Schwangeres Universum …

Vielleicht ist die Geburt eines Buches mit der eines Menschen vergleichbar. Während am Roman geschrieben wird, verspürt man Glückshormone, ist er vollendet, folgt eine Art postnatale Depression. Ich dachte, ich könnte »Africa« in einem Wurf fertig stellen – das war ein Irrtum: Es brauchte mehrere Entwürfe und dieser letzte liegt endlich dem Lektorat vor. Jahre sind vergangen, ich mag gar nicht nachrechnen, wie viele. Ein Mensch kommt immerhin nach neun Monaten aus dem Uterus gekrochen – das ist der Unterschied zum Roman. Unterschiedlich auch: die Romanfiguren Cate und Melissa altern nicht, sie bleiben auf Ewigkeit bestehen wie Kafka’s Gregor Samsa oder Fontanes Effi Briest.

Schreiben ist Metamorphose, ist ein Ausbruch aus der Wirklichkeit – auch ich verwandelte mich, versuchte wie eine Frau zu empfinden, versuchte zu schreiben, wie Cate reden würde – selbst die Stimme sollte zu ihr passen.

Ich bereiste im Geiste Orte, die ich nicht kannte und begegnete Menschen, die es nicht gab, lernte Geschichten kennen, die ich selbst erfunden hatte. 

Marcel Proust meint, einzig die Kunst sei in der Lage uns das zu geben, was wir im Leben suchen (und nicht finden). Die Kunst – und folglich auch die Literatur – sei vergleichbar mit dem Schlaf: sie wendet sich jenseits des Gedächtnisses an verborgene Welten. Das Schreiben an »Africa« war eine Reise, nicht nur von Ort zu Ort, sondern eine durch Körper, durch das Bewusstsein, hinein ins Unbekannte. Erlebtes geht über in Fiktion und die Fiktion geht über in die Realität. 

Das Schlimme nach dem Ende des Romans war; die Räume haben wieder Wände, Ecken und Decken. Es weht kein Wind, die Mauersteine sind nicht aufgebrochen und der Blick zur Welt ist wieder versperrt. Die Tastatur, der Schimmel auf dem dem ich durch Täler und Orte düse, lahmt und will nicht vorankommen. Das Pferd braucht Futter und leuchtende innere Sonne. Eine neue Geburt muss erfolgen und ein neuer Schrei ertönen. Geburt! Ich denke zurück an Agadir, als Cate und Melissa mit der Marokkanerin Nadia unterm nächtlichen, sternenbehangenen Himmel am Strand lagen. Die Wellen des Atlantik plätscherten ans Ufer, es sollte die Abschiedsnacht werden, bevor Cate und Melissa weiter ziehen würden. Die drei lagen im Sand, hielten sich fest an ihren Händen und blickten ins Universum hinein: 

„Merkt ihr es auch?“, stieß Nadia aus.

„Ja“, pflichtete ich ihr bei, obwohl ich nicht wusste, was sie meinte.

„Träumende Galaxie“, dehnte Nadia diese beiden Wörter seufzend heraus. 

„Das Universum liegt im Schlaf und träumt uns. Seicht geht der Galaxie-Atem auf und nieder und …“

„Und …“, stimmte Melissa in die Imagination mit ein, „… das Universum trägt uns in seinem atmenden Bauch. Die Galaxie ist mit uns schwanger. Wir sind ihre Fötusse, die Luft und das Meer ist das Fruchtwasser, indem wir uns bewegen – der Muttermund der Galaxie ist die Erde …“

„Und …“ setzte Nadia fort, „alle Menschen, Tiere, Pflanzen und Insekten, alles was seit Generationen lebt und sich bewegt, befindet sich in einem Zyklus permanenter Geburt …“

„Ja!“, fügte ich hinzu, „Es gibt kein Ende und keinen Anfang, sondern ausschließlich ein ständiges sich Bewegen und Werden, meine Schwestern!“

 „We’re only just begann!“, setzte ich hinzu.

„Das ist es“, jauchzte Melissa, „das dürfen wir nie vergessen. Egal was immer passieren mag: Ob wir mal einen schlechten Tag haben, ob wir alt und gebrechlich sind, selbst wenn wir auf dem Totenbett liegen – immer sollten wir uns sagen: ‚Wir fangen gerade erst an‘, es wird kein Ende geben …“

„Es sind so viele Wege“, sagte ich, „die vor uns liegen und mit jedem Weg wird eine neue Abzweigung kommen …“

„… Und auf all den Wegen“, fiel Nadia mit ein, „werden Zeichen stehen, an denen wir lernen und an denen wir wachsen, bis wir groß und größer werden.“

Nach einer kurzen Stille stöhnte Nadia aus:

„Oh mein Gott! Ich beginne wirklich zu leben. Nicht das ich das nicht schon vorher tat. Aber jetzt … wie soll ich sagen. Ich fühle mich neu! Ich fange gerade erst an.“ 

Wieder Stille, niemand sagte etwas, wir schauten in den Himmel, der jetzt in unseren Vorstellungen mit uns schwanger ging und wir die Babys waren, die im Bauch von Mutter Erde lagen.

Die Erde ist der Muttermund des Universums

Das Wrack …

Oh, wie vernachlässigt, verwahrlost diese Seite doch ist.

Festgesurrt an Seilen und Ketten ist das Traumschiff am Ufer bekannter Fremde gestrandet. Still ist der Januarwind, einfallslos der Himmel, Frostigkeit hat sich über die Gräser gelegt.

Doch fortan, so der Wille, wird das Wrack wieder flott gemacht, um mit brennenden Sinnen, der unter dem harten Asphalt entschlummerten Blüte, neue Wärme und Lebenskraft zu schenken.

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Gefaltete Seele

Als ich erwachte, die Augen öffnete und das Licht durch mein Fenster erblickte, überkam mich ein eigenartiges, ichbezogenes Weltgefühl, eines, was manchmal Menschen zu sich empfinden, eben weil sie Menschen und in der Lage sind, ihr Dasein in verschiedene Richtungen zu denken. Der lichte Tag brach in jenem Moment herein, der zwischen Traum und Erwachen stand, jener also, wo man nicht so recht weiß, in welcher Realität man sich real befindet; in der des Taumelns oder der, der vermeintlichen Beständigkeit. Es dauerte nicht lange, da war die Traumwelt – diese schöne Braut – wie mit einem Schwamm von der Tafel des Bewusstseins gewischt und verloschen, und ich fand mich dort wieder, wo meine nächtliche Reise begann, in meinem Bett, mit dem Kopf auf einem zerknitterten Kissen.

Ich ordnete das Kissen, auf dem ich lag, bog es zurecht, sodass ich den Baum vor meinem Fenster erblickten konnte und sah, wie auf einem Ast sich eine Taube niederließ und mit flatternden, ungeschicktem Flügelaufschlag sich wieder entfernte. Verschwommen waren bis dato meine Sinne, noch nicht im Getriebe der Alltäglichkeiten eingepasst, frei noch und fern von beklemmenden Verpflichtungen, die Zeit irgendwie ausfüllen zu müssen.

Da brach die Idee, wie ein Fötus aus mir heraus, der Gedanke, dass das Morgenlicht, der Baum, die Äste und auch die Taube ein Teil von mir seien, dass, wenn ich nicht erwacht, diese Welt mit mir im Schlaf versunken geblieben wäre.

Wie könnte, so mutmaßte ich dreist, die Erde sich ohne mich weiterdrehen, wie das Blatt des Baumes auf dem die Taube saß, sich bewegen, das Licht durch mein Fenster scheinen? Sind denn nicht mein Atem, mein Herzschlag, das pulsierende Blut in meinen Adern an die Erde gebunden? Und der Kosmos, verstieg ich mich egomanisch weiter, ist er nicht auch für mich erschaffen worden. Der Stern, der am nächtlichen Himmel funkelt, hab ich ihn wohlmöglich selbst erfunden? Der Beweis, dass alles so ist, wie es ist, kann doch nur erbracht werden, wenn ich es bin, der ihn aufnehmen kann, wenn ich ihn verstehe. Wer schon könnte mir den Nachweis erbringen, dass alles Leben und Treiben, jede Melodie, jeder Herzschlag, jeder Glanz in den Augen, jede Welle, die sich in den Ozeanen erhebt, jede Katze, die auf die Mauer springt, jeder Laut und jede Stimme, die ich höre … fortbesteht, blieben an dem Morgen meine Augenlider verschlossen?

Vielleicht war dieses Gefühl, was mich an diesem Morgen beherrschte, banal, aber dennoch blieb ich regungslos im Bett liegen, um ja nichts von dieser Ungeheuerlichkeit zu abzuschütteln.

Ich könnte, so sinnierte ich, während ich ängstlich die Bettdecke hoch zu meinen Schultern zog, durchaus den Gedanken verfestigen, dass alles, was ich fühle, höre und sehe, einzig meiner Einbildung entsprungen sei. Vielleicht ist meine Phantasie derartig mächtig, diese Bilderwelt, in der ich lebe, mir vorzugaukeln. Vielleicht ist sie so gewaltig, mich Glück und Schmerz fühlen zu lassen. Vielleicht sind Feuer, Wasser, Menschen, Tiere und die verschiedenen Kontinente nur Fiktion und alleinig aus meiner Idee hervorgebracht. Wer schon könnte mir die Entkräftung erbringen, dass ich mich nicht im Traum befinde, dass wenn ich erneut erwachen würde, diese sogenannte Realität wie Nebelschwaden verschwinden würde. Könnte es nicht sein, dass mein formidabler Geist, mich von einer Welt zur nächsten treibt, dass das Reale die Fiktion ist und der Traum Wirklichkeit?

Mein Gott“, flüsterte ich in mich hinein, in welch einem großartigen Betrug wäre ich hineingeraten!

Stille. Kein Wind bewegte mehr die Blätter der Bäume, keinen Laut konnte ich mehr vernehmen. Wer nur, fragte ich mich, war es, der die Hände gen Himmel erhob, wer sprach das erste Gebet, um der Ungeheuerlichkeit des Gedankens, allein in dieser Welt zu sein, zu entkommen? Wer war der erste Mensch, der sich einen Gott erfand, um wieder festen Boden unter die Füsse zu bekommen? War ich es? Ich musste grinsen. Mein Bett wurde zum Raumschiff, mein Kopf ins Kissen gepresst, flog ich durch das Gestrüpp, durch die Blätter, mit den Vögeln hin zum Licht.

Aber die Liebe? Ja, die Liebe, so dachte ich: zeigt nicht ausgerechnet sie, dass ich nicht alleine bin? …

Es klingelte, ich erschrak, krachend landete das Raumschiff wieder dort, wo es gestartet war. Ich sprang aus dem Bett, zog mir was über, eilte den Korridor entlang und Schritt für Schritt, wie bei einem geöffneten Gefäß, verlor sich das Gefühl, was ich zuvor noch auf dem Kopfkissen hatte. Ich öffnete die Tür und da stand sie vor mir, ihr blondes Haar war aufgewühlt, wahrscheinlich vom Wind. Sie blickte und lächelte mich an, sagte etwas, ich erinnere nur ihre Stimme. Ich bin nicht sie und sie ist nicht ich, schwer zu glauben, meine Phantasie hätte sie erfunden. Ihre Arme umklammerten meine Schulter, ihre Lippen drückten sich auf meinen Mund. Traum oder Wirklichkeit, ich weiß es nicht – das eine so richtig wie das andere. In den Falten der Seele liegt schlummernd und im Dunkeln die Erkenntnis, sie ist unendlich, genauso wie es die Falten sind. Wenn man sich entfalten will, muss man sich nur immer hin zum Himmel strecken.

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Rebel Yell …

Sie sitzt am Fenster, das Licht der Morgensonne bescheint ihr Gesicht und dringt durch ihr durchwühltes, blondes Haar.

Weißt du …“, sagt sie zwischen ihren vollen Lippen, ich schaue sie an, aber ihr Blick ist hinausgerichtet, vielleicht hin zum Baum, der gegenüber vom Fenster im Hinterhof steht, vielleicht aber auch gen Himmel – ich kann es nicht erkennen.

Sie werden Rebellen genannt, aber das sind sie nicht“, setzt sie fort und ich lausche gespannt was kommen wird. Ihr weißes Hemd, das über ihre Knie gezogen ist, hängt zart über ihre Schultern, läßt die Arme frei. Ihre entblößten Füsse, mit ihren brüchig, rot lackierten Zehnnägeln, sind auf der Fensterbank abgestützt.

RE-BELL-ION“, sagt – nein singt sie fast schon, lässt genüsslich lang das Wort über ihre Zunge gleiten. Schlafsand entdecke ich in ihren Augen – und sie dreht ihren Kopf wieder hin zum Licht, als solle es, während sie denkt, ihr Gesicht wärmen.

Die Rebellen sind Poeten des Lebens und sie erheben sich, weil die Ketten, die sie zu brechen versuchen sich ständig verändern. Sie müssen die Herzschläge fühlen können, sie müssen wissen, wie der Vogel fliegt, fühlen, wie die Kelche der Blumen sich öffnen, hören wie die Knospen der Blätter an den Bäumen sich öffnen. Rebellen tragen ewig die Kindheitstage in sich und haben die Tränen des Schmerzes und der Freude in ihre Herzen geschlossen. Nächtens stehen sie still am Meeresrand, beobachten, wie Sterne in ihrem Schein sich widerspiegeln, lauschen dem Lied des Rauschens, sehen wie die Wellen sich brechen, sich zurück ziehen und wieder vergehen – nie ist eine Welle dieselbe, genauso wenig wie der Mensch es ist.

Die Rebellin …“, sie sagt tatsächlich ‚Rebellin‘, als will sie damit das Weibliche, oder einfach nur sich selbst unterstreichen, und wendet ihren Blick ab vom Fenster, hin zu mir.

… erinnert sich an die Nächte der Liebe, an jene, in denen überschäumende Lebenskräfte, begrenzende Dämme lustvoll durchbrechen.“

Eine Kunstpause wirft sie ein, ich will ihre Gedanken nicht unterbrechen. Freudige Nachdenklichkeit hat sich über ihr Antlitz gelegt. Gespannt lausche ich ihren Gedanken, die sie mir, trotz Heiserkeit des Klanges, mit engelsgleicher Stimme offeriert. Meine Augen sind auf sie gerichtet, hypnotisiert schaue ich auf die Bewegung ihrer Lippen und den Glanz ihrer Augen, die ebenfalls zu mir reden. Ihre Worte zusammen mit ihrer Erscheinung, wirft sie aus, wie Fischernetze, die ihre Wirkung bei mir nicht verfehlen. Und so denke ich, in diesem bewegenden Moment, dass nicht nur entscheiden ist, was gesprochen wird, sondern auch, wer da spricht, dass die gleichen Worte, weniger wahr sein können, kämen sie von einem anderen.

Wir Rebellen …“, sagt sie, erhebt sich von der Fensterbank, betritt mit ihren nackten Füssen das Holz des Bodens des Raumes, indem wir beide, wie in einem Raumschiff und über die Dinge schwebend, zusammen sind. Ich zünde mir eine Zigarette an, Stolz und Freude erfüllt mich, dass mit dem ‚wir Rebellen‘, sie mich scheinbar mit einbezieht.

Auf mich zukommend, lächelt sie mich an – unter ihrem weißen Hemd, das ihr knapp über ihre Knie reicht, sehe ich ihre Brüste sich bewegen – und nimmt mir die glühende Zigarette aus der Hand, zieht daran und geht damit, eine Rauchwolke hinter sich herziehend, den den Raum entlang.

Wir Rebellen, bevor wir etwas auf unsere Fahnen schreiben, bevor wir zur Schlacht aufrufen, sollten all die Sinne der Welt – und nicht nur die, sondern auch noch all der Sterne und all der anderen Galaxien – in uns empfinden können … mehr als nur das Unrecht herauszuschreien, mehr als nur die Finsternis wie einen Dauerregen niederprasseln zu lassen, sollten wir Licht in die Dinge bringen.“

Aber …“, unterbreche ich hüstelnd ihren Gedankenfluss – ein Kloß hat sich irgendwie in meinen Rachen gelegt, „… wenn das Unrecht nicht benannt wird, wie sollten wir es dann abschaffen können?“

Niederbrennen!“, erwidert sie kurz und knapp, zieht erneut an der Zigarette bläst den Rauch in meine Richtung und drückt sie anschließend , neben mir im Aschenbecher aus.

Niederbrennen?“, frage ich erstaunt zurück.

Ja, richtig“, sagt sie, ihr Tonfall klingt euphorisch. „Wenn wir alle Ströme der Sinnlichkeit aufnehmen, wenn wir mit all unseren Organen, mit all unserem Körper es einatmen … dann, ja dann genügt es nicht allein, es muss in unsere Blutbahnen dringen und unsere Herzen entflammen:“

Aufgebracht läuft sie im Raum umher, so als sei sie schon selbst von ihrem erschaffenen Rebellenblut infiziert, als poche es sehnsuchtsvoll in ihren Adern.

Ich bin nicht nur Wunde, ich bin auch das Messer!“, ruft sie, als stünde sie auf einer Barrikade, händehebend aus. Mir ist, als habe ich den Spruch schon einmal in einem anderen Zusammenhang gehört. Kleinlaut und Respekt vor ihrer Begeisterung zollend, gebe ich zu bedenken, dass das, was sie gerade auf ihre Fahnen schreibt, ein Traum sei, wenn auch ein schöner, aber in der Realität nicht Stand halten könne.

Ich will es aber!“ erwidert sie trotzig, setzt sich auf meinen Schoß und legt einen Arm um meinen Nacken.

Versprichst du mir, dass wir mit den Flammen unserer Herzen, Licht in die Welt bringen werden?“, sagt sie mit sanfter Stimme zu mir, so als könnte ich, alleine mit ihr, die Welt von ihren Ketten befreien.

Ich verspreche es dir. Ich verspreche es dir aus meinem schon glühenden Herzen.“

Das ist schön“, erwidert sie auf meine fast schon unbewusst herausgebrachten Worten. Und während sie ihre Lippen zart auf die meinigen legt, sagt sie, sodass ihr Atem in mir dringt: „Dann sind wir Rebellen, abgemacht?“

Abgemacht!“, hauche ich zurück, in vollster Überzeugung, dass von nun an unser Licht all die Finsternis durchbrechen und unser Traum stärker als alles andere sein wird.

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Die Wunde …

Wir sitzen zusammen in diesem weißen Raum – meine Ärztin und ich. Ich versuche ihr Gesicht zu entschlüsseln, etwas Markantes darin zu finden, an dem ich mich festhalten könnte, aber es gelingt mir nicht, mein Blick gleitet, wie auf einer glatten Oberfläche, an ihr ab. Ein Lächeln, an dem ich mich festhalten könnte, eins, welches mir die Tür zu ihr öffnen könnte – es fehlt. Sie, die mir was mitteilen möchte, etwas, was mich betreffen sollte, hat sich sonderbarerweise absorbiert, ist gar nicht vorhanden.
„Nein, nein – so ist es nicht“, sage ich ihr, dieser Person, die vor mir, wie hinter einer Festungsmauer, an ihrem Schreibtisch sitzt. Mein Hemd ist noch aufgekrempelt und ich befühle die Stelle an meinem Ellenbogen, diese Wunde, um die sich alles dreht, dieses Übel, wie alle meinen, weswegen ich hier sitze.
Aus welchen Gründen ich mit dieser Lappalie den Weg zur Arztpraxis gefunden habe, ist mir unerklärlich. Soviel ich weiß, drang man mich, es untersuchen zu lassen, doch nun erweist sich der Gang dahin so, als sei ich geradewegs in die Höhle eines hungrigen Tieres geraten. Vielleicht sollte ich den Ärmel wieder herunter krempeln, die Wunde verstecken, unsichtbar werden lassen und damit den Grund der Diagnose überflüssig machen.
„Sie haben diese Krankheit und Sie werden daran zu Grunde gehen, wenn wir es nicht behandeln.“
Ihre Stimme mit der sie die Bestimmtheit ausspricht ist widerwärtig, vielleicht schaut sie mich dabei an, aber wie soll ich es erkennen können, wo ich nicht einmal ihr Gesicht sehe. Wie aus einer weißen Nebelwand streckt sie den Arm mir entgegen. Ich sehe ihre Hand, am Mittelfinger trägt sie einen zierlich schmalen goldenen Ring mit einem Herzchen drauf, hält mir eine Röntgenaufnahme entgegen – sie sagt, es sei der Befund, der alles beweisen würde, der Befund der mein Urteil sei.
„Lassen Sie es mich erklären“, versuche ich mich zu verteidigen, Einspruch einzulegen. Meine Stimme klingt ungewollt vibrierend, wahrscheinlich vor Aufregung über die scheinbare Ausweglosigkeit der Diagnose. Ich habe meinen Arm mitsamt der Wunde auf ihren Schreibtisch gelegt, will mich abstützen, um weiter fortfahren zu können.
„Hören Sie, es ist eine Erklärung, für die es keine Worte gibt und deswegen auch schwer ist, es darzulegen. Seit Jahren versuche ich zu erfassen, was es mit dieser Wunde auf sich hat, doch all die vielen Worte, selbst dann, wenn ich glaubte, sie hätten den Sinn getroffen, stürzen immer wieder ins Leere. Die Wunde war schon immer da und ich glaube, sie bildete sich seit meiner Geburt oder sogar schon davor. Bislang war sie immer verschlossen und schmerzte nur innerlich. Sie war vom Schmerz her vergleichbar mit einer Traurigkeit, wie man sie zur Welt empfindet. Verstehen Sie? Sie sollen es verstehen, auch wenn es nichts zu verstehen gibt, nichts, was auszusprechen wäre, nichts, was einer Krankheit oder Gesundheit zuzuordnen wäre, nichts wofür es einen Begriff gäbe.“
Aus der Nebelwand mir gegenüber huscht mit einem Male ein Lächeln heraus, springt mir bei meinen Worten entgegen. Es ist kein freundliches Lächeln, es ist ein gemeines, ein verständnisloses, sich auf eine Ordnung berufendes, überhebliches Grinsen, eines, das mir entgegen stürzt, mich entwaffnen will und nachdem mir dieses Grienen entgegen geschleudert wurde, folgten Worte ihrer hellen und festen Stimme:
„Dann dürfte es Sie freuen, dass die Suche ein Ende gefunden hat, denn jetzt haben wir die Diagnose ihres Leidens und können es beheben.“
„Das Ende?!“, rufe ich ihr laut entgegen, beuge mich noch weiter hin zu ihr, lasse den Arm aber weiter auf ihrem Tisch ruhen. All die ursprüngliche Helligkeit des Raumes wirkt plötzlich so dunkel, so als hätten selbst die spärlichen Sonnenstrahlen, die durch die Jalousien drangen, sich gegen mich gerichtet.
„Wie kann es ein Ende geben, wenn ich Ihnen doch sagte, dass es nicht einmal einen Anfang gab“, rufe ich in ihre Richtung hinein, während das Bild, die Röntgenaufnahme, die das Innerste meiner Wunde zeigen sollte, vom Tisch auf den Boden fällt.
„Das, was ich da habe“, sage ich und deute damit auf meinen Arm, „ist nichts Gesellschaftliches, ist kein Symptom was Sie medizinisch benennen könnten. Es ist was Geheimes, vielleicht sogar was Ewiges, ein Strom, eine Energie, die nur mir zu eigen ist. Ja, es ist in irgendeiner Form die eigentliche Wahrheit, eine, die mich bewegt und das aus mir macht, was ich bin. Das, Verehrteste, was sie Krankheit nennen, das bin ich. Verstehen Sie, das, was Sie beabsichtigen aus mir heraus zu nehmen gedenken, ist meine Persönlichkeit – eine die in den Tiefen in mir ruht und mich von all den anderen Menschen unterscheidet. So verstehen Sie doch bitte, was ich meine! Gerne sage ich ‚Guten Tag‘, ‚Guten Abend‘, halte mich an Gesetze, bin freundlich und mache meine Arbeit. Aber all dies bin ich nicht, das ist nur eine Maske, die ich gebrauche, um mit den Menschen auszukommen. Mein Herz schlägt nur so ähnlich, wie das Herz der anderen, auch mein Kreislauf ist ein anderer – ich bin ein Anderer, ich bin die Wunde …“
„Ach sehen Sie es doch ein“, entgegnet sie, „Sie wollen der Tatsache nicht ins Auge sehen. Sie reden von Wahrheit und flüchten davor, weil sie Ihnen nicht gefällt. Sehen Sie einfach ein, Sie sind krank, Sie müssen versorgt werden. Was soll das Geschwätz – Sie sind genauso wie alle Anderen. Ihr Herz schlägt gleich, ihre Muskeln bewegen sich wie all die Muskeln all der anderen Menschen. Und Ihre Gedanken …“
„Stopp, stopp!“, will ich schreien, doch meine Stimme schafft es nicht lauter zu werden, prallt ab an der Nebelwand hinter der sie sich verbirgt. Erregt erhebe ich mich, ziehe die Wunde von dem Schreitisch weg. Der Stuhl auf dem ich saß, kippt zur Seite. Dunkler noch ist der Raum geworden, durch den ich torkele, und mühsam versuche ich mich mit all meiner Kraft hin zum Ausgang zu bewegen. Ein Ständer, an dem eine leere Infusionsflasche hängt, kippt um, fällt krachend zum Boden.
„Flüchten, ja genau Flüchten werde ich“, stottere ich in den undurchschaubaren Raum hinein.
„Sie werden daran sterben …“, ruft sie mir aggressiv zu.
„Weglaufen werde ich vor Ihrer Diagnose. Ich werde mich nicht auf den Seziertisch der Allgemeinheit begeben – ich renne davon, so wie man rennt, wenn Feuer ausbricht. Und wenn es eine Lüge sein sollte, an der ich umkomme, so bleibt es immer noch meine Wahrheit … hören Sie mich: meine Wahrheit, die nur mir gehört, meine eigene, so wie jedes Wesen eine eigene hat … Ich bin stolz auf meine Wunde … Hören Sie mich, hören Sie…“
Schallendes Gelächter dröhnt durch den Raum, vervielfacht sich, wird zum Hall. Ein grausames Gelächter ist es, eins mit ihrer Stimme. Mein Herz rast, ich suche die Tür zum Ausgang, versuche zu laufen, komme nicht voran, komme nicht raus aus dem klinisch – dunklen Raum. Meine Wunde juckt, das Gelächter wird lauter, ich versuche mich zu kratzen, schreie, als müsste ich mich befreien, schreie gegen das hässliche Gelächter an …
„ICH BIN EIN ANDERER!“
Ruckartig wache ich auf, höre meine Stimme, Sonnenstrahlen dringen durch den Raum, Helligkeit kündigt den Morgen an und sanft bewegen sich die Blätter des Baumes vor meinem Fenster. Mein schwarzer Kater liegt neben mir, reibt seine raue Zunge an meinem Ellbogen, will dass ich wach werde und mit ihm spiele. Die Wunde! Ich schrecke hoch, nichts ist an meinem Arm zu sehen, der Kater schnurrt, schaut mich mit leuchtend grünen Augen an und schlaftrunken streichle ich ihm übers Haupt. Alles nur ein Traum? Auf meine Brust legt er sich nieder, stupst mit seiner Pfote mir ins Gesicht, ich kraule seine Ohren, Speichel tropft aus seinem Mund
„Wir werden uns unsere Wunden nicht nehmen lassen“, flüstere ich dem Kater ins Ohr. Er schmiegt sein Kopf an mein Gesicht, tief berührt von seiner Zärtlichkeit nehme ich sein Kopf in meine Hände und drücke ihm schmatzend einen Kuss zwischen seine Augen. Er hat Hunger!

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Der Schleier …

Maja – Göttin und Schöpferin des Universums – Welt-Mutter. Doch sie trägt einen Schleier –  diese wunderbare Heilige – denn sie ist im Hinduismus auch die Göttin der Illusion. Den Schleier, den sie trägt, offenbart uns, alles was wir sehen ist auch nicht wahr. Die Welt, wie wir sie betrachten ist eine Täuschung und Wahrheit ist nur, dass alles eine Lüge ist.

Der Schleier: Symbol für den Kreislauf ewiger Selbsttäuschung und doch auch Symbol für die Hoffnung. Wollten wir den Schleier zerreißen, in der Absicht, der vermeintlichen Wahrheit in die Iris zu blicken, zerstören wir auch den Traum – den Traum, der uns über alle Dinge schweben lässt.

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