit Süße getränkt,
Haben sich leise den meinen gesenkt …“ (Stefan Zweig)

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Schock!

Ich sehe die Toten vor mir, mit denen ich zu „Eagles Of Death Metal“ gerne getanzt hätte. Ich wäre dort hingegangen, ich liebe die Musik, ich hätte Gleichgesinnte getroffen …

Die Welt ist außer Fugen. Der IS schrieb im Bekennerschreiben, es sei eine „perverse“ Veranstaltung gewesen und das war der Grund die Konzertbesucher zu töten. „‚Sie waren äußerst entschlossene Männer, die methodisch ihre Sturmgewehre luden ohne jegliche Gefühlsregung.‘ Systematisch hätten sie am Boden liegende Menschen erschossen.“ (aus SPIEGEL Online)

Mein Herz blutet und mehr als betroffen, fühle ich mich getroffen. Fassungslos bin ich über diese Ent-Menschlichung. Und jetzt, wo ich diese Worte niederschreibe, fühle ich Hass in mir gegen den Hass – wie widersinnig, aber doch sehr bezeichnend für das Gefühl, was in mir tobt.

Ich verachte Politik und Religion mag ich nur, wenn sie für einen selbst ist. Gebete sollte man möglichst alleine führen, sie sollten nicht nach außen dringen – niemand sollte mit seinem Gott andere behelligen. Einige meiner „alternativen“ Freunde meinen, man solle die Pariser Ereignisse nicht zu hoch spielen, das nütze nur den Rechten und ginge gegen die Flüchtlinge. Nicht nur das Gehirn scheint ausgeschaltet, sondern scheinbar auch das Gefühl. Es ist wohl zu kompliziert, sowohl für die Flüchtlinge als auch gegen den IS zu sein. Schlimmer aber wiegt es noch: wer da erschossen wurde, es waren Gleichgesinnte. Nicht einmal von Sarah Wagenknecht war eine Empörung zu vernehmen; brutal ging sie in der Tagesordnung über, ließ die ganze Politmaschine abrollen. Es ist wie in einem Alptraum: neben dir werden Freunde massakrieret und andere Freunde müssen erst einmal darüber nachdenken, ob sie was dagegen sagen können, ob es politically correct ist. Es wird sich mehr darüber echauffiert, dass auf Facebook  sichLeute ihre Profilbilder mit Frankreichfahnen färbten, als darüber, was passierte.

Politik ist immer nur Taktik und nie ehrlich – sie verschweigt oder lügt. Schon gar nicht ist sie menschlich (egal aus welcher Richtung sie kommt). Im Grunde genommen ist jede Aufforderung, sich daran zu beteiligen unanständig.

Was ich aus den Pariser Attentaten ziehe: Alle Arschlöcher dieser Welt sind gleich – egal ob sie gegen Flüchtlinge sind oder andere aus religiösem oder politischen Wahn töten. Und wenn sie Arschlöcher sind (aus welchem Teil der Erde sie auch kommen) bin ich gegen sie. Das ist doch ganz einfach, da braucht man nur seinem Herz und seinem Verstand zu folgen. Da braucht es einen freien Geist. 

Halt Dich an meiner Liebe fest …

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Angekommen…

Ein guter Stern hatte uns die Fahrt über begleitet. Die Sonne schien und nun sind wir in Hamburg gelandet. Allen drei Katzen ist die Fahrt gut bekommen und sie fühlen sich in ihrem vorläufigen Zuhause wohl. Und welch ein fantastisches Glück: ich hab ganz zentral auf St.Pauli ein Zimmer bekommen … ich glaub es fast nicht!

Sonntag werde ich dorthin ziehen – jetzt kann es weiter gehen!

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„A rose is a rose, is a rose“ …

Meine Liebe hab ich dir gegeben, eingepflanzt in frische vulkanische Erde hab ich dich. All meine Zuneigung hab ich als Dünger dir beigefügt, mein Herz dir geschenkt. Wie im Wahn, wenn niemand mich hörte, flüsterte ich süßliche Worte dir zu. Das Mondlicht hatte ich genommen, warf es dir zu. In all deiner Pracht und Schönheit, solltest du aufgehen – du, meine liebliche Rose.

Doch Blatt für Blatt warfst du ab, ließt nur einen grässlichen dornigen Stengel übrig, an dem, wollte ich dich berühren, ich mich verletzte. Alles um dich herum erblühte, nur du, mein Blumentier, bliebst stachelig, garstig und blütenlos.

Jetzt jedoch, da ich fortgehe, da der Sommer seinen Kopf gegen den grauen Winter neigt, jetzt wo ich die Hoffnung verbrannte, je eine Leidenschaft aus dir hervor bringen zu können,

jetzt wo meine Liebe längst erloschen ist, wo du dich tot gabst für mich – nun erst bringst du lockend, zwischen all den Dornen, eine wundervolle Blüte hervor. Zu spät, meine Liebste, es ist vorbei.

Ich hab sie mir abgeschnitten, mir genommen, die junge Blumenblüte und als Erinnerung in ein Glas mit Wasser gestellt. Einmal noch will ich mich daran ergötzen, bevor ich gehe, sehen, was ich erstrebte: Einen stacheligen Liebreiz, erblüht in einem Rot wie Feuer.

„a rose is a rose, is a rose“ (Gertrude Stein)

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Tod in Neapel …?

Ich dachte Neapel beschützt uns alle. Das Ei von Virgil liegt im Untergrund. Der römische Dichter tat es hinein, dort wo das Castel, dell’Ovo sich befindet – es war ca. 70 vor Christi – und solange es dort liegt, bleibt die Stadt vor Unheil beschützt. So dachte ich.

Wir hätten diesen Weg nicht entlang gehen sollen, wir hätten gar nicht mit diesen Engländern die Tour machen sollen. Es war ein Zeichen, es fing alles schon nicht gut an.

Aber Angst entsteht auch aus der Schwäche heraus. Angstbürger gleich schwache Menschen, Angst alles könnte anders werden, nicht mehr so, wie es vorher war, Angst es könnte was passieren, ein Unglück … Doch es geschah.

Hatte sie vielleicht einen falschen Schritt getan? War sie unachtsam in dieser Sekunde, als das geschah? Sie sah nicht gut aus, ihr Rücken war krumm, ihr Gesicht sah sowieso sehr leidend aus, ihre Mundwinkel hingen tief herunter.

Wenn es in der Liebe Zeichen gibt, sie nur von Zeichen lebt, warum nicht auch im übrigen, alltäglichen Leben? Vielleicht sieht man die Zeichen nicht, weil man nicht ständig verliebt ist, weil man zum Beispiel beim Zähneputzen es vergisst oder beim Kochen der Suppe. Das Unglück sticht immer in Normalität hinein, wahrscheinlich stirbt man in jenem Moment, wo man es am allerwenigsten vermutet – stirbt man dort, wo man nicht dagegen versichert ist.

Nein, ich hab an das Ei nicht geglaubt, nicht im Kopf, mein Gehirn ist dazu zu deutsch – aber als Option hatte ich es in Betracht gezogen. Genauso, wie man viele Ausgänge braucht, viele Hintertüren, so denke ich, braucht man auch viele Optionen. Eine wichtige, nicht realistische Option hatte ich mir einst erdacht, nämlich, dass man gar nicht sterben könne. Ich dachte mir, tot sein, das geht nicht – tot ist man, wenn man für tot erklärt wird, immer nur für die anderen und niemals für sich selbst. Es ist eine wichtige Option, eine Erfindung, die mir einen großen Teil der Angst nimmt. Man sollte immer was für sich erfinden, ein Märchen, eins, das nur einen selbst betrifft. Da man ja nur für sich selbst lebt und auch gar nicht sterben kann, halte ich das für eine passable Methode.

Die Englander hatten zuvor schon ihr Schiff verpasst und wir mussten zwei Stunden auf sie warten. War das ein Zeichen? Als sie endlich da waren, zogen wir mit ihnen los. Sie und er, ein sonderbares Paar. Zuerst redeten sie nicht viel und ich dachte, sie würden überhaupt nie viel sprechen. Doch je mehr wir gingen, desto gesprächiger wurden sie. Er musste mir unbedingt, während ich was über Neapel erzählte, mir erklären, wie es aussieht, woher sie kommen. Ich konnte nicht alles verstehen, mein Englisch ist nur mittelmäßig, mein Italienisch sehr schlecht. Eigentlich bin ich ein Alien, ein Fremder, ein Ausländer – und an diesem Tag ein Touristenführer. Ich überbrückte seine Worte, die ich kaum verstand, mit einem freundlichen Gesicht, tat so, als könnte ich ihm folgen.

Aber wir mussten doch durch diese Strasse gehen, es führte kein Weg daran vorbei. Außerdem ist es die Strasse, die mir am besten gefällt. Ich will auch das Beste zeigen, mich selber immer wieder von meiner eigenen Begeisterung treiben lassen. Aus Nottingham kamen sie, nicht direkt, sondern aus der Umgebung. Es soll da ein Schloss stehen, was sehr alt und wunderschön ist, wahrscheinlich, so vermutete er, entstamme es aus dem Mittelalter. Das sagte er mir, während wir durch die engen Gassen des spanischen Viertels gingen, die kleinen Läden geöffnet hatten und ihre Waren feil boten, Roller an uns vorbeifuhren, Wäsche auf den Leinen hingen und Musik aus den Wohnungen dröhnten. Dies sei ein ärmeres Viertel, sagte ich, Neapel würde sein Gesicht alle hundert Meter wechseln. Robin Hood sei in seiner Gegend zu Hause gewesen und das Schloss hätte mehr als hundert Zimmer. Das Pflaster, auf dem wir gehen, fuhr ich fort, sei aus Vulkangestein. Ich hatte ihn nicht recht verstanden, dachte, sie Beide würden in dem Schloss mit den vielen Zimmern wohnen und fragte nach, ob sie die Zimmer vermieten würden. Nein, nein, sie haben nur ein kleines, sehr kleines Haus in unmittelbarer Umgebung.

Nicht, dass ich Touristen nicht mag – meisten mag ich sie schon. Freue mich, wenn sie sich über die Stadt freuen , wenn sie neue Eindrücke mitbekommen. Es immer richtig, sich aus seiner angestammten Heimat, sei es auch nur einen Augenblick, zu entfernen. Es ist wie in einer Beziehung, um Nähe zu genießen, muss man sich auch mal entfernen. Vielleicht reden viele deswegen von ihrem Zuhause, weil sie jetzt erst die Möglichkeit haben, es von außen zu betrachten – was man verlässt, wird erst richtig geschätzt.

Warm war es an diesem Tag und wir zogen unsere Jacken aus. Die Sonne schien aus einem knallblauen Himmel und auch das Meer leuchtete türkisblau. In wenigen Tagen werde ich Neapel verlassen, nach Berlin oder Hamburg gehen. Es machte mich ein wenig traurig, das, was ich heute zeigte, bald selber nicht mehr zu sehen. Ja, ich werde wieder nach Deutschland gehen, in meiner Sprache mich bewegen, ich werde die Menschen wieder verstehen können, jeden Schwachsinn aufnehmen können. Ich werde mir Probleme anhören und mir selber welche schaffen, die ich vorher, hier, nicht hatte. Aber ich werde auch an der Bar sitzen und wenn wir angetrunken sind, mich nett unterhalten, mich köstlich amüsieren. Ich werde mich imAuto anschnallen, auf jeden Polizisten achten, der lauernd darauf wartet, mich zu belehren, wenn ich mich falsch verhalten habe. Ich werde ins Sicherheitsland zurückkehren, brav auf dem Zebrastreifen die Strasse überqueren …

Die Motorrollerfahrer sind die Helden hier, sagte ich, sie fahren kreuz und quer, fast fliegen sie über all dem Verkehr. Vielleicht sind sie ja Engel. Hätte ich das sagen sollen?

Als am Ende der Krippenstrasse ein Mann auf seiner Gitarre traurige neapolitanische Lieder spielte, hielt ich an, hörte zu. Die anderen waren verschwunden. Ich warf ihm ein Geldstück in seine Mütze, er spielte einfach weiter, ohne sich zu bedanken. Das gefiel mir. Als das Lied zu Ende war, rief ich laut „Bravo“ – da lachte er und freute sich. Leute, schräg gegenüber auf der Bank, wahrscheinlich Anwohner, klatschten ebenfalls – es waren alles Frauen. Die Engländer kamen zusammen mit Alex zurück und wir gingen weiter. Gerne hätte ich dem Gitarrenspieler weiter gelauscht – Lied für Lied. Wir alle hätten es machen sollen, dann wäre alles anders gekommen. Wir hätten ihm Geldstück für Geldstück, so viel wir in den Taschen hatten, ihn zuwerfen sollen, nur nicht um die Ecke biegen müssen. Doch wir taten es, bogen in die Via Tribunale ein. Die Strasse war voll, es war Samstag.

Es geschah vor dem Eingang, wo ich gewohnt hatte. Ein Zeichen? Ich ging voran, bahnte mir den Weg durch die Menge. . Ich weiß nicht, was ich gedacht hatte, aber ich hatte Hunger.

Hörte ich noch das Geräusch oder glaubte ich nur im nach herein es gehört zu haben? Der Roller – er drängte sich durch die Menge. Dann: Atemlose Stille. Er, der Fahrer mit dem Roller, der Engel der Strasse – es war nur ein Bruchteil von Sekunden – flog im Zeitlupentempo, flog hinein in die Stille. Kurz darauf ein lautes Krachen, zeitgleich mit lautem Geschrei. Neben einem Eisenpfeiler blieb er regungslos liegen. Geschockt von dem, was ich sah, rief ich „nein!“ in die Menge hinein, so als könnte ich damit verbieten, was vor meinen Augen geschah. Schnell wollte ich zum Liegenden eilen, doch bevor ich die Strasse überqueren konnte, war er schon von anderen Leuten umringt. Ich wollte was tun, helfen, irgendetwas, da sein für ihn, aber schon bildete sich um ihn herum ein Kreis von Menschen. Entsetzt sah ich ihn dort liegen, er bewegte sich nicht, hatte sein Gesicht auf den Boden gedrückt, während die Räder des Rollers sich weiter drehten. Die ganze Strasse war im Nu verstopft, andere Rollerfahrer hupten, um durch die Menge zu kommen – Menschen traten aus ihren Läden heraus. Vor dem Kopf des Gefallenen der Eisenpfeiler, an dem er sich wahrscheinlich gestoßen hatte und noch immer lag sein Körper bewegungslos auf den Jahrhunderten alten Pflastersteinen. Tot? Seine Beine waren ausgebreitet, auch in ihnen gab es keine Regung mehr. Tot? Wieso, wenn er lebte, war sein Gesicht unter seinem schwarzen Helm auf den Boden gedrückt? Er müsste doch atmen wollen, schlussfolgerte ich entsetzt, in all diesen kurzen Sekunden. Weitere Menschenmassen versammelten sich an dem Unfallort, drängten sich in dieser schmalen Strasse zu ihm hin.

Tot? Endlich glaubte ich, zwischen der Lücke all der Menschen, sehen zu können, wie sich unter seiner grauen Jacke seine Schulter hob. Doch ich war mir nicht sicher, ob von fremder Hand die Schulter angehoben wurde oder er es aus eigener Kraft tat. Die Bewegung seines Körpers, wie auch immer sie zu Stande kam, verschaffte mir Erleichterung und ich drehte mich um, zu schauen, wo meine Leute abgeblieben waren. Da hörte ich Alex‘ Stimme, entsetzt rief er aus: „Oh my god!“. Er umfasste die Engländerin, stützte sie ab, ich hörte ihn noch sagen, sie müsse sofort ins Krankenhaus. Es war, als hätte sich eine dunkle Wolke des Unheils über die Umgebung gelegt, ein Virus voller Katastrophen sich ausgebreitet. Blässe hatte sich auf das Gesicht der Engländerin gelegt ihr Gesicht, es war als hätte sie einen Schwächeanfall bekommen und würde jeden Moment zum Boden sinken. Wir sollten schnell weiter gehen, sagte ihr Mann, noch ehe ich begriff, was geschehen war. Dann erst sah ich, ihr Arm war angeschwollen und in hektischen Worten klärte mich Alex auf, dass sie vom Roller erfasst wurde, durch die Gegend geschleudert wurde und ihr Mann sie noch rechtzeitig auffangen konnte. Alles sei nicht so schlimm, redete ihr Mann auf uns ein, er kenne es, sie schwelle schnell an, es sei schlimmer als es aussieht, sprach er für sie.

Wir sollten zumindest eine Salbe aus der Apotheke für sie besorgen, meinte ich. Jetzt auch sprach sie, die Blasse, die zuvor Verstummte und meinte, dass alles gut sei und sie keine Salbe brauche, das würde nichts bringen.

Um den liegenden Motorradfahrer hatten sich noch mehr Menschen versammelt, Polizisten bahnten sich den Weg durch die Menge und wir bogen in die Seitengasse ein, wo es ruhiger war, führten unsere Engländer weg vom Geschehen, versuchten sie zu beruhigen. In der schmalen Gasse bewegte sie die Hand des geschwollenen Arms, um uns zu demonstrieren, dass nichts gebrochen sei. Zwischen mittelalterlichen Gassen und morbiden Häusern, in denen kaum Sonne dringt, setzten wir unseren Gang fort. Vorbei gingen wir an einem Eingang, indem eine alte, gebeugte Frau stand, uns ihre verkrüppelten Fingern entgegen streckte und uns mit markerschütternder, gebrochener Stimme etwas zurief, was wir nicht verstehen konnten.

Endlich bogen wir ein, hin zum lichteren Kirchenplatz, als uns ein bärtiger Mann mit verwittertem Gesicht den Weg versperrte. Rote Plastikpeperoni – Neapels Glücksbringer – schwenkte er uns entgegen und schrie dabei laut „Fortuna, Fortuna!“. Wir wollten an ihm vor kommen, er aber ließ nicht locker, kam uns hinterher. Da erinnerte ich mich an die Zeichen, kaufte ihm ein Glücksbringer ab, nahm diesen und hängte der Engländerin ihn an ihre Tasche. „Per Fortuna“, sagte ich ihr, sie freute sich, strahlte über das ganze Gesicht.

Fortuna – wir können es alle gebrauchen.

Fortuna – für den Rollerfahrer, dem hoffentlich nicht an diesem Tag sein Leben genommen wurde. Fortuna – für alle gefallenen Engel, damit ihnen nie Flügel gebrochen werden.

Fortuna – das uns beschützt vor dem Unglück, das hinter jeder Ecke lauert.

Vielleicht braucht jeder Mensch ein Symbol, eins, was er für sich selbst erfunden hat – vielleicht braucht jeder einen Glauben, einen, der nur ihm gehört.

(Kadee Mazoni)
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F***** für den Frieden …

Wie wäre es, all unser Handeln würde nur aus der Lust entspringen – was nicht feucht macht oder keine Erektion hervor bringt, ließen wir bleiben …Wie wäre es, wenn wir uns fragen würden, ob wir die Arbeit auch dann noch täten, wenn es keine Bezahlung dafür gäbe, wenn wir nur noch das erschaffen würden, was uns die größte Lust spendet …

Wie wäre es, wenn statt der Gesundung der Ökonomie, wir darauf achten würden, dass die Seele keinen Schaden nähme …

… ja, wenn all dies unser Denken und Tun bestimmen würde, gäbe es dann keine Politik mehr und keine Kriege? Wären wir dann frei und könnten einfach nur mal leben – einfach nur mal so? 

BERLIN …

Base -Ball -Bine aus Berlin – zusammen lagen wir am Fenster, blickten hinunter auf die Strasse, laut dröhnte die Musik aus den Boxen. Oranienstrasse, bunte Lichter, schönste Strasse der Welt. abends spielte sie mit ihrer Band in Kneipenkellern, sang Lieder, ich kam zu ihr auf die Bühne.

Oranienstrasse, besetztes Haus, geschmückt mit Transparenten: „Es ist besser unsere Jugend besetzt Häuser als fremde Länder!“

Berlin, Kebabstände, Blaulicht und Tränengas – ewig auf Adrenalin. „Lass uns rennen, die Bullen kommen.“

Punkkonzerte waren verboten, nicht aber so im SO36 , das befand sich auch – wo sonst – in der Oranienstrasse, in Kreuzberg, in Westberlin, im Paradies.

Dann, der 1. Mai, brennende Barrikaden, für eine Nacht war Kreuzberg befreit, rings herum leuchtendes Feuer, die Supermärkte hatten geöffnet, zerbrochene Scheiben statt Ladenschlusszeiten, Getränke und Nutella-Schnitten gab es umsonst. Wir tanzten auf den Strassen, sie und ich und all die anderen, wir waren frei – es war eine Revolte hungriger Herzen. Anwohner strömten aus den Häusern –  Gefühle der Gemeinsamkeit, egal welcher Hautfarbe, welcher Nation – es war ein Fest … die Mauerstadt wurde in jenem Moment zum Nabel der Welt.

„Ich steh auf Berlin!“, sagten wir uns, gingen zusammen ins Bett, was immer am Fenster stand, umarmten uns, blicken hinaus auf die lebendigste Strasse, die ich je gesehen hatte.

Rebellion aller Sinne …

Vielleicht wird der Tag kommen, da es den Menschen wichtiger erscheint, miteinander zu vögeln, als zu Töten.

Vielleicht wird der Tag kommen, da man erkennt, dass all das Geld, all die Macht nutzlos ist, wenn die LIEBE fehlt.

Vielleicht braucht es eine Rebellion des Unterleibs, eine Entgrenzung aller Sinne.

Vielleicht – es ist ein Traum! – wird der Tag kommen, wo ein jeder nur noch mit der Lust am Leben beschäftigt ist –  Vielleicht dann wird es keine Kriege mehr geben.

WAR IST OVER IF YOU WANT

John Lennon (1940 - 1980) and Yoko Ono pose on the steps of the Apple building in London, holding one of the posters that they distributed to the world's major cities as part of a peace campaign protesting against the War. 'War Is Over, If You Want It'.   (Photo by Frank Barratt/Getty Images)
John Lennon and Yoko Ono pose on the steps of the Apple building in London, (Photo by Frank Barratt/Getty Images)

Der Schleier …

Maja – Göttin und Schöpferin des Universums – Welt-Mutter. Doch sie trägt einen Schleier –  diese wunderbare Heilige – denn sie ist im Hinduismus auch die Göttin der Illusion. Den Schleier, den sie trägt, offenbart uns, alles was wir sehen ist auch nicht wahr. Die Welt, wie wir sie betrachten ist eine Täuschung und Wahrheit ist nur, dass alles eine Lüge ist.

Der Schleier: Symbol für den Kreislauf ewiger Selbsttäuschung und doch auch Symbol für die Hoffnung. Wollten wir den Schleier zerreißen, in der Absicht, der vermeintlichen Wahrheit in die Iris zu blicken, zerstören wir auch den Traum – den Traum, der uns über alle Dinge schweben lässt.

schleier-mazoni

Die schwarzen Augen von Neapel

An einem heißen und grell sonnendurchfluteten Tag, da spiegelte ich mich in dem Blick ihrer schwarzen Augen wider. Stehen blieb die Zeit, kein Zeiger bewegte sich, in diesem Augenblick, wo ich mich in der Weite ihrer Dunkelheit verloren hatte.

Sanft und still, wie eine Nacht, wo der Lärm der Menschenseelen verstummen, war es, als ich in ihre unergründliche Tiefe schaute, war dieser Moment, als mich wie eine unsichtbare Zauberhand, hin zu dieser unscheinbaren Bar führte.

Ein warmes Lächeln benetzte ihre vollen Lippen, Helligkeit bestrahlte ihr Gesicht und wie aus einem Traum gerissen, fragte sie mich, was ich trinken möchte.

Ihr langes dunkles Haar ruhte auf ihrer schmalen Schulter und benommen von der Sommerhitze und ihrer Erscheinung, von dem Aufschlag ihrer langen Wimpern, orderte ich in kurzen Worten „un caffé“ und durchbrach damit gleichfalls die kurze Stille, die mich umgab.

Einer Katze gleich, mit geschmeidigen Bewegungen drehte sie sich um, gab mir ihre Rückansicht zu sehen. Der Lärm der Mühle, in dem sich die Kaffeebohnen befanden und die sie betätigte, vermischte sich mit den Geräuschen der Musik aus einem Fernseher und den lauten Stimmen der anderen, mit Händen gestikulierenden, Anwesenden.

Wie vor einer glänzenden silbrigen Metallwand stand sie vor der gewaltigen Espressomaschine, mir war, als könnte ich jeden einzelnen Muskel an ihrem Körper dabei bewegen sehen und mit präzisen Griffen, gleich einem Uhrwerk, so als sei sie für einen Moment selbst zum Teil der Maschine geworden, drehte sie den Arm, indem sich der Siebträger befand, heraus, klopfte den alten Kaffeerest auf einem Behälter aus, presste das neue Kaffeemehl hinein und drehte den Arm fest wieder in die Öffnung zurück.

Alles war vorbereitet wie zu einem Fest, eine Untertasse und ein Glas mit Mineralwasser stand bereit vor mir, da schob sie den Hebel der Maschine nach oben, ein gewaltiger Druck, den ich glaubte zu hören, baute sich auf – kurz noch sah ich, wie ihr Gesäß sich dabei aufregend in ihrer engen Hose bewegte – sie sodann den Hebel herunter schob und eine zähflüssige Kaffeemasse sich in eine kleine Tasse presste. Damit der Kaffee sich nicht verdünne, wurden die letzten verwässerten Tropfen von einem kleinen Löffel abgefangen. Die Produktion war vollbracht! Vorsichtig nahm sie, mit rotlackierten Fingernägeln, die heiße, kleine Tasse, stellte sie vor mich hin, drehte sie so, dass der Henkel zu meiner rechten Hand zeigte.

„Prego!“, sagte sie, wieder trafen sich unsere Blicke und ließ mich mit dem, was sie geschaffen hatte, alleine.

Wie ein roher Diamant, frisch abgeschlagen aus einer Höhle, so stand er vor mir, der „Caffé“, geformt aus ihrer Hand.

Sanfter Schaum benetzte seine Oberfläche und seitlich neben mir, geordnet in einem Gefäß, nahm ich mir eine kleine Zuckertüte, öffnete sie und schüttelte langsam die weißen Zuckerkristalle auf die schwarze Masse, wo sie auf der Krone des Kaffeeschaumes liegen blieben.

Einem Drama kommt es gleich, so wie es sich millionenfach jeden Tag in Neapel vollzieht. Der Protagonist in diesem Schauspiel ist der Kaffee, stolz wie ein schwarzer Schwan schwebt er über die Bühne. Voller Bitterkeit ist er noch, zu bitter, um dem Genuss die nötige Leichtigkeit zu verleihen. Dieser schwarze, bittere Königsvogel, voller Kraft, Energie und Triebe, muss sich mit der hellen Unschuld – die eigentlich gar keine ist – vereinen, damit seine breiten Flügel des Genusses über den Gaumen schwebe. Süsslich ruhen die funkelnden, weißen Zuckerkristalle noch unschuldig auf der dunklen, schwarzen Hölle. Es ist ein Kampf des Guten gegen das Böse. Wenn alles richtig läuft, wird das Weiße sich mit der bitteren dunklen Macht vermählen und Beide werden nicht mehr sein, was sie einmal waren: das Bittere wird süßlich sich geben und das Weiße das Kleid der Hölle sich überziehen.

Doch noch war es nicht soweit, noch beugte ich mich herunter, das Schauspiel zu betrachten. Langsam verdunkelte sich die Helligkeit des Zuckers, zurück blieb nur eine kleine Insel, die wie auf einem heißen Vulkan ruhte. Dann jedoch, als hätte eine nimmersatte Glut eine paradiesische Unschuld in den Abgrund gezogen, glitt der Zucker auf den Tassenboden.

Es war nun an mir, die Vereinigung zu vollenden und mit einem Löffel stach ich hinein in das Spiel, rührte darin umher, erhob das Gefäß und trank es leer. Bitter-süßlicher Geschmack verbreitete sich auf meiner Zunge, Unschuld und Sünde vermengten sich, mein Herz schlug höher und der Schleier der Benommenheit zerteilte sich. Einen kurzen Moment ließ ich meinen Gaumen an dem Ereignis sich ergötzen, leerte sodann das Glas mit dem Wasser, legte ein Fünfzig-Cent-Stück als Geste der Dankbarkeit und Anerkennung für die Schaffung dieses Genusses auf den dunklen, gefleckten Marmor Tresen.

Da kam sie wieder aus irgendeiner Ecke zurück, nahm das Geldstück, warf es in einen Becher, räumte Tasse, Glas und alles andere ab, wischte mit einem Lappen über die Fläche, wo zuvor mein Kaffee stand, reinigte alles, so als wollte sie damit den Schlussakt des Schauspiels einläuten. Gestärkt und voller Hoffnungstriebe, machte ich mich bereit zum Fortgehen, schickte der Barista einen Abschiedsgruß hinter den Tresen, den sie willig erwiderte und ging, jetzt mit festeren Schritten, hin zur Ausgangstür und drehte mich, während ich den Messinggriff der Tür in der Hand hielt noch einmal zurück. Sie hatte noch ihr Wischtuch in der Hand, fuhr damit über die steinende Platte und für einen winzig kurzen Augenblick, kürzer noch als der Blitz auf die Erde trifft, verfingen sich wieder unsere Blicke. Die Ausgangstür öffnete sich, ich ging hinaus, blauer Himmel, Hitze und greller Sonnenschein empfingen mich, aus der Schachtel fingerte ich eine Zigarette, steckte sie an, genoss es, wie der Rauch meine Lungenflügel stimulierte, ein Lächeln huschte ungewollt über mein Gesicht – die Welt ist weiblich, dachte ich – und setzte meinen Weg fort, auf der staubatmenden, mit Autos befahrenden Strasse, ging den schmalen Gehweg entlang, wo die Sonne unbarmherzig nieder ging und rettete meinen Blick neben mir in das regungslose, undurchdringliche Bambusfeld.

Blau, so blau war der Himmel an diesem Tag, so voller Licht, doch die Helligkeit, die wahre, die mich umgab, das waren schwarze Augen, Tiefe in die ich blickte – schwarze Augen abgründig, leuchtend und bittersüß.

Die schwarzen Augen von Neapel

Auflösung …

„Wenn das Wissenwollen heute seine größten Ausmaße annimmt, so nähert es sich nicht einer universellen Wahrheit; es verleiht dem Menschen keine sichere und ruhige Herrschaft über die Natur; im Gegenteil, es vervielfältigt die Gefahren, es zerstört die schützenden Illusionen; es vernichtet die Einheit des Subjekts; es befreit in ihm alles, was auf seine Auflösung hinarbeitet.“ (Michel Foucault)

Wissen, Bewusstsein

Verlassener Bahnhof …

Hochgekrempelt der Kragen, festgeschnürt der Mantel, sitzend auf der Bank der verlassenen Bahnhofsmitte. Wie vergessen, flackert aus verrosteten Lampen spärlich noch das Licht. Wieviel Zeit ist vergangen – die Zeiger der Uhr sind abgefallen; keine Stunde, die mehr schlägt.
Zerbrochene Gleise: hinter mir die Ankunft des Vergangenen, vor mir das, welches in die Zukunft trägt.

Wird der Zug je kommen? Nein, er ist umgeleitet worden, hin zu unruhigen Zielen.

Starr bleibe ich zurück, mit der Lüge und der Wahrheit in dieser Mitte, hineingefallen in eine stille, zeitlose Welt. Über mir das morsche Dach; gibt mir den Blick frei in eine kristallene Sternennacht – Klarheit bescheint meine Sinne. Frischer Wind kühlt mein Gemüt und voll des schmerzlichen Glücks lehne ich mich befriedigt zurück; die Wüste der Verlassenheit umspült ein Lächeln meine Lippen. Was gestern ankam ist morgen wieder verschwunden. Stolz empfanden einst die Erbauer über den Bau, in dem ich sitze. Nun ist er zerbrochen und die Gleise führen nirgendwo mehr hin. Die Hoffnung ist die Niederlage des Augenblicks.

(inspiriert v. Eisscherbens „einsamen Bahnsteig“)

„Angst essen Seele auf“- oder: Don’t Heidenau me!

„Angst essen Seele auf“, so ein Film von Fassbinder und was in Heidenau geschah, ist treffend mit diesen Worten zu vergleichen.

ANGST – sie hat die Dümmsten auf die Strasse getrieben, jeglicher Hauch von Menschlichkeit ist auf der Strecke geblieben. ANGST – alles Zivilisierte ist verloren gegangen, sie haben sich schlimmer wie Schweine benommen, aus Heidenau haben sie einen Saustall gemacht und intelligentes Leben mit Dreck beworfen.

ANGST – ist des Kleinbürgers liebste Eigenschaft, ANGST hat den Faschismus an die Macht gebracht und nun sehen wir wieder einmal, ANGST ist gefährlich und aggressiv.

Nein, Ausländerfeindlichkeit ist kein deutsches Phänomen, Großbritannien und die USA liegen an einsamer Spitze, Deutschland sogar nur im unteren Mittelfeld. Nur zu sagen, „die Deutschen mal wieder“ wäre auch ungerecht gegen all diejenigen, die sich gegen Rassismus engagieren.

ANGST-Bürger sind meist diejenigen, die mit Ausländern am wenigsten in Berührung kommen, ihre ANGST ist irrational, sie glauben, weil ihre Köpfe leer sind, es könnte was Schlimmes passieren. Es sind charakterlose Loser, die ewig nach Schuldigen suchen, warum sie so Scheiße sind. Verharmlost diese dummen Verlierer nicht, sie sind gefährlich! Sie sind die Säulen autoritärer Systeme.

Vielleicht würde es helfen, um sie eine Mauer zu bauen und sie zu zwingen Bücher zu lesen. Vielleicht müsste man z.B. jeden Heidenauer an die Hand nehmen, über den Kopf streicheln und langsam, langsam an einen Fremden heranführen und ihnen sagen, guck mal, ist doch alles gar nicht so schlimm.

Ja, dieser ödipale Prozess mit diesen bierbäuchigen, glattköpfigen Idioten würde vielleicht helfen. Doch statt dessen sperrt man die Flüchtlinge weg und schiebt sie ab in Ghettos. Integriert gefälligst die Ausländer und schließt sie nicht aus!

Ausländerfeindlichkeit trifft man dort, wo das Bildungsniveau am niedrigsten ist. Das ahnte ich schon, wenn man so einige Angstbürger reden hört. Bildung also! Aber genau dort wird am meisten gespart, so als sei dieser Bereich gar nicht mehr nötig. In der PISA Studie schnitt Deutschland, als reichstes Land in der EU jedenfalls am schlechtesten ab. Das sagt doch alles.

Ha! Und dann die Männer: sie sind am empfänglichsten für Fremdenfeindlichkeit. Wundert es? Welcher Mann liest überhaupt noch, außer Sport- oder Politiknachrichten in Tageszeitungen …? Welcher Mann liest noch Literatur, liest Romane? Frauen sind es zum größten Teil und der Abstand zu den Männern nimmt ständig zu. Den starken Ritter mit dem Schwert in der Hand, der Liebe im Herzen und goldenen Worten auf der Zunge gibt es kaum noch mehr. Nicht dass dies die alleinige Ursache der geistigen Entwurzelung ist – aber es ist eine. … Nun, das ist ein anderes Thema.

Fazit: wollen wir nicht auf der Stufe der Zivilisation herabsteigen, müssen wir den Flüchtlingen helfen. Wir müssen es auch alleine deswegen, um der Dummheit Schaden zuzufügen.

Man stelle sich Deutschland ohne Ausländer vor, man stelle sich vor sie hätten die Deutschen mit sich alleine gelassen – das käme einer Katastrophe gleich, das wäre wie Heidenau. Nicht nur Angst, sondern auch Dummheit frisst die Seele auf und deswegen muss Bildung her und zwar die Richtige, denn Dummheit ist schließlich die böse Schwester der Angst.

Natürlich ist dies hier alles ziemlich allgemein, es ist nicht meine Absicht, eine wissenschaftliche Abhandlung  zu verfassen. Das sollen andere machen

Wer sich weiter über Ursachen der Fremdenfeindlichkeit informieren möchte, darf sich gerne durch den Wust einer Statistik von Umfragen durchwühlen:

http://www.blogs.uni-mainz.de/fb02-arbeit-und-betrieb/files/2014/05/KrausPP.pdf

Interessant ist auch folgender Artikel über das Leseverhalten von Frauen und Männern:

 NZZ Leseverhalten  

Ciao, Kadee

Der Popel als Erinnerung an die verlorene Zeit

Jahre über Jahre ist es her, da hielt Heinz einen Vortrag über interessante, politische Dinge und wir hörten ihm dabei fasziniert zu. Was er zu sagen hatte, war enorm wichtig – so jedenfalls empfand ich es damals – wenn Heinz sprach, war es von Bedeutung. Doch dann passierte etwas, was seinen Inhalt gänzlich relativierte: Im Eifer seiner Rede löste sich aus seiner Nase ein dicker, fetter, schleimiger Popel, den er, als er ihn bemerkte, wegwischte und, weil kein Taschentuch vorhanden war, ihn sich – mit der linken Hand die untere Gesichtshälfte verdeckend – mit der rechten Hand in seinen Mund schob und herunterschluckte. 

Vielleicht glaubte er, niemand würde es bemerken – alles ging ziemlich schnell – aber ich tat es, meine Aufmerksamkeit war vollends auf diese Altion gerichtet und weg von dem, was er noch weiter sprach.

Jetzt noch – eine gefühlte Ewigkeit später – wenn ich an Heinz denke und mir sein Gesicht vorstelle, sehe ich auf seiner Oberlippe diesen grünlich-gelben Fleck kleben. Mir ist, als gehöre dieser Popel zu seiner Persönlichkeit, als würde er sich immer wieder neu bilden, als wäre Heinz nichts anderes als eine Person, die sein Naseninneres immer wieder aufs Neue verdaut. 

Tragisch, dass Heinz nicht ahnt, wie ich ihn sehe und sich gewiss nie daran erinnern wird, was er an jenem Tag, die meine Sichtweise zu ihm veränderte, tat. Es wäre sehr absurd ihm zu schreiben, dass, wenn ich an ihn denke, immer diese Situation vor meinen Augen hätte. 

Erstaunlich ist es, dass ich alles, was er einst sagte, vergessen habe, dass ich nicht einmal mehr ansatzweise weiß, um welches Thema es sich handelte, obwohl es doch so wichtig war. 

Interessant auch, dass sich die Worte in der Erinnerung viel schneller verlieren, als das Äußerliche. Ich erinnere mich an das Klack Klack ihrer Absätze, wenn sie meinen Raum betrat, an ihr Kleid, an ihren Lippenstift, erinnere mich genau an die Formen ihres Gesäß … Doch weiß ich noch jedes Wort, was sie sprach? Es sind nur wenige Worte der Erinnerung, Worte die wie scharfe Klingen, Worte, die wie Explosionen sind.

Heinz‘ Popel ist immerhin die Brücke hinein in eine Zeit, die, ohne dass dieser an seiner Oberlippe geklebt hätte, wahrscheinlich vergessen gewesen wäre. Heinz, wenn er sich im Spiegel betrachtet, würde sich niemals so sehen, wie ich ihn sehe, würde sich als was anderes erkennen. Aber so ist es wohl immer: jeder von uns ist für den Anderen ein Fremder. 

Nackte Schulter …

Sie sagte, sie könne nicht in diese Kirche gehen, ihre Schultern seien nicht bedeckt. Da wusste ich, dieser Gott, dieser Kirche ist nicht richtig – er kann unmöglich der Schöpfer dessen sein, was ich am Unbedeckten an ihr sah.naked shoulder

DASS …

Dass …… niemals die Zeit zurück sich dreht,

Dass …

… Du Deine Lippen auf meine legst

Dass …

… der Flügel des Schmetterlings die Welt bewegt

Dass …

… zu meiner Liebe der Himmel sang,

Dass …

… ein Dolch mein Herz durchdrang,

Dass …

… das Wasser ewig den Bach hinunter fließt,

Dass …

… die alte Frau im Sarg das Haus verließ,

Dass …

… der Kopf der Blume auf dem Grab sich senkt

Dass…

… bald niemand mehr den Namen kennt

Dass …

… alles richtig an seinem Platz steht

Dass …

… das Leid das Glückt versteht

Dass …

… es ist wie es ist,

Und:

Dass …

… es Dich gibt, 

Zeigt:  ——- wir sind im Paradies.

  

Halbmond in Italien

Der Halbmond hier, mit seinem bleichen, silbrigen Licht, meine  Dunkelheit durchbricht.
Siehst Du sein narbiges Gesicht, siehst Du, wie er lacht, wie er spricht – mit meinem Herzen Blut in seinen Händen?  

Das Pochen, fühlst Du es in der Ferne, wo immer Du auch bist, hörst Du wie ich an Dich denke? 

Halbmond in Italien –  ein Beben geht durch die stille, klare Nacht, mit Trotz und Stolz hat er die Welt umfasst. 

  

Das Foto …

Da saß er aufrecht im Lotussitz: Sein rechtes Auge geschlossen, das linke ausgehöhlt, seine beiden Unterarme abgefallen, genauso wie sein Leben.
Eine ergreifende Wirkung. Nach 280 Jahren hatte man ihn wieder ausgegraben und ans Licht geholt – „ihn“,den mumifizierte Mönch.
Kein „Ich“ ist bei ihm mehr vorhanden und nichts wäre mehr wahrnehmbar, wäre dieser Mönch in all den Jahren zu Staub und Asche zerfallen. So aber sitzt er aufrecht und benimmt sich wie ein Schlafender, der wieder erwachen könnte. Etwas Geheimnisvolles umgibt ihn, sein ewiges Schweigen erregt die Phantasie.
Diese Stille, diese Regungslosigkeit, dieses für immer verschlossene, versteinerte Gesicht sucht nach Antworten, die nur er geben könnte. In ewige Leere hat er sich geflüchtet, dorthin, wo, wenn wir ihn befragen wollten uns nur selbst die Frage stellen können. Dadurch, dass er als Abbild eines Menschen noch vorhanden ist, berührt er mich. Wie zart, wie gasförmig, so denke ich, muss sein Leben, an jenem Tag vor 280 Jahren, als er beschloss, in eine nicht zurückkehrende Meditation sich zu begeben, aus ihm entwichen sein.
Und ich, der weit nach ihm geboren ist, erblicke ihn in dieser Haltung auf einem Foto in einer Zeitung und schreibe nieder, was ich dadurch empfinde. Nun lebt er wieder durch mich, lebt durch die Empfindungen meiner Betrachtung.
Das ist die Macht des Fotos: es bewegt sich nicht, es spricht nicht. Sobald ich eine Fotografie aus vergangenen Zeiten betrachte, wird mir die Leere des eingefangenen Augenblicks bewusst, die ich nur mit meiner Phantasie füllen kann.
Die Fotografie meiner Mutter, sie sitzt auf einem Stuhl im Garten, trägt einen Hut, der sie vor der Sonne schützt. Auch ihr Lachen, das sie für dieses Foto tat, ist gefangen. Ich höre ihre Stimme, ich glaube sie zu hören, mit der sie mich als Kind rief und erinnere mich an ihre Eckzähne, die oftmals, wenn sie den Mund schloss, sich erst später verdeckten.
Vor langer Zeit schon ist sie aus dem Leben gegangen. Die Schichten der Zeit haben sich über die Erinnerungen gelegt. Jetzt wo ich das Foto wieder sehe, kehrt eine Vergangenheit zurück, die es so nie gegeben hatte. Das Gesicht meiner Mutter, das ich wieder sehe, ist meine Einbildung, aus dem etwas Neues entsteht. Sie – meine Mutter und auch die Vergangenheit – ist nicht das, was sie einmal war, sondern eine Geschichte, die ich neu erzähle.
Wir sind dazu verdammt, niemals einen Moment zurück holen zu können, denn unsere Erinnerungen sind vielleicht schön, aber dennoch trügerisch.
Das Foto ist leer – leer auf eine besondere Art, weil es mir, dem Betrachter, erlaubt alles hineinzulegen. Wollte ich Vergangenes aufschreiben, könnte ich niemals objektiv sein, ich schriebe es gefärbt aus dem „Jetzt“ auf. Das ist das Problem von Biografien oder das Erzählen von historischen Ereignissen – sie können nie stimmen.

Stumm stehe ich vor einem vergilbten Foto aus dem Jahre 1910 : Eine Gruppe von Menschen posieren in einem eingefangenen Augenblick. Das Lächeln eines Mannes, dahinter ein unaufgeräumtes Regal – ein Zeichen von Leben. Die Gruppe sitzt um einen Tisch, ein kleines, junges Mädchen, gewiss vor längerer Zeit verstorben, blickt in die Kamera.
Eine Frau beugt sich zu einem Mann. Ist es die Ehefrau? Was ist aus ihrer Ehe geworden und wie haben sie wohl ihre letzten Stunden verbracht? Vielleicht sind es die Eltern des Kindes, das so klein und unschuldig in die Kamera schaut. Vielleicht wollten die Eltern für alle Ewigkeit schützend ihre Hände über ihr Mädchen legen und wollten nicht, dass ihr was Schlimmes passiere.
Doch die Zeit ist eine Mörderin, reißt alles nieder, raubt den Eltern die Kraft der Liebe, mit der sie das Kind hätten halten können, raubt dem Kinde auch die Jugendlichkeit, nahm sich auch noch die Kinder und Kindeskinder dieses Mädchens, das mich aus dem Bild unschuldig und hoffnungsvoll anblickt. Ich bin weit in ihre Zukunft vorgedrungen und blicke in die Küche hinein, einer Küche in einem Haus, das es schon lange nicht mehr gibt. Beklommenheit macht sich in mir breit, dass einst, in hunderten von Jahren, ein Nachfahre ähnlich mein Abbild auf einem Foto erblicken könnte.
Der Tod hat eine Geschwindigkeit, die nicht gemessen werden kann. Zurück bleibt das Foto von dem, was einmal war. Je unbeweglicher und länger ich davor verweile, desto mehr bewegt es sich und verrät mir eine Geschichte. Die Verstorbenen sind hinausgeschossen ins Irgendwo doch die Lebenden halten den Strom im Gange. Zu jeder Geschichte, die einmal war, wird etwas dazu gesponnen – eine Wahrheit gibt es nicht.
Solange ich bin, trage ich die Welt auf meinen Schultern, forme ich sie in diesem Moment, wo ich hier sitze und es aufschreibe. So wie alles Leben im Universum, sich auf der kleinen Erde versammelt, so bündelt sich alles Leben in diesem kurzen Augenblick – alles was danach geschieht gehört zu einer anderen Epoche.
Ich will nichts über meine Zukunft wissen.

Saluti,
— Mazoni —

mazoni

Das „Selbst“ ist ein schlechtes Schauspiel …

Die größte Schwierigkeit bereitet mir, zu bestimmen, wer ich bin. Es ist mir unmöglich so tief in mich hineinzuschauen, um den Kern meiner Persönlichkeit zu finden. Und selbst, sollte ich den Kern all meines Seins finden, würde es mir Mühe bereiten, ihn als Fackel mit mir umherzutragen.

Zwar habe ich mir gewisse Eigenschaft erfunden und Worte dafür zurechtgelegt, doch weiß ich nicht, ob das alles nicht nur ein Schauspiel ist, in einem Spiel, das wir alle spielen.

Erstaunlich empfinde ich es, wenn gesagt wird „Finde zu dir Selbst“. Das hieße ja, in jedem von uns gäbe es was Unveränderliches, etwas Eigenes, ein „Selbst“ ähnlich einer Maschine, die unentdeckt in den Tiefen wohnt und unermüdlich arbeitet. Ein „Selbst“ wäre es, das von Hunger oder Krankheit unberührt bliebe und auch die Leidenschaft, z. B. die einer Liebe, ließe es völlig kalt. Stoisch und ziemlich unbeweglich, thronte dieser Kern im tiefen Untergrund eines Menschen, eines Tieres und sogar jeder Pflanze.

Als ich gestern einen zwölf Jahren alten Jungen sah, da erinnerte ich mich daran, wie ich einmal war; in seinem Alter. Seitdem jedoch, in all diesen Jahren, bin ich schon mehrmals gestorben und längst nicht der, der ich einmal war. Absurd wäre es, dahin zurück zu kommen; in die vergangene Zeit.

Jede Einzelheit, jede Sekunde müsste ich einsammeln, das „Selbst“ das mich als Junge umhüllte, wiederzufinden. Das Läuten der Kirchenglocke, der Ruf der Mutter, die Stimmen und Körper der Freunde, der Deutschlehrer mit dem Glasauge, die Lederhose, die ich trug, die Sonne, die auf meiner Haut brannte, die Mücke, die mich mitten ins Gesicht stach, der Milchladen um die Ecke, das Mädchen mit dem schwarzen Haar … All dies, und Millionen, Trilliarden anderer unbewusster Dinge, müsste ich zusammen tragen, zu einem Ball formen, zu einem Kern, der ich einmal war. Ein sinnloses und unmögliches Unterfangen – würde aus all diesen unendlichen Teilchen nur eines vergessen, wäre das „Selbst“ aus der Vergangenheit dahin.

„Finde zu dir selbst“ – es ist eine Illusion, die nicht mal schön ist. Der Körper ist nur angenehm an seiner Oberfläche, innen aber ist er ein Gefängnis, indem die Seele gefesselt liegt. Und trotzdem, statt die Gitterstäbe aufzubrechen, sehen viele eine Erfüllung darin, in diesem Knast Löcher zu graben, in die sie am Ende selbst hereinfallen – denn außer einen Abgrund werden sie dort nichts finden. Wie denn auch, mit jeder Bewegung, mit jeder Handlung und Ereignis verändert sich das Sein. In mir befindet sich immer was Fremdes, weil das Tier, das in meiner Höhle wohnt sich ständig verwandelt.

Als die Liebe einst unverhofft aus dem Gebüsch sprang und mich packte, da zwang sie mich, nicht mehr das zu sein, was ich vorher war – da starb ich hinein in einen neuen Traum und das „Selbst“ war vergessen. Liebe ist nicht Tiefe – ist nicht das Bohren in sich hinein – Weite ist sie, Geben wollen; eine Flucht ist sie, eine, nach vorn. Ein Traum ist sie, der sich in der Geliebten manifestiert, Entdeckerin ist sie, will erobern, was noch keiner kannte.

„Finde zu dir Selbst“ – es ist eine Scheiß-Moral, die mir nicht behagt. Trägheit ruft sie hervor. Statt in die Tiefe zu gehen suche ich lieber das Weite, lass mich durchfluten von der Welt- statt in den Abgrund meines „Selbst“ zu blicken, fliege ich davon. Und sollte der Psychologe mich suchen , bin ich längst verschwunden.

blackeye-mazoni

Der heilige Orgasmus … oder die Welle, die vor mir bricht

Das Meer hat ein Lied gesungen und versunken am Strand, lausche ich der Musik. Helle Sopranstimmen, wenn die Wellen an das Ufer brechen, weiter draußen der Bariton, das tiefe Rauschen, wie ein Raunen, das aus der Tiefe des Meeresbodens kommt. Weiße, fette Möwen lassen sich vom Wind treiben, stimmen mit quiekenden Vogellauten ein in das Konzert – Kinder spielen Ball, schreien umher: Ein Erd-Choral ist entstanden. Gehen alle Seelen zurück ins Meer?Ich denke an Falten – gerade nun, wo vor meinen Füssen das Meer sich entfaltet, Welle auf Welle entsteht. Niemals wird die Welle, die ich sehe, wiederkommen – nur einmal, an diesem Tag wird sie sich zeigen, untertauchen und verschwinden in der Weite des Ozeans. Kein Lied wird wieder ähnlich klingen, wie dieses – es wurde mir nur einmal gespielt, danach wird ein anderes folgen. Ich denke an die Falte. Wieso? Wären wir im Stande, nur einen Bruchteil einer Sekunde zurück zu drehen, die Welt würde untergehen – sie könnte die Wiederholung der Myriaden von Ereignissen nicht verkraften.   Es ist die Erinnerung, die uns vor dem Wahnsinn bewahrt, dass nichts so ist, wie es einmal war, dass die Brust, die uns säugte sich verwandelte, dass die kleine Welle, dieses Kind, zurückfließt ins Unkenntliche.  Die Erinnerung, sie ist trügerisch, schön gefärbt, niemals wahr, aber immer immer wunderbar. Die Bilder haben sich in ihr gefaltet, das Gesicht der Geliebten strahlt in ihr, Gerüche haben sich dort gesammelt, Stimmen und die Berührung einer Hand. Was erinnert wird, bekommt neues Leben, ein anderes, aus dem es sich speiste. „Der kleine Prinz“ sagt, man müsse mit dem Herzen sehen – in der Falte schlummert die Essenz, liegt das verborgene Gefühl. Die Welt ist gefaltet, sie hat keine Tiefe, die Geheimnisse können nur oberflächlich entfaltet werden. Ein Traum, der kommt, uns berührt und von fremden Dingen berichtet – die Liebe, die unerwartet hereinbricht und alles Denken verändert, Worte, die wie aus einer anderen Welt kommen, Musik oder ein Gemälde, was völlig selbst entsteht, als hätte alles ein Eigenleben – das sind Falten, die aufgebrochen werden, wo, wie aus einer Flasche, ein Geist entspringt.  Auch dieser Text hat sich irgendwie entfaltet – wollte ich doch eigentlich etwas über den „heiligen Orgasmus“ schreiben. Der Orgasmus, indem sich alles entfaltet … die Bilder, die Sinne zum Explodieren bringt, verborgene Gefühle nach oben schwemmt, sich wie die Welle verhält, die krachend ans Ufer bricht. Ich wollte mich zu der gewagten Behauptung hinreißen lassen, dass die Wahrheit im Erotischen liegt. Gerne hätte ich mit nur einem Pamphlet alle Genitalien zum Brennen gebracht. Doch das überdenke ich nun und werde es verschieben.  

Wunsch …

„Wir gelangen nicht dazu, die Dinge nach unseren Wünschen zu ändern, aber ganz allmählich macht unser eigenes Wünschen eine Wandlung durch.“
Marcel Proust

kadee mazoni

I’ll be your mirror …

Artist: Wilhelm Gallhof. „The coral chain“, 1910
„I’ll be your mirror
Reflect what you are, in case you don’t know
I’ll be the wind, the rain and the sunset
The light on your door to show that you’re home“
(Velvet Underground)

kadeemazoni

Eifersucht …

… ist der Kern der Liebe. Eifersüchtig ist der Liebende. Ist er es nicht, ist er kein Liebender. Wir lernen am besten von den Dingen, wenn uns etwas zum Denken zwingt – der Liebende gehört dazu, er ist der Ägyptologe, der die Landschaft der Geliebten erforschen MUSS. Sein Eifer, seine Sucht wird für ihn zum Überleben – ein Überleben MÜSSEN in einer fremden Umgebung. Jeder Windstoß des Haares, jede Mimik, jede körperliche Bewegung, jeder Tonfall der Stimme ist geheimnisvoll – jedes Zeichen will er interpretieren. Selbst das Universum, in der sich die Geliebte befindet, bleibt von der Erforschung nicht verschont.

Ja, die ganze Welt stürzt in ein buntes Chaos der Gefühle, all die Zeichen, all die Interpretationen purzeln durcheinander. Es ist zuviel und dennoch nicht genug.

Eifersucht

Kognitiver Fallout …

Die Tempel der Götter sind leer und zerfallen.
Stumm sitzend am selben Fleck, die Seele an den Marterpfahl gehängt. Sein wollen, was man nicht ist, sein müssen, was man nicht will – Papa Gott ist verschwunden – jetzt sind wir auf uns alleine gestellt.
Vater Unser, der Du liegst begraben unter Trümmern Deines Wahns – Dein Reich ist abgebrannt, wie im Himmel so auch auf Erden. Sex! Die Erlösung! Doch es ist zur Ware verkommen, liegt wie abgegriffene Pornohefte, verstaubt auf dem Grabbeltisch.
Kognitiver Fallout!
SIE: Ihr welliges Haar bewegt sanft der Wind. Ihre Augen sind hinter einer Sonnenbrille verborgen. Ihre Lippen, aus denen sie spricht, haben die Farben rot aufgehender Sonnen.
Abhandengekommen ist jeglicher Sinn. Das ist doch ehrlich; gegeben hatte es ihn noch nie.
Götzen der Weisheit haben sich erhoben, Ratgeber sind schwer im Kurs. Niederkniend, die Arme werden länger, den Sinn zu ergreifen, hoffnungslos – er ist, wie Gott, genauso stumm. Der Künstler redet plötzlich von Arbeit, will nicht mehr schaffen, will sich verlieren im Labyrinth der Möglichkeiten – legt seine Stirn in Falten, stöhnt, ist erschöpft – sein Werk schon vor der Geburt zerbrochen. Arbeit, Arbeit über alles …
Jemand entführen, sagt sie, nicht um ihn zu berauben, sondern ihn glücklich zu machen. Sie will verführen, das merke ich und sie redet irgendetwas von Weiblichkeit.
Auf den Schaumkronen der Meere thronen neue Herrscher: Plastikflaschen, Aldi-Tüten, ölige Flecken – geschaffen von fleißigen, strebsamen Händen.
Terror ist der Normalzustand – er muss nicht erst erfunden werden. Die Welt sei eine Vagina, genauso unendlich, ertönt ihre helle Stimme. Ihr Mund formt sich zu einem Lächeln, lässt Grüppchen auf ihren Wangen entstehen. Nicht die Ökonomie, die Ökologie sei das Gebot, sie ist es, aus dem Leben sich gebärt.
Sie dreht sich um, als wollte sie dem Meer was erzählen oder aber vielleicht dem Horizont. Kaum hörbar sind ihre Worte: Noch vor dem Frühstück, flüstert sie gegen den Wind, solle ein jeder, sechs unmögliche Gedanken haben, so wie es die Hexe in „Alice im Wunderland“ sagte. Sie dreht sich zurück, das Haar weht ihr ins Gesicht, holt einen Lippenstift aus ihrer Tasche, zieht damit die Farbe nach, presst die Lippen aufeinander und spricht: »Sechs solcher Gedanken, das ist eine attraktive Übung. So lass es uns machen!« Sie hebt die Sonnenbrille hoch, ihre Augen funkeln wie leuchtende Diamanten. »Verführen«, sagt sie, »so wie der Mond das Wasser an sich zieht, hochtreibt zu einer Springflut… Lass uns Komplotte bilden, Kamele reiten, den Träumen entgegen laufen. Immer dort sein, wo keiner uns vermutet.«
Es klingt nach einer Einladung, die Flut in mir setzt sich in Bewegung, doch dann geht sie fort. Der Sand umweht ihre entblößten Waden, kleiner wird ihre Gestalt – noch sehe ich ihr Kleid im Wind flattern – dann ist sie verschwunden. Sechs unmögliche Gedanken! Zurück bleibt ihr leuchtender Mund, bewegend in meinen Sinnen. Die Götter, sie sind alle tot. Ihre Lippen haben mich ergriffen und ungezwungen, wie aus eigener Kraft, faltet sich mein Herz zum Gebet.

Kadee Mazoni –girl_drops-mazoni

Oh MEIN Gott …

„Gott“: ein schöner Begriff, man sollte ihn alleine für sich gebrauchen. Wenn ich mein Gott sage, dann meine ich es auch so – es gibt ihn nur für mich. Ich will nicht deinen, nicht euren Gott, ich will nur meinen, er gehört mir ganz allein.

Ich glaube nicht an das, was andere mir prophezeien, ich bastele mir alles so zurecht, wie es mir am angenehmsten erscheint. Ich erziehe mir meinen Gott, mitunter verschmelze ich mich mit ihm – ähnlich wie in der Liebe.

Oh mein Gott! Milliarden, Trilliarden von Göttern um mich herum, jeder ist sein eigener – welch ein Chaos. Ich liebe es: die Verworrenheit, das Unbestimmte. Auf dem Unbekannten entstehen die schönsten Schlösser.

Wenn ich den Stern am Himmel stehen sehe, fülle ich mich göttlich – dann ist der Stern geschaffen für mich und ich für ihn. Wenn die Sonnenstrahlen mich durchfluten, dann sind wir eins: die Sonne und ich – wir sind die Welt um die sich alles dreht.

Oh mein Gott: Ich bin so groß – bin all das, was ich sehe. Göttlich sind wir alle. Und wer sagt, dass wir je sterben könnten, niemand hat dafür einen Beweis  erbracht. Was kümmert der Tod, wo wir uns im Leben befinden – Zukunft ist eine böse Illusion.

Das grüne Kissen – Werdet Nomaden Vol.2

„Sie gehört uns wieder
Wer? Die Ewigkeit
Das Meer, das mit
Der Sonne kreist.“ (Rimbaud)

SIE heißt soviel wie „Sieg“ und liegt mit dem Kopf auf dem grünen Kissen, ausgestreckt auf der schwarzen Ledercouch. Wir bilden eine Karawane – das Zimmer ist die Wüste, die Gedanken sind Kamele, auf denen wir den weißen, heißen Sand durchreiten.
Tiefe Spuren hinterlassen unsere Geschichte, doch wenn wir zurück blicken sind die Abdrücke längst verweht.
Werden wir uns wiederfinden?
Verwirrung – wir finden nicht den Anfang und nicht das Ende.
SIE sagt: lass uns kein Bäumchen pflanzen, drückt mir ihre heißen Lippen auf meinen Mund.
Die Sonne umkreist uns und nicht wir die Sonne. Die Karawane zieht unbeirrt davon.

Nur der Sesshafte ist immer Opfer.

heart_trouble_mazoni

NOMADE WERDEN! Vol.1

Wüste umgibt mich – gleißendes Sonnenlicht wirft sich auf unentdeckte Wege. Plötzlich eine Brise, die in die Dünen weht – alles wieder neu beginnt.
Endlich ist sie zurück: die Ewigkeit – hier unterm nackten Himmel. Kein Gedächtnis, das betrübt, keine Hoffnung, die hält. Alles verloren – jetzt erst kann gewonnen werden.
Das Ethos niedergebrannt, die Sprache neu geboren. Aufbauen! – auf bebender Erde. Nomade werden! Kein verharren an einem unglücklichen Punkt. Flüchten. Wüste sich denken, sich bewegen auf rollenden Steinen. Sonne, Sonne … über alles: Brennen wollen, ziellos werden, atemlos – vorwärts kommen. Rennen – dem Horizont entgegen.

Erkenntnis …

Die Erwartung ist die Hoffnungslosigkeit des Augenblicks.