Das größte Ereignis aller Zeiten …

Ich bin so groß wie das was ich sehe, sagt Pessoa.

Im Jahr 2017 passierte etwas, was die Menschheit noch nie erlebte: Ein Foto „870 million miles away from home“ wurde von ihr gemacht – die Raumsonde „Cassini“ hatte es vollbracht. Und da sahen wir uns: unsere Erde, neben dem Planeten Saturn – sahen uns als einen kleinen Spot. EinEreignis, was alle Ereignisse übertrifft. Wo ist oben? Wo ist unten? Wo der Himmel und wo finden wir noch Halt?

Unsere Erde als kleiner Punkt.  Alles Leben ( zumindest unseres Sonnensystems) hat sich hier auf diesem Stückchen Fleckt versammelt. Wenn überhaupt von Leben geredet werden kann, steht es nur in der Verbindung mit der Erde. Wenn Gedanken, Schmerz, Glück und Leidenschaften sich bilden, ist es nur auf diesem kleinen Punkt, den wir auf dem Foto sehen, möglich.

Wie absurd erscheint es bei dieser entfernten Betrachtung, dass auf diesem kleinen blauen Planeten, auf dem sich alles Leben unseres Sonnensystems drängt, es so viel Streit und Kriege um Kleinlichkeiten gibt.

Ich bin so groß … Die Vorstellung, ich hätte mich auf die Reise gemacht und wäre nach zwanzig Jahren dort angelangt, von wo die Raumsonde das Bild geschossen hatte und ich würde neben den Saturn-Ringen schweben, aus dem Fenster meines Raumhelms von dort auf die Erde blicken – wäre es dann nicht wunderbar, nach all der Zeit und all der Entfernung, immer noch in meinem  Geiste das Bild von deinem Gesicht vor mir zu haben? Würde ich gar denken, dass die Ungeheuerlichkeit,  Milliarden Kilometer entfernt von der Erde zu sein, nichts dagegen sei, dass es dich gibt, dass du einst auf dem kleinen Punkt, den ich nur verschwommen sehe, geboren warst. Was spielte da noch Raum und Zeit und all die Entfernung für eine Bedeutung, wenn dein Lächeln  sich tief in mir vergraben hätte.

Ein Mann im Mond war einst ein Astronaut und er heißt Jim Lovell. Zweimal war er dort und konnte aus dieser Entfernung auf die Erde blicken. Was er sah, veränderte sein Bewusstsein. Wir sollten glücklich sein, auf unserem Planeten leben zu können, meinte er. Die Hoffnung vieler Menschen nach dem Tod in den Himmel zu kommen, hielt er für aberwitzig. „In reality, if you think about it, you go to heaven when you’re born“, antwortete er. Wenn ein Wunder zur Normalität wird, wird man es als solches nicht mehr empfinden. Doch jeder Mensch, den wir hassen oder lieben, den wir im Mittelmeer ertrinken lassen, gegen den wir Kriege führen oder den wir neben uns im Bett berühren – ja auch das Kücken, das mit leuchtendem gelben Gefieder aus dem Ei schlüpft ist ein Mysterium und trägt eine eigene Welt in sich. Furchtbare, ausgedachte Götter wollen uns auf ein Paradies nach dem Leben verweisen, doch das Paradies ist hier, auf der Erde, wo wir stehen und die Luft durch unsere Lungen atmen. Das Paradies ist, wo sowohl Depression, Krankheit als auch Freude und Glück herrscht – nirgendwo ist die Verzweiflung, Hoffnung und Zufriedenheit am größten. Schau nur hinein in den Sternenhimmel und du müsstest deine Existenz, selbst mit dem Negativen restlos bejahen.

Einst dachte ich, die Sterne würden nur deswegen existieren, weil wir sie sehen können. Ihr Funkeln müsste sowas wie Liebe sein, in der sie zu uns strahlen. Zumindest, auch wenn wir so klein zu all den anderen Planeten sind, sind wir doch so groß, weil wir sie sehen können. Großartig  sind wir in unseren Vorstellungen, dass wir in uns erfassen können, wohin wir wahrscheinlich nie gelangen werden. Aus unseren Körpern können wir heraustreten, nur mit unserem Geist eine Reise antreten, die noch keine Wirklichkeit ist. Je mehr Grenzen wir in unserem Denken durchbrechen, desto eher werden wir an unsere Träume gelangen – so wie das künstliche Auge „Cassini“ – geschaffen aus menschlichem Verstand und Handwerk – uns dieses Foto lieferte.

Kann sich der Mensch überhaupt je restlos erdenken, worin er sich befindet? Wäre das All nicht unendlich, würde es nicht auseinander driften, wir würden einen helllichten Nachhimmel haben. Wird unser Verstand je in der Lage sein, solch eine Ewigkeit denken zu können – eine Ewigkeit ohne Anfang, ohne Ende? Wie großartig müssten wir über uns hinauswachsen, um erfühlen zu können, was das bedeutet? Oben, unten, Zeit, Geburt und Tod würde es nicht mehr geben, alles Sein würden wir als einen endlosen Strom fühlen. Und tatsächlich ist um uns herum alles aufgelöst, die Begriffe sind nur menschlicher Halt, um sich orientieren zu können.

Wir schweben im luftleeren Raum umher – was ist es, was uns hält? Wir rotieren in schwindelerregender  Geschwindigkeit um unsere eigene Achse wir … Unfassbar ist alles, unfassbar für den menschlichen Verstand.

Das größte Ereignis ist das „Cassini“-Foto, was ich sehe. Die Größe des Ereignis betrifft mich, weil es mich zu diesem Text anregt. Jede und jeder trägt sein eigenes Universum mit sich spazieren und füttert seine eigene Wahrheit hinein.

Ich bin so groß was ich sehe … und ich sehe dein Gesicht, währende ich neben dem Saturn schwebe und alles, wäre ich dort, würde ich geben, weitere zwanzig Jahre auf mich zu nehmen (das wären dann schon vierzig) um an den Ufern des Paradies zu stehen, das Rauschen der Wellen  zu vernehmen, die Luft tief in mich zu inhalieren und darauf zu warten, die Fussabdrücke im weißen Sand zu sehen, du du machtest, als du aus weiter Entfernung auf mich zugelaufen kämest, wir uns umarmten, unsere Körper spürten und zusammen in der brodelten See badeten. Mein Verstand, nach der langen Reise, wäre ein Fluss ohne Halt und die Vorstellung, was Ewigkeit wäre, fände ich darin, was Liebe ist, hier mit dir auf Erden.

„Von meinem Dorf aus sehe ich, was man auf Erden vom Weltall sehen kann …

Darum ist mein Dorf auch so groß wie irgendein anderes Land,

Denn ich bin so groß wie das, was ich sehe,

Und nicht so groß wie ich bin …“ (Fernando Pessoa)

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Der Pfeil verweist auf die Erde

„Wo man liebt, wird es niemals Nacht“

Nicht der Roman hat sich dem Leben anzupassen … und jetzt quäle ich mich, das kleine Verbindungsstück, diese letzte Brücke, diese wenigen Worte zum letzten Kapitel zu finden. Werde ich es heute schaffen, oder mich wieder ablenken lassen, abwaschen, Kaffee kochen, dumme Gespräche führen, nur um mich vor dem letzten Abschnitt zu drücken?

Im Geiste bin ich in Afrika, physisch in Hamburg, ich tanze in Dakar mit den bunt gekleideten Frauen Voodoo Tänze … Die Brücke muss gebaut werden – heute (oder doch morgen?). Ich fühle mich nicht mehr frei, bin Gefangener meiner eigenen Geschichte. Frei bin ich erst wieder wenn …

Plötzlich taucht Sira auf, eine senegalesische Sängerin und Gitarristin – eine  Teuflin, die verführen will. Sie kennt Europa, sie kennt die westlichen Freiheiten, die es im Senegal so nicht gibt. Trotzdem will sie hier bleiben, in Dakar und versucht es den beiden zu erklären: es sei was Körperliches, das es in Europa so nicht gäbe.

Ja, Cate und Melissa sind in Dakar, eigentlich auf der Durchreise weiter in den Süden, auf der Spur des alten Onkels. Und tatsächlich im letzten Kapitel haben sie ihn gefunden – im letzten Kapitel, was schon geschrieben wurde

Das Leben dem Roman anpassen: zweitausend Kilometer bin ich hin nach Amalfi gefahren, saß auf einem Berg in Pontone, um weiter am Roman zu schreiben. Zweitausend Kilometer fuhr ich wieder nach Hamburg zurück, weil die Einsamkeit mich dort erdrückte. Mit dem Schreiben bin ich zugleich auf der Suche nach einem geeigneten Platz auf der Welt, den ich nicht gefunden habe. Der geeignete Platz ist die Fiktion, ist der Roman selbst. Eine Welt erfinden, die es noch nicht gibt – eine in der ich mich wohlfühle und machen kann was ich will, eine, die mich vom Alltag entfernt. Wenn das Schreiben still steht, stehe ich gleichfalls bewegungslos vor einem Abgrund, bin ich dem Alltag  ausgeliefert. Also: es gibt kein zurück – ich werde von meiner Reise – und auch der von Melissa und Cate – weiter berichten.

„Wo man liebt, wird es niemals Nacht“ (afrikanische Weisheit)

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AFRICA …

Africa“ heißt der Roman an dem ich schreibe. Eine Liebesgeschichte zweier Frauen. Ich lasse sie Cate erzählen.

Melissa ist neunzehn Jahre alt, ihre Urahnen kommen aus Afrika, sie aber war selbst noch nie dort. Sie lernt die zehn Jahre ältere Cate in einem Club kennen, just an dem Tag, als diese mit ihrem Mann Schluss gemacht hat. Für Cate, wird sich durch die Begegnung mit Melissa ihr Leben gewaltig verändern, denn die dunkelhäutige, junge Schönheit ist sehr offensiv; was sie sich in den Kopf setzt, will sie auch kriegen – und sie will Cate, will sie dominieren, nicht um sie zu besitzen, sondern um mit ihr Grenzen zu überwinden. Der Eingang zum Herzen, zur Seele, zum Verstand, überhaupt zu allem Sein, so Melissas feste Überzeugung, liege in der Erotik. Wir sind nicht aus dem Paradies vertrieben worden, weil wir von dem Baum der Erkenntnis genascht haben – so Melissa – sondern wir werden gehindert, dorthin zu kommen, weil wir in den Apfel, den uns die Weiblichkeit in der Person von Eva hingehalten, nie gebissen haben. Der Weg zum Paradies, das in jedem von uns steckt, sei, der Verführung nachzugeben.

Cate lässt sich verführen und erlebt mit ihr eine Liebe, von der sie nie glaubte, dass so etwas existieren je könnte. Cate packt ihre Sachen zusammen und zieht zu Melissa. Zusammen erleben sie eine Zeit im Rausch ihrer Gefühle zueinander und Melissas Wohnung wird zu einem paradiesähnlichen Ort. Das allerdings geht nur solange gut, wie Melissas Vater ihre Tochter finanziell unterstützt. Eines Tages tritt die bittere Botschaft ein: die Firma des Vaters musste Konkurs anmelden, Melissas Vater ist pleite und kann weder die Tochter noch ihre teure Wohnung weiter finanzieren – die Unterkunft der beiden muss geräumt werden. Was also tun? Melissa verfügt über keinerlei Einkünfte, Cate lebt nur von dem wenigen Geld ihres Stipendiums. Einige Zeit versuchen beide die Situation zu ignorieren, vernichten Rechnungen, Mahnungen und bezahlen keine Miete mehr. Das Unheil rückt näher, das Liebesnest der beiden ist bedroht; eine Entscheidung muss gefällt werden. Melissa lehnt es kategorisch ab, arbeiten zu gehen; sie will die kostbare Zeit, die sie mit ihrer Geliebten verbringt, nicht mit inhaltslosen Jobs eintauschen. Auch will sie nicht, so wie Cate es vorschlägt, in Cate’s kleine Wohnung umziehen. Melissa meint, es müsse immer nach vorne gehen und niemals zurück. Da kommt ihr die Idee:

Was glaubst du wie alt mein Onkel ist?“, fragte Melissa mich.

Ich weiß nicht, wenn es dein Onkel ist, kann er noch nicht so alt sein …“

Ach du. Er ist doch nicht mein Onkel im eigentlichen Sinne. Er ist der Onkel vom Onkel vom Onkel …“

Also dann ist er schon älter“.

Ja natürlich ist er älter, wenn er der Onkel von mehreren Onkeln ist. Also was glaubst du, wie alt ist er?“

Dazu müsste ich wissen, wie alt die anderen Onkel sind“.

Meine Güte Cate, du bist wie eine Mathe-Leherin. Woher soll ich wissen, wie alt die alle sind, weder kenne ich sie, noch interessieren sie mich.“

Woher soll ich ohne Anhaltspunkte wissen, wie alt dein Onkel ist?“

Du verdirbst mir noch die ganze Geschichte mit deiner Genauigkeit. Musst du alles so penibel unter die Lupe nehmen? Ich hab ihn nur ‚Onkel‘ genannt, weil ich seinen Namen nicht kenne. Cate, schätze jetzt einfach wie alt er ist?“

Ok. Fünfundsechzig“, erdachte ich mir eine Zahl.

Fünfundsechzig?! Wie kommst du darauf?“

Ich hab’s mir ausgedacht.“

Warum sollte ich dir eine Geschichte eines Fünfundsechzigjährigen erzählen, das wäre total banal.“

Verdammt Melissa, sag mir einfach wie alt er war.“

Wieso ‚war‘? Er lebt noch.“

Melissa! Wie alt ist er?“

Hundertsiebenundzwanzig!“, strahlte sie mich triumphierend an.

Ja, wow! Und was war denn nun mit diesem alten Mann, der in einer Strohhütte wohnt und nicht dein Onkel ist?“

Hab ich vergessen!“

Was?“

Melissa will nach Afrika, den „Onkel“ finden, der vor seiner Hütte irgendwo am Wasser sitzt. Was für ein Gewässer soll es sein, welcher Ort und auch welcher Mann? Melissa weiß es selbst nicht, aber sie ist sich sicher, sie wird ihn antreffen.

Natürlich erscheint es Cate absurd, einen 127-jährigen Mann, von dem niemand weiß, ob er lebt, zu suchen, um von ihm die Erkenntnis über das Leben zu erfahren. Doch schließlich lässt sie sich überreden, besser: lässt sich von ihrer Geliebten verführen und willigt ein, mit auf die Reise zu kommen.

Eine Party wird veranstaltet, auf der, bis auf wenige Dinge, all ihr Hab und Gut verkauft werden. Der Verkauf ist ein voller Erfolg und aus dem Erlös kaufen sich Melissa und Cate einen alten Ford Bus, bauen ihn zu einem Wohnmobil aus. Die Reise kann beginnen.

Das ist die Vorgeschichte.

Mittlerweile ist die Geschichte auf Seite 311 angelangt. Viel ist passiert und jetzt, wo diese Worte hier niederschreiben werden, sind Melissa und Cate auf dem Weg von Frankreich hin zur spanischen Grenze. Manchmal müssen sie länger an Orten verweilen, weil der Autor nicht gut drauf ist, Geldverdienen muss, oder für wenig Geld bestochen wird als Ghostwriter eine beknackte Vampir-Geschichte zu schreiben. Aber er will die beiden Mädels nicht alleine lassen, sie haben nicht einmal die Hälfte ihrer Strecke zurückgelegt. Es ist dem Schreiber egal, ob das Buch jemals veröffentlicht wird, jetzt geht es nur darum Cate und Melissa von Erlebnis zu Erlebnis, von Ort zu Ort voranzutreiben. Er ist die Energie, mit der sich die Welt in dieser Geschichte dreht.

Selbst, wenn es draußen kalt und der Himmel verdunkelt ist, der Autor muss den Motor ihres Autos immer neu anschmeißen, er muss der Realität absagen, alleine in seinem Zimmer sitzen und schreiben und schreiben und schreiben …

Welch schöner Wahnsinn!

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Gefaltete Seele

Als ich erwachte, die Augen öffnete und das Licht durch mein Fenster erblickte, überkam mich ein eigenartiges, ichbezogenes Weltgefühl, eines, was manchmal Menschen zu sich empfinden, eben weil sie Menschen und in der Lage sind, ihr Dasein in verschiedene Richtungen zu denken. Der lichte Tag brach in jenem Moment herein, der zwischen Traum und Erwachen stand, jener also, wo man nicht so recht weiß, in welcher Realität man sich real befindet; in der des Taumelns oder der, der vermeintlichen Beständigkeit. Es dauerte nicht lange, da war die Traumwelt – diese schöne Braut – wie mit einem Schwamm von der Tafel des Bewusstseins gewischt und verloschen, und ich fand mich dort wieder, wo meine nächtliche Reise begann, in meinem Bett, mit dem Kopf auf einem zerknitterten Kissen.

Ich ordnete das Kissen, auf dem ich lag, bog es zurecht, sodass ich den Baum vor meinem Fenster erblickten konnte und sah, wie auf einem Ast sich eine Taube niederließ und mit flatternden, ungeschicktem Flügelaufschlag sich wieder entfernte. Verschwommen waren bis dato meine Sinne, noch nicht im Getriebe der Alltäglichkeiten eingepasst, frei noch und fern von beklemmenden Verpflichtungen, die Zeit irgendwie ausfüllen zu müssen.

Da brach die Idee, wie ein Fötus aus mir heraus, der Gedanke, dass das Morgenlicht, der Baum, die Äste und auch die Taube ein Teil von mir seien, dass, wenn ich nicht erwacht, diese Welt mit mir im Schlaf versunken geblieben wäre.

Wie könnte, so mutmaßte ich dreist, die Erde sich ohne mich weiterdrehen, wie das Blatt des Baumes auf dem die Taube saß, sich bewegen, das Licht durch mein Fenster scheinen? Sind denn nicht mein Atem, mein Herzschlag, das pulsierende Blut in meinen Adern an die Erde gebunden? Und der Kosmos, verstieg ich mich egomanisch weiter, ist er nicht auch für mich erschaffen worden. Der Stern, der am nächtlichen Himmel funkelt, hab ich ihn wohlmöglich selbst erfunden? Der Beweis, dass alles so ist, wie es ist, kann doch nur erbracht werden, wenn ich es bin, der ihn aufnehmen kann, wenn ich ihn verstehe. Wer schon könnte mir den Nachweis erbringen, dass alles Leben und Treiben, jede Melodie, jeder Herzschlag, jeder Glanz in den Augen, jede Welle, die sich in den Ozeanen erhebt, jede Katze, die auf die Mauer springt, jeder Laut und jede Stimme, die ich höre … fortbesteht, blieben an dem Morgen meine Augenlider verschlossen?

Vielleicht war dieses Gefühl, was mich an diesem Morgen beherrschte, banal, aber dennoch blieb ich regungslos im Bett liegen, um ja nichts von dieser Ungeheuerlichkeit zu abzuschütteln.

Ich könnte, so sinnierte ich, während ich ängstlich die Bettdecke hoch zu meinen Schultern zog, durchaus den Gedanken verfestigen, dass alles, was ich fühle, höre und sehe, einzig meiner Einbildung entsprungen sei. Vielleicht ist meine Phantasie derartig mächtig, diese Bilderwelt, in der ich lebe, mir vorzugaukeln. Vielleicht ist sie so gewaltig, mich Glück und Schmerz fühlen zu lassen. Vielleicht sind Feuer, Wasser, Menschen, Tiere und die verschiedenen Kontinente nur Fiktion und alleinig aus meiner Idee hervorgebracht. Wer schon könnte mir die Entkräftung erbringen, dass ich mich nicht im Traum befinde, dass wenn ich erneut erwachen würde, diese sogenannte Realität wie Nebelschwaden verschwinden würde. Könnte es nicht sein, dass mein formidabler Geist, mich von einer Welt zur nächsten treibt, dass das Reale die Fiktion ist und der Traum Wirklichkeit?

Mein Gott“, flüsterte ich in mich hinein, in welch einem großartigen Betrug wäre ich hineingeraten!

Stille. Kein Wind bewegte mehr die Blätter der Bäume, keinen Laut konnte ich mehr vernehmen. Wer nur, fragte ich mich, war es, der die Hände gen Himmel erhob, wer sprach das erste Gebet, um der Ungeheuerlichkeit des Gedankens, allein in dieser Welt zu sein, zu entkommen? Wer war der erste Mensch, der sich einen Gott erfand, um wieder festen Boden unter die Füsse zu bekommen? War ich es? Ich musste grinsen. Mein Bett wurde zum Raumschiff, mein Kopf ins Kissen gepresst, flog ich durch das Gestrüpp, durch die Blätter, mit den Vögeln hin zum Licht.

Aber die Liebe? Ja, die Liebe, so dachte ich: zeigt nicht ausgerechnet sie, dass ich nicht alleine bin? …

Es klingelte, ich erschrak, krachend landete das Raumschiff wieder dort, wo es gestartet war. Ich sprang aus dem Bett, zog mir was über, eilte den Korridor entlang und Schritt für Schritt, wie bei einem geöffneten Gefäß, verlor sich das Gefühl, was ich zuvor noch auf dem Kopfkissen hatte. Ich öffnete die Tür und da stand sie vor mir, ihr blondes Haar war aufgewühlt, wahrscheinlich vom Wind. Sie blickte und lächelte mich an, sagte etwas, ich erinnere nur ihre Stimme. Ich bin nicht sie und sie ist nicht ich, schwer zu glauben, meine Phantasie hätte sie erfunden. Ihre Arme umklammerten meine Schulter, ihre Lippen drückten sich auf meinen Mund. Traum oder Wirklichkeit, ich weiß es nicht – das eine so richtig wie das andere. In den Falten der Seele liegt schlummernd und im Dunkeln die Erkenntnis, sie ist unendlich, genauso wie es die Falten sind. Wenn man sich entfalten will, muss man sich nur immer hin zum Himmel strecken.

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Pfad der Entscheidung …

Carlos Castaneda lässt seinem Don Juan sagen, dass man besser mit leeren Händen einen Weg entlang gehen sollte. Auch sollte man dabei die Finger spreizen, um den dazwischen fließenden Windzug zu spüren.

So, wie Don Juan es empfiehlt, mache ich es öfters. Es kann ja nichts schaden. Niemand wird meine komische Fingerhaltung bemerken und so kann ich unbemerkt mir erdenken, wie Energie mich dabei durchdringt. Ich mache es nicht, weil ich davon felsenfest überzeugt bin, ich bin überhaupt kein Castaneda – Jünger. Ich mache es einfach nur, weil ich mich dann der Figur Don Juans nahe fühle und in der Phantasie mit ihm durch mexikanische Wälder streife, auf geheimnisvollen Pfaden wandere und selbst ein Stück dieser Romanfigur dabei werde.

Es ist der 11. April. Zum 10. April hatte ich mir vorgenommen eine Entscheidung zu fällen. Entscheidungen sind Gefängnisse – Nichtentscheidungen aber auch – und so ging ich spazieren in der Hoffnung die Gitterstäbe der Entschlüsse ein wenig auseinander biegen zu können.

Die Sonne schien – das ist die Bedingung, damit sich irgendetwas in meinem Gefühl regen und vielleicht nach oben, in den Verstand, dem Zentrum der Entscheidung, dringen kann. Genaugenommen finden Entscheidungen im Solarplexus statt, dort entsteht ein spezieller Affekt, der mir kundtut, ob etwas richtig oder falsch ist. Logik ist kein guter Ratgeber, Vor – und Nachteile abzuwägen, heißt meist, sich gar nicht mehr zu bewegen. Ich mag lieber die Brüche; sie sind wie innere Revolten, sind wie Segel setzen durch stürmische Gefilden und hin zu einer neuen Morgensonne.

Gestern fragte mich ein Freund, was Glück bedeute und ich überlegte, ob es vielleicht eine Form von Verengung und Ausdehnung sei, vergleichbar mit der Bewegung des Herzens, der Lunge, der Pupille des Auges oder des Universums: alles zieht sich unerträglich zusammen und weitet sich aus. Unerträglich ist es die Luft in seinem aufgeblähten Brustkorb anzuhalten, genauso wie es unerträglich ist, in sich zusammengezogen, gar nicht mehr zu atmen. Es könnte sein, so meinte ich, dass das Glück sich verhielte wie der Blitz bei Heraklit: er kommt plötzlich vom Himmel geschossen, erhellt voller Schrecken das Firmament und lässt anschließend alles wieder im Dunkeln zurück. Weder die Helligkeit, noch die Dunkelheit, so mutmaßte ich, sei Glück, sondern es sitzt dazwischen, tritt nur in einem kurzen Moment auf und ist schnell wieder verschwunden. Es ist wie ein Parfum, das verfliegt, wie ein Geruch der Erinnerung, nach dem man strebt.

Ich setzte mich nieder auf die Bank, auf der ich mit ihr einmal saß, schaue hier oben von dem Hügel auf den sich bewegenden Fluss. Er fließt und fließt und mit jedem Moment ändern sich auch die Gesichter, die vor ihm stehen und ihn betrachten.

Wieso, so dachte ich, als ich hinunter zum Elbstrand ging und die kleinen Wellen, hervorgerufen durch die Fahrt eines Schiffes, sich am Ufer brechen sah – wieso hatte das Publikum Beifall geklatscht als ein achtzigjähriger Talk-Show-Gast verkündete, er sei seit sechzig Jahren mit der gleichen Frau verheiratet? Entnahmen die Beifallspender daraus eine Form des Glücks?

Welle für Welle betrachtete ich, Sehnsucht nach einem weiten, tosenden Meer kam in mir auf und ich fühlte, wie angenehm mich Unzufriedenheit durchströmte. Wie oft stand ich hier schon, gegenüber einem Wald voller Kräne und versuchte mit der Hilfe von Himmel, Sonne und Wasser irgendwelche Probleme zu lösen. Probleme, so las ich bei Bergson, seien Dinge an denen man sich entwickle – stelle man das Problem richtig, beinhalte es bereits die Lösung. Also ging ich weiter, man kann wahrscheinlich nichts anderes tun, als gehen und gehen, bis sich endlich etwas löst und in einem Aha-Effekt aufbricht. Ja, ich glaube fest an die Bewegung, früher nahm ich mir sogar einmal vor, solange die Elbe entlangzugehen, bis mir eine zündende Idee komme. Ich tat es dennoch nicht.

Sechzig Jahre verheiratet! Das werde ich nicht mehr schaffen. Nicht schaffen werde ich es, mit meiner Geliebten, wir beide aus dem Frühling kommend, gebrechlich und hinkend, im Winter unserer Gefühle, mit einer Plastikeinkaufstüte in der Hand, nebeneinander herzugehen. Nicht schaffen werde ich es, dass wir uns solange die Hände reichen, bis uns der Sabber aus dem Mund fließt, bis all unsere Leidenschaft sich einfriert in Alltäglichkeit und das Schwert der Emotionen stumpf geworden ist.

Liebe ist doch nur ewig, solange noch Wind in die Segel weht und jede Begegnung ein Rendezvous ergibt. Warum also klatschte das Publikum? Weil es allein das stoische Verharren miteinander als selig machende Form empfand? Unweigerlich musste ich an Sartre und Simone de Beauvoir denken, sie waren in ihrem Zusammensein getrennt – sie waren ein Paar, zweier sich eigenständig bewegender Menschen.

Ein kalter Wind blies mir in den Rücken, die Sonne hatte sich hinter einer Wolke versteckt, mein Haar geriet mir durcheinander, fiel mir von hinten ins Gesicht. Ich lief schneller, die Kälte wurde mir unangenehm und ich bog ab vom Strand hin zu einem windgeschützten Gehweg. Ich hörte mal, Erfrieren sei kein so schrecklicher Tod, man würde einfach einschlafen und nicht wieder aufwachen. Furchtbar. Müsste ich mir mal ein Ende bereiten, ich wollte lieber, so wie ein griechischer Philosoph, vom Kraterrand des Ätna in die Glut der Lava springen und dort verpuffen und als Wolke in den Himmel steigen. Cioran, der Todesphilosoph, meinte, man müsse sein Leben zu einem Zeitpunkt beenden, solange man noch die Handlungsfreiheit darüber hat. Er starb, welch eine Katastrophe, schließlich umnachtet in einem Altersheim. Es gibt keinen richten oder falschen Weg, jede Weisheit ist eine Illusion. Das Glück ist schwer zu erfassen, es ist der kleine Moment, der sich zwischen Blitz und Dunkelheit erzeugt.

Der Wind wurde weniger, ich strich meine Haare wieder nach hinten. Entlang ging ich den Weg zwischen den alten Kapitänshäusern, sah bunte Blumen in den Gärten, sah wie das Grün aus den Zweigen brach. Die dunkle Wolke am Himmel zog weiter und Sonnenstrahlen beschienen mein Gesicht. Wo sind all jene geblieben, mit denen ich einst hier entlang gegangen bin? Wo ist die behinderte Frau geblieben, die ich mit ihren Stöcken und schnellen Schritten damals öfters sah, wenn ich mit dem Fahrrad, jonglierend zwischen all den Menschen, hier entlangfuhr? Sie war immer alleine und soviel Freude stand in ihrem Gesicht. Wo sind all die Wörter geblieben, die ich hier in die Gegend warf? Selbst die Orte bewegen sich, sind nicht mehr die gleichen, die man mal verlassen hatte. Auch sie atmen irgendwie ein und aus, dehnen und ziehen sich zusammen, verändern sich bis zur Unkenntlichkeit.

Auf einem Gartenbeet sprossen bunte Tulpen und als ich um die Ecke bog, passierte es: Eine schwarz-weiß gemusterte Katze, streckte ihren Kopf zwischen Gitterstäben, ich beugte mich zu ihr hinunter. Ein Flohhalsband trug sie und sie quetschte sich elegant durch die Stäbe, kam zu mir hin. Ich streichelte sie, sie schnurrte, ein warmer Strom durchzog mein Gemüt. Und als die Katze in der Türöffnung eines Hauses verschwand, da wusste ich plötzlich, was ich zu tun hatte: Die Entscheidung brach aus mir heraus, als ich mit meinen Fingern das Katzenfell berührte.

Fluss

Werner ist tot

Ich stelle die roten Rosen in das Glas, aus dem er trank, davor lege ich das Bild mit seinem Gesicht. Eine weiße Kerze steht daneben – sie brennt nicht.

Werner ist tot! – Die Zeit ist so lang, wie ein Moment.

Morgens, wenn ich aufstand ins Badezimmer oder zur Toilette ging, war er schon wach, seine Tür stand offen, graues Tageslicht beschien den dunklen Flur und wir grüßten uns. Meist war sein Notebook aufgeklappt, auf das er, Zigaretten rauchend, blickte. Öfters fragte ich ihn, ob er auch ein Kaffee von mir wolle – doch ich war zu spät, er wollte lieber Filterkaffee, den sein Mitbewohner in aller Frühe kochte. Der Filterkaffee war ein Verbindungsglied zwischen ihm und Ra., meinem anderen Mitbewohner.

Werner ist tot – mir blieb kaum Zeit ihn näher kennenzulernen. Seit November wohne ich hier. Werner war schon vorher krank, aber, so hörte ich, es stand mit ihm schon einmal schlimmer. Wi., die Freundin von Ra., sagte mal, Werner sei unverwüstlich.

Ende April soll seine Asche in einer Urne, die sich im Laufe der Zeit auflösen wird, in die Erde gelassen werden.

Wohin ist sein Lächeln gegangen, welches ich auf dem Foto vor mir sehe?

Ich fragte meinen Mitbewohner, was er glaubt, wohin die Seelen gehen würden, ob sie irgendwo blieben und uns eventuell beobachten. Er sei Marxist, unbeantwortete er mir meine Frage; die Fragestellung allein sei ihm schon zu esoterisch. Er setzte noch hinterher, nachdem er einen Schluck vom Rotkäppchen Wein genommen hatte, dass Werner auch unreligiös gewesen sei. Aber, konterte ich grinsend, meine Frage sei durchaus materialistisch und von daher auch marxistisch gewesen. Eine Seele, oder was es auch immer sei, müsse doch Bedingung für ein Leben sein. Nichts Lebendiges könne ohne einen speziellen Lebenswillen existieren. Wo also, wollte ich von ihm wissen, bliebe dieses mysteriöse Unbekannte, es könne doch nicht einfach verschwinden. Er sagte mir, es wäre ihm höchst unangenehm, wenn Werners Seele ihn, wohlmöglich bei Intimitäten, unerkannt beobachten würde. Ich gab ihm recht, solch eine Vorstellung wäre mir auch unheimlich.

Werner ist tot. Wie lange dauert das Leben einer Eintagsfliege? Ich meine, wie lange ist eine Eintagsfliegenzeit? Ist eine Sekunde ein Fliegentag, ein Fliegenflügelaufschlag wie eine Fliegenewigkeit?

Ist unsere Lebenszeit ein Wimpernschlag im Auge des Universums?

Es begann alles im grauen Hamburger Winter, als der Regen kein Ende nahm. Werner bekam Husten, erst war er leicht, dann wurde so stark, dass wir aufmerksam wurden. Ich hatte auch Husten – wir unterhielten uns darüber – meiner ging zurück, seiner hingegen bohrte sich tief in seinen Körper. Ich machte Obstsalat, füllte ihm eine Schüssel voll, in der absurden Hoffnung, einige Vitamine könnten vielleicht das Problem in den Griff bekommen. Sein Husten wurde stärker, breitete sich aus – später hörten wir die Diagnose; es wurde eine Lungenentzündung daraus. Dann ging alles ziemlich schnell, er lag regungslos auf seinem Bett, ein Notarztwagen schaffte ihn ins Krankenhaus, wo er, weil mittlerweile auch andere Organe ausfielen, ins künstliche Koma versetzt wurde. Künstlich ernährt, an einem Maschinenpark angeschlossen und ohne Bewusstsein – das waren seine letzten Tage.

Werner starb in jenem Moment, als Wi. sich neben seinem abgemagerten Körper ins Bett legte, ihn streichelte und ihm die Wangen küsste – er starb, als sie zu ihm sprach, er dürfe jetzt loslassen und gehen. Mit welchen Ohren hatte er ihre Stimme vernommen? Es musste ein anderes Bewusstsein gewesen sein, als das, was wir kennen, mit dem er für sich entschied, diese Welt als Werner endgültig zu verlassen.

Werner ist tot, wie fürchterlich das klingt – vielleicht wird er wiederkommen, als jemand anders, vielleicht in einem anderen Körper und ohne die Erinnerung, dass er einmal Werner war. Vielleicht wird er irgendwann wiederkommen und seine Geliebte, die ihn verlassen hatte, wieder treffen und beide werden nicht wissen, warum sie nun unzertrennlich sind, nicht wissen, dass der Ursprung dafür sich im Werner-Zeitalter befand. Vielleicht sind all unsere Seelen, die wir nicht kennen, aber Bedingung dafür sind, dass wir leben – vielleicht sind sie ewiger, unendlicher als unsere Körper, vielleicht verhalten sie sich genauso wie das Universum.

Werner ist tot. Und als er starb, klarte sich ungerechter Weise, nach all der langen Zeit seines Hustens, der Himmel wieder auf. Die Sonne beschien die Stadt mit gesunden Strahlen und das Grün und neues Leben brach aus den Zweigen. Die Menschen trauten sich aus ihren Wohnungen und Lächeln und Sonnenbrillen waren mit einem Male in ihren Gesichtern zu sehen. Rosen habe ich neben seinem Bild gestellt, ein Stück Sonne, die ihm fehlte. Im Regal steht die Tüte H-Milch, die er mir einmal gab, ich schaue auf das Haltbarkeitsdatum – es hat ihn überlebt.

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Rebel Yell …

Sie sitzt am Fenster, das Licht der Morgensonne bescheint ihr Gesicht und dringt durch ihr durchwühltes, blondes Haar.

Weißt du …“, sagt sie zwischen ihren vollen Lippen, ich schaue sie an, aber ihr Blick ist hinausgerichtet, vielleicht hin zum Baum, der gegenüber vom Fenster im Hinterhof steht, vielleicht aber auch gen Himmel – ich kann es nicht erkennen.

Sie werden Rebellen genannt, aber das sind sie nicht“, setzt sie fort und ich lausche gespannt was kommen wird. Ihr weißes Hemd, das über ihre Knie gezogen ist, hängt zart über ihre Schultern, läßt die Arme frei. Ihre entblößten Füsse, mit ihren brüchig, rot lackierten Zehnnägeln, sind auf der Fensterbank abgestützt.

RE-BELL-ION“, sagt – nein singt sie fast schon, lässt genüsslich lang das Wort über ihre Zunge gleiten. Schlafsand entdecke ich in ihren Augen – und sie dreht ihren Kopf wieder hin zum Licht, als solle es, während sie denkt, ihr Gesicht wärmen.

Die Rebellen sind Poeten des Lebens und sie erheben sich, weil die Ketten, die sie zu brechen versuchen sich ständig verändern. Sie müssen die Herzschläge fühlen können, sie müssen wissen, wie der Vogel fliegt, fühlen, wie die Kelche der Blumen sich öffnen, hören wie die Knospen der Blätter an den Bäumen sich öffnen. Rebellen tragen ewig die Kindheitstage in sich und haben die Tränen des Schmerzes und der Freude in ihre Herzen geschlossen. Nächtens stehen sie still am Meeresrand, beobachten, wie Sterne in ihrem Schein sich widerspiegeln, lauschen dem Lied des Rauschens, sehen wie die Wellen sich brechen, sich zurück ziehen und wieder vergehen – nie ist eine Welle dieselbe, genauso wenig wie der Mensch es ist.

Die Rebellin …“, sie sagt tatsächlich ‚Rebellin‘, als will sie damit das Weibliche, oder einfach nur sich selbst unterstreichen, und wendet ihren Blick ab vom Fenster, hin zu mir.

… erinnert sich an die Nächte der Liebe, an jene, in denen überschäumende Lebenskräfte, begrenzende Dämme lustvoll durchbrechen.“

Eine Kunstpause wirft sie ein, ich will ihre Gedanken nicht unterbrechen. Freudige Nachdenklichkeit hat sich über ihr Antlitz gelegt. Gespannt lausche ich ihren Gedanken, die sie mir, trotz Heiserkeit des Klanges, mit engelsgleicher Stimme offeriert. Meine Augen sind auf sie gerichtet, hypnotisiert schaue ich auf die Bewegung ihrer Lippen und den Glanz ihrer Augen, die ebenfalls zu mir reden. Ihre Worte zusammen mit ihrer Erscheinung, wirft sie aus, wie Fischernetze, die ihre Wirkung bei mir nicht verfehlen. Und so denke ich, in diesem bewegenden Moment, dass nicht nur entscheiden ist, was gesprochen wird, sondern auch, wer da spricht, dass die gleichen Worte, weniger wahr sein können, kämen sie von einem anderen.

Wir Rebellen …“, sagt sie, erhebt sich von der Fensterbank, betritt mit ihren nackten Füssen das Holz des Bodens des Raumes, indem wir beide, wie in einem Raumschiff und über die Dinge schwebend, zusammen sind. Ich zünde mir eine Zigarette an, Stolz und Freude erfüllt mich, dass mit dem ‚wir Rebellen‘, sie mich scheinbar mit einbezieht.

Auf mich zukommend, lächelt sie mich an – unter ihrem weißen Hemd, das ihr knapp über ihre Knie reicht, sehe ich ihre Brüste sich bewegen – und nimmt mir die glühende Zigarette aus der Hand, zieht daran und geht damit, eine Rauchwolke hinter sich herziehend, den den Raum entlang.

Wir Rebellen, bevor wir etwas auf unsere Fahnen schreiben, bevor wir zur Schlacht aufrufen, sollten all die Sinne der Welt – und nicht nur die, sondern auch noch all der Sterne und all der anderen Galaxien – in uns empfinden können … mehr als nur das Unrecht herauszuschreien, mehr als nur die Finsternis wie einen Dauerregen niederprasseln zu lassen, sollten wir Licht in die Dinge bringen.“

Aber …“, unterbreche ich hüstelnd ihren Gedankenfluss – ein Kloß hat sich irgendwie in meinen Rachen gelegt, „… wenn das Unrecht nicht benannt wird, wie sollten wir es dann abschaffen können?“

Niederbrennen!“, erwidert sie kurz und knapp, zieht erneut an der Zigarette bläst den Rauch in meine Richtung und drückt sie anschließend , neben mir im Aschenbecher aus.

Niederbrennen?“, frage ich erstaunt zurück.

Ja, richtig“, sagt sie, ihr Tonfall klingt euphorisch. „Wenn wir alle Ströme der Sinnlichkeit aufnehmen, wenn wir mit all unseren Organen, mit all unserem Körper es einatmen … dann, ja dann genügt es nicht allein, es muss in unsere Blutbahnen dringen und unsere Herzen entflammen:“

Aufgebracht läuft sie im Raum umher, so als sei sie schon selbst von ihrem erschaffenen Rebellenblut infiziert, als poche es sehnsuchtsvoll in ihren Adern.

Ich bin nicht nur Wunde, ich bin auch das Messer!“, ruft sie, als stünde sie auf einer Barrikade, händehebend aus. Mir ist, als habe ich den Spruch schon einmal in einem anderen Zusammenhang gehört. Kleinlaut und Respekt vor ihrer Begeisterung zollend, gebe ich zu bedenken, dass das, was sie gerade auf ihre Fahnen schreibt, ein Traum sei, wenn auch ein schöner, aber in der Realität nicht Stand halten könne.

Ich will es aber!“ erwidert sie trotzig, setzt sich auf meinen Schoß und legt einen Arm um meinen Nacken.

Versprichst du mir, dass wir mit den Flammen unserer Herzen, Licht in die Welt bringen werden?“, sagt sie mit sanfter Stimme zu mir, so als könnte ich, alleine mit ihr, die Welt von ihren Ketten befreien.

Ich verspreche es dir. Ich verspreche es dir aus meinem schon glühenden Herzen.“

Das ist schön“, erwidert sie auf meine fast schon unbewusst herausgebrachten Worten. Und während sie ihre Lippen zart auf die meinigen legt, sagt sie, sodass ihr Atem in mir dringt: „Dann sind wir Rebellen, abgemacht?“

Abgemacht!“, hauche ich zurück, in vollster Überzeugung, dass von nun an unser Licht all die Finsternis durchbrechen und unser Traum stärker als alles andere sein wird.

traum

Liebeskraft

Auf einmal ist es Liebe und nichts erscheint mächtiger und wahrhaftiger als diese Wunde.

Dann ist es, als sei es eine Bestimmung und keinen anderen Grund gäbe es, als nur diesen, wofür man geboren wurde.

Dann ist es, als habe schon vor langer Zeit, eine unbekannte Hand es in den Himmel geschrieben und man hätte nur suchen müssen, das Zeichen zu finden.

Dann spürt man die Kraft, die keinen Namen hat und weiß doch, es ist die gleiche, die das ganze Universum zusammenhält.

liebeskraft

Space Oddity – Gedanken zu David Bowie

Was ist schon der Schmerz gegen die Leere, gegen die Kälte, die das Gemüt durchfriert. David Bowie ist tot.

Space Oddity: Der Astronaut als das Sinnbild des Menschen in der sich verlierenden Unendlichkeit, träumend von Freiheit, kann er nur überleben im engsten Raum. Es ist die Tragik, dass die Realität stärker erscheint als der Traum, dass die Freiheit kleiner ist, als das was sie verspricht.

Träume sind aus Klängen gewebt, Wellen tragen dich davon und dort wo Liebe ist, ergreift die Musik dich mit Tentakel-Armen. Wenn Traum und Musik den Hochzeitstanz eingehen, ist die Realität im Sternenstaub versunken, der Ernst vernichtet – ein Lächeln auf den Lippen verschönert das Gesicht.

Als Kind wollte ich Astronaut werden – irgendwie entfliehen. Aus dem Raumschifffenster wollte ich bessere Welten erblicken und in der Unendlichkeit schweben. Wenn ich schwerelos durchs All gleiten würde, so dachte ich, dann hätte ich nur meine eigenen Probleme zu lösen, dann gäbe es kein „du musst“, kein „du sollst“, kein dick, kein dünn, kein Alter und keine Zeit – dann würden die Blumen in meinem Kopf ewig blühen und die Bäume immer fette Früchte tragen. Zwischen gestern und morgen gäbe es keine Grenze mehr, eins wäre ich und verschmolzen in Unsterblichkeit.

Major Tom steigt einfach aus, will das Glühen der Sterne spüren, doch sehnsuchtsvoll blickt er zurück auf den blauen Planeten, vielleicht auch auf die Wellen, die sich in Ozeanen regen.

Als ich „Space Oddity“ das erste Mal hörte, war ich längst kein Kind mehr, da war es eigentlich zu spät, da hatte David Bowie Ziggy Stardust schon lange zu Grabe getragen. War es nötig Ziggy sterben zu lassen, dieses Kind eines metrosexuellen Traumes?

Doch das Raumschiff, das in meinem Inneren pochte, in unendliche Weiten fort fuhr, die Astronautensehnsucht, die nie verblasste, all das war ergriffen von diesem Lied. Es war, als ginge ich den Regenbogen auf und ab, als bildeten sich neue Fluchtlinien:

I’m stepping through the door. And I’m floating in a most peculiar way. And the stars look very different today.“

EinesTages jedoch, ich stand vor der „Sagrada Familia“ in Barcelona, da musste ich an Major Tom denken. Liebesschmerz trieb mich dorthin und in meinem Wahn wollte ich alles auf einmal von der Welt entdecken. Als ich vor der Kathedrale stand – im gleichen Wahn, in dem ich mich befand, von Gaudi erschaffen – wurde mir schwindelig und ich musste mich setzen. Sonne schien auf das Wunderwerk herab und ein tiefblauer Himmel untermalte die Kulisse. Spitz ragten die Türme wie hinein in die Ewigkeit und als ich es sitzend und tiefatmend vor mir sah, war mir als befände ich mich tiefer im Kosmos als jedes Flugzeug und als jedes Sternenschiff. Major Tom, so durchglühte es mich, hätte hierher kommen müssen, berührt von der Wunde der Liebe, um das Paradies, das er suchte, zu finden. Fern war mir nun der Gedanke im Dunkeln der Unendlichkeit umher zu irren – Sonnenkrieger wollte ich werden und selbst im Schatten dem Lichte hinterher jagen.

David Bowie ist tot. Zurück bleiben Märchen. Ziggy Stardust ist am Leben! Alles ist im Kopf, alles in der Phantasie und es wird wichtig sein, dem Traum an den richtigen Platz zu bringen. Die Realität ist nur ein kleines Werkzeug den Traum zu justieren, ihn zu verfeinern, ihn mit noch mehr Bildern zu füllen.

I want eagles in my daydreams, diamonds in my eyes“

David Bowie: Er wusste, dass er sterben wird, aber er wollte entkommen. 18 Monate kämpfte er mit dem Krebs, doch die Krankheit hat ihn nicht besiegt. Er hat die Flucht nach vorne, mit dem Raumschiff seiner Träume, angetreten:

„Look up here, I am in heaven/ I’ve got scars, that can’t be seen/ I’ve got drama, can’t be stolen/ everybody knows me now“. „Black Star is waiting for me“, „You know, I’ll be free“, „Oh, I’ll be free/ just like that bluebird/ Oh, I’ll be free/ ain’t that just like me“ (aus seinem letzten Album, erschien am 8. Januar)

Lebe wohl David, wo immer Du auch bist – ich halte Ziggy Stardust tief in meinen Armen fest.

ziggy-mazoni

Wiegelied der Seelen …

Bombenteppich, U-Boot Jagd, Einkaufszentren schön gemacht. In der Vegan – Abteilung halte ich ihre kalte Hand. Die Welt ist aus den Fugen, der Tisch umgekippt, die Teller zerbrochen. Die Götter sind zurück und kotzen uns ins Gesicht.

Ich könnte Dieb werden, sage ich ihr, ich würde für sie das Feuer stehlen. Das Feindselige ist draußen, dort liegen die Wolken tief. Auf einem Schaukelpferd fährt ein dickes Kind durch unser Paradies und jeder neue Tag zerteilt mich noch mehr. Ich bin verwirrt, schaue zur Uhr, ahne, wo die Sonne hängen müsste.

Könnten wir nicht die Traurigkeit besiegen, fragt sie mich und löst ihre kalte Hand von mir, wenn wir Worte neu erfinden würden. Sie läuft durch das Labyrinth der Regale, ich sehe sie kaum mehr. Jeder imitiert das Gute, jeder hat eine Richtung nur die Kriege werden mehr.

Es müsste eine neue Sprache geben, ruft sie von weit hinten, ich sehe ihr Kajal ist unter ihren Augen verschmiert, Schwarzes läuft ihr übers Gesicht. Aber rufe ich, renne ihr hinterher, wenn alles Lügen auch Wahrheit ist, wie können wir da noch einen Sinn erfinden. Hinter dem Tresen, wo wir stehen, grinst ein Mann mit blutiger Schürze uns an. In der Spiegelung der Glasscheibe vom Tresen, hinter dem zerstückelte tote Tiere liegen, sehe ich mein Gesicht und erschrecke mich. Falten haben sich auf mein Gemüt gelegt, die Zeit ist zwischen meinen Fingern zerronnen, ich werde noch verdammt ohne Licht in den Abgrund gehen müssen. Wo ist nur die Sonne, frage ich sie, sie war doch unser ganzes Glück, ausgerechnet sie hat uns verlassen. Die Sonne kommt zurück, erwidert sie, tröstet mich und tätschelt mir die Wangen. Aus dem Lautsprecherboxen erklingt ein Lied, es singen kleine, nackte Engel danach herrscht kurze Stille.

Von Seele zu Seele, sagt sie jetzt, sie hat nachgedacht, so müsste die neue Sprache reden. Mit einem lauten Knall hackt der Schlachter hinter uns ein Schwein entzwei. Ein Preisschild wird ins rohe Fleisch gestochen und ich gehe auf sie zu, drücke sie fest an mich heran.

Das wäre schön, gebe ich ihr zurück und hülle sie in meinen Mantel. Wir könnten dann das Leben pochen hören, sage ich ihr und streiche mit meinem Finger über ihre Lippen – das wäre eine Sprache wie sanftes Wiegen der Seelen, nichts könnte mehr passieren.

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„A rose is a rose, is a rose“ …

Meine Liebe hab ich dir gegeben, eingepflanzt in frische vulkanische Erde hab ich dich. All meine Zuneigung hab ich als Dünger dir beigefügt, mein Herz dir geschenkt. Wie im Wahn, wenn niemand mich hörte, flüsterte ich süßliche Worte dir zu. Das Mondlicht hatte ich genommen, warf es dir zu. In all deiner Pracht und Schönheit, solltest du aufgehen – du, meine liebliche Rose.

Doch Blatt für Blatt warfst du ab, ließt nur einen grässlichen dornigen Stengel übrig, an dem, wollte ich dich berühren, ich mich verletzte. Alles um dich herum erblühte, nur du, mein Blumentier, bliebst stachelig, garstig und blütenlos.

Jetzt jedoch, da ich fortgehe, da der Sommer seinen Kopf gegen den grauen Winter neigt, jetzt wo ich die Hoffnung verbrannte, je eine Leidenschaft aus dir hervor bringen zu können,

jetzt wo meine Liebe längst erloschen ist, wo du dich tot gabst für mich – nun erst bringst du lockend, zwischen all den Dornen, eine wundervolle Blüte hervor. Zu spät, meine Liebste, es ist vorbei.

Ich hab sie mir abgeschnitten, mir genommen, die junge Blumenblüte und als Erinnerung in ein Glas mit Wasser gestellt. Einmal noch will ich mich daran ergötzen, bevor ich gehe, sehen, was ich erstrebte: Einen stacheligen Liebreiz, erblüht in einem Rot wie Feuer.

„a rose is a rose, is a rose“ (Gertrude Stein)

rose-mazoni

F***** für den Frieden …

Wie wäre es, all unser Handeln würde nur aus der Lust entspringen – was nicht feucht macht oder keine Erektion hervor bringt, ließen wir bleiben …Wie wäre es, wenn wir uns fragen würden, ob wir die Arbeit auch dann noch täten, wenn es keine Bezahlung dafür gäbe, wenn wir nur noch das erschaffen würden, was uns die größte Lust spendet …

Wie wäre es, wenn statt der Gesundung der Ökonomie, wir darauf achten würden, dass die Seele keinen Schaden nähme …

… ja, wenn all dies unser Denken und Tun bestimmen würde, gäbe es dann keine Politik mehr und keine Kriege? Wären wir dann frei und könnten einfach nur mal leben – einfach nur mal so? 

BERLIN …

Base -Ball -Bine aus Berlin – zusammen lagen wir am Fenster, blickten hinunter auf die Strasse, laut dröhnte die Musik aus den Boxen. Oranienstrasse, bunte Lichter, schönste Strasse der Welt. abends spielte sie mit ihrer Band in Kneipenkellern, sang Lieder, ich kam zu ihr auf die Bühne.

Oranienstrasse, besetztes Haus, geschmückt mit Transparenten: „Es ist besser unsere Jugend besetzt Häuser als fremde Länder!“

Berlin, Kebabstände, Blaulicht und Tränengas – ewig auf Adrenalin. „Lass uns rennen, die Bullen kommen.“

Punkkonzerte waren verboten, nicht aber so im SO36 , das befand sich auch – wo sonst – in der Oranienstrasse, in Kreuzberg, in Westberlin, im Paradies.

Dann, der 1. Mai, brennende Barrikaden, für eine Nacht war Kreuzberg befreit, rings herum leuchtendes Feuer, die Supermärkte hatten geöffnet, zerbrochene Scheiben statt Ladenschlusszeiten, Getränke und Nutella-Schnitten gab es umsonst. Wir tanzten auf den Strassen, sie und ich und all die anderen, wir waren frei – es war eine Revolte hungriger Herzen. Anwohner strömten aus den Häusern –  Gefühle der Gemeinsamkeit, egal welcher Hautfarbe, welcher Nation – es war ein Fest … die Mauerstadt wurde in jenem Moment zum Nabel der Welt.

„Ich steh auf Berlin!“, sagten wir uns, gingen zusammen ins Bett, was immer am Fenster stand, umarmten uns, blicken hinaus auf die lebendigste Strasse, die ich je gesehen hatte.

Rebellion aller Sinne …

Vielleicht wird der Tag kommen, da es den Menschen wichtiger erscheint, miteinander zu vögeln, als zu Töten.

Vielleicht wird der Tag kommen, da man erkennt, dass all das Geld, all die Macht nutzlos ist, wenn die LIEBE fehlt.

Vielleicht braucht es eine Rebellion des Unterleibs, eine Entgrenzung aller Sinne.

Vielleicht – es ist ein Traum! – wird der Tag kommen, wo ein jeder nur noch mit der Lust am Leben beschäftigt ist –  Vielleicht dann wird es keine Kriege mehr geben.

WAR IST OVER IF YOU WANT

John Lennon (1940 - 1980) and Yoko Ono pose on the steps of the Apple building in London, holding one of the posters that they distributed to the world's major cities as part of a peace campaign protesting against the War. 'War Is Over, If You Want It'.   (Photo by Frank Barratt/Getty Images)
John Lennon and Yoko Ono pose on the steps of the Apple building in London, (Photo by Frank Barratt/Getty Images)

Halbmond in Italien

Der Halbmond hier, mit seinem bleichen, silbrigen Licht, meine  Dunkelheit durchbricht.
Siehst Du sein narbiges Gesicht, siehst Du, wie er lacht, wie er spricht – mit meinem Herzen Blut in seinen Händen?  

Das Pochen, fühlst Du es in der Ferne, wo immer Du auch bist, hörst Du wie ich an Dich denke? 

Halbmond in Italien –  ein Beben geht durch die stille, klare Nacht, mit Trotz und Stolz hat er die Welt umfasst. 

  

Eifersucht …

… ist der Kern der Liebe. Eifersüchtig ist der Liebende. Ist er es nicht, ist er kein Liebender. Wir lernen am besten von den Dingen, wenn uns etwas zum Denken zwingt – der Liebende gehört dazu, er ist der Ägyptologe, der die Landschaft der Geliebten erforschen MUSS. Sein Eifer, seine Sucht wird für ihn zum Überleben – ein Überleben MÜSSEN in einer fremden Umgebung. Jeder Windstoß des Haares, jede Mimik, jede körperliche Bewegung, jeder Tonfall der Stimme ist geheimnisvoll – jedes Zeichen will er interpretieren. Selbst das Universum, in der sich die Geliebte befindet, bleibt von der Erforschung nicht verschont.

Ja, die ganze Welt stürzt in ein buntes Chaos der Gefühle, all die Zeichen, all die Interpretationen purzeln durcheinander. Es ist zuviel und dennoch nicht genug.

Eifersucht

Drama einer Liebenden …

„Aus ihrem schmalen Körper brechen Flammen der Exaltation, ihre Sanftheit löst sich plötzlich in einen bacchantischen Taumel der Leidenschaft, sie preßt sich mit einer unvermuteten Trunkenheit an den Erstaunten, mit einem Durst, als wollte sie von ihm allein alle Seligkeit des Himmels und der Erde trinken. Er will eine Geliebte und findet die Liebende, er begehrt in ihr die Frau, die wunderbare, die vielfältige, die neue, und sie ist die glühende, immer die gleiche. Er will die Lust, und sie gibt ihm die Liebe. Er will Stunden, und sie bietet ihm die ganze Unendlichkeit.“ (Stefan Zweig über die Dichterin Marceline Desbordes-Valmore) 

  

Freue mich auf Reviews …

Wirklich! Schreibt was darüber, auch wenn es nur wenige Worte sind. Ich will es wissen! Nicht nur das: Rezensionen helfen auch beim Verkauf ;). Helfen unabhängig zu bleiben! 

Demnächst werde ich das Ebook für einen Tag umsonst reinstellen – auch wenn doch 2,99 für über 130 Seiten nicht zuviel sind. Ich werde Bescheid geben.

Also: ich bin auf eure Meinung gespannt! Hier gehts lang: SERENA

„Serena – Gefangen im Netz der Leidenschaft“ – kurzer Inhalt

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— „Ich will deinen Orgasmus kontrollieren, über deinen Körper Besitz ergreifen. Ich will, dass du spürst, wenn meine Hände in dich eindringen, wenn sie dein Herz umgreifen. Ich will all deine Gedanken auf mich lenken, aus dir einen anderen Menschen erschaffen …“, sagte sie. —

Nach dem Tod der Mutter hat Timo nur eins im Sinn: Aus der Enge der Stadt seiner Kindheit zu entfliehen.
Er verkauft all sein Hab und Gut und begibt sich auf den Weg, einen besseren Ort und eine neue Zukunft zu finden. Er glaubt, damit über den Tod der Mutter hinwegzukommen.
Auf der Suche nach einer Unterkunft in einer anderen Stadt, stößt er auf Serena, die einen Mitbewohner sucht. Noch weiß er nicht, welch Verhängnis diese Begegnung mit sich bringen wird.

Serena, ist  eine jugendliche Frau mit Charme und Intellekt, ausstaffiert mit weiblichen Reizen. Für sie ist das Leben ein Spiel. Ihrer Meinung nach haben alle Ideologien und Religionen, entsprungen aus einem männlichen Wahn, versagt. Eine sinnliche und vor allem eine feminine Sensibilität müsse die kalte Maskulinität ersetzen. Die weibliche Kraft sei viel abgründiger und intensiver. – mit ihr erst könne das Chaos der Welt begriffen werden. Nichts sei wahrhaftiger als die Liebe und die sexuellen Triebe, alles andere seien nur Worte – Lügen und Absichtserklärungen. Der Mensch könne sich – so Serena – nur durch die Kraft der Weiblichkeit zum Besseren verändern.
Nach und nach gerät Timo, der eigentlich aus der Enge entkommen wollte, in die Netze Serenas Willens. Betört von ihren Reizen und ihren Ideen begibt er sich in ihre Hände, bis sie ihn schließlich dominiert und ihn sexuell abhängig von ihr macht. Er schwebt zwischen Himmel und Hölle weiß nicht, ob sein aphrodisierendes Gefängnis eine Knechtschaft oder letztlich eine Befreiung ist.

»Serena«- ist eine erotische Liebesgeschichte über weibliche Dominanz.
Das Märchen spielt in einer Zeit, wo die Sexualität noch zur Ware verkommen ist – wo Religionen, Kriege, Hunger und Gewalt Ausdruck einer nach wie vor unterentwickelten Kultur ist.
»Serena« – ist eine explizit sexuelle Erzählung. Triebhaft! Lehrreich? Wer weiß? Vielleicht befreiend. Eine Ich – Erzählung.

Sappho geht zu Bett

Sappho geht zu Bett. Ein Ereignis, welches über Tausende Jahre nicht an Bedeutung verloren hat. Sie geht zu Bett … Charles Gleyre hielt dieses Schauspiel 1867 in diesem Gemälde fest.

Sappho – eine antike griechische Dichterin, sie schrieb über die erotische Liebe. Geboren zwischen 630 und 612 vor Chr. und gestorben um 570 vor Chr. lebte auf der Insel Lesbos, wo sie eine Schar junger Mädchen um sich herum versammelte, die sie in Tanz und musischen Dingen unterrichtete.

Sappho: Es gibt einiges über sie zu berichten, z.B., dass sie sich beiden Geschlechtern zuwandte und sich zum Schluss über die unerwiderte Liebe zu dem Jüngling Phaon vom Felsen stürzte.

Doch nur dies soll uns berauschen, eben dass sie zu Bett geht und dass wir in diesem Bild es nie vergessen werden – nicht vergessen über all die Jahre, so, als sei dies bedeutender noch, als all die anderen Geschehnisse, wichtiger noch als all die Schlachten, die in dieser langen Zeit geschahen.

Sappho geht zu Bett – eine weibliche Macht, die leise und heimlich uns treibt und bezwingt.

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Letter from an Unknown Woman – Full Movie, Stefan Zweig

Wieder einmal lese ich mit Begeisterung Stefan Zweigs „Brief einer Unbekannten“. Doch nicht nur diese Novelle ist wunderbar, sondern auch die gleichnamige Verfilmung von Max Ophüls aus dem Jahre 1948. Dieser Film ist ein wahres Meisterwerk und hat bis heute nicht an Kraft verloren. Ich habe ihn in der Originalfassung gefunden, gespielt von der bezaubernden Joan Fontaine (1917 – 2013). Unbedingt anschauen!

Und ewig lockt die Sirene

Das Wasser rauscht‘, das Wasser schwoll,
Netzt‘ ihm den nackten Fuß;
Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll
Wie bei der Liebsten Gruß.
Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;
Da war’s um ihn geschehn;
Halb zog sie ihn, halb sank er hin
Und ward nicht mehr gesehn.

Goethe 1779

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My analyst warned me …

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Andererseits, und das war die Gefahr, die ich erkannte: wenn ich mich der Schönheit der Weiblichkeit ergeben würde, was bliebe dann noch von mir übrig?

Doch ich konnte gar nicht mehr anders, die Sucht hatte mich gepackt, die Tür, die Serena mir geöffnet hatte, durch die war ich schon viel zu weit gegangen und es war mir egal, mich in meinem Verlangen zu verlieren.

aus: „Serena“ – ein Roman. Erscheinung: April 2015

Der Himmel weit geöffnet …

Und der Himmel“, fragte ich sie, „ist er für dich auch so geöffnet, wie auf diesem Bild?“

Sie erkannte worauf ich anspielen wollte und für einen kurzen Moment hörte sie auf, auf dem Kaugummi umherzukauen, so als fühlte sie sich von mir, ihrem Rivalen, ertappt. Doch schließlich gewann sie die Fassung wieder, kaute weiter, machte mit dem Gummi eine riesige Blase, die aus ihrem Mund heraus ragte, ließ sie vor meinen Augen platzen und antwortete mir: „Ja, der Himmel ist geöffneter als je zuvor“, sie nahm mich fest in Augenschein, ihre dunklen Augen blitzten mich giftig an, „je größer die Sehnsucht ist, desto weiter öffnet er sich.“

aus „Serena“ – ein Roman. Erscheinung: April 2015

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Ergeben …

„Hast du Angst vorm Tod?“, fragte sie und  umklammerte meinen Hals mit einem festen Griff.

„Wie sollte ich Angst davor haben, wenn du ihn mir bringst“, erwiderte ich ihren Würgegriff, legte meinen Kopf zurück, bot ihr meine Kehle an, wie ein Tier, das sich im Kampf ergibt.

( aus “Serena” – ein Roman – Erscheinung: Feb. 2015)

femdom-würg

Im Netz gefangen

… sie hatte mich mit ihren zierlichen Händen ergriffen, spielend, wie ein Mädchen gefangen genommen, sie trug mich in ihrem jugendlichen Leichtsinn davon, wie eine Herrscherin, und es war ihr egal, ob ich oder selbst die ganze Welt daran zerbrechen würde.

(aus: „Serena“-ein Roman. Erscheinung: Feb. 2015)

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Serena

Und deswegen muss die Frau den Mann in seiner Tiefe erfassen, sie muss aus ihm etwas machen, das sie selber von Natur aus in sich trägt. Sie muss den Eros aus seinen dunklen Kammern nach oben holen, damit er lernt sie zu verstehen. 

… die Welt ist wie eine Frau, voller Chaos, voller schöner Gefühle – der Mann vertraut zu sehr auf seinen Verstand und kann deswegen die Frau und die Welt nicht verstehen.

Serena – aus „Serena – ein Roman“ (Erscheinung: Feb.2015)

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