Kadee Mazoni

Autor

Tod in Neapel …?

Ich dachte Neapel beschützt uns alle. Das Ei von Virgil liegt im Untergrund. Der römische Dichter tat es hinein, dort wo das Castel, dell’Ovo sich befindet – es war ca. 70 vor Christi – und solange es dort liegt, bleibt die Stadt vor Unheil beschützt. So dachte ich.

Wir hätten diesen Weg nicht entlang gehen sollen, wir hätten gar nicht mit diesen Engländern die Tour machen sollen. Es war ein Zeichen, es fing alles schon nicht gut an.

Aber Angst entsteht auch aus der Schwäche heraus. Angstbürger gleich schwache Menschen, Angst alles könnte anders werden, nicht mehr so, wie es vorher war, Angst es könnte was passieren, ein Unglück … Doch es geschah.

Hatte sie vielleicht einen falschen Schritt getan? War sie unachtsam in dieser Sekunde, als das geschah? Sie sah nicht gut aus, ihr Rücken war krumm, ihr Gesicht sah sowieso sehr leidend aus, ihre Mundwinkel hingen tief herunter.

Wenn es in der Liebe Zeichen gibt, sie nur von Zeichen lebt, warum nicht auch im übrigen, alltäglichen Leben? Vielleicht sieht man die Zeichen nicht, weil man nicht ständig verliebt ist, weil man zum Beispiel beim Zähneputzen es vergisst oder beim Kochen der Suppe. Das Unglück sticht immer in Normalität hinein, wahrscheinlich stirbt man in jenem Moment, wo man es am allerwenigsten vermutet – stirbt man dort, wo man nicht dagegen versichert ist.

Nein, ich hab an das Ei nicht geglaubt, nicht im Kopf, mein Gehirn ist dazu zu deutsch – aber als Option hatte ich es in Betracht gezogen. Genauso, wie man viele Ausgänge braucht, viele Hintertüren, so denke ich, braucht man auch viele Optionen. Eine wichtige, nicht realistische Option hatte ich mir einst erdacht, nämlich, dass man gar nicht sterben könne. Ich dachte mir, tot sein, das geht nicht – tot ist man, wenn man für tot erklärt wird, immer nur für die anderen und niemals für sich selbst. Es ist eine wichtige Option, eine Erfindung, die mir einen großen Teil der Angst nimmt. Man sollte immer was für sich erfinden, ein Märchen, eins, das nur einen selbst betrifft. Da man ja nur für sich selbst lebt und auch gar nicht sterben kann, halte ich das für eine passable Methode.

Die Englander hatten zuvor schon ihr Schiff verpasst und wir mussten zwei Stunden auf sie warten. War das ein Zeichen? Als sie endlich da waren, zogen wir mit ihnen los. Sie und er, ein sonderbares Paar. Zuerst redeten sie nicht viel und ich dachte, sie würden überhaupt nie viel sprechen. Doch je mehr wir gingen, desto gesprächiger wurden sie. Er musste mir unbedingt, während ich was über Neapel erzählte, mir erklären, wie es aussieht, woher sie kommen. Ich konnte nicht alles verstehen, mein Englisch ist nur mittelmäßig, mein Italienisch sehr schlecht. Eigentlich bin ich ein Alien, ein Fremder, ein Ausländer – und an diesem Tag ein Touristenführer. Ich überbrückte seine Worte, die ich kaum verstand, mit einem freundlichen Gesicht, tat so, als könnte ich ihm folgen.

Aber wir mussten doch durch diese Strasse gehen, es führte kein Weg daran vorbei. Außerdem ist es die Strasse, die mir am besten gefällt. Ich will auch das Beste zeigen, mich selber immer wieder von meiner eigenen Begeisterung treiben lassen. Aus Nottingham kamen sie, nicht direkt, sondern aus der Umgebung. Es soll da ein Schloss stehen, was sehr alt und wunderschön ist, wahrscheinlich, so vermutete er, entstamme es aus dem Mittelalter. Das sagte er mir, während wir durch die engen Gassen des spanischen Viertels gingen, die kleinen Läden geöffnet hatten und ihre Waren feil boten, Roller an uns vorbeifuhren, Wäsche auf den Leinen hingen und Musik aus den Wohnungen dröhnten. Dies sei ein ärmeres Viertel, sagte ich, Neapel würde sein Gesicht alle hundert Meter wechseln. Robin Hood sei in seiner Gegend zu Hause gewesen und das Schloss hätte mehr als hundert Zimmer. Das Pflaster, auf dem wir gehen, fuhr ich fort, sei aus Vulkangestein. Ich hatte ihn nicht recht verstanden, dachte, sie Beide würden in dem Schloss mit den vielen Zimmern wohnen und fragte nach, ob sie die Zimmer vermieten würden. Nein, nein, sie haben nur ein kleines, sehr kleines Haus in unmittelbarer Umgebung.

Nicht, dass ich Touristen nicht mag – meisten mag ich sie schon. Freue mich, wenn sie sich über die Stadt freuen , wenn sie neue Eindrücke mitbekommen. Es immer richtig, sich aus seiner angestammten Heimat, sei es auch nur einen Augenblick, zu entfernen. Es ist wie in einer Beziehung, um Nähe zu genießen, muss man sich auch mal entfernen. Vielleicht reden viele deswegen von ihrem Zuhause, weil sie jetzt erst die Möglichkeit haben, es von außen zu betrachten – was man verlässt, wird erst richtig geschätzt.

Warm war es an diesem Tag und wir zogen unsere Jacken aus. Die Sonne schien aus einem knallblauen Himmel und auch das Meer leuchtete türkisblau. In wenigen Tagen werde ich Neapel verlassen, nach Berlin oder Hamburg gehen. Es machte mich ein wenig traurig, das, was ich heute zeigte, bald selber nicht mehr zu sehen. Ja, ich werde wieder nach Deutschland gehen, in meiner Sprache mich bewegen, ich werde die Menschen wieder verstehen können, jeden Schwachsinn aufnehmen können. Ich werde mir Probleme anhören und mir selber welche schaffen, die ich vorher, hier, nicht hatte. Aber ich werde auch an der Bar sitzen und wenn wir angetrunken sind, mich nett unterhalten, mich köstlich amüsieren. Ich werde mich imAuto anschnallen, auf jeden Polizisten achten, der lauernd darauf wartet, mich zu belehren, wenn ich mich falsch verhalten habe. Ich werde ins Sicherheitsland zurückkehren, brav auf dem Zebrastreifen die Strasse überqueren …

Die Motorrollerfahrer sind die Helden hier, sagte ich, sie fahren kreuz und quer, fast fliegen sie über all dem Verkehr. Vielleicht sind sie ja Engel. Hätte ich das sagen sollen?

Als am Ende der Krippenstrasse ein Mann auf seiner Gitarre traurige neapolitanische Lieder spielte, hielt ich an, hörte zu. Die anderen waren verschwunden. Ich warf ihm ein Geldstück in seine Mütze, er spielte einfach weiter, ohne sich zu bedanken. Das gefiel mir. Als das Lied zu Ende war, rief ich laut „Bravo“ – da lachte er und freute sich. Leute, schräg gegenüber auf der Bank, wahrscheinlich Anwohner, klatschten ebenfalls – es waren alles Frauen. Die Engländer kamen zusammen mit Alex zurück und wir gingen weiter. Gerne hätte ich dem Gitarrenspieler weiter gelauscht – Lied für Lied. Wir alle hätten es machen sollen, dann wäre alles anders gekommen. Wir hätten ihm Geldstück für Geldstück, so viel wir in den Taschen hatten, ihn zuwerfen sollen, nur nicht um die Ecke biegen müssen. Doch wir taten es, bogen in die Via Tribunale ein. Die Strasse war voll, es war Samstag.

Es geschah vor dem Eingang, wo ich gewohnt hatte. Ein Zeichen? Ich ging voran, bahnte mir den Weg durch die Menge. . Ich weiß nicht, was ich gedacht hatte, aber ich hatte Hunger.

Hörte ich noch das Geräusch oder glaubte ich nur im nach herein es gehört zu haben? Der Roller – er drängte sich durch die Menge. Dann: Atemlose Stille. Er, der Fahrer mit dem Roller, der Engel der Strasse – es war nur ein Bruchteil von Sekunden – flog im Zeitlupentempo, flog hinein in die Stille. Kurz darauf ein lautes Krachen, zeitgleich mit lautem Geschrei. Neben einem Eisenpfeiler blieb er regungslos liegen. Geschockt von dem, was ich sah, rief ich „nein!“ in die Menge hinein, so als könnte ich damit verbieten, was vor meinen Augen geschah. Schnell wollte ich zum Liegenden eilen, doch bevor ich die Strasse überqueren konnte, war er schon von anderen Leuten umringt. Ich wollte was tun, helfen, irgendetwas, da sein für ihn, aber schon bildete sich um ihn herum ein Kreis von Menschen. Entsetzt sah ich ihn dort liegen, er bewegte sich nicht, hatte sein Gesicht auf den Boden gedrückt, während die Räder des Rollers sich weiter drehten. Die ganze Strasse war im Nu verstopft, andere Rollerfahrer hupten, um durch die Menge zu kommen – Menschen traten aus ihren Läden heraus. Vor dem Kopf des Gefallenen der Eisenpfeiler, an dem er sich wahrscheinlich gestoßen hatte und noch immer lag sein Körper bewegungslos auf den Jahrhunderten alten Pflastersteinen. Tot? Seine Beine waren ausgebreitet, auch in ihnen gab es keine Regung mehr. Tot? Wieso, wenn er lebte, war sein Gesicht unter seinem schwarzen Helm auf den Boden gedrückt? Er müsste doch atmen wollen, schlussfolgerte ich entsetzt, in all diesen kurzen Sekunden. Weitere Menschenmassen versammelten sich an dem Unfallort, drängten sich in dieser schmalen Strasse zu ihm hin.

Tot? Endlich glaubte ich, zwischen der Lücke all der Menschen, sehen zu können, wie sich unter seiner grauen Jacke seine Schulter hob. Doch ich war mir nicht sicher, ob von fremder Hand die Schulter angehoben wurde oder er es aus eigener Kraft tat. Die Bewegung seines Körpers, wie auch immer sie zu Stande kam, verschaffte mir Erleichterung und ich drehte mich um, zu schauen, wo meine Leute abgeblieben waren. Da hörte ich Alex‘ Stimme, entsetzt rief er aus: „Oh my god!“. Er umfasste die Engländerin, stützte sie ab, ich hörte ihn noch sagen, sie müsse sofort ins Krankenhaus. Es war, als hätte sich eine dunkle Wolke des Unheils über die Umgebung gelegt, ein Virus voller Katastrophen sich ausgebreitet. Blässe hatte sich auf das Gesicht der Engländerin gelegt ihr Gesicht, es war als hätte sie einen Schwächeanfall bekommen und würde jeden Moment zum Boden sinken. Wir sollten schnell weiter gehen, sagte ihr Mann, noch ehe ich begriff, was geschehen war. Dann erst sah ich, ihr Arm war angeschwollen und in hektischen Worten klärte mich Alex auf, dass sie vom Roller erfasst wurde, durch die Gegend geschleudert wurde und ihr Mann sie noch rechtzeitig auffangen konnte. Alles sei nicht so schlimm, redete ihr Mann auf uns ein, er kenne es, sie schwelle schnell an, es sei schlimmer als es aussieht, sprach er für sie.

Wir sollten zumindest eine Salbe aus der Apotheke für sie besorgen, meinte ich. Jetzt auch sprach sie, die Blasse, die zuvor Verstummte und meinte, dass alles gut sei und sie keine Salbe brauche, das würde nichts bringen.

Um den liegenden Motorradfahrer hatten sich noch mehr Menschen versammelt, Polizisten bahnten sich den Weg durch die Menge und wir bogen in die Seitengasse ein, wo es ruhiger war, führten unsere Engländer weg vom Geschehen, versuchten sie zu beruhigen. In der schmalen Gasse bewegte sie die Hand des geschwollenen Arms, um uns zu demonstrieren, dass nichts gebrochen sei. Zwischen mittelalterlichen Gassen und morbiden Häusern, in denen kaum Sonne dringt, setzten wir unseren Gang fort. Vorbei gingen wir an einem Eingang, indem eine alte, gebeugte Frau stand, uns ihre verkrüppelten Fingern entgegen streckte und uns mit markerschütternder, gebrochener Stimme etwas zurief, was wir nicht verstehen konnten.

Endlich bogen wir ein, hin zum lichteren Kirchenplatz, als uns ein bärtiger Mann mit verwittertem Gesicht den Weg versperrte. Rote Plastikpeperoni – Neapels Glücksbringer – schwenkte er uns entgegen und schrie dabei laut „Fortuna, Fortuna!“. Wir wollten an ihm vor kommen, er aber ließ nicht locker, kam uns hinterher. Da erinnerte ich mich an die Zeichen, kaufte ihm ein Glücksbringer ab, nahm diesen und hängte der Engländerin ihn an ihre Tasche. „Per Fortuna“, sagte ich ihr, sie freute sich, strahlte über das ganze Gesicht.

Fortuna – wir können es alle gebrauchen.

Fortuna – für den Rollerfahrer, dem hoffentlich nicht an diesem Tag sein Leben genommen wurde. Fortuna – für alle gefallenen Engel, damit ihnen nie Flügel gebrochen werden.

Fortuna – das uns beschützt vor dem Unglück, das hinter jeder Ecke lauert.

Vielleicht braucht jeder Mensch ein Symbol, eins, was er für sich selbst erfunden hat – vielleicht braucht jeder einen Glauben, einen, der nur ihm gehört.

(Kadee Mazoni)
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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 19. Oktober 2015 von in Gedanken, Geschichten und getaggt mit , , , , .

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