Bericht zur Weltlage …

Eng umschlungen tanze ich mit dem Kater auf meinem Rücken zu Trentemoeller durch den Raum. „I am thinking about you“. Welt ist immer dort, wo man sich befindet.

Luigi hab ich den Kater genannt. Er hat immer Hunger. Heute früh um 5:30 Uhr, ich wälzte mich noch vom Traum und Hitze geplagt im Bett umher, schaffte er es, mir das Laken wegzuziehen. Luigi der Kater – er hat einfach, ohne großartig zu fragen, beschlossen, hier einzuziehen. Ja, großen Hunger hat er und schickt mich zum Supermarkt, Dosen mit Katzenfutter einzukaufen. Als er kam, war er sehr abgemagert und aß alles, was es zu Essen gab, doch nun gefällt ihm das Futter in der Dose für 0,59 EUR nicht mehr.

Heute: Hubschraubereinsatz. Sie kreisten lärmend durch den strahlend blauen Himmel.  Es ist keine Demo. Irgendwo neben mir in den Bergen ist Feuer ausgebrochen. Zu viel Sonne, zu wenig Regen – trotzdem oder gerade deswegen: blau, blau, blau Himmel, Meer … Blicke ich von der Terrasse in die Ferne ist der Horizont nicht auszumachen – das Blau hat auch ihn verschluckt, Meer und Himmel sind ineinander übergegangen.

Um 22 Uhr überfällt mich meist Müdigkeit – acht Stunden früher als sonst in Hamburg. Dafür stehe ich dort auch sieben Stunden später auf. Im Supermarkt (richtig: Luigis Nahrungsquelle) entdeckte ich Anti-Mücken-Tücher, die mich von den Quälgeistern, wenn ich meinen Körper damit einreibe, beschützen sollen. Erstaunt stellte ich gestern Nacht im Badezimmer fest, dass sich genau auf diesen Tüchern eine Mücke bequem machte und ich nun an die Wirksamkeit der Inhaltsstoffe zu zweifeln beginne.  Ich mache trotzdem, bevor ich zu Bett gehe, mit dem Ritual weiter. 

Vor kurzem fragte ich mich noch, woher all das Wasser kommt, das der Wasserfall in den Bergen  mit sich führt. Als ich Besuch bekam, wurde ich von einem Freund aufgeklärt: in den Bergen schlummern riesige Wasserreservate  von soundsoviel Tonnen. Mit soundsoviel bar wird das Wasser rausgedrückt und … Manchmal ist es besser, keine Antworten auf seine Fragen zu bekommen – die Vorstellung, das Wasser käme aus dem Nichts, gefiel mir besser.

Um 20 Uhr gibt es Essen. Fast immer pünktlich. Manchmal auch schon um 19:56 Uhr. Meist sind es Spaghetti mit Tomatensoße. Die Tomaten sind hier so zahlreich, wie die Sonnenstrahlen. Ich hab es beim Spaghettikochen schon weit gebracht. Ich kann es mittlerweile so gut koordinieren, dass ich Soße und Pasta gleichzeitig zu machen verstehe, ohne in Panik zu geraten. Spaghetti müssen stets eine Minute weniger kochen, als auf der Packung steht. 

Manchmal treffe ich meinen Vermieter Roberto. Manchmal hat er schlechte Laune – z.B. weil er seine Miete, statt am Ende des Monats von mir erst am 8. Tag des folgenden Monats bekommt. Er will mir erklären, warum es ausgerechnet am Ende sein soll und ich ihm, dass die Überweisungen erst zum 8. kommen – aber wir sprechen zum Glück nicht die gleiche Sprache. Manchmal ist es schön nicht über unnötige Dinge diskutieren zu können. Am 8. freut er sich trotzdem aus seine „Affitto“. 

Roberto züchtet unter mir auf verschiedenen Terrassen professionell Zitronen, Tomaten und anderes Gemüse. Manchmal kommt er stolz mit seinem gezüchteten Gemüse zu mir, gibt es mir, in der Vorstellung ich könnte es zum Kochen verwenden. Anfänglich fühlte ich mich überfordert, weil ich die einzelnen Sorten gar nicht kannte. So betrachtete ich längere Zeit ein penisähnliches, grünes Gebilde und wusste weder, was es war, noch was ich daraus kochen sollte,. Ich schaute im Internet nach und war  nach gründlicher Recherche sicher, dass das, was die ich fragend in den Händen hielt, sich um Zucchini handeln müsste. Die kannte ich natürlich, die gab es zu Hause in Restaurants. Spaghetti mit Zucchini – braten sollte ich das Gemüse, wie mich der Internetkoch beriet, braten zusammen mit Zwiebeln. Immer wenn ich was brate macht es Luigi total nervös, oder besser macht es ihn hungrig und er läuft zwischen meinen Beinen umher. Fehler Nummer 1: ich schälte die Zucchini, während die Zwiebeln in der Pfanne schmorten. Ich hatte nur ein stumpfes Messer  zur Verfügung, sodass die Schale dick und der Rest ziemlich dünn ausfiel. Eigenartig wässrig empfand ich das, was vor mir lag und war fest entschlossen, nie wieder mit mir unbekanntem Gemüse herum zu experimentieren. Dennoch schmiß ich alles in die Pfanne, packte eine Dose Kirschtomaten rauf, würzte das Ganze. Ein Festmahl war das nicht. Später, als ich Besuch bekam und der Bekannte aus den grünen Teilen, die ich für Zucchini hielt, Gurkensalat machte, erkannte ich wie falsch ich lag.

Ach wie schön, die Sonne scheint, ich brauche mich nicht zu beeilen, sie abzubekommen, sie ist immer da – und Angela McCluskey singt nur für mich „Don’t Believe What They say“. Singt nur für mich, hier auf dem Berg und wenn ich will, werde ich den Repeat-Knopf drücken und sie wird so lange mit ihrer Engelsstimme für mich singen wie ich es will. 

Ich sollte schwimmen gehen, ich mag es, wenn das Salz des Meeres sich in meinen Haaren verfängt. Heute koche ich nichts, wärme das Essen von gestern auf.

Am liebsten mag ich es, mit dem Auto umher zu fahren. Dann kurble ich die Fensterscheiben runter und höre mir den Schwachsinn im Radio an, singe sogar manchmal laut mit. Bewegung ist alles. Ich erinnere mich wie ich als Kind versuchte die Wörter von den Reklameschildern zu entziffern und sie laut und stolz zu sprechen. Hier bin ich sprachlich zu diesem Kleinkind  zurückgeworfen. 

Momentan schreibe ich am „Africa“ Roman eruptionsweise weiter. Sätze werden ausgespuckt, in die Tastatur gebracht, danach folgt eine erschöpfende  Pause. Cate und Melissa haben das Atlasgebirge verlassen und sich nach Taroudant bewegt. Dort treffen sie Mohammed und Nadia. Ich zeichne ihnen den Weg vor, male mit meinen Worten die Landschaften in denen sie sich bewegen. Es werden Menschen nur aus dem einfachen Grund geboren, weil ich sie erfunden habe. Immer müssen Cate und Melissa mit dem Auto weiter fahren,  Bewegungen und nochmals Bewegungen erzeugen. Mitunter fragen sie mich, warum sie nicht mal Halt machen können. Dann lass ich ihnen durch eine Person mitteilen: solange ihr euch fortbewegt, wird es keinen Alltag geben und solange kein Alltag aufkommt, werdet ihr enger zusammenwachsen. Gewohnheit, lasse ich streng  sagen, ist der Tod der Liebe. Ob es stimmt weiß ich nicht. Ich behaupte es schließlich nicht, sondern lasse es andere behaupten. Dem Autor geht es nur darum, dass sie fortkommen, wegkommen, sich durch das Fremde, durch das Unbekannte bewegen …

… ich muss auch hier wieder weg!

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Mich regiert das Licht …

Sommer. Sommer. Sommer. Das sollte doch normal sein, dass im Sommer Sommer ist. Sonne! – am Morgen; Sonne! am Abend und in der Nacht, da liege ich wach und denke: SOMMER! Ewiger Sommer, nicht geduckt durch die Strassen gehen müssen. Sommer! – die Menschen in ihrer Schönheit sehen – v.a. sie auf den Strassen treffen. Warum hat meine Mutter bloß, mich im Regenland aus ihrem Schoß gezogen? Damit die Sehnsucht wächst? Ja, bestimmt: die Sehnsucht ist was Schönes, ein aufwühlendes Gefühl – doch sie braucht ein Bild: Sonne! Blauer Himmel und Freude auf den kommenden Regen. Sonne plus Regen ergibt einen bunten Bogen – so muss es doch sein, oder?
Ich werde mich ins Blumenbeet legen und dem Knallen der aufspringenden Knospen lauschen, oder mit den Schmetterlingen singen, mit den Eseln brüllen, den Vögeln auf die Schnäbel küssen; eine Zigarette anzünden und im grellen Licht, den Rauch tief in den Lungenflügeln spüren; ausatmen und eine Wolke bilden, so eine, wie sie am Himmel steht, sich festkrallt an der Felsenwand, sich verformt, sich dreht und sich in der Sonne wärmt. Tiere, Pflanzen, Wolken, Meer, Himmel und Menschen – wir sollten ein Lied erfinden, das wir alle zusammen singen – einen Weltchoral. Ich habe Hunger!
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Das Wrack …

Oh, wie vernachlässigt, verwahrlost diese Seite doch ist.

Festgesurrt an Seilen und Ketten ist das Traumschiff am Ufer bekannter Fremde gestrandet. Still ist der Januarwind, einfallslos der Himmel, Frostigkeit hat sich über die Gräser gelegt.

Doch fortan, so der Wille, wird das Wrack wieder flott gemacht, um mit brennenden Sinnen, der unter dem harten Asphalt entschlummerten Blüte, neue Wärme und Lebenskraft zu schenken.

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Rebel Yell …

Sie sitzt am Fenster, das Licht der Morgensonne bescheint ihr Gesicht und dringt durch ihr durchwühltes, blondes Haar.

Weißt du …“, sagt sie zwischen ihren vollen Lippen, ich schaue sie an, aber ihr Blick ist hinausgerichtet, vielleicht hin zum Baum, der gegenüber vom Fenster im Hinterhof steht, vielleicht aber auch gen Himmel – ich kann es nicht erkennen.

Sie werden Rebellen genannt, aber das sind sie nicht“, setzt sie fort und ich lausche gespannt was kommen wird. Ihr weißes Hemd, das über ihre Knie gezogen ist, hängt zart über ihre Schultern, läßt die Arme frei. Ihre entblößten Füsse, mit ihren brüchig, rot lackierten Zehnnägeln, sind auf der Fensterbank abgestützt.

RE-BELL-ION“, sagt – nein singt sie fast schon, lässt genüsslich lang das Wort über ihre Zunge gleiten. Schlafsand entdecke ich in ihren Augen – und sie dreht ihren Kopf wieder hin zum Licht, als solle es, während sie denkt, ihr Gesicht wärmen.

Die Rebellen sind Poeten des Lebens und sie erheben sich, weil die Ketten, die sie zu brechen versuchen sich ständig verändern. Sie müssen die Herzschläge fühlen können, sie müssen wissen, wie der Vogel fliegt, fühlen, wie die Kelche der Blumen sich öffnen, hören wie die Knospen der Blätter an den Bäumen sich öffnen. Rebellen tragen ewig die Kindheitstage in sich und haben die Tränen des Schmerzes und der Freude in ihre Herzen geschlossen. Nächtens stehen sie still am Meeresrand, beobachten, wie Sterne in ihrem Schein sich widerspiegeln, lauschen dem Lied des Rauschens, sehen wie die Wellen sich brechen, sich zurück ziehen und wieder vergehen – nie ist eine Welle dieselbe, genauso wenig wie der Mensch es ist.

Die Rebellin …“, sie sagt tatsächlich ‚Rebellin‘, als will sie damit das Weibliche, oder einfach nur sich selbst unterstreichen, und wendet ihren Blick ab vom Fenster, hin zu mir.

… erinnert sich an die Nächte der Liebe, an jene, in denen überschäumende Lebenskräfte, begrenzende Dämme lustvoll durchbrechen.“

Eine Kunstpause wirft sie ein, ich will ihre Gedanken nicht unterbrechen. Freudige Nachdenklichkeit hat sich über ihr Antlitz gelegt. Gespannt lausche ich ihren Gedanken, die sie mir, trotz Heiserkeit des Klanges, mit engelsgleicher Stimme offeriert. Meine Augen sind auf sie gerichtet, hypnotisiert schaue ich auf die Bewegung ihrer Lippen und den Glanz ihrer Augen, die ebenfalls zu mir reden. Ihre Worte zusammen mit ihrer Erscheinung, wirft sie aus, wie Fischernetze, die ihre Wirkung bei mir nicht verfehlen. Und so denke ich, in diesem bewegenden Moment, dass nicht nur entscheiden ist, was gesprochen wird, sondern auch, wer da spricht, dass die gleichen Worte, weniger wahr sein können, kämen sie von einem anderen.

Wir Rebellen …“, sagt sie, erhebt sich von der Fensterbank, betritt mit ihren nackten Füssen das Holz des Bodens des Raumes, indem wir beide, wie in einem Raumschiff und über die Dinge schwebend, zusammen sind. Ich zünde mir eine Zigarette an, Stolz und Freude erfüllt mich, dass mit dem ‚wir Rebellen‘, sie mich scheinbar mit einbezieht.

Auf mich zukommend, lächelt sie mich an – unter ihrem weißen Hemd, das ihr knapp über ihre Knie reicht, sehe ich ihre Brüste sich bewegen – und nimmt mir die glühende Zigarette aus der Hand, zieht daran und geht damit, eine Rauchwolke hinter sich herziehend, den den Raum entlang.

Wir Rebellen, bevor wir etwas auf unsere Fahnen schreiben, bevor wir zur Schlacht aufrufen, sollten all die Sinne der Welt – und nicht nur die, sondern auch noch all der Sterne und all der anderen Galaxien – in uns empfinden können … mehr als nur das Unrecht herauszuschreien, mehr als nur die Finsternis wie einen Dauerregen niederprasseln zu lassen, sollten wir Licht in die Dinge bringen.“

Aber …“, unterbreche ich hüstelnd ihren Gedankenfluss – ein Kloß hat sich irgendwie in meinen Rachen gelegt, „… wenn das Unrecht nicht benannt wird, wie sollten wir es dann abschaffen können?“

Niederbrennen!“, erwidert sie kurz und knapp, zieht erneut an der Zigarette bläst den Rauch in meine Richtung und drückt sie anschließend , neben mir im Aschenbecher aus.

Niederbrennen?“, frage ich erstaunt zurück.

Ja, richtig“, sagt sie, ihr Tonfall klingt euphorisch. „Wenn wir alle Ströme der Sinnlichkeit aufnehmen, wenn wir mit all unseren Organen, mit all unserem Körper es einatmen … dann, ja dann genügt es nicht allein, es muss in unsere Blutbahnen dringen und unsere Herzen entflammen:“

Aufgebracht läuft sie im Raum umher, so als sei sie schon selbst von ihrem erschaffenen Rebellenblut infiziert, als poche es sehnsuchtsvoll in ihren Adern.

Ich bin nicht nur Wunde, ich bin auch das Messer!“, ruft sie, als stünde sie auf einer Barrikade, händehebend aus. Mir ist, als habe ich den Spruch schon einmal in einem anderen Zusammenhang gehört. Kleinlaut und Respekt vor ihrer Begeisterung zollend, gebe ich zu bedenken, dass das, was sie gerade auf ihre Fahnen schreibt, ein Traum sei, wenn auch ein schöner, aber in der Realität nicht Stand halten könne.

Ich will es aber!“ erwidert sie trotzig, setzt sich auf meinen Schoß und legt einen Arm um meinen Nacken.

Versprichst du mir, dass wir mit den Flammen unserer Herzen, Licht in die Welt bringen werden?“, sagt sie mit sanfter Stimme zu mir, so als könnte ich, alleine mit ihr, die Welt von ihren Ketten befreien.

Ich verspreche es dir. Ich verspreche es dir aus meinem schon glühenden Herzen.“

Das ist schön“, erwidert sie auf meine fast schon unbewusst herausgebrachten Worten. Und während sie ihre Lippen zart auf die meinigen legt, sagt sie, sodass ihr Atem in mir dringt: „Dann sind wir Rebellen, abgemacht?“

Abgemacht!“, hauche ich zurück, in vollster Überzeugung, dass von nun an unser Licht all die Finsternis durchbrechen und unser Traum stärker als alles andere sein wird.

traum

Kalte Macht …

Die tiefdunkle Nacht durch das das bleiche Licht des Mondes sich bricht – davor fürchte ich mich nicht. Zwischen Vulkanen auf bebenden Boden, im Orchester von Blitz und Donner zu stehen – da finde ich Halt. In der Unendlichkeit all der Sterne verloren und so groß und so klein zu sein, was ich sehe – das entzündet meinen Geist. Der Tod, der auf meiner Schulter hockt, wartend auf seine goldene Stunde – darüber lache ich noch. Die Liebe, die das Herz zerreißt, schmerzlich in die Seele beißt – das ist Feuer, an dem ich mich wärme.

Doch wie groß ist das Leid, wenn es verschwindet, wie bitterlich, wenn es keine Träne mehr zu trinken gibt. Das tödlichste aller Monster, das ist der innere Winter, der mit frostigen Fingern eingreift in das Gemüt. Grau ist die Decke der Monotonie, die sich über das Feuer legt, furchterregend leer ist das Werk, was ihre Betriebsamkeit erschafft – sie ist ein endloser, langsamer Regen, der alle Sinnesfarben erbleicht. Wie ein Bergmassiv aus nassem Asphalt legt sie sich schwer auf die Brust, lässt leuchtende Blütenköpfe krank und verwelkt zurück. Fahl macht sie das Licht des Himmels, zugenäht hat sie seinen Mund, verstummt seine feurige Sprache, die einst mit vollen Lippen deinen Namen rief. Phantasielos glättet sie die Ebene – sie die Monotonie – entreißt der Welt ihren Zauber, stürzt sie in Agonie.

Wie viel Sommer muss man in sich tragen, wie viel Feuer entfachen – wie scharf muss das Schwert im Herzen sein, ihre kalte Macht zu besiegen. Stolz muss die Brust füllen, um mutig in ihre hässliche Fratze zu grinsen. Laut und überzeugt muss das Wort erklingen um die Macht der Leere zu bezwingen, sonnig das Wort, das die Nebelwand durchbricht: „Leidenschaft“! Gib mir die Wunde zurück, durch die ich die Welt atmen kann.

dunkle_machtBild: Michal Mozolewski

F***** für den Frieden …

Wie wäre es, all unser Handeln würde nur aus der Lust entspringen – was nicht feucht macht oder keine Erektion hervor bringt, ließen wir bleiben …Wie wäre es, wenn wir uns fragen würden, ob wir die Arbeit auch dann noch täten, wenn es keine Bezahlung dafür gäbe, wenn wir nur noch das erschaffen würden, was uns die größte Lust spendet …

Wie wäre es, wenn statt der Gesundung der Ökonomie, wir darauf achten würden, dass die Seele keinen Schaden nähme …

… ja, wenn all dies unser Denken und Tun bestimmen würde, gäbe es dann keine Politik mehr und keine Kriege? Wären wir dann frei und könnten einfach nur mal leben – einfach nur mal so? 

Die schwarzen Augen von Neapel

An einem heißen und grell sonnendurchfluteten Tag, da spiegelte ich mich in dem Blick ihrer schwarzen Augen wider. Stehen blieb die Zeit, kein Zeiger bewegte sich, in diesem Augenblick, wo ich mich in der Weite ihrer Dunkelheit verloren hatte.

Sanft und still, wie eine Nacht, wo der Lärm der Menschenseelen verstummen, war es, als ich in ihre unergründliche Tiefe schaute, war dieser Moment, als mich wie eine unsichtbare Zauberhand, hin zu dieser unscheinbaren Bar führte.

Ein warmes Lächeln benetzte ihre vollen Lippen, Helligkeit bestrahlte ihr Gesicht und wie aus einem Traum gerissen, fragte sie mich, was ich trinken möchte.

Ihr langes dunkles Haar ruhte auf ihrer schmalen Schulter und benommen von der Sommerhitze und ihrer Erscheinung, von dem Aufschlag ihrer langen Wimpern, orderte ich in kurzen Worten „un caffé“ und durchbrach damit gleichfalls die kurze Stille, die mich umgab.

Einer Katze gleich, mit geschmeidigen Bewegungen drehte sie sich um, gab mir ihre Rückansicht zu sehen. Der Lärm der Mühle, in dem sich die Kaffeebohnen befanden und die sie betätigte, vermischte sich mit den Geräuschen der Musik aus einem Fernseher und den lauten Stimmen der anderen, mit Händen gestikulierenden, Anwesenden.

Wie vor einer glänzenden silbrigen Metallwand stand sie vor der gewaltigen Espressomaschine, mir war, als könnte ich jeden einzelnen Muskel an ihrem Körper dabei bewegen sehen und mit präzisen Griffen, gleich einem Uhrwerk, so als sei sie für einen Moment selbst zum Teil der Maschine geworden, drehte sie den Arm, indem sich der Siebträger befand, heraus, klopfte den alten Kaffeerest auf einem Behälter aus, presste das neue Kaffeemehl hinein und drehte den Arm fest wieder in die Öffnung zurück.

Alles war vorbereitet wie zu einem Fest, eine Untertasse und ein Glas mit Mineralwasser stand bereit vor mir, da schob sie den Hebel der Maschine nach oben, ein gewaltiger Druck, den ich glaubte zu hören, baute sich auf – kurz noch sah ich, wie ihr Gesäß sich dabei aufregend in ihrer engen Hose bewegte – sie sodann den Hebel herunter schob und eine zähflüssige Kaffeemasse sich in eine kleine Tasse presste. Damit der Kaffee sich nicht verdünne, wurden die letzten verwässerten Tropfen von einem kleinen Löffel abgefangen. Die Produktion war vollbracht! Vorsichtig nahm sie, mit rotlackierten Fingernägeln, die heiße, kleine Tasse, stellte sie vor mich hin, drehte sie so, dass der Henkel zu meiner rechten Hand zeigte.

„Prego!“, sagte sie, wieder trafen sich unsere Blicke und ließ mich mit dem, was sie geschaffen hatte, alleine.

Wie ein roher Diamant, frisch abgeschlagen aus einer Höhle, so stand er vor mir, der „Caffé“, geformt aus ihrer Hand.

Sanfter Schaum benetzte seine Oberfläche und seitlich neben mir, geordnet in einem Gefäß, nahm ich mir eine kleine Zuckertüte, öffnete sie und schüttelte langsam die weißen Zuckerkristalle auf die schwarze Masse, wo sie auf der Krone des Kaffeeschaumes liegen blieben.

Einem Drama kommt es gleich, so wie es sich millionenfach jeden Tag in Neapel vollzieht. Der Protagonist in diesem Schauspiel ist der Kaffee, stolz wie ein schwarzer Schwan schwebt er über die Bühne. Voller Bitterkeit ist er noch, zu bitter, um dem Genuss die nötige Leichtigkeit zu verleihen. Dieser schwarze, bittere Königsvogel, voller Kraft, Energie und Triebe, muss sich mit der hellen Unschuld – die eigentlich gar keine ist – vereinen, damit seine breiten Flügel des Genusses über den Gaumen schwebe. Süsslich ruhen die funkelnden, weißen Zuckerkristalle noch unschuldig auf der dunklen, schwarzen Hölle. Es ist ein Kampf des Guten gegen das Böse. Wenn alles richtig läuft, wird das Weiße sich mit der bitteren dunklen Macht vermählen und Beide werden nicht mehr sein, was sie einmal waren: das Bittere wird süßlich sich geben und das Weiße das Kleid der Hölle sich überziehen.

Doch noch war es nicht soweit, noch beugte ich mich herunter, das Schauspiel zu betrachten. Langsam verdunkelte sich die Helligkeit des Zuckers, zurück blieb nur eine kleine Insel, die wie auf einem heißen Vulkan ruhte. Dann jedoch, als hätte eine nimmersatte Glut eine paradiesische Unschuld in den Abgrund gezogen, glitt der Zucker auf den Tassenboden.

Es war nun an mir, die Vereinigung zu vollenden und mit einem Löffel stach ich hinein in das Spiel, rührte darin umher, erhob das Gefäß und trank es leer. Bitter-süßlicher Geschmack verbreitete sich auf meiner Zunge, Unschuld und Sünde vermengten sich, mein Herz schlug höher und der Schleier der Benommenheit zerteilte sich. Einen kurzen Moment ließ ich meinen Gaumen an dem Ereignis sich ergötzen, leerte sodann das Glas mit dem Wasser, legte ein Fünfzig-Cent-Stück als Geste der Dankbarkeit und Anerkennung für die Schaffung dieses Genusses auf den dunklen, gefleckten Marmor Tresen.

Da kam sie wieder aus irgendeiner Ecke zurück, nahm das Geldstück, warf es in einen Becher, räumte Tasse, Glas und alles andere ab, wischte mit einem Lappen über die Fläche, wo zuvor mein Kaffee stand, reinigte alles, so als wollte sie damit den Schlussakt des Schauspiels einläuten. Gestärkt und voller Hoffnungstriebe, machte ich mich bereit zum Fortgehen, schickte der Barista einen Abschiedsgruß hinter den Tresen, den sie willig erwiderte und ging, jetzt mit festeren Schritten, hin zur Ausgangstür und drehte mich, während ich den Messinggriff der Tür in der Hand hielt noch einmal zurück. Sie hatte noch ihr Wischtuch in der Hand, fuhr damit über die steinende Platte und für einen winzig kurzen Augenblick, kürzer noch als der Blitz auf die Erde trifft, verfingen sich wieder unsere Blicke. Die Ausgangstür öffnete sich, ich ging hinaus, blauer Himmel, Hitze und greller Sonnenschein empfingen mich, aus der Schachtel fingerte ich eine Zigarette, steckte sie an, genoss es, wie der Rauch meine Lungenflügel stimulierte, ein Lächeln huschte ungewollt über mein Gesicht – die Welt ist weiblich, dachte ich – und setzte meinen Weg fort, auf der staubatmenden, mit Autos befahrenden Strasse, ging den schmalen Gehweg entlang, wo die Sonne unbarmherzig nieder ging und rettete meinen Blick neben mir in das regungslose, undurchdringliche Bambusfeld.

Blau, so blau war der Himmel an diesem Tag, so voller Licht, doch die Helligkeit, die wahre, die mich umgab, das waren schwarze Augen, Tiefe in die ich blickte – schwarze Augen abgründig, leuchtend und bittersüß.

Die schwarzen Augen von Neapel

Frühling in Neapel

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