Kadee Mazoni

Autor

Aus dem Kokon entfliehen …

Auch das ist Bewegung: „Ich schreibe anders als ich rede, ich rede anders als ich denke, ich denke anders als ich denken soll und so geht es weiter bis ins tiefste Dunkel.“ (Kafka)

Das Buch „Africa“ hat nun (ohne Korrektur) 777 Seiten. Welch eine schöne Zahl. Und nun stehe ich vor dem Abgrund – Schreibblockade. Ich gehe umher, durchkreuze unter grauem Himmel den Park, laufe auf dem Laufband im Fitnessstudio, stemme Gewichte – nur um die Worte wieder zu finden, die ich verloren habe. Bewegung, Bewegung … so wie die Erde sich um ihre eigene Achse dreht. Im Stillstand bin ich der Koma Patient, der mit letzter Kraft versucht, seine Blutbahn in Schwung zu halten. Schreiben ist der Schutz vor der Gesellschaft wie sie ist . Warum sonst, wenn ich mit ihr klar kommen würde, muss ich all die unzähligen Wörter zwischen ihr und mir stellen. Schreiben ist das rettende Ufer eines keuchenden Ertrinkenden, der nicht im Alltäglichen umkommen will. Es ist ein ständiges Aufbäumen und rebellieren gegen das was stattfindet – es ist Geburt einer Insel aus einem tosenden Meer  – es ist Schaffung einer möglichen Welt, die erst in Jahrtausenden von Menschen besiedelt werden kann. Es ist ein Traum, indem ich nicht einmal leben wollte, denn würde er wahr werden, hätte er keine Bedeutung mehr. Insofern ist Schreiben das wunderbarste dafür, den Grundstein seiner eigenen Niederlage zu legen für ein Fundament, das zusammen stürzen wird.  Wenn etwas „fertig“ geschrieben ist, fühlt man sich wie ein gestrandeter Fisch der mit jämmerlichen Bewegungen versucht ins Wasser zurück zu kommen.

Wie kann auch etwas fertig sein, wo es schließlich kein Ende gibt. Selbst die Geburt eines Leben hat keinen Beginn, sondern platzt mitten in einer unendlichen Geschichte herein, ist eine Wurzel, die sich mit anderen Wurzeln verbindet und etwas Neues entwickelt – ist eine Erzählung, die die große Geschichte – die Geschichte des Menschseins – fortsetzt. Aus unserer Verschiedenheit bilden wir ein Band der Bruder – und Schwesternschaft, das sich um die Erde legt – Schwestern und Brüder, die sich lieben oder hassen, aber sich nicht töten.

Wenn das Gefühl der Liebe aufhört, wenn man in einer Blume, Pflanze oder Meereswelle, in dem Himmel, der Sonne oder dem Ficken, keine Bedeutung mehr empfinden kann, wird man nur noch existieren, in die Rentenversicherung investieren und auf ein Ende hoffen. Oder man wird zum Mörder ohne Leidenschaft, wie all die Soldaten, Generäle und Politiker, die töten und töten lassen ohne je die Getöteten gekannt zu haben, ohne je die wundervollen Körper zu schätzen aus denen sie die Seelen gebombt haben.   

Der Orgasmus ist ähnlich dem Moment, wo der Kokon aufbricht und ein Schmetterling entsteht, die Berührung zweier Zungen ist wie eine Wespe, die die Orchidee befruchtet. Alles findet im Äußeren, in der Fremde statt, dann wenn es für einen winzigen Moment zur eigenen Innerlichkeit wird und wenn ein einziger Satz es vermag, die Konsistenz der Seelenträne des Anderen zu beschreiben. Es ist wie das Paradies, nach dem man sucht, aber es nicht fassen kann, es ist die Seifenblase, die, will man sie in der Hand behalten auseinander bricht. Und doch ist dieses kurze, winzige erfahrbare Glück ausschlaggebend für das eigene Weltgeschehen – der Schmerz der Sehnsucht ist der Motor, der es ermöglicht den wackligen Boden unter den Füssen auf und ab zu gehen.

Ab einer gewissen Stelle kann man nicht mehr aufhören, weil es notwendiger zum Leben ist, als die Wirklichkeit. Ein Gedicht vielleicht –  wäre es nie geschrieben worden, die Welt zum Stillstand gebracht hätte. Eine Melodie, die wichtiger als die Nahrung ist und die Nahrungsaufnahme nur deshalb von Wichtigkeit ist, damit das Lied unaufhörlich gehört werden kann.

Kafka war heilfroh todkrank zu sein – erst jetzt, vom Arbeitsleben befreit, konnte er weiter schreiben. Dostojevski versuchte niemals seinen Kopf vom Blatt zu heben, damit nie der Strom abreißen kann und erschuf damit ein unfassbar umfangreiches Werk. Als Hemingway glaubte nicht mehr schreiben zu können, hatte er sich erschossen. Nietzsche litt zeit seines Lebens an einer Krankheit und schaffte es nur so, eine Philosophie der Gesundheit zu entwickeln. Die Gebiete die er dabei schuf, werden erst jetzt zaghaft betreten. Balzacs Motor war die Liebe zu einer Unbekannten – als er sie schließlich bekam und heiratete, verendete er noch auf der Hochzeitsreise.

Die Leere ist ein fürchterliches Ungeheuer, was vielleicht eines Tages den Planeten vernichtet – der Psychotiker  sollte das am meisten fürchten.

Glaubt mir oder glaubt mir nicht (am besten ihr tut es nicht) – das beste Ziel ist, sich eines zu erfinden das niemals zu erreichen ist. So wie dieser Versuch, mich wieder an eine Blutbahn des Unerklärlichen anzuschließen, in dem lächerlichen Unterfangen eine neue Menschheit zu gründen.

angel-bird

 

2 Kommentare zu “Aus dem Kokon entfliehen …

  1. finbarsgift
    27. Dezember 2017

    Ich denke, ich habe verstanden, was du meinst…

    …und du hast recht!!

    Gefällt 1 Person

  2. Kadee Mazoni
    28. Dezember 2017

    Ob ich recht habe weiß ich nicht 🙂

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 27. Dezember 2017 von in Africa-Roman, Allgemein, Gedanken, Kunst, Schreibe! und getaggt mit , , , , , , , , .
%d Bloggern gefällt das: