Mit Lily am Meer …

Heute 15 Grad, die Sonne wärmt mein Gesicht. Ich bin mit Lily unterwegs. Sie redet nicht viel, sie redet gar nicht; ich höre sie einzig mit meinen Augen.

„Ich glaube nicht an Menschen. Sie haben auch nicht an mich geglaubt“ (Lily).

Deleuze meint, das gesprochene Wort sei dreckig. Und er meint damit, die meisten Unterhaltungen sind überflüssig. In abgewandelter Form, hätte das auch Lily sagen können. 

Ich gehe weiter, bin auf Seite 31. Wenn die Sonne mich von hinten bescheint, sieht mein Haar im Schattenbild zerfleddert aus. 

Ich hasse es, wenn der Wind von hinten kommt und mein Haar nach vorne drückt. In Hamburg kam der Wind immer von hinten – vielleicht ist das der Grund, warum ich hierher ausgewandert bin. 

Eine Frau spielt kindisch mit den Wellen am Meer, die vor und zurückgehen. 

Wenn man schreibt, liegt man ständig auf der Lauer. Ich muss die Orte wechseln, damit der Strom in Gange kommt. Bücher sind auch Orte, genauso wie Frauen Landschaften sind.

Heute ist der Strand breiter als sonst. Ist Ebbe? Mir gefällt es, wenn Menschen sinnlose Dinge machen, ich denke, dann sind sie sehr bei sich. Verrückte sprechen und denken mit sich selbst und haben dennoch das Gefühl, sie reden mit der gesamten Welt.

Seite 33: „Ich male mit dem rechten Fußzeh fünf Mal ganz schnell ein winziges Gesicht und zähle drei Mal auf zehn, einmal in Blau, einmal in Türkis und einmal in Grün.“ (Lily)

Es gibt Menschen, die lesen nicht gerne Romane. Das kann ich nicht nachempfinden. Romane (und auch Filme) waren für mich wie Tunnelgraben in einem beengten Bau, waren und sind Aus- Not – und Eingänge. Ohne Romanlesen wäre ich nicht da, wo ich bin – eben am Meer mit Lily. 

Auf einer Bank, vor der Kulisse des blauen Himmels und der sich am Ufer brechenden Wellen, sitzt ein Mann, vielleicht um die vierzig, vertieft in einem Buch. Das Buch scheint eine Liebesgeschichte zu sein, genau kann ich es nicht erkennen; es ist italienisch. 

Männer, die Literatur lesen, ist selten geworden. 

Der Mann auf der Bank mit dem Buch in der Hand, berührt mich angenehm. Ich frage mich, welcher Protagonist, welche Protagonistin spricht gerade zu ihm. Mein Bild von ihm, von dem Buchleser, entspringt einzig meiner Phantasie. Das ist gut so, gut, dass er nur dasitzt, gut, dass wir keine „schmutzigen“ Wörter austauschen müssen. Nur so ist er mein Held, stark tapfer und belesen. Würden wir uns kennenlernen, wäre ich sicherlich enttäuscht, weil er meinen Vorstellungen nicht standhielte. 

Ent – Täuscht. Schönes Wort. Wäre ich Lebensberater, ich würde raten, lebt die Täuschung, lebt den Traum. Begibt euch aber nicht zu dicht heran, lasst euch nicht ent … 

Wie sieht wohl Lily aus? Sie existiert, weil ich sie lese, sie existiert genauso wie Flauberts Emma Bovary, sie wird sogar noch existieren, wenn alle anderen gestorben sind. 

Wasser zieht mich immer wieder an. Das Schönste an Hamburg ist die Elbe. Aber das Mittelmeer ist was ganz anderes. Wenn ich hinausblicke, sehe ich Odysseus mit seinen Männern vor meinen Augen, die genau hier umherfuhren. Irgendwo an der Amalfiküste sangen die Sirenen. Es ist kaum nachvollziehbar, wie die alten Griechen dachten und fühlten, kaum vorstellbar, welch lange Fahrt es zu der Zeit von Griechenland hierher brauchte. Die Welt ist rational, grauer und enger geworden. Der klare Gedanke baut Bomben, rodet Wälder, fischt Meere leer – der Schizophrene dagegen reißt Gerüste nieder, die über ihm erbaut worden.

Eine Möwe fliegt übers blaue Meer. Ich versuche sie zu fotografieren. Ich bewundere Möwen, ihre Flüge sind ästhetisch, ihre exaltierten Schreie klingen betörend in meinen Ohren. Lindsay Kemp liebte auch Möwen. Er glaubte, sie seinen die Seelen seines verstorbenen Vaters, der einst ein Seemann war. Gibt es einen guten Tod. Lindsay Kemp starb während seiner Aufführung in Italien auf der Bühne. Virginia Woolf hatte sich ertränkt, indem sie, das Kleid mit Steinen beschwert und in einen Fluß stieg. Virginia Woolf sagt, nur was aufgeschrieben ist, hat Bestand und ist wahr. 

Lily will sterben. Wird sie sterben? Ich weiß es nicht, bin erst bei Kapitel 4. Ha! Lily wird genauso unsterblich bleiben wie Emma Bovery, selbst wenn sie es schaffen sollte sich umzubringen. Ich verrate nichts!

Ich werde ganz langsam lesen, damit ich länger das Buch mit dem gefühlvollem, mich inspirierenden schönen Cover, in meinem Umkreis behalte. Es gibt Bücher, die muss man bei sich haben, die müssen angefasst werden, die müssen neben dem Bett liegen, mit denen muss man morgens aufwachen … mit denen muss man Meere suchen.

Hanna-Linn Hava hat es geschrieben und es heißt:

“Lilys Engelskostüm hat kaputte Flügel“

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