Kadee Mazoni

Autor

Ein Sonntagmorgen in St.Pauli

Als ich aufwachte und den grauen Himmel aus meinem kleinen Fenster sah, anschließend die niedrige, weiße, mit Raufasern tapezierte Decke über mir erblickte, kam mir mit einem Male die Frage in den Sinn: Bin ich glücklich?

Ich konnte mir keine Antwort darauf geben. Wie denn auch? Ist Glück ein breites Grinsen im Gesicht, ein guter Fick, ein Jauchzen bevor man einschläft, ein Klopfen auf die Schulter, ein Liebesgefühl, ein gelungener Text, ein wunderbares Buch, das man liest – ist es die Sonne, das blaue Meer, eine Zigarette, sind es Augen in die man blickt und dabei den Mund sich bewegen sieht, ist es das Gefühl: dieser Tag gehört mir allein oder ist es die Blume zu der man sich niederkniet, ist es der Vogel, der auf einem Ast singt – ist Glück sehnlich erwünschte Hoffnung, ist es ein Volk, das es noch nicht gibt, oder ist es nur die Freude darüber, dass das Herz noch schlägt?

Noch am Abend, bevor ich einschlief, nahm ich mir vor, diesmal, am sonntäglichen Morgen, aus dem Bett zu schnellen, mich zu reinigen und anzuziehen, innere Euphorie in mir zu erzeugen und raus zu gehen, um den Tag mit einem Lächeln auf den Lippen zu begrüßen.

Untersagt hatte ich es mir, noch vor meiner Aktivität, Nachrichten zu lesen, die mich niederdrücken und lähmen könnten. Heute wollte ich nichts von der großen weiten Welt wissen, klein sollte alles bleiben und erquicklich.

Voller Tatendrang betrat ich die Küche, traf dort beim Kaffeekochen meinen Wohnungsgenossen, der blass und mit dicken Rändern unter den Augen mich begrüßte. Die Küche ist immer kalt, weil, so wurde mir gesagt, es unnötig sei, sie zu beheizen.

Der Grund für sein verkatertes Aussehen war nicht, dass er die Nacht über durchmachte; nicht zuviel Alkohol war im Spiel – im Gegenteil es war zuwenig. Normalerweise trank er gerne sehr viel, doch nun hatte eine strenge, weibliche Hand, nämlich die seiner Geliebten, ihm klar gemacht, er möge doch bitte weniger zu sich nehmen. Es sei Scheiße, erklärte er mir, ohne Alkohol mache das Leben weniger Spaß und das er sich jetzt einschränken müsse, bereite ihm unnütz viel Schmerzen.

Ich ging hinaus, ließ ihn alleine, er wollte auch nicht viel reden. Nieselregen und Wind fegte mir um die Nase und ich verschränkte vor Kälte meine Arme über meine Brust. An der Strassenecke hatte sich ein Bullenauto aufgebaut. FC St. Pauli spielte. Schutzhelme sah ich durch die Windschutzscheibe und auch Schlagstöcke. Der Fahrer trank aus einem Becher ein Heißgetränk, der Motor lief und auf der Rückbank erkannte ich trotz abgedunkelter Fenster andere Männer, die sich für den Ernstfall bereit hielten. Es war kalt, der Asphalt glänzte, Scherben und Kronkorken hatten sich von der Samstagnacht auf der Strasse verteilt. Der Himmel war verschwunden und eine eigenartige, bedrückende Sonntagsstille hatte sich über die Gegend gelegt. Ich beschloss in ein Café zu gehen, um das mitgenommene Buch, weiter zu lesen. Ich lese gerne an anderen Orten, oftmals erinnere ich mich an die Orte wieder wenn ich lese und an das Gelesene wenn ich die Orte wieder betrete.

Heute jedoch waren alle Cafés in der Umgebung überfüllt. Menschen, meist verkatert vom Vortage, drängten sich um die Tische. Hastig bediente das Personal die zischende Espressomaschine, um dem Fluss des geforderten Koffeins in Bewegung zu halten. Ich verzichtete darauf, ein schmales Plätzchen in all dem Stimmengewirr noch zu finden und beschloss, beim Bäcker mir Brötchen zu holen. So suchte ich jene kleine Bäckerei auf, die seltener Weise noch selber Brot und Brötchen backt.

Die Bäckerei ist kaum noch auszumachen, weil groß daneben, als sollte sie erdrückt und verdrängt werden, ein größerer Backshop sich breit gemacht hat. Heute war sie fast menschenleer.

Eine ältere Dame, elegant gekleidet, wollte mir gerne den Vortritt geben. Gewiss war sie nur gekommen, sich mit den ebenso älteren Frauen, die mit schlürfenden Schritten hinter dem Ladentresen hin und her wandelten, Unterhaltung zu führen.

Ich bedankte mich bei ihr über die Freundlichkeit und suchte mir, irritiert über das große Brot-Angebot drei Brötchen aus. Deutschland ist das Land der Brote.

Mit einem zarten Lächeln auf ihren leicht geschminkten Lippen, beobachtete mich die ältere Lady bei meiner Bestellung. Ein Croissant solle ich doch noch kaufen, meinte sie zu mir, das hätte sie früher auch gemacht. Etwas Sehnsuchtsvolles klang in ihrer Stimme und erstaunt fragte ich, ob sie denn nun nicht mehr frühstücke. Nein, nein, antwortete sie mir und schenkte mir erneut ihr bezauberndes Lächeln, das sei vorbei. Eine Scheibe Schwarzbrot und eine Tasse Tee, das sei nun alles, mehr gäbe es nicht mehr in ihrem Leben. Sekundenschnell kreuzten sich unsere Blicke, sodann aber wandte sie sich ab, hin zur Verkäuferin, die mit ernster Miene und gekrümmten Rücken meine Bestellung in die Papiertüte packte. Ein Croissant solle sie noch mit hinzu tun, rief ich der Verkäuferin zu und sah wie die Lady dabei zustimmend lächelte.

Ich ging hinaus, in meinen frierenden Händen die Tüte. Eine junge Mutter schob an mir ihren Kinderkarren vorbei, St. Pauli Fans hatten sich vor einem Kiosk versammelt und tranken Bier aus Flaschen. Sie aber hatte aufgehört zu Frühstücken! Versammelten sich vielleicht einst die Männer um ihren gedeckten Tisch, brachten ihr Blumen mit und sie legte, mit ihrem reizenden Ausdruck im Gesicht, jedem, als Überraschung, ein Croissant auf den Tisch? Ihren Stolz, ihr anmutendes Wesen, ihre Schönheit und ihre Eleganz, das alles konnte ich, als sie mit geradem Rücken vor mir stand, erkennen. Irgendwann war alles vorbei, kein Gentleman kam mehr vorbei, all die Vasen blieben leer, kein Rot der Rosen, die ihr Herz einst beglückten, gab es mehr. Was war nur geschehen, fragte ich mich, während ich den Weg nach Hause ging. Sie hätte es nicht tun sollen, schlussfolgerte ich – sie hätte nie aufhören sollen zu Frühstücken.

Alleine und mit diesen Gedanken im Kopf, ging ich zurück in meine Wohnung, kochte mir Kaffee, belegte meine Brötchen. Es war vierzehn Uhr, von Weitem hörte ich aus dem Stadion die Menge grölen, blickte aus dem Fenster hinein in den Nieselregen, ging hin zum Spiegel, zog Grimassen und stellte mir dabei erneut die Frage: Bin ich glücklich?

every-day-mazoni

2 Kommentare zu “Ein Sonntagmorgen in St.Pauli

  1. Devote Romantikerin
    3. Dezember 2015

    Danke für diesen Text. Ich hab‘ ihn im Herzen gelesen.

    Gefällt 1 Person

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 3. Dezember 2015 von in Allgemein, Gedanken, Geschichten und getaggt mit , , , , , .

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