Kadee Mazoni

Autor

Das größte Ereignis aller Zeiten …

Ich bin so groß wie das was ich sehe, sagt Pessoa.

Im Jahr 2017 passierte etwas, was die Menschheit noch nie erlebte: Ein Foto „870 million miles away from home“ wurde von ihr gemacht – die Raumsonde „Cassini“ hatte es vollbracht. Und da sahen wir uns: unsere Erde, neben dem Planeten Saturn – sahen uns als einen kleinen Spot. EinEreignis, was alle Ereignisse übertrifft. Wo ist oben? Wo ist unten? Wo der Himmel und wo finden wir noch Halt?

Unsere Erde als kleiner Punkt.  Alles Leben ( zumindest unseres Sonnensystems) hat sich hier auf diesem Stückchen Fleckt versammelt. Wenn überhaupt von Leben geredet werden kann, steht es nur in der Verbindung mit der Erde. Wenn Gedanken, Schmerz, Glück und Leidenschaften sich bilden, ist es nur auf diesem kleinen Punkt, den wir auf dem Foto sehen, möglich.

Wie absurd erscheint es bei dieser entfernten Betrachtung, dass auf diesem kleinen blauen Planeten, auf dem sich alles Leben unseres Sonnensystems drängt, es so viel Streit und Kriege um Kleinlichkeiten gibt.

Ich bin so groß … Die Vorstellung, ich hätte mich auf die Reise gemacht und wäre nach zwanzig Jahren dort angelangt, von wo die Raumsonde das Bild geschossen hatte und ich würde neben den Saturn-Ringen schweben, aus dem Fenster meines Raumhelms von dort auf die Erde blicken – wäre es dann nicht wunderbar, nach all der Zeit und all der Entfernung, immer noch in meinem  Geiste das Bild von deinem Gesicht vor mir zu haben? Würde ich gar denken, dass die Ungeheuerlichkeit,  Milliarden Kilometer entfernt von der Erde zu sein, nichts dagegen sei, dass es dich gibt, dass du einst auf dem kleinen Punkt, den ich nur verschwommen sehe, geboren warst. Was spielte da noch Raum und Zeit und all die Entfernung für eine Bedeutung, wenn dein Lächeln  sich tief in mir vergraben hätte.

Ein Mann im Mond war einst ein Astronaut und er heißt Jim Lovell. Zweimal war er dort und konnte aus dieser Entfernung auf die Erde blicken. Was er sah, veränderte sein Bewusstsein. Wir sollten glücklich sein, auf unserem Planeten leben zu können, meinte er. Die Hoffnung vieler Menschen nach dem Tod in den Himmel zu kommen, hielt er für aberwitzig. „In reality, if you think about it, you go to heaven when you’re born“, antwortete er. Wenn ein Wunder zur Normalität wird, wird man es als solches nicht mehr empfinden. Doch jeder Mensch, den wir hassen oder lieben, den wir im Mittelmeer ertrinken lassen, gegen den wir Kriege führen oder den wir neben uns im Bett berühren – ja auch das Kücken, das mit leuchtendem gelben Gefieder aus dem Ei schlüpft ist ein Mysterium und trägt eine eigene Welt in sich. Furchtbare, ausgedachte Götter wollen uns auf ein Paradies nach dem Leben verweisen, doch das Paradies ist hier, auf der Erde, wo wir stehen und die Luft durch unsere Lungen atmen. Das Paradies ist, wo sowohl Depression, Krankheit als auch Freude und Glück herrscht – nirgendwo ist die Verzweiflung, Hoffnung und Zufriedenheit am größten. Schau nur hinein in den Sternenhimmel und du müsstest deine Existenz, selbst mit dem Negativen restlos bejahen.

Einst dachte ich, die Sterne würden nur deswegen existieren, weil wir sie sehen können. Ihr Funkeln müsste sowas wie Liebe sein, in der sie zu uns strahlen. Zumindest, auch wenn wir so klein zu all den anderen Planeten sind, sind wir doch so groß, weil wir sie sehen können. Großartig  sind wir in unseren Vorstellungen, dass wir in uns erfassen können, wohin wir wahrscheinlich nie gelangen werden. Aus unseren Körpern können wir heraustreten, nur mit unserem Geist eine Reise antreten, die noch keine Wirklichkeit ist. Je mehr Grenzen wir in unserem Denken durchbrechen, desto eher werden wir an unsere Träume gelangen – so wie das künstliche Auge „Cassini“ – geschaffen aus menschlichem Verstand und Handwerk – uns dieses Foto lieferte.

Kann sich der Mensch überhaupt je restlos erdenken, worin er sich befindet? Wäre das All nicht unendlich, würde es nicht auseinander driften, wir würden einen helllichten Nachhimmel haben. Wird unser Verstand je in der Lage sein, solch eine Ewigkeit denken zu können – eine Ewigkeit ohne Anfang, ohne Ende? Wie großartig müssten wir über uns hinauswachsen, um erfühlen zu können, was das bedeutet? Oben, unten, Zeit, Geburt und Tod würde es nicht mehr geben, alles Sein würden wir als einen endlosen Strom fühlen. Und tatsächlich ist um uns herum alles aufgelöst, die Begriffe sind nur menschlicher Halt, um sich orientieren zu können.

Wir schweben im luftleeren Raum umher – was ist es, was uns hält? Wir rotieren in schwindelerregender  Geschwindigkeit um unsere eigene Achse wir … Unfassbar ist alles, unfassbar für den menschlichen Verstand.

Das größte Ereignis ist das „Cassini“-Foto, was ich sehe. Die Größe des Ereignis betrifft mich, weil es mich zu diesem Text anregt. Jede und jeder trägt sein eigenes Universum mit sich spazieren und füttert seine eigene Wahrheit hinein.

Ich bin so groß was ich sehe … und ich sehe dein Gesicht, währende ich neben dem Saturn schwebe und alles, wäre ich dort, würde ich geben, weitere zwanzig Jahre auf mich zu nehmen (das wären dann schon vierzig) um an den Ufern des Paradies zu stehen, das Rauschen der Wellen  zu vernehmen, die Luft tief in mich zu inhalieren und darauf zu warten, die Fussabdrücke im weißen Sand zu sehen, du du machtest, als du aus weiter Entfernung auf mich zugelaufen kämest, wir uns umarmten, unsere Körper spürten und zusammen in der brodelten See badeten. Mein Verstand, nach der langen Reise, wäre ein Fluss ohne Halt und die Vorstellung, was Ewigkeit wäre, fände ich darin, was Liebe ist, hier mit dir auf Erden.

„Von meinem Dorf aus sehe ich, was man auf Erden vom Weltall sehen kann …

Darum ist mein Dorf auch so groß wie irgendein anderes Land,

Denn ich bin so groß wie das, was ich sehe,

Und nicht so groß wie ich bin …“ (Fernando Pessoa)

saturn-kadeemazoni

Der Pfeil verweist auf die Erde

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 6. Januar 2018 von in Allgemein, Gedanken und getaggt mit , , , , , , , , .
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