Das Meer in mir

Windstille herrschte an jenem Tag, eine dünne gelbgraue Wolkendecke hatte sich über den Himmel gezogen und das Sonnenlicht in schwermütiges Kolorit getaucht. Das Meer hatte sich wie aus eigener Kraft erhoben, als entstiege aus der abgründigen Tiefe eine eigene Lebendigkeit. Ich stand am Ufer, bestaunte das unendliche Entrollen der Wassermassen, lauschte wie von einer Zuschauerbank dem symphonischen Rauschen. 

Gestern noch lockte die glatte See mit betrügerischer Ruhe, lockte mit hoffnungsweckendem Blau. Gestern noch war das Meer Spiegel für die Sonne, die selbstverliebt ihre Schönheit darin bestaunte. Stehend auf einem länglichen Steinhügel, vom Strand, wie ein Messer ins Wasser gebaut, um die Gewalt der Wellen zu brechen, bin ich selbst aufgewühlt von der mir dargebotenen stürmischen Leidenschaft. Was hatte das Meer derartig in Regung gebracht? Ein kleines Beben, ein zarter Windstoß, ein Flügelaufschlag? Welche Mauern werden erst brechen, welche Städte überflutet, wenn der große Aufruhr kommt?

Das Meer in mir.

Welle für Welle, keine gleicht der anderen, keine kommt zurück, wie sie einmal war. Auch wenn ich heimkehre, werde ich ein anderer sein.

Frei bin ich, wenn ich fern der Stube, dir, Meer, nahe bin. Sehnsüchtige, unerreichbare Liebe spüre ich, wenn dein Gesang mich durchdringt. Deine Tiefe zu ergründen, ist, als blicke ich gleichfalls in die Unendlichkeit meiner Seele. Meer – wer kennt schon deine Reichtümer – welche Schätze liegen noch verborgen auf meinem Meeresgrund?

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