Ich fühle in mir zwei Menschen …

Der Gedanke, eine zweite Persönlichkeit könnte in mir Platz genommen haben, umtrieb mich und ließ mich mit einem Male in einem anderen Licht betrachten. Es verwirrte mich; ein fremder Genius in mir könnte meine Geschicke lenken, mein Handeln mitbestimmen und meinen eigenen Willen beeinflussen. An einem vermeintlich normalen Tag, wurde mir demonstriert, dass es keine normalen Tage gibt und das es solche auch nie mehr geben wird; mir wurde ein Schlag versetzt, eine innere Hand erhob sich gegen mich. 

In jedem Menschen stecken zwei Menschen, das spüre ich nun – ich bin nicht allein. Doch es ergeht nicht nur mir; zwei Seelen, so waren schon die Orientalisten der Meinung, seien als Keim in jedem Körper von uns eingepflanzt. Sie seien miteinander verfeindet und teilten sich auf, in einen guten und bösen Geist. Ein Feind also in mir, der ich selber bin und der sich in einem Wettstreit mit mir befindet. Wer war es, der mir diesen Schlag versetzte? Ein Gegner, der mich zum Kampf herausfordern wollte? Doch wenn ich es selber bin, wer spricht dann aus mir, das Gute oder das Böse? In jedem Fall, egal wer Teufel oder Engel ist, beide befinden sich stets in einer Gegnerschaft. Wer hat das Steuer in der Hand, wer bemächtigt sich meinen Willen? Könnte es nicht ein guter Feind sein, wertvoller vielleicht als ein schlechter Freund – ein Mensch, der in mir wohnt, mich herausfordert und dennoch aufs Schärfste bekämpft? Unser ganzes Leben sei ein unausgesetzter Kampf mit Hindernissen, die am Ende den Sieg davon tragen, meint Schopenhauer in gewohnt, entzückend, pessimistischer Art. Demzufolge werden wir angetrieben und zu einem Duell herausgefordert, das wir am Ende immer verlieren. Recht hat er, betrachtet man es von seinem Standpunkt aus. Aber ist das Leben nicht ohnedies ein Spiel, dem man keinen besonderen Ernst beimessen sollte und indem es nicht darum geht, zu gewinnen, sondern um zu spielen? Ich baue mir, rein zum Vergnügen, eine Burg aus Sand und weiß doch genau, sie wird wieder zusammen stürzen – mit der Burg auch mein Körper und mit dem Körper all meine Ideale. Das Leben dient einzig der Ästhetik, bedarf keinen weiteren Sinn, als Schönheit darin zu finden. Tragik, Glück, Liebe, Erotik und Triebe – es gleicht einem Mandela, einem Bild, welches nach der höchsten Vollendung vernichtet wird und die winzigen Körnchen, aus dem das Bild entstand, sich in alle Richtungen verstreuen. 

„Ich ist ein Anderer“, sagte Rimbaud. Hatte auch er das Fremde, das Unbekannte in sich gespürt, so wie ich, oder wie Kafka, der für sich feststellte, in ihm sei etwas Unzerstörbares? Als Kafka die Diagnose seiner Krankheit erhielt, meinte er, es sei was anderes, etwas was im tiefsten Inneren sich in ihm befinde.

Im tiefsten Inneren: Dort haust auch mein zweites Ich, versteckt auf geheimen Grund. Es redet nicht, es agiert nicht. Das eine Ich und das andere sind getrennt – uns trennt die Zeit. Ja, die Zeit – sie macht im Denken halt. „Cogito ergo sum“ – ich denke also bin ich. Descartes hatte das „Ich“ emanzipiert. Indem ich eine Aussage über mich treffe, überhaupt mich denke, bezeuge das, dass ich vorhanden sein muss. Selbst wenn ich behaupte, ich wäre nicht existent, muss diese Aussage zweifelsfrei von mir getroffen worden sein. Descartes Verdienst ist es, dem „Ich“ eine Eigenständigkeit zu geben – das „Ich“ stammte fortan nicht mehr von Gott ab, sondern … Ja, von was denn nun? Ist der zweite Mensch, das zweite Individuum, was in meiner finsteren Höhle sein Dasein fristet – ist das womöglich auch ein Gott, mein Gott demzufolge, eine Person, die unendlich ist? Könnte es sein, wenn der eine oder andere den Körper verläßt, wenn der Körper stirbt, das Ich, welches nicht spricht, bestehen bleibt? Womöglich setzt das Ich, ohne Ego seine Reise in der Zeit fort, sucht sich einen neuen Körper, indem erneut ein anderes Ego den verzweifelten Versuch unternehme – so wie ich – dem Ich nahe zukommen. Lassen wir die These dahingestellt – obwohl ich glaube, alles was wir denken und auch träumen, selbst wenn es momentan noch absurd erscheint, im Realen vorhanden ist.  

Zurück zu Descartes Beweis, dass alleinig das Denken über sich die eigene Existenz bezeugt. Die wesentliche Frage in seinem Gedankenspiel jedoch bleibt offen; nämlich welche Existenz es denn sein soll, die ich denke? Das Dasein müsste doch unbeweglich verharren, müsste solange wie ich darüber  reflektiere zu einer Säule einfrieren. 

 „Ich denke“ kann doch nur ein augenblicklicher Bestimmungsakt sein, indem ich die Zeit anhalte, um das Bild von mir betrachten zu können. In dem Moment wo ich mich bezeichne, mir selbst eine Eigenschaft zuordne, bin ich längst ein Anderer, der sich in der Zeit verändert hat. Das Denken kommt nicht hinterher, da es rückwärts auf eine Existenz gerichtet ist, die längst Geschichte ist und sich verwandelt hat. „Ich bin“ schon längst fort, denn „Ich“ ist ein Fluß, kein starres Gebilde, was unendlich fließt und mit keiner Zeit gemessen werden kann. Das Ego kann mit dem Denken nicht sein eigenes Ich erfassen. Wird es überhaupt möglich sein, wird es je eine Situation geben, in der beide zusammenfinden? Oder wird einzig der Widerspruch, die Gegnerschaft die Form des Zusammenlebens sein?  

 Ist denn alles, was ich über mich aussagen kann, nur eine Lüge, sind meine Gedanken, die ich über mich mache auf eine trügerische Fata Morgana gerichtet? Wenn ich diese Worte hier niederlege und sie mit jedem Laut fühle und höre, so stammen sie ohne Zweifel, zumindest von einem Teil von mir. 

Es muss zwei von mir geben, anders geht es nicht – ob Feind oder Freund ist nicht entschieden. Vielleicht haben wir zusammen diese Worte hier niedergeschrieben – vielleicht ist überhaupt unsere Existenz nur mit dem Fremden in uns möglich. Rimbaud scheint es erkannt zu haben, wir sind vom Ich und vom Ego getrennt. Die Vorstellung, die wir von uns machen ist eine Illusion. Warum also nicht mit dieser Lüge weiterleben und weitere Lügen spinnen – am Ende könnten wir uns sagen, es war ein reizvolles Märchen, indem wir uns befanden – ein Märchen zusammengesetzt aus Glück und Drama, aus Tod und Vitalität. 

Ich bin in zwei zerrissen – der Schizophrene hat unbestreitbar eine treffliche Vorstellung davon. Das Andere in mir versetzte mir einen Schlag, vielleicht war es auch eine Aufforderung, um mich zur Umkehr meiner gewohnten Lebensweise zu bewegen. 

 So tief ich auch in mir blicke, ich werde es nicht erkennen können. War es der gut gemeinte oder der mir feindlich gesonnene Geist? Was auch immer, wer auch immer: Wir sind zu zweit, wir sind der Motor mit dem sich unser Sein-Schiff einen nicht endenden Fluss entlang bewegt.

Lockerer Aufstand …

Jetzt ist die richtige Zeit für eine erneute (Kultur-) Revolte, für einen „lockeren Aufstand“. Machen wir die Rechten, diese neuen Spießer lächerlich , lachen wir sie aus, bis sie sich schämen, auf die Strasse zu gehen. Eine Revolte, ja das wäre schön; wir werden wieder Stadtindianer, geben uns funkelnd klingende Namen, tragen wieder neue Frisuren und schrille Klamotten, schulen unseren Geist, rennen und tanzen umher und zeigen der Gesellschaft die Arschkarte. Die Tupamaros sind zurück, sie haben eingesehen und erfahren, ein Arrangement mit der Konformität ist nicht möglich. Schluss mit der Lobotomie – zurück ins stürmische Meer, wo das Leben auf uns wartet, wo wir mit den Haien schwimmen, Seeungeheuer umarmen und uns an Vulkanen wärmen. Vorwärts: einzig geboren sind wir, um unsere Seelen zu entfalten.

Böser Opa …

Sieht er nicht seriös aus, dieser Opa auf dem Bild? Schaut ihn euch genauer an. Man könnte glauben, so wie er dasitzt, könne man ihm nichts Böses zutrauen. Böse sind immer die anderen. Irgendwie wirkt er wie eine gerechte, moralische Instanz. Dumm ist er nicht, schließlich hält er offensichtlich ein Buch in der Hand. Was ist es wohl für ein Buch aus dem er sein geistiges Potenzial schöpft? Will man es wirklich wissen? Richtig vermutet: dieser nette Opa ist selbst ein sogenannter Geistlicher, einer zu dem die Menschen pilgern und Rat suchen. Sein Betätigungsumfeld liegt im Iran, wo er einst Justizminister war. Sein Name lautet: Mahmud Haschemi Schahrudi.
Kaum zu glauben, dass diese graue Eminenz ein Kinderschänder ist. Ja, als solchen darf man ihn getrost bezeichnen: Unter seiner Regie wurde ein 13-jähriges Mädchen zum Tode verurteilt. Die Begründung für diesen Kindermord ist besonders geistlich-intelligent: Das Mädchen wurde vergewaltigt und da dies geschah, hatte sie außerehelichen Verkehr, wofür sie den Tod verdiene. Mehr Perversion geht nicht. Werft nochmal einen Blick auf dieses Gesicht und dann fragt euch: Wie sehen Kriminelle aus? Richtig! Und da kommt wieder das Buch ins Spiel, das er in seiner Hand hält und aus dem scheinbar seine Massaker-Träume entspringen. Nun fragt mich ruhig, ob ich Religion mag .. ich glaube nicht, dass ich darauf eine Antwort geben brauche.

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Die Maske gehört zu mir …

Man solle keine Maske tragen, sondern ehrlich und authentisch sein – so hört man es von überall her. Sei du, fordert man uns auf; versuche herauszufinden, wer du im Grunde deines Herzens bist. Die Medien sind voll mit derlei Weisheiten und Sprüchen. Und immer geht es darum: du musst dich ändern; am besten dorthin, wer du wirklich bist.

Wie erfrischen wirkt es da, wenn Rimbaud sagt:“Ich bin ein Anderer.“

Wie auch soll es möglich sein, in den unendlichen Abgründen seiner Selbst, den Kern des Seins zu finden?

Ich habe Bewusstsein und besitze die Möglichkeit, ein Bild von mir zu machen. Doch dieses Bild bleibt trügerisch, denn ich werde nie in der Lage sein, all mein Denken und Fühlen in die Außenwelt zu tragen, demzufolge die anderen ein anderes Bild von mir haben. Selbst wenn ich spreche – man kennt es von Tonaufnahmen – ist der Klang meiner Stimme, die ich in mir trage, eine andere als die in der Außenwelt.

Ich bin ein Anderer, wenn ich an der Kasse mit der Kassiererin kommuniziere, ein Anderer, wenn ich mit Freunden rede. Das Schöne am Sex ist nicht, derjenige zu sein, der man in der Gesellschaft ist, sondern erregend ist es, eine Art Tier zu werden. Im besten Fall sind wir im Orgasmus Andere und haben gesellschaftliche Konventionen entgrenzt.

Vielleicht ist das das Problem der Psychiatrie: nicht die Notwendigkeit anzuerkennen, dass man verschiedene Masken benötigt.

Als ich „Serena“ schrieb war ich weder die eine noch die andere Figur in dem Roman – ich war nur ein Anteil davon, eine Vielheit. Genauso wie jetzt in dem Roman „Africa“. Wenn ich mich hinsetzte und schreibe setzte ich mir eine Maske auf, um überhaupt Worte rausbringen zu können. Der Akt des Schreibens ist ein Werdungsprozess – ich schreibe aus dem heraus, der ich noch nicht bin; ich befinde mich nur auf dem Weg. dorthin

Als man Henry Miller fragte, ob er das, was er schrieb, wirklich alles erlebt habe, antwortete er knapp: es sei ein Roman. Bei ihm ist das „Ich“, mit dem er schreibt, eine Kunstfigur.

Nietzsche setzte sich die Maske des Dionysos auf, nur so war er, der mit Krankheiten zu kämpfen hatte, in der Lage eine Philosophie der Gesundheit und des Lebens zu entwickeln.

Keine Frau wird als Mutter geboren, sie wird es erst, wenn das Kind zur Welt kommt. Sie ist aber auch eine Liebhaberin, eine Professorin, eine Sekretärin, ein Freundin, eine Tochter, ein Mädchen, eine Weltbürgerin. Der Vater könnte vielleicht ein Säufer sein, aber wenn er nach Hause kommt, ist er ein braves Familienmitglied.

Kleidung machen Leute – doch nicht nur das, sie verändern auch das Selbstwertgefühl. Wer häufiger sein Aussehen verändert, wird spüren, wie sich was verändert. Die meisten Jugendbewegungen waren durch Fashion geprägt – durch eine besondere Kleidung, die sich von der Norm abhebt – sei es Punk, Gothic, oder Rock n Roll, erst durch das Aussehen, durch die Maske konnte was Neues entstehen – an der Bruchstelle von gestern zum jetzt ereignet sich was. Ja, das ist das Verhängnis der Psychologie; dass sie ständig auf das Innere verweist oder auf die Vergangenheit, auf die Kindheit.

Das große ICH und das kleine ich (Moi und je), davon spricht Kant. Das Moi, nachdem irrsinniger Weise gesucht wird, ruht wie ein körperloses Organ in uns, ist passiv und nimmt nur auf, ohne sich in irgendeiner Form zu verändern. Das kleine „je“ hingegen, ist unentwegt der Veränderung durch die Zeit ausgesetzt und produziert ständig, was in der Zeit geschieht. Während das Moi still in einem ruht, entfernt sich das kleine ich – Moi und je sind durch die Zeitlinie getrennt. Nochmals Rimbaud: „Schlimm genug für das Holz, das als Geige erwacht … Wenn das Kupfer als Trompete erwacht, ist es nicht seine Schuld.“

Es ginge gar nicht: wenn wir alle Masken ablegen und zu dem Moi vorstoßen könnten, wären wir quasi tot. Weder könnte uns das ICH etwas sagen, noch könnte es atmen oder handeln. Es wäre eine Aufforderung, die nicht machbar wäre und nur zur Verzweiflung triebe.

Warum immer der Verweis auf die Innerlichkeit, warum immer auf die Tiefe, als wollte man uns begraben? Run, Baby, run – auf der (Erd-) Oberfläche spielt sich das Leben ab. Alles geschieht dort, wo sich was mit anderem verbindet – sei es Frau mit Frau, Frau mit Mann oder seinen es Rassen. Die Maske kann ein probates Mittel sein, um aus dem Alten zu etwas Neuem zu sprechen – ein Mittel kann sie sein, um das Denken zu etwas anderem hin zu lenken. Die Masken suchen, die wie ein Kleidungsstück die Haut umschmeicheln –  immer neue Masken der Liebe finden.

Und siehe, jetzt wo ich das hier schreibe, bin ich ein Anderer, ein Agitator, ein Läufer, mit einer zerfetzten Fahne in der Hand, keuchend nach Luft schnappend. Jetzt renne ich wie Jesus übers Wasser und schreie in den Himmel: lass es Masken regnen, unendlich viele – ich setzte sie alle auf.

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Das größte Ereignis aller Zeiten …

Ich bin so groß wie das was ich sehe, sagt Pessoa.

Im Jahr 2017 passierte etwas, was die Menschheit noch nie erlebte: Ein Foto „870 million miles away from home“ wurde von ihr gemacht – die Raumsonde „Cassini“ hatte es vollbracht. Und da sahen wir uns: unsere Erde, neben dem Planeten Saturn – sahen uns als einen kleinen Spot. EinEreignis, was alle Ereignisse übertrifft. Wo ist oben? Wo ist unten? Wo der Himmel und wo finden wir noch Halt?

Unsere Erde als kleiner Punkt.  Alles Leben ( zumindest unseres Sonnensystems) hat sich hier auf diesem Stückchen Fleckt versammelt. Wenn überhaupt von Leben geredet werden kann, steht es nur in der Verbindung mit der Erde. Wenn Gedanken, Schmerz, Glück und Leidenschaften sich bilden, ist es nur auf diesem kleinen Punkt, den wir auf dem Foto sehen, möglich.

Wie absurd erscheint es bei dieser entfernten Betrachtung, dass auf diesem kleinen blauen Planeten, auf dem sich alles Leben unseres Sonnensystems drängt, es so viel Streit und Kriege um Kleinlichkeiten gibt.

Ich bin so groß … Die Vorstellung, ich hätte mich auf die Reise gemacht und wäre nach zwanzig Jahren dort angelangt, von wo die Raumsonde das Bild geschossen hatte und ich würde neben den Saturn-Ringen schweben, aus dem Fenster meines Raumhelms von dort auf die Erde blicken – wäre es dann nicht wunderbar, nach all der Zeit und all der Entfernung, immer noch in meinem  Geiste das Bild von deinem Gesicht vor mir zu haben? Würde ich gar denken, dass die Ungeheuerlichkeit,  Milliarden Kilometer entfernt von der Erde zu sein, nichts dagegen sei, dass es dich gibt, dass du einst auf dem kleinen Punkt, den ich nur verschwommen sehe, geboren warst. Was spielte da noch Raum und Zeit und all die Entfernung für eine Bedeutung, wenn dein Lächeln  sich tief in mir vergraben hätte.

Ein Mann im Mond war einst ein Astronaut und er heißt Jim Lovell. Zweimal war er dort und konnte aus dieser Entfernung auf die Erde blicken. Was er sah, veränderte sein Bewusstsein. Wir sollten glücklich sein, auf unserem Planeten leben zu können, meinte er. Die Hoffnung vieler Menschen nach dem Tod in den Himmel zu kommen, hielt er für aberwitzig. „In reality, if you think about it, you go to heaven when you’re born“, antwortete er. Wenn ein Wunder zur Normalität wird, wird man es als solches nicht mehr empfinden. Doch jeder Mensch, den wir hassen oder lieben, den wir im Mittelmeer ertrinken lassen, gegen den wir Kriege führen oder den wir neben uns im Bett berühren – ja auch das Kücken, das mit leuchtendem gelben Gefieder aus dem Ei schlüpft ist ein Mysterium und trägt eine eigene Welt in sich. Furchtbare, ausgedachte Götter wollen uns auf ein Paradies nach dem Leben verweisen, doch das Paradies ist hier, auf der Erde, wo wir stehen und die Luft durch unsere Lungen atmen. Das Paradies ist, wo sowohl Depression, Krankheit als auch Freude und Glück herrscht – nirgendwo ist die Verzweiflung, Hoffnung und Zufriedenheit am größten. Schau nur hinein in den Sternenhimmel und du müsstest deine Existenz, selbst mit dem Negativen restlos bejahen.

Einst dachte ich, die Sterne würden nur deswegen existieren, weil wir sie sehen können. Ihr Funkeln müsste sowas wie Liebe sein, in der sie zu uns strahlen. Zumindest, auch wenn wir so klein zu all den anderen Planeten sind, sind wir doch so groß, weil wir sie sehen können. Großartig  sind wir in unseren Vorstellungen, dass wir in uns erfassen können, wohin wir wahrscheinlich nie gelangen werden. Aus unseren Körpern können wir heraustreten, nur mit unserem Geist eine Reise antreten, die noch keine Wirklichkeit ist. Je mehr Grenzen wir in unserem Denken durchbrechen, desto eher werden wir an unsere Träume gelangen – so wie das künstliche Auge „Cassini“ – geschaffen aus menschlichem Verstand und Handwerk – uns dieses Foto lieferte.

Kann sich der Mensch überhaupt je restlos erdenken, worin er sich befindet? Wäre das All nicht unendlich, würde es nicht auseinander driften, wir würden einen helllichten Nachhimmel haben. Wird unser Verstand je in der Lage sein, solch eine Ewigkeit denken zu können – eine Ewigkeit ohne Anfang, ohne Ende? Wie großartig müssten wir über uns hinauswachsen, um erfühlen zu können, was das bedeutet? Oben, unten, Zeit, Geburt und Tod würde es nicht mehr geben, alles Sein würden wir als einen endlosen Strom fühlen. Und tatsächlich ist um uns herum alles aufgelöst, die Begriffe sind nur menschlicher Halt, um sich orientieren zu können.

Wir schweben im luftleeren Raum umher – was ist es, was uns hält? Wir rotieren in schwindelerregender  Geschwindigkeit um unsere eigene Achse wir … Unfassbar ist alles, unfassbar für den menschlichen Verstand.

Das größte Ereignis ist das „Cassini“-Foto, was ich sehe. Die Größe des Ereignis betrifft mich, weil es mich zu diesem Text anregt. Jede und jeder trägt sein eigenes Universum mit sich spazieren und füttert seine eigene Wahrheit hinein.

Ich bin so groß was ich sehe … und ich sehe dein Gesicht, währende ich neben dem Saturn schwebe und alles, wäre ich dort, würde ich geben, weitere zwanzig Jahre auf mich zu nehmen (das wären dann schon vierzig) um an den Ufern des Paradies zu stehen, das Rauschen der Wellen  zu vernehmen, die Luft tief in mich zu inhalieren und darauf zu warten, die Fussabdrücke im weißen Sand zu sehen, du du machtest, als du aus weiter Entfernung auf mich zugelaufen kämest, wir uns umarmten, unsere Körper spürten und zusammen in der brodelten See badeten. Mein Verstand, nach der langen Reise, wäre ein Fluss ohne Halt und die Vorstellung, was Ewigkeit wäre, fände ich darin, was Liebe ist, hier mit dir auf Erden.

„Von meinem Dorf aus sehe ich, was man auf Erden vom Weltall sehen kann …

Darum ist mein Dorf auch so groß wie irgendein anderes Land,

Denn ich bin so groß wie das, was ich sehe,

Und nicht so groß wie ich bin …“ (Fernando Pessoa)

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Der Pfeil verweist auf die Erde

Aus dem Kokon entfliehen …

Auch das ist Bewegung: „Ich schreibe anders als ich rede, ich rede anders als ich denke, ich denke anders als ich denken soll und so geht es weiter bis ins tiefste Dunkel.“ (Kafka)

Das Buch „Africa“ hat nun (ohne Korrektur) 777 Seiten. Welch eine schöne Zahl. Und nun stehe ich vor dem Abgrund – Schreibblockade. Ich gehe umher, durchkreuze unter grauem Himmel den Park, laufe auf dem Laufband im Fitnessstudio, stemme Gewichte – nur um die Worte wieder zu finden, die ich verloren habe. Bewegung, Bewegung … so wie die Erde sich um ihre eigene Achse dreht. Im Stillstand bin ich der Koma Patient, der mit letzter Kraft versucht, seine Blutbahn in Schwung zu halten. Schreiben ist der Schutz vor der Gesellschaft wie sie ist . Warum sonst, wenn ich mit ihr klar kommen würde, muss ich all die unzähligen Wörter zwischen ihr und mir stellen. Schreiben ist das rettende Ufer eines keuchenden Ertrinkenden, der nicht im Alltäglichen umkommen will. Es ist ein ständiges Aufbäumen und rebellieren gegen das was stattfindet – es ist Geburt einer Insel aus einem tosenden Meer  – es ist Schaffung einer möglichen Welt, die erst in Jahrtausenden von Menschen besiedelt werden kann. Es ist ein Traum, indem ich nicht einmal leben wollte, denn würde er wahr werden, hätte er keine Bedeutung mehr. Insofern ist Schreiben das wunderbarste dafür, den Grundstein seiner eigenen Niederlage zu legen für ein Fundament, das zusammen stürzen wird.  Wenn etwas „fertig“ geschrieben ist, fühlt man sich wie ein gestrandeter Fisch der mit jämmerlichen Bewegungen versucht ins Wasser zurück zu kommen.

Wie kann auch etwas fertig sein, wo es schließlich kein Ende gibt. Selbst die Geburt eines Leben hat keinen Beginn, sondern platzt mitten in einer unendlichen Geschichte herein, ist eine Wurzel, die sich mit anderen Wurzeln verbindet und etwas Neues entwickelt – ist eine Erzählung, die die große Geschichte – die Geschichte des Menschseins – fortsetzt. Aus unserer Verschiedenheit bilden wir ein Band der Bruder – und Schwesternschaft, das sich um die Erde legt – Schwestern und Brüder, die sich lieben oder hassen, aber sich nicht töten.

Wenn das Gefühl der Liebe aufhört, wenn man in einer Blume, Pflanze oder Meereswelle, in dem Himmel, der Sonne oder dem Ficken, keine Bedeutung mehr empfinden kann, wird man nur noch existieren, in die Rentenversicherung investieren und auf ein Ende hoffen. Oder man wird zum Mörder ohne Leidenschaft, wie all die Soldaten, Generäle und Politiker, die töten und töten lassen ohne je die Getöteten gekannt zu haben, ohne je die wundervollen Körper zu schätzen aus denen sie die Seelen gebombt haben.   

Der Orgasmus ist ähnlich dem Moment, wo der Kokon aufbricht und ein Schmetterling entsteht, die Berührung zweier Zungen ist wie eine Wespe, die die Orchidee befruchtet. Alles findet im Äußeren, in der Fremde statt, dann wenn es für einen winzigen Moment zur eigenen Innerlichkeit wird und wenn ein einziger Satz es vermag, die Konsistenz der Seelenträne des Anderen zu beschreiben. Es ist wie das Paradies, nach dem man sucht, aber es nicht fassen kann, es ist die Seifenblase, die, will man sie in der Hand behalten auseinander bricht. Und doch ist dieses kurze, winzige erfahrbare Glück ausschlaggebend für das eigene Weltgeschehen – der Schmerz der Sehnsucht ist der Motor, der es ermöglicht den wackligen Boden unter den Füssen auf und ab zu gehen.

Ab einer gewissen Stelle kann man nicht mehr aufhören, weil es notwendiger zum Leben ist, als die Wirklichkeit. Ein Gedicht vielleicht –  wäre es nie geschrieben worden, die Welt zum Stillstand gebracht hätte. Eine Melodie, die wichtiger als die Nahrung ist und die Nahrungsaufnahme nur deshalb von Wichtigkeit ist, damit das Lied unaufhörlich gehört werden kann.

Kafka war heilfroh todkrank zu sein – erst jetzt, vom Arbeitsleben befreit, konnte er weiter schreiben. Dostojevski versuchte niemals seinen Kopf vom Blatt zu heben, damit nie der Strom abreißen kann und erschuf damit ein unfassbar umfangreiches Werk. Als Hemingway glaubte nicht mehr schreiben zu können, hatte er sich erschossen. Nietzsche litt zeit seines Lebens an einer Krankheit und schaffte es nur so, eine Philosophie der Gesundheit zu entwickeln. Die Gebiete die er dabei schuf, werden erst jetzt zaghaft betreten. Balzacs Motor war die Liebe zu einer Unbekannten – als er sie schließlich bekam und heiratete, verendete er noch auf der Hochzeitsreise.

Die Leere ist ein fürchterliches Ungeheuer, was vielleicht eines Tages den Planeten vernichtet – der Psychotiker  sollte das am meisten fürchten.

Glaubt mir oder glaubt mir nicht (am besten ihr tut es nicht) – das beste Ziel ist, sich eines zu erfinden das niemals zu erreichen ist. So wie dieser Versuch, mich wieder an eine Blutbahn des Unerklärlichen anzuschließen, in dem lächerlichen Unterfangen eine neue Menschheit zu gründen.

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„Wo man liebt, wird es niemals Nacht“

Nicht der Roman hat sich dem Leben anzupassen … und jetzt quäle ich mich, das kleine Verbindungsstück, diese letzte Brücke, diese wenigen Worte zum letzten Kapitel zu finden. Werde ich es heute schaffen, oder mich wieder ablenken lassen, abwaschen, Kaffee kochen, dumme Gespräche führen, nur um mich vor dem letzten Abschnitt zu drücken?

Im Geiste bin ich in Afrika, physisch in Hamburg, ich tanze in Dakar mit den bunt gekleideten Frauen Voodoo Tänze … Die Brücke muss gebaut werden – heute (oder doch morgen?). Ich fühle mich nicht mehr frei, bin Gefangener meiner eigenen Geschichte. Frei bin ich erst wieder wenn …

Plötzlich taucht Sira auf, eine senegalesische Sängerin und Gitarristin – eine  Teuflin, die verführen will. Sie kennt Europa, sie kennt die westlichen Freiheiten, die es im Senegal so nicht gibt. Trotzdem will sie hier bleiben, in Dakar und versucht es den beiden zu erklären: es sei was Körperliches, das es in Europa so nicht gäbe.

Ja, Cate und Melissa sind in Dakar, eigentlich auf der Durchreise weiter in den Süden, auf der Spur des alten Onkels. Und tatsächlich im letzten Kapitel haben sie ihn gefunden – im letzten Kapitel, was schon geschrieben wurde

Das Leben dem Roman anpassen: zweitausend Kilometer bin ich hin nach Amalfi gefahren, saß auf einem Berg in Pontone, um weiter am Roman zu schreiben. Zweitausend Kilometer fuhr ich wieder nach Hamburg zurück, weil die Einsamkeit mich dort erdrückte. Mit dem Schreiben bin ich zugleich auf der Suche nach einem geeigneten Platz auf der Welt, den ich nicht gefunden habe. Der geeignete Platz ist die Fiktion, ist der Roman selbst. Eine Welt erfinden, die es noch nicht gibt – eine in der ich mich wohlfühle und machen kann was ich will, eine, die mich vom Alltag entfernt. Wenn das Schreiben still steht, stehe ich gleichfalls bewegungslos vor einem Abgrund, bin ich dem Alltag  ausgeliefert. Also: es gibt kein zurück – ich werde von meiner Reise – und auch der von Melissa und Cate – weiter berichten.

„Wo man liebt, wird es niemals Nacht“ (afrikanische Weisheit)

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Bericht zur Weltlage …

Eng umschlungen tanze ich mit dem Kater auf meinem Rücken zu Trentemoeller durch den Raum. „I am thinking about you“. Welt ist immer dort, wo man sich befindet.

Luigi hab ich den Kater genannt. Er hat immer Hunger. Heute früh um 5:30 Uhr, ich wälzte mich noch vom Traum und Hitze geplagt im Bett umher, schaffte er es, mir das Laken wegzuziehen. Luigi der Kater – er hat einfach, ohne großartig zu fragen, beschlossen, hier einzuziehen. Ja, großen Hunger hat er und schickt mich zum Supermarkt, Dosen mit Katzenfutter einzukaufen. Als er kam, war er sehr abgemagert und aß alles, was es zu Essen gab, doch nun gefällt ihm das Futter in der Dose für 0,59 EUR nicht mehr.

Heute: Hubschraubereinsatz. Sie kreisten lärmend durch den strahlend blauen Himmel.  Es ist keine Demo. Irgendwo neben mir in den Bergen ist Feuer ausgebrochen. Zu viel Sonne, zu wenig Regen – trotzdem oder gerade deswegen: blau, blau, blau Himmel, Meer … Blicke ich von der Terrasse in die Ferne ist der Horizont nicht auszumachen – das Blau hat auch ihn verschluckt, Meer und Himmel sind ineinander übergegangen.

Um 22 Uhr überfällt mich meist Müdigkeit – acht Stunden früher als sonst in Hamburg. Dafür stehe ich dort auch sieben Stunden später auf. Im Supermarkt (richtig: Luigis Nahrungsquelle) entdeckte ich Anti-Mücken-Tücher, die mich von den Quälgeistern, wenn ich meinen Körper damit einreibe, beschützen sollen. Erstaunt stellte ich gestern Nacht im Badezimmer fest, dass sich genau auf diesen Tüchern eine Mücke bequem machte und ich nun an die Wirksamkeit der Inhaltsstoffe zu zweifeln beginne.  Ich mache trotzdem, bevor ich zu Bett gehe, mit dem Ritual weiter. 

Vor kurzem fragte ich mich noch, woher all das Wasser kommt, das der Wasserfall in den Bergen  mit sich führt. Als ich Besuch bekam, wurde ich von einem Freund aufgeklärt: in den Bergen schlummern riesige Wasserreservate  von soundsoviel Tonnen. Mit soundsoviel bar wird das Wasser rausgedrückt und … Manchmal ist es besser, keine Antworten auf seine Fragen zu bekommen – die Vorstellung, das Wasser käme aus dem Nichts, gefiel mir besser.

Um 20 Uhr gibt es Essen. Fast immer pünktlich. Manchmal auch schon um 19:56 Uhr. Meist sind es Spaghetti mit Tomatensoße. Die Tomaten sind hier so zahlreich, wie die Sonnenstrahlen. Ich hab es beim Spaghettikochen schon weit gebracht. Ich kann es mittlerweile so gut koordinieren, dass ich Soße und Pasta gleichzeitig zu machen verstehe, ohne in Panik zu geraten. Spaghetti müssen stets eine Minute weniger kochen, als auf der Packung steht. 

Manchmal treffe ich meinen Vermieter Roberto. Manchmal hat er schlechte Laune – z.B. weil er seine Miete, statt am Ende des Monats von mir erst am 8. Tag des folgenden Monats bekommt. Er will mir erklären, warum es ausgerechnet am Ende sein soll und ich ihm, dass die Überweisungen erst zum 8. kommen – aber wir sprechen zum Glück nicht die gleiche Sprache. Manchmal ist es schön nicht über unnötige Dinge diskutieren zu können. Am 8. freut er sich trotzdem aus seine „Affitto“. 

Roberto züchtet unter mir auf verschiedenen Terrassen professionell Zitronen, Tomaten und anderes Gemüse. Manchmal kommt er stolz mit seinem gezüchteten Gemüse zu mir, gibt es mir, in der Vorstellung ich könnte es zum Kochen verwenden. Anfänglich fühlte ich mich überfordert, weil ich die einzelnen Sorten gar nicht kannte. So betrachtete ich längere Zeit ein penisähnliches, grünes Gebilde und wusste weder, was es war, noch was ich daraus kochen sollte,. Ich schaute im Internet nach und war  nach gründlicher Recherche sicher, dass das, was die ich fragend in den Händen hielt, sich um Zucchini handeln müsste. Die kannte ich natürlich, die gab es zu Hause in Restaurants. Spaghetti mit Zucchini – braten sollte ich das Gemüse, wie mich der Internetkoch beriet, braten zusammen mit Zwiebeln. Immer wenn ich was brate macht es Luigi total nervös, oder besser macht es ihn hungrig und er läuft zwischen meinen Beinen umher. Fehler Nummer 1: ich schälte die Zucchini, während die Zwiebeln in der Pfanne schmorten. Ich hatte nur ein stumpfes Messer  zur Verfügung, sodass die Schale dick und der Rest ziemlich dünn ausfiel. Eigenartig wässrig empfand ich das, was vor mir lag und war fest entschlossen, nie wieder mit mir unbekanntem Gemüse herum zu experimentieren. Dennoch schmiß ich alles in die Pfanne, packte eine Dose Kirschtomaten rauf, würzte das Ganze. Ein Festmahl war das nicht. Später, als ich Besuch bekam und der Bekannte aus den grünen Teilen, die ich für Zucchini hielt, Gurkensalat machte, erkannte ich wie falsch ich lag.

Ach wie schön, die Sonne scheint, ich brauche mich nicht zu beeilen, sie abzubekommen, sie ist immer da – und Angela McCluskey singt nur für mich „Don’t Believe What They say“. Singt nur für mich, hier auf dem Berg und wenn ich will, werde ich den Repeat-Knopf drücken und sie wird so lange mit ihrer Engelsstimme für mich singen wie ich es will. 

Ich sollte schwimmen gehen, ich mag es, wenn das Salz des Meeres sich in meinen Haaren verfängt. Heute koche ich nichts, wärme das Essen von gestern auf.

Am liebsten mag ich es, mit dem Auto umher zu fahren. Dann kurble ich die Fensterscheiben runter und höre mir den Schwachsinn im Radio an, singe sogar manchmal laut mit. Bewegung ist alles. Ich erinnere mich wie ich als Kind versuchte die Wörter von den Reklameschildern zu entziffern und sie laut und stolz zu sprechen. Hier bin ich sprachlich zu diesem Kleinkind  zurückgeworfen. 

Momentan schreibe ich am „Africa“ Roman eruptionsweise weiter. Sätze werden ausgespuckt, in die Tastatur gebracht, danach folgt eine erschöpfende  Pause. Cate und Melissa haben das Atlasgebirge verlassen und sich nach Taroudant bewegt. Dort treffen sie Mohammed und Nadia. Ich zeichne ihnen den Weg vor, male mit meinen Worten die Landschaften in denen sie sich bewegen. Es werden Menschen nur aus dem einfachen Grund geboren, weil ich sie erfunden habe. Immer müssen Cate und Melissa mit dem Auto weiter fahren,  Bewegungen und nochmals Bewegungen erzeugen. Mitunter fragen sie mich, warum sie nicht mal Halt machen können. Dann lass ich ihnen durch eine Person mitteilen: solange ihr euch fortbewegt, wird es keinen Alltag geben und solange kein Alltag aufkommt, werdet ihr enger zusammenwachsen. Gewohnheit, lasse ich streng  sagen, ist der Tod der Liebe. Ob es stimmt weiß ich nicht. Ich behaupte es schließlich nicht, sondern lasse es andere behaupten. Dem Autor geht es nur darum, dass sie fortkommen, wegkommen, sich durch das Fremde, durch das Unbekannte bewegen …

… ich muss auch hier wieder weg!

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Mich regiert das Licht …

Sommer. Sommer. Sommer. Das sollte doch normal sein, dass im Sommer Sommer ist. Sonne! – am Morgen; Sonne! am Abend und in der Nacht, da liege ich wach und denke: SOMMER! Ewiger Sommer, nicht geduckt durch die Strassen gehen müssen. Sommer! – die Menschen in ihrer Schönheit sehen – v.a. sie auf den Strassen treffen. Warum hat meine Mutter bloß, mich im Regenland aus ihrem Schoß gezogen? Damit die Sehnsucht wächst? Ja, bestimmt: die Sehnsucht ist was Schönes, ein aufwühlendes Gefühl – doch sie braucht ein Bild: Sonne! Blauer Himmel und Freude auf den kommenden Regen. Sonne plus Regen ergibt einen bunten Bogen – so muss es doch sein, oder?
Ich werde mich ins Blumenbeet legen und dem Knallen der aufspringenden Knospen lauschen, oder mit den Schmetterlingen singen, mit den Eseln brüllen, den Vögeln auf die Schnäbel küssen; eine Zigarette anzünden und im grellen Licht, den Rauch tief in den Lungenflügeln spüren; ausatmen und eine Wolke bilden, so eine, wie sie am Himmel steht, sich festkrallt an der Felsenwand, sich verformt, sich dreht und sich in der Sonne wärmt. Tiere, Pflanzen, Wolken, Meer, Himmel und Menschen – wir sollten ein Lied erfinden, das wir alle zusammen singen – einen Weltchoral. Ich habe Hunger!
Summer_amalfi

Freedom …

Der Tag an dem Ritchie Havens starb…
…da erinnerte ich mich an diese rauch-zarte Stimme und wie er  im Staccato singend rief „Freedom“.

Freedom, das war die Wasserkanne, mit der die Hoffnung begossen wurde. Rhythmisch  bewegten wir uns aufeinander zu, Paradiesgefühle schlugen in unseren Herzen, durch dunkle Wolken brach sich die Sonne: Freedom.

Ein Lied, ein Klang, ein einziges Wort als Lied; Freedom.  Ein Wort, was  Millionen Geschichten erzählt. Lieder werden ewig bleiben, Geschwätz hingegen wird vergehen. Wir tanzten uns fort zu einem neuen Ort, einer, der noch nicht besiedelt war. Richie Havens auf der Woodstock Bühne, ein Kampfgeschrei, ein Schicksalsschlag. Er hat in diesem Moment den Krieg besiegt.
Ein Tornado der Liebe: Freedom.  Samenkörner explodierender Blume wurden in uns gepflanzt: Freedom. Der Samen wird in uns blühen, solange Gefühle fortbestehen. Hast du es vergessen?  Wieviel Attentate werden gegen sich verübt, wieviel Herzen sind ausgeglüht: Freedom! 

Wer andere töten will, der hat sich selbst verloren. Wer töten will, hat keine Lieder. Wer Lieder verbieten will, der will auch töten. FREEDOM.

Die Nomadin …

Können wir durch die Zeit gehen, fragt sie mich und ich halte ihre Hand, bleibe stehen, blicke zurück, sehe unsere verwehten Spuren hinter uns; Wind bläst mir ins Gesicht. Stehende Schritte führen in die Leere und jetzt, also jetzt – mehr Jetziges kann es unmöglich geben – da die Wimpern krachend auf und nieder gehen, das Licht neu in die Augen fällt, ist sie einfach fortgegangen. Vor mir blickend, sehe ich, ihre Fussabdrücke, so klein, so zierlich, im weißem Sand der Düne. Meinen Kopf in den Nacken werfend eile ich, um der Verlassenheit die Nahrung zu entziehen, ihr hinterher, suchend eine goldene Antwort auf ihre Frage zu finden.

Wir könnten doch, rufe ich ihr atemlos hinterher, den Punkt, der auf die Dinge gebracht wird, eskalieren und die Kriterien ins Bodenlose stürzen lassen.

Tief vergraben sich meine Schritte in den weichen Untergrund, Langsamkeit überfällt mich, da dreht sie ihr Gesicht, auf das sich das Licht der Sonne bricht, hin zu mir um.

Hoffnungsvoll, ihren Blick, der auf mich gerichtet ist, auszunutzen, grabe ich nach Worten, um ihr nahezukommen, schleppe mich, meine Hände zur Hilfe nehmend zum Hügel, auf dem sie steht, zu ihr hin.

Das Freiheitlichste gedanklich für sie zu finden, ein Meer, was die Inseln trägt, ein Flügel erfinden, der schweigend uns in die Lüfte trägt, stehe ich vor ihr, nehme ihre Hand, streiche mit meinen Fingern darüber. Ihr seidig glänzendes, dunkles Haar, fällt sanft auf ihre Schultern, ein unergründliches Lächeln liegt auf ihrem Gesicht und wie in einem Spiegel leuchtet mir in ihren Augen die ganze Welt entgegen.

Die Haut, so entströmen ihr die Worte zwischen ihren Lippen, sei das Tiefste, es seien nur Körper die leiden könnten. Sie fühle geradezu, setzt sie ihre Erkenntnis fort, wieviel wahrer die Weite und die Oberfläche als der Grund der Dinge sei. Ob es nicht mehr von Leben zeuge, fragt sie, statt in seine eigenen Abgründe zu fallen, statt aus der Liebe ein Grab zu machen, sich weg – und fortzubewegen und jeden Tag zu einem Ereignis werden zu lassen.

Wenn wir geboren werden, so spricht sie zu mir mit einem eigenartigen abwesenden Blick, seien wir das was wir wirklich sind: Ein leeres Gefäß, ohne Bezeichnungen, unabhängig von allen Kategorien, Religionen und Ideologien, nicht einmal ein Individuum seien wir, sondern Lebewesen, berührt und durchdrungen von reiner Wirklichkeit.

Fragend schaue ich sie an, den Sinn ihrer Worte zu erfassen. Doch zögere ich, mit einer Frage oder überhaupt mit Worten das Gefühl, was sie mir beschreibt, zu zerstören.

Wenn ich wachsen will, sagt sie und kommt auf mich zu, muss ich nackend durch ein Blumenfeld gehen um das Ungeheuerliche spüren zu können, was die Blüte zu einer Blüte macht.

Zart streicht sie mit ihrer Hand über mein Gesicht, und als sie sagt, an den Berührungen, die von Außen kämen würden wir uns als Lebewesen selbst verstehen, fühle ich, wie tief meine Haut, von der sie sprach, tatsächlich ist. Stumm stehe ich vor ihr, jedes Wort von mir würde zur Gefangennahme in einem Sinn führen, zu einer Unterbrechung des reinen Seins, indem wir uns gerade befinden.

Weite, flüstert sie mir ins Ohr, so als sei es ein Geheimnis, was niemand, außer uns in dieser menschenleeren Gegend hören soll. Himmel, Sand und Horizont, sie und ich, ein lebendiger Körper, das spüre ich, kein Gestern, kein Heute, kein Morgen – ohne Zeit, den Tod gibt es nicht, Leben durchdringt unsere Poren.

Langsamen Schrittes und das laute Schweigen vernehmend, ziehen wir über den weißen, heißen Sand der Düne entlang. Körper, die sich auf der Erdoberfläche bewegen, fernab von Tiefe und Grund.

Seeluft dringt durch meine Nasenflügel und als wir den Hügel überschreiten, entfaltet sich vor unseren Augen ein weites Meer. Fest drückt sie meine Hand, ängstlich ahne ich was geschehen würde und ziehe sie dicht an mich heran. Befestigt an einem Pfahl, mitten im Wasser, liegt ein, von hohen Wellen zum Schaukeln gebracht, kleines Boot.

Entsetzt rufe ich aus, das würde nicht gehen, niemand könne sich vom Dreck seiner Kultur befreien, Zeit, Tod, Kategorien und all die fürchterlichen Dinge seien in unsere Seelen gebrannt, zu unserer Geburt gäbe es keinen Weg zurück.

Lächelnd schaut sie mich an, Freude steht in ihrem Gesicht und sie entzweit mein Hemd, streicht mit ihren Händen über meine Brust, als will sie darauf Flüsse ziehen, auf denen ich eines Tages zu ihr hin rudern könnte.

Wenn wir nicht in den Mutterschoß zurückkehren können, haucht sie mir entgegen, müssen wir versuchen, wiedergeboren zu werden. Eine Insel, sagt sie, möchte sie finden, getrennt vom Kontinent der Gesetze; eine Insel, die keine Termini kennt, wo die Schöpfung jeden Tag neu beginnt, wo Elemente sich vereinigen, feurige Glut aus Vulkanen mit dem Wasser der Meere spielen. An einem Seil, befestigt am Nirgendwo, möchte sie den Himmel erklimmen; aus ihrem beengten Kokon brechen und schön und bunt, wie ein Schmetterling, sich von Winden und Stürmen treiben lassen.

Lebhaft flammt ihr Antlitz auf, Glück steht darin geschrieben und sie löst sich von meiner Hand, bereit fortzugehen, fort von mir und fort von hier. Barfuss, im dünnen weißem Leinenkleid geht sie hinein in die brausende See, erreicht und steigt in das Boot, löst das Tau, die Verbindung, was sie am Festland hält, hebt triumphierend die Ruder in die Höhe. Noch einmal dreht sie ihren Kopf hin zu mir, ich halte, dort wo sie mich berührte, meine Hand auf meine Brust, verbeuge mich, am Ufer stehend, ihr Respekt zollen tief vor ihr.

Innerlich sage ich zu mir, in dem Glauben, sie könnte es noch hören: gehe hin, flüchtendes Mädchen, wandere ohne je zu finden und erblühe in deinen Bewegungen zu neuem Werden.

Am Ufer stehe ich und sehe zu, wie Meereswogen das kleine Boot auf und nieder drücken, wie die Ruder ins Wasser stechen und das weiße Kleid, das ihren Körper bedeckt sich zu einem Punkt verkleinert und schließlich gänzlich am Horizont verschwindet.

Bis in die Nacht, von sehnsüchtigen Schmerz erfüllt, bleibe ich am Rande des Meeres stehen und vom nächtlichen Himmel, der über mir mit seinen Kristallen leuchtet, pflücke ich einen Stern, den ich ihr, über das inzwischen still gewordene Meer, hinterher werfe.

Die Augen geschlossen, ziehe ich die Meeresluft durch meine Nase, helle Gedanken, duftend wie aufgehende Lilienblüten, durchströmen mein Gemüt; Gedanken, dass sie und ich, umschlossen in Armen der Wiedergeburt, uns wiederfinden mögen.

Märchen erzählen …

Ich glaube an Gott, ich glaube an Darwin, ich glaube an Nietzsche, an den Weihnachtsmann, an den Osterhasen, an das sozialistische Vaterland. Fuck off! Ich glaube an das, was mir am meisten Spass macht, was eine tolle Geschichte ergibt. Ich picke mir aus allem die schönsten Rosinen heraus. Wann war der Urknall vor 40 oder 60 Milliarden Jahren? Scheiß der Hund drauf, wen interessiert es schon. Was muss ich tun, damit ich gesund bleibe und reich werde? – es langweilt mich. Märchen erzählen, die den Märchenerzähler selbst interessieren. Soll ich darüber nachdenken, wie die Welt besser werden kann? Blockade! – die entsteht immer dann, wenn die Geschichte falsch gesponnen wird. Wenn die Blockade entsteht muss die Geschichte weggeschmissen werden, dann taugt sie nichts und eine neue muss gesponnen werden. Fluchtlinien bilden!! – in die Geschichte flüchten, die man am liebsten für sich erzählen möchte, die einen am meisten interessiert.

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St.Pauli – Gedankenspiele …

Sonntag: der Himmel ist grau. Ich gehe hinaus. Stimmenrauschen, es sind die Rufe der Fußball-Fans aus dem St.Pauli Stadion. Kalt – meine Gedanken will ich zerstreuen, um sie irgendwo wieder zu finden. In der Talstrasse stehen drei Russen an der Häuserwand gelehnt, unter ihnen auf dem Boden – wie passend – eine halbvolle Wodka Flasche – in ihren zerknitterten Gesichtern liegt ein freundliches Lachen.

Jugendliche mit Pappbechern in den Händen, darauf ein weißer Schnabeldeckel, ziehen vorbei. Vorm Türken – Imbiss sitzen Menschen auf Holzbänken, trinken Tee, rauchen Zigaretten und ich frage mich, ist die Zeit linear, hat sie einen Anfang, hat sie ein Ende, oder ist sie nicht eher wie ein Nebel, der sich in all seiner Breite auf uns legt und uns, fast unbemerkt, in etwas Neues trägt.

Wenn Sonntage einen Geruch hätten, würden sie nach Fleischrouladen gefüllt mit einer fetten Speckschwarte, Salzkartoffel und dicker Soße riechen. Der Sonntag ist das Niemandsland zwischen gestern und morgen, die Leere in der man wartet, dass der Tag vorüber geht. Der Sonntag ist der Horrorausblick auf den Montag – wollte man flüchten, dem Alltag den Rücken kehren, den Ort der ewigen Wiederholung verlassen, müsste die Tat, ja dieses Attentat für ein neues Leben, an einem Sonntag geschehen. Ein leiser Abgang, unbemerkt; heraus aus der bedrückenden Besinnlichkeit, heraus aus den Katerstimmungen, den Sportereignissen, die ohne Ende über die Bildschirme flimmern. Vielleicht mag ich die Sonntage deshalb nicht, weil ausgerechnet an solch einem Tag die Flucht selten gelingt, weil ich nicht inmitten der feiertäglichen Nüchternheit das Auto vollpacke, den Zündschlüssel umdrehe und erst am Mittwoch eine Nachricht über meinen neuen Aufenthaltsort herausschicke. Vielleicht mag ich Sonntage nicht, weil ich gezwungen bin Teil des Sonntages zu sein.

Ein eiskalter Wind weht die Reeperbahn entlang, während ich zusammen mit anderen Leuten vor einer roten Ampel stehe. Als die Nutten von St. Pauli weniger wurden, das kleinkriminelle Milieu sich nach und nach auflöste, die Oben-Ohne-Bars verschwanden,n kamen die Touristen und suchten genau das, was es nicht mehr gab. Das Verruchte des Kietz ist längst verflogen, im Café Keese ist ein Fischrestaurant eingezogen. Vor dem Tor der Herbertstrasse, auf dem hingewiesen wird, dass Frauen und Jugendlichen der Zutritt verboten sei, stehen Mutti und Papi mit der Kamera in der Hand und machen Fotos.

Der ganze Dreck ist beiseite gekehrt, ein Touristenführer steht in einer Gruppe interessierter Menschen und erzählt Geschichten. St.Pauli ist zum Familienglück verkommen.

Alles unter Kontrolle: Schilder weisen darauf hin, dass der Kiez videoüberwacht wird und Schusswaffen verboten sind.

Angst schafft Ausnahmezustände und die Ausnahme wird zu Gewohnheit. Erst waren die Flughäfen besondere Sicherheitszonen, doch irgendwann brach der Damm und die Welle der Sicherheit ergoß sich über die Städte. Wir werden beobachtet, wir werden beschützt vor dem drohenden anderem, vor der unbekannten Psychologie eines eventuellen Massenmörders. Der Mensch als solches steht im Verdacht, die tickende Zeitbombe ist der Fremde.

St.Pauli trotz alledem – nicht vom Klima, aber vom Herzen her – ist der wärmste Punkt in dieser Stadt; die Strömung des kühlen Hanseatischen hat das Viertel noch nicht gänzlich erfasst, aber es ist schon von den Palästen des Geldadels umringt.

Meine Füsse frieren, ich gehe die Strasse weiter entlang; mächtig an der Ecke baut sich der „Silbersack“ vor mir auf, als wollte er der Modernen widerstehen. Andere Kneipen, wie die „Hasenschaukel“ sind längst verschwunden.

Ein Afrikaner, eingehüllt in einer Daunenjacke, darunter einem Kapuzenshirt fragt mich mit freundlichem Lächeln, ob ich etwas brauche; er will mir Drogen verkaufen, ich lehne dankend ab. Weiter setze ich meinen Weg fort.

Bei den ehemals besetzten Häusern der Hafenstrasse, erinnere ich mich daran, wie wir hinter Barrikaden standen, um uns der Staatsmacht, die die Häuser räumen wollten, entgegenzustellen. Es war ein Sonntag. Ein Fluchttag, ein Nicht-Deutscher-Tag, ein Nicht-Familientag – es war das Gefühl auf der Barrikade zwischen Gut und Schlecht, auf der richtigen Seite zu stehen. In einer Welt der ausufernden Ordnung, liegt das Paradies im Chaos, genauso wie im ständigen Chaos die Sehnsucht nach geordneten Zuständen ist. Schlecht und gut ist keine Ideologie, sondern eine Frage der Bekömmlichkeit. Gut ist demnach das, was den Körper nicht zersetzt, sondern ihn aufbaut. Die Grenzen zwischen gut und böse sind meist verschwindend, oftmals wird das Unerträgliche, Unbekömmliche in Kauf genommen, in der Hoffnung eines Tages was anderes, besseres zu bekommen. Ein farblich unkenntlicher Strom ist es, der meist das Gemüt durchzieht, Farbe wird erst wieder erkannt, wenn die Gewohnheit durchbrochen wird. Rebellion der Sinne: durch die Mauer des Immanenten wird ein Loch geschlagen, und ein sonniger Ausblick zum nächst Höheren geschaffen. Wie ein guter Fick, ein Moment des „Ahhh!“, indem ein Wohlgefühl entsteht und der denkende Körper zu dir spricht und sagt: das war richtig.

Die Barrikaden in der Hafenstrasse; eine Wende in der Geschichte, eine Freiheit, die sich erkämpft wurde, wo in einem kurzen Augenaufschlag das „ich“ zum „Wir“ wurde – wir uns, trotz aller Verschiedenheit, wie Schwestern und Brüder fühlten.

Ein Sioux Traum: wir mögen vielleicht untergehen, aber solange wir hoch auf unseren Rossen sitzen, solange wir es uns noch nicht in den uns vorgeschriebenen Reservaten bequem gemacht haben, werden wir die Sonnenstrahlen durch das Loch der Mauer erblicken. Komm Bruder, Schwester lasst uns weiter reiten und der Versuchung widerstehen, Wurzeln zu schlagen. Solange wir uns bewegen, werden die Architekten keine Macht über uns haben.

Über die Brücke, vorbei an dem abgebrannten „Pudel“-Club, führt die Treppe hinunter zum Fischmark. Ich überquere den Platz, gehe zum Geländer hin, will die Bewegung des Wasserstromes beobachten. Ein alter Mann neben mir pisst in die Elbe, ein älteres Ehepaar, händchenhaltend geht mit leerem Blick an mir vorüber.

Die größte Angst, so rede ich innerlich mit mir, hab ich vor der Vereinsamung in der Zweisamkeit, in einem Zustand abgebrannter Gefühle.

Zeit, wie Nebelschwaden, komme ich auf meine Gedanken zurück. Nicht Stunden, Tage, Jahre, sondern Nebel über Nebel, der sich übereinander legt, in der das andere, was gewesen war, sich auflöst und nicht mehr erkennbar ist. Die Hand, die ich in der vergangenen Epoche nicht berührte, wird in der neuen eine andere sein. Was nicht im gleichen Augenblick ergriffen wird, wird für immer verloren bleiben.

Vielleicht sterben wir gar nicht – wer auch schon kann es sagen – sondern ein dichter Nebel legt sich über uns, läutet was Neues ein, löst das Alte auf und trägt die Seelen sanft, mit oder ohne Schmerz, auf seinen Flügeln davon, irgendwo hin, zu einem unbekannten Ort. Der Tod, so sinniere ich für mich, wohnt niemals in mir, er kommt von Außen, so wie der Wind – in mir selbst, das spüre ich, bin ich so unendlich, wie Sterne am Himmel – oder ewig wie Pessoa, an den ich denke und der sagt: „Ich bin so groß, wie das was ich sehe.“

Hoppla! – da sehe ich mich im Spiegelbild der Glasfassade eines Hauses stehen. Meine Mütze ist tief über die Stirn gezogen. Ich ziehe Grimassen. Unerträglich kalt sind meine Füsse geworden und Hunger habe ich – verdammt – vielleicht sollte ich endlich Kaffee trinken gehen.

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AFRICA …

Africa“ heißt der Roman an dem ich schreibe. Eine Liebesgeschichte zweier Frauen. Ich lasse sie Cate erzählen.

Melissa ist neunzehn Jahre alt, ihre Urahnen kommen aus Afrika, sie aber war selbst noch nie dort. Sie lernt die zehn Jahre ältere Cate in einem Club kennen, just an dem Tag, als diese mit ihrem Mann Schluss gemacht hat. Für Cate, wird sich durch die Begegnung mit Melissa ihr Leben gewaltig verändern, denn die dunkelhäutige, junge Schönheit ist sehr offensiv; was sie sich in den Kopf setzt, will sie auch kriegen – und sie will Cate, will sie dominieren, nicht um sie zu besitzen, sondern um mit ihr Grenzen zu überwinden. Der Eingang zum Herzen, zur Seele, zum Verstand, überhaupt zu allem Sein, so Melissas feste Überzeugung, liege in der Erotik. Wir sind nicht aus dem Paradies vertrieben worden, weil wir von dem Baum der Erkenntnis genascht haben – so Melissa – sondern wir werden gehindert, dorthin zu kommen, weil wir in den Apfel, den uns die Weiblichkeit in der Person von Eva hingehalten, nie gebissen haben. Der Weg zum Paradies, das in jedem von uns steckt, sei, der Verführung nachzugeben.

Cate lässt sich verführen und erlebt mit ihr eine Liebe, von der sie nie glaubte, dass so etwas existieren je könnte. Cate packt ihre Sachen zusammen und zieht zu Melissa. Zusammen erleben sie eine Zeit im Rausch ihrer Gefühle zueinander und Melissas Wohnung wird zu einem paradiesähnlichen Ort. Das allerdings geht nur solange gut, wie Melissas Vater ihre Tochter finanziell unterstützt. Eines Tages tritt die bittere Botschaft ein: die Firma des Vaters musste Konkurs anmelden, Melissas Vater ist pleite und kann weder die Tochter noch ihre teure Wohnung weiter finanzieren – die Unterkunft der beiden muss geräumt werden. Was also tun? Melissa verfügt über keinerlei Einkünfte, Cate lebt nur von dem wenigen Geld ihres Stipendiums. Einige Zeit versuchen beide die Situation zu ignorieren, vernichten Rechnungen, Mahnungen und bezahlen keine Miete mehr. Das Unheil rückt näher, das Liebesnest der beiden ist bedroht; eine Entscheidung muss gefällt werden. Melissa lehnt es kategorisch ab, arbeiten zu gehen; sie will die kostbare Zeit, die sie mit ihrer Geliebten verbringt, nicht mit inhaltslosen Jobs eintauschen. Auch will sie nicht, so wie Cate es vorschlägt, in Cate’s kleine Wohnung umziehen. Melissa meint, es müsse immer nach vorne gehen und niemals zurück. Da kommt ihr die Idee:

Was glaubst du wie alt mein Onkel ist?“, fragte Melissa mich.

Ich weiß nicht, wenn es dein Onkel ist, kann er noch nicht so alt sein …“

Ach du. Er ist doch nicht mein Onkel im eigentlichen Sinne. Er ist der Onkel vom Onkel vom Onkel …“

Also dann ist er schon älter“.

Ja natürlich ist er älter, wenn er der Onkel von mehreren Onkeln ist. Also was glaubst du, wie alt ist er?“

Dazu müsste ich wissen, wie alt die anderen Onkel sind“.

Meine Güte Cate, du bist wie eine Mathe-Leherin. Woher soll ich wissen, wie alt die alle sind, weder kenne ich sie, noch interessieren sie mich.“

Woher soll ich ohne Anhaltspunkte wissen, wie alt dein Onkel ist?“

Du verdirbst mir noch die ganze Geschichte mit deiner Genauigkeit. Musst du alles so penibel unter die Lupe nehmen? Ich hab ihn nur ‚Onkel‘ genannt, weil ich seinen Namen nicht kenne. Cate, schätze jetzt einfach wie alt er ist?“

Ok. Fünfundsechzig“, erdachte ich mir eine Zahl.

Fünfundsechzig?! Wie kommst du darauf?“

Ich hab’s mir ausgedacht.“

Warum sollte ich dir eine Geschichte eines Fünfundsechzigjährigen erzählen, das wäre total banal.“

Verdammt Melissa, sag mir einfach wie alt er war.“

Wieso ‚war‘? Er lebt noch.“

Melissa! Wie alt ist er?“

Hundertsiebenundzwanzig!“, strahlte sie mich triumphierend an.

Ja, wow! Und was war denn nun mit diesem alten Mann, der in einer Strohhütte wohnt und nicht dein Onkel ist?“

Hab ich vergessen!“

Was?“

Melissa will nach Afrika, den „Onkel“ finden, der vor seiner Hütte irgendwo am Wasser sitzt. Was für ein Gewässer soll es sein, welcher Ort und auch welcher Mann? Melissa weiß es selbst nicht, aber sie ist sich sicher, sie wird ihn antreffen.

Natürlich erscheint es Cate absurd, einen 127-jährigen Mann, von dem niemand weiß, ob er lebt, zu suchen, um von ihm die Erkenntnis über das Leben zu erfahren. Doch schließlich lässt sie sich überreden, besser: lässt sich von ihrer Geliebten verführen und willigt ein, mit auf die Reise zu kommen.

Eine Party wird veranstaltet, auf der, bis auf wenige Dinge, all ihr Hab und Gut verkauft werden. Der Verkauf ist ein voller Erfolg und aus dem Erlös kaufen sich Melissa und Cate einen alten Ford Bus, bauen ihn zu einem Wohnmobil aus. Die Reise kann beginnen.

Das ist die Vorgeschichte.

Mittlerweile ist die Geschichte auf Seite 311 angelangt. Viel ist passiert und jetzt, wo diese Worte hier niederschreiben werden, sind Melissa und Cate auf dem Weg von Frankreich hin zur spanischen Grenze. Manchmal müssen sie länger an Orten verweilen, weil der Autor nicht gut drauf ist, Geldverdienen muss, oder für wenig Geld bestochen wird als Ghostwriter eine beknackte Vampir-Geschichte zu schreiben. Aber er will die beiden Mädels nicht alleine lassen, sie haben nicht einmal die Hälfte ihrer Strecke zurückgelegt. Es ist dem Schreiber egal, ob das Buch jemals veröffentlicht wird, jetzt geht es nur darum Cate und Melissa von Erlebnis zu Erlebnis, von Ort zu Ort voranzutreiben. Er ist die Energie, mit der sich die Welt in dieser Geschichte dreht.

Selbst, wenn es draußen kalt und der Himmel verdunkelt ist, der Autor muss den Motor ihres Autos immer neu anschmeißen, er muss der Realität absagen, alleine in seinem Zimmer sitzen und schreiben und schreiben und schreiben …

Welch schöner Wahnsinn!

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Das Wrack …

Oh, wie vernachlässigt, verwahrlost diese Seite doch ist.

Festgesurrt an Seilen und Ketten ist das Traumschiff am Ufer bekannter Fremde gestrandet. Still ist der Januarwind, einfallslos der Himmel, Frostigkeit hat sich über die Gräser gelegt.

Doch fortan, so der Wille, wird das Wrack wieder flott gemacht, um mit brennenden Sinnen, der unter dem harten Asphalt entschlummerten Blüte, neue Wärme und Lebenskraft zu schenken.

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Don’t Trump me …

Ich denke mal, gegen den aufkommenden Rechtsextremismus hilft nicht nur linke Politik, sondern es braucht eine neue Subkultur, ähnlich wie es sie in den 60zigern und 80zigern gab. Die sogenannten „Linken“ gehören heute selbst zum Establishment, sind angepasst oder nur am Jammern. Was fehlt ist so was wie ein lautes „Fuck“, ist Spaß; es fehlen ganz einfach Utopien, es fehlt an „Punk“, an Nonkonformismus. Viel besser als ständig den Weltuntergang herauf zu beschwören, wäre es, ein neues Lebensgefühl einzuläuten, eins, was alle Grenzen der Freiheit sprengt. Bedenkt: Die Erde ist unsere Gastgeberin, sie gibt ein Fest für uns – das heißt Leben – sie will bunte Gäste erleben, die Spaß an ihrer Party haben; sie will keine trüben Gestalten erleben und schon gar nicht Leute, die ihr Haus zerstören.

„Es geht darum, durch die Ausschweifung aller Sinne im Unbekannten anzukommen.“ (Arthur Rimbaud)

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Horror im Konjunktiv …

Würde ich versuchen den Rhythmus, den ich auf die grüne Flasche trommle, während ich, wie so oft, auf jemanden warte; versuchen, dieses Musikstück, was mir einfiel, zu dir zu tragen, es dir  vorzuspielen, in der Hoffnung, dich damit beglücken zu können und öffnete im gleichen Moment, während ich mich überwinde, mein Spiel dir darbringen zu wollen, jemand deine Zimmertür, stürmte  herein mit einem Tambourin in der Hand, schüttelte diese, sodass laut die Schellen erklängen, setzte sich auf die Lehne deines Sofas und trommelte darauf Takte, die dich tanzend machend und animieren würden  deine Hüften zu bewegen, und würde er, begeistert über das, was er mit seiner Trommelei anzustellen vermag, immer schneller mit Fingern, Handfläche und Faust auf das Fell einschlagen und du mit aufgewühltem Haar und in die Lüfte erhobenen Händen, zusammen mit dem Tambourin Mann jauchzend wild durch den Raum tanzen und mich  mit der grünen Flasche in der Hand vergessend stehen lassen;  wenn also nicht ich es wäre, der die Traurigkeit mit meinem Vortrag aus deinem Gemüt vertriebe, entstünde nicht dann, beim Anblick deines Freudentanzes, in mir eine schwermütige Leere, ein Einsamkeitsempfinden, indem ich unbemerkt die Flasche auf den Boden stellte und so täte, als hätte ich sie niemals mitgebracht und mich unentdeckt aus der Wohnung zwängte,  hinunter auf die Straße ginge und inmitten  den Häuserschluchten und regennassem Gehweg ein stechendes Unbehagen über rhythmische Klänge empfände und darüber nachdächte, ob du dich beim Aufräumen, die herrenlose Flasche entdeckend, daran erinnern könntest, dass ich es gewesen wäre, der es gewollt hätte, mit nur drei Fingern, auf dem selbsternannten Musikinstrument dir etwas zu bieten, was dir ein Lächeln auf deine Lippen hätte zaubern können.

Da dies aber nicht so ist, entleere ich mit einem letzten Schluck die Flasche, stelle sie zurück in das Regal, wo ich sie gefunden hatte, gehe in dem Raum umher, betrachte mir im Atelier die Bilder des Malers, auf den ich warte, schaue aus dem Fenster in das trübe Grau des Himmels, betrachte den Kanal, der sich mit kaum erkennbarer Bewegung Richtung  Westen bewegt und abgestorbene gelbliche Herbstblätter, wie ein Kleid mit sich trägt, und noch ehe ich ganz die Betrachtung zurück auf die bunten Gemälde richten kann, um ein innerliches Urteil über die Kunstwerke zu fällen, öffnet sich die Tür, der Maler tritt herein und erklärt, wir könnten jetzt gehen.

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Gefaltete Seele

Als ich erwachte, die Augen öffnete und das Licht durch mein Fenster erblickte, überkam mich ein eigenartiges, ichbezogenes Weltgefühl, eines, was manchmal Menschen zu sich empfinden, eben weil sie Menschen und in der Lage sind, ihr Dasein in verschiedene Richtungen zu denken. Der lichte Tag brach in jenem Moment herein, der zwischen Traum und Erwachen stand, jener also, wo man nicht so recht weiß, in welcher Realität man sich real befindet; in der des Taumelns oder der, der vermeintlichen Beständigkeit. Es dauerte nicht lange, da war die Traumwelt – diese schöne Braut – wie mit einem Schwamm von der Tafel des Bewusstseins gewischt und verloschen, und ich fand mich dort wieder, wo meine nächtliche Reise begann, in meinem Bett, mit dem Kopf auf einem zerknitterten Kissen.

Ich ordnete das Kissen, auf dem ich lag, bog es zurecht, sodass ich den Baum vor meinem Fenster erblickten konnte und sah, wie auf einem Ast sich eine Taube niederließ und mit flatternden, ungeschicktem Flügelaufschlag sich wieder entfernte. Verschwommen waren bis dato meine Sinne, noch nicht im Getriebe der Alltäglichkeiten eingepasst, frei noch und fern von beklemmenden Verpflichtungen, die Zeit irgendwie ausfüllen zu müssen.

Da brach die Idee, wie ein Fötus aus mir heraus, der Gedanke, dass das Morgenlicht, der Baum, die Äste und auch die Taube ein Teil von mir seien, dass, wenn ich nicht erwacht, diese Welt mit mir im Schlaf versunken geblieben wäre.

Wie könnte, so mutmaßte ich dreist, die Erde sich ohne mich weiterdrehen, wie das Blatt des Baumes auf dem die Taube saß, sich bewegen, das Licht durch mein Fenster scheinen? Sind denn nicht mein Atem, mein Herzschlag, das pulsierende Blut in meinen Adern an die Erde gebunden? Und der Kosmos, verstieg ich mich egomanisch weiter, ist er nicht auch für mich erschaffen worden. Der Stern, der am nächtlichen Himmel funkelt, hab ich ihn wohlmöglich selbst erfunden? Der Beweis, dass alles so ist, wie es ist, kann doch nur erbracht werden, wenn ich es bin, der ihn aufnehmen kann, wenn ich ihn verstehe. Wer schon könnte mir den Nachweis erbringen, dass alles Leben und Treiben, jede Melodie, jeder Herzschlag, jeder Glanz in den Augen, jede Welle, die sich in den Ozeanen erhebt, jede Katze, die auf die Mauer springt, jeder Laut und jede Stimme, die ich höre … fortbesteht, blieben an dem Morgen meine Augenlider verschlossen?

Vielleicht war dieses Gefühl, was mich an diesem Morgen beherrschte, banal, aber dennoch blieb ich regungslos im Bett liegen, um ja nichts von dieser Ungeheuerlichkeit zu abzuschütteln.

Ich könnte, so sinnierte ich, während ich ängstlich die Bettdecke hoch zu meinen Schultern zog, durchaus den Gedanken verfestigen, dass alles, was ich fühle, höre und sehe, einzig meiner Einbildung entsprungen sei. Vielleicht ist meine Phantasie derartig mächtig, diese Bilderwelt, in der ich lebe, mir vorzugaukeln. Vielleicht ist sie so gewaltig, mich Glück und Schmerz fühlen zu lassen. Vielleicht sind Feuer, Wasser, Menschen, Tiere und die verschiedenen Kontinente nur Fiktion und alleinig aus meiner Idee hervorgebracht. Wer schon könnte mir die Entkräftung erbringen, dass ich mich nicht im Traum befinde, dass wenn ich erneut erwachen würde, diese sogenannte Realität wie Nebelschwaden verschwinden würde. Könnte es nicht sein, dass mein formidabler Geist, mich von einer Welt zur nächsten treibt, dass das Reale die Fiktion ist und der Traum Wirklichkeit?

Mein Gott“, flüsterte ich in mich hinein, in welch einem großartigen Betrug wäre ich hineingeraten!

Stille. Kein Wind bewegte mehr die Blätter der Bäume, keinen Laut konnte ich mehr vernehmen. Wer nur, fragte ich mich, war es, der die Hände gen Himmel erhob, wer sprach das erste Gebet, um der Ungeheuerlichkeit des Gedankens, allein in dieser Welt zu sein, zu entkommen? Wer war der erste Mensch, der sich einen Gott erfand, um wieder festen Boden unter die Füsse zu bekommen? War ich es? Ich musste grinsen. Mein Bett wurde zum Raumschiff, mein Kopf ins Kissen gepresst, flog ich durch das Gestrüpp, durch die Blätter, mit den Vögeln hin zum Licht.

Aber die Liebe? Ja, die Liebe, so dachte ich: zeigt nicht ausgerechnet sie, dass ich nicht alleine bin? …

Es klingelte, ich erschrak, krachend landete das Raumschiff wieder dort, wo es gestartet war. Ich sprang aus dem Bett, zog mir was über, eilte den Korridor entlang und Schritt für Schritt, wie bei einem geöffneten Gefäß, verlor sich das Gefühl, was ich zuvor noch auf dem Kopfkissen hatte. Ich öffnete die Tür und da stand sie vor mir, ihr blondes Haar war aufgewühlt, wahrscheinlich vom Wind. Sie blickte und lächelte mich an, sagte etwas, ich erinnere nur ihre Stimme. Ich bin nicht sie und sie ist nicht ich, schwer zu glauben, meine Phantasie hätte sie erfunden. Ihre Arme umklammerten meine Schulter, ihre Lippen drückten sich auf meinen Mund. Traum oder Wirklichkeit, ich weiß es nicht – das eine so richtig wie das andere. In den Falten der Seele liegt schlummernd und im Dunkeln die Erkenntnis, sie ist unendlich, genauso wie es die Falten sind. Wenn man sich entfalten will, muss man sich nur immer hin zum Himmel strecken.

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Run, run, run …

Zwei Möglichkeiten der Flucht: Endlich einen Platz zu finden oder den durchgesessenen Stuhl endlich zu verlassen.

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Vor der Morgenröte …

… ist er verschwunden: Stefan Zweig. Ich bin ins Kino gegangen, kaufte mir im Foyer Weingummi und setzte mich in die fünfte Reihe. Meistens sitzen die Zuschauer hinten, ich nicht: für mich spielt das Kino ganz vorne. Weingummi muss dabei sein seit ich zehn Jahre alt war und mit diesem süßsauren Geschmack auf Zunge und Gaumen sah ich Winnetou sterben, George Taylor in “Planet der Affen“ an der Freiheitsstatue vorbeireiten, sang ich in „ Rocky Horror Picture Show“ mit, war ich Freund von McMurphey in „Einer flog übers Kuckucksnest“ , verfluchte Sister Ratched, liebte Archibald Harry Tuttle, den Klempner in „Brazil“ – ich war mit diesem Geschmack im Mund auf dem Trip in Fear and Loathing in Las Vegas“, ich schluchzte in „Last Exit To Brooklyn“, es drückte mich „Mulholland Drive“ tief in den Kinosessel … Ich weinte, lachte, es machte mich traurig, es machte mir Mut, es machte mich rasend – Götter und Helden, Tragik und Drama, Liebe und Verzweiflung – wenn all dies nicht geschah, wenn die Emotionen nicht überschäumten, war der Kinobesuch, zumal ich nahe an der Leinwand saß, wie eine Niederlage des Tages.

Und gestern: die Verfilmung über Stefan Zweig: ruhig emotionslos und selbst in der Schlussszene, zu seinem Selbstmord, benetzte keine Träne das Auge. Ein stiller Film. Stille kann Spannung erzeugen, aber das war der Film nicht – eher eine deutsche Trägheit, die Leere zurücklässt.

Das Gefrorene in uns brechen; dieser kafkaeske Gedanke kam in mir auf, als die Szene kam, wo Zweig 1936 in Buenos Aires im PEN Club saß. Meine Tüte knisterte, ich steckte mir ein Gummi-Tierchen in den Mund. Was wird er sagen, was wird er erwidern?

Es ist bekannt: Zweig wollte nicht gegen das Nazi Regime reden, schon gar nicht, wo er sich im Exil in Sicherheit wog. Er wollte sich nicht politisch einbinden lassen – was er wollte, war schreiben aus einem positiven Gefühl heraus, die gefrorenen Herzen mit Worten zum Schmelzen bringen. Maria Schrader, die Regisseurin, schienen die Empfindungen Stefan Zweigs, in einer Zeit tiefer Finsternis, kalt zu lassen und setzte den Film wie eine träge Maschinerie fort. Spätestens jetzt begann ich mir Sorgen um Zweig zu machen. Jede Dokumentation über ihn war leidenschaftlicher, als das, was mir hier geboten wurde. Überhaupt scheint Maria Schrader mich mit inhaltsleeren Filmen, über Autoren, die ich sehr schätze, verfolgen zu wollen. Letztes Beispiel war „Liebesleben“ von meiner Lieblingsautorin, der wort – und sinnesgewaltigen Zeruya Shalev. Was sie aus dem Buch machte, war eine Vergewaltigung hinein ins Spießige. Warum sucht sich Schrader Getriebene aus ohne das Getriebene darstellen zu wollen? Warum schuf sie diesen Film über Stefan Zweig, der von den Bildern sehr schön ist, von dem Inhalt aber relativ banal? Gerade Stefan Zweig, der Suchende, der Sensible, der Schaffende, der noch bis zu seinem Selbstmord an der Schachnovelle schrieb, der, so müsste man meinen, diese Novelle zu Ende bringen wollte, bevor er aus dem Leben schied. Was geht in einem Menschen vor, der sein Kostbarstes, was er besitzt, sein Leben, wegwirft wie ein Abfallbeutel, aber den letzten Satz, den letzten Punkt seines Werkes vorher noch festhalten möchte? „Die Schachnovelle“ ist ein Meisterstück und lässt nichts an literarischer Kraft vermissen. Auch nicht wenn Zweig in seinem Abschiedsbrief schreibt, „ … nach dem sechzigsten Jahre bedürfte es besonderer Kräfte um noch einmal völlig neu zu beginnen. Und die meinen sind durch die  langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft.“

Von Erschöpfung von Leiden dieses Mannes ist in dem Kinostreifen nichts zu spüren, schon gar nichts von dem Literarischen, was ihm letztendlich noch wichtiger war, als sein Leben. Er sitzt und schreibt in der grünen brasilianischen Hölle – lobt das Land, über das er ein Buch verfasst. Ja, er begeistert sich für Brasilien, das für ihn ein Land der Zukunft sei, wo verschiedene Rassen, Kulturen und Religionen friedlich und ohne gegenseitigem Hass miteinander leben. Brasilien ist für ihn die Morgenröte, ist für ihn das Beispiel wo verschiedene Menschenfarben sich vermischen und neue schöne Menschen hervorbringen. Er ist auf Spurensuche zu seinen Gastgebern, versucht ein Land zu erkunden, das größer ist als Nordamerika. Literatur ist ewige Suche nach dem was noch nicht ist, was aber vielleicht werden kann. Literatur ist Werden, ist Entstehen und Schaffen, Literatur wird für eine Menschheit geschrieben, die es noch nicht gibt, ist eine Sprache, die erst noch gesprochen werden muss. Wie saß er da an einem Tisch, in einer Holzhütte, als er sein letztes Stück schrieb, welches fern ab vom Dschungel handelte ? Er lernte Schach spielen, nicht des Spieles wegen, sondern des Werkes an dem er schrieb. Und so spielte er Partien von Meistern des Schachs nach und schrieb und schrieb und hatte zugleich das Veronal in seinem Kopf, das er bald zusammen mit seiner Frau nehmen wird. Dann der letzte Punkt, einen Tag vor seinem Tod verschickt er die Typoskripte der Schachnovelle. Das Werk ist getan; es wird das bekannteste und bedeutendste sein, was er geschaffen hat. Doch den Ruhm darüber wird er nicht mehr erleben. Glanz und Glorie sind ihm egal geworden, friedlich, wie Schlafende, liegen seine junge Frau und er im Bett seines Hauses, umgeben vom Dschungel von Petrópolis. Frau Schrader wo sind sie? Nichts von all dieser Verzweiflung scheint Sie zu interessieren.

Es folgt der Abspann, dezente Musik ertönt, ich bleibe noch sitzen bis das Licht angeht. War es ein guter Film? Ich bin mir unschlüssig; er war weder gut noch schlecht – eher mittelmäßig, eher deutsch. Im Bett liegend, fing ich an, sein Brasilien Buch zu lesen – also hat der Tag doch was gebracht und ist nicht zur Niederlage geworden.

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Wecke mich!

„Wenn man in einer anderen Zeit aufwacht, an einem anderen Ort, könnte man auch als anderer Mensch aufwachen?“ (Fight Club)

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I HAVE NO HOME …

„…Home? I have no home. Hunted, despised, living like an animal! The jungle is my home. But I will show the world that I can be its master! I will perfect my own race of people. A race of atomic supermen which will conquer the world!“ (Bela Lugosi)

Rettung?

Kein Wagnis ist verhängungsvoll – es ist der Rettungsring an dem man ertrinkt.

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Die Rache der Gartenzwerge …

Zäh pochen freudig in Fett getränkte Herzen, ängstlich trauen sie sich durch einen kleinen Spalt ihrer Türen hinaus, in dem Glauben, sie hätten was gewonnen. Gruseliges Zahnarztlächeln tritt vor die Kameras, um einzig die Botschaft zu verkünden: keine Umarmungen mehr, lieber doch abweisende Hände. Schwächlinge haben sich zusammengerauft, bissig sind sie nur, wie feige Hunde, wenn sie in der Meute sind, grenzen ab ihr Revier, ächzen schmallippig kalte Worte heraus, die da lauten: traue keinem Fremden. Doch was jetzt so lautstark erscheint, der grölende Lärm ausdrucksloser Gesichter, das ist das Klappern von Gerippen, das sind Missklänge, vermischt mit verwesendem Mundgeruch der Vergangenheit.

Noch mögen sie bleiern im Schlamm ihrer dunklen inneren Haltung waten, noch die Sonne verdunkeln, aber bald werden die nachfolgenden Generationen sie verachten und verlachen, denn die Welt wird bunt und zusammenwachsen.

Ach, ihr herzverschlossenen Gartenzwerge, ihr seid mir so ferne, nahe sind mir gerade jetzt die Fremden, die wagemutig durch Wirbelstürme und mörderischer See, versuchen ein Licht der Freiheit zu finden. Seelenverwandt fühle ich mich den Starken, jenen, die über Zäune springen und nicht denen, die neue errichten.

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Paradise Is Here …

Heute, am „Tag der Erde“, da erinnere ich mich, als ich auf einer Terrasse einer Villa auf Procida saß, auf das Meer und in den Himmel blickte und dies hier niederschrieb. Es sollte ein Satz ohne Punkt werden, man sollte beim Lesen nur noch ausatmen können; es sollte keinen Anfang und kein Ende geben – ein ewiges Stottern und Stöhnen werden. Ich war verliebt: 

Die lebendige Sonne scheint in vollen Zügen auf mich herab, ich schaue auf das Meer, wie spiegelglatt es vor mir liegt und sehe wie die Strahlen sich darin bewegen, wie das Blau des Himmels eintaucht in das Türkisblau der See, sehe die Wellen an den Ufern sich brechen, erblicke gegenüber von mir die Insel Capri liegen, umhüllt von einem leichten weißen Schleier, als habe sie sich als Braut zurechtgemacht, als erwarte sie sehnsüchtige Erfüllung, als wollte sie sich solange in Unschuld kleiden, sich bedecken, bis meine Gedanken Engelsflügel bekämen, um sie zu erreichen und den Schleier zu durchbrechen, jedoch tastet mein Blick noch weiter die Landschaft ab, und aus dem Toilettenfenster – wer kann das schon – könnte ich beim Scheißen den sich drohend aufbäumenden Vesuv erblicken, einem Vulkan, ähnlich einem Venushügel, mit einer faszinierenden Kraft; in ihm tobt und brodelt ein Lavasee von der Größe einer Stadt und ist jederzeit zum Unheil verkündenden Ausbruch bereit – ja, das alles kann ich sehen aus dieser alten Villa, in der ich wohne, gebaut auf einem hohen Hügel, hin zum Meer und ich wohne in jenem Zimmer, in dem einst Bourbonenherrscher schliefen, jede Ecke dieses Hauses hat eine Geschichte zu erzählen, wo auf einem dieser Kachelböden ein Mosaik von Dionysos, es ist ein Kindheitsbild, dem alten griechischen Gott der Freude, des Weines und der Ekstase, als Mosaik auf dem Fußboden gelegt wurde und bezeugt, wie nahe man doch dem Griechischen hier ist, wie nahe dem Leben, einem Leben, das übervoll selbst zur Eruption bereit ist und wie Stolz man doch auf diese wesenhafte Tradition hier ist, und ich fühle mich jetzt selbst, gesetzt in diese Umgebung, wie ein König, nein besser noch wie ein Gott, ein Gott meiner selbst, ein Gott, der nur über mich herrscht und nur über mich steht, hier, wo das Meer blauer als nirgendwo ist, hier, wo ich näher am Himmel bin, näher noch als in der Ägäis, näher als ein Astronaut in seinem Raumschiff, und während ich dies erdenke und erfühle, währenddessen mein Herz höher schlägt, während ich fast regungslos da sitze und eine Flut meine Sinne durchspült, ist die Zeit vergangen und der Abendhimmel hat sich in einem blauroten Kleid der Dämmerung zurechtgemacht, mit einer Mondsichel sich für mich geschmückt – mein Himmel wie schön du doch bist – und ein kleines Boot, durchquert in diesem Moment das Meer, kleine Wellen hinter sich herziehend und bildet eine perfekte Ouvertüre zwischen mir, dem ruhigen Meer, dem Himmel und dem gegenüber liegenden Land, auf dem nun Lichter angehen, die wie kleine Kerzen wirken, als wären sie angezündet worden, um ein Fest einzuläuten, als würde die Welt gleich einen Tanz beginnen und ich frage mich, hab ich etwa Drogen genommen, alles erscheint so unwirklich und doch zum Greifen nahe, was jetzt noch fehlte in dieser kitschig schönen Kulisse, ist vielleicht ein Coca-Cola-Gott oder ein Lied, das über allem schwebt, ein Lied, das aus dem endlosen Meer sich erhebt, übergreift auf Himmel und Land und mehrstimmig ein Konzert anschlägt, indem auch ich meine Stimme erheben werde und wir, Land, Himmel, Meer du und ich – ja wir, die wir alle verschieden, eigenständig, unabhängig sind, ein Erd -Choral anstimmen, das Erdenlied singen, wo im Tanze wir uns solange drehen, bis jeder lästige Gedanke von uns gewichen ist und alles was dann noch fehlen würde, in dieser Ungeheuerlichkeit, wäre der Satz, der niemals endet, wäre der Satz, der in einem Atemzug sagen kann, was ich will, der Satz ohne Punkt und ohne Endung, der Satz, der sagen will, ich liebe dich, du Welt – Schmerz ist in mir entstanden.

Gespeist meinen Körper, meine Sinne mit den Bildern aus diesen späten Oktobertagen, am Abhang zum Meer, auf wackeligem Boden, hier, wo furchteinflößende Ikonenbilder von den Wänden blutüberströmt dich begrüßen, wo Traum und Alptraum dicht beieinander liegen, wo Freudentaumel und Desaster sich die Hände geben, wo Frieden sich mit Chaos kleidet, hier, wo ein Ende scheinbar unbeweisbar ist, so als wollte man gar nicht wissen, wann etwas zum Abschluss gerät, als wollte man gar nicht hören, wann und ob die Schöpfung sich vollendet und wie die Zukunft sich gestaltet, erigieren mit einem Male meine Gedanken, als wollten sie Leben einfangen, und eine Erkenntnis – schrecklich, aber dennoch schön – durchfährt blitzartig meine Sinne: WIR SIND IM PARADIES!

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Pfad der Entscheidung …

Carlos Castaneda lässt seinem Don Juan sagen, dass man besser mit leeren Händen einen Weg entlang gehen sollte. Auch sollte man dabei die Finger spreizen, um den dazwischen fließenden Windzug zu spüren.

So, wie Don Juan es empfiehlt, mache ich es öfters. Es kann ja nichts schaden. Niemand wird meine komische Fingerhaltung bemerken und so kann ich unbemerkt mir erdenken, wie Energie mich dabei durchdringt. Ich mache es nicht, weil ich davon felsenfest überzeugt bin, ich bin überhaupt kein Castaneda – Jünger. Ich mache es einfach nur, weil ich mich dann der Figur Don Juans nahe fühle und in der Phantasie mit ihm durch mexikanische Wälder streife, auf geheimnisvollen Pfaden wandere und selbst ein Stück dieser Romanfigur dabei werde.

Es ist der 11. April. Zum 10. April hatte ich mir vorgenommen eine Entscheidung zu fällen. Entscheidungen sind Gefängnisse – Nichtentscheidungen aber auch – und so ging ich spazieren in der Hoffnung die Gitterstäbe der Entschlüsse ein wenig auseinander biegen zu können.

Die Sonne schien – das ist die Bedingung, damit sich irgendetwas in meinem Gefühl regen und vielleicht nach oben, in den Verstand, dem Zentrum der Entscheidung, dringen kann. Genaugenommen finden Entscheidungen im Solarplexus statt, dort entsteht ein spezieller Affekt, der mir kundtut, ob etwas richtig oder falsch ist. Logik ist kein guter Ratgeber, Vor – und Nachteile abzuwägen, heißt meist, sich gar nicht mehr zu bewegen. Ich mag lieber die Brüche; sie sind wie innere Revolten, sind wie Segel setzen durch stürmische Gefilden und hin zu einer neuen Morgensonne.

Gestern fragte mich ein Freund, was Glück bedeute und ich überlegte, ob es vielleicht eine Form von Verengung und Ausdehnung sei, vergleichbar mit der Bewegung des Herzens, der Lunge, der Pupille des Auges oder des Universums: alles zieht sich unerträglich zusammen und weitet sich aus. Unerträglich ist es die Luft in seinem aufgeblähten Brustkorb anzuhalten, genauso wie es unerträglich ist, in sich zusammengezogen, gar nicht mehr zu atmen. Es könnte sein, so meinte ich, dass das Glück sich verhielte wie der Blitz bei Heraklit: er kommt plötzlich vom Himmel geschossen, erhellt voller Schrecken das Firmament und lässt anschließend alles wieder im Dunkeln zurück. Weder die Helligkeit, noch die Dunkelheit, so mutmaßte ich, sei Glück, sondern es sitzt dazwischen, tritt nur in einem kurzen Moment auf und ist schnell wieder verschwunden. Es ist wie ein Parfum, das verfliegt, wie ein Geruch der Erinnerung, nach dem man strebt.

Ich setzte mich nieder auf die Bank, auf der ich mit ihr einmal saß, schaue hier oben von dem Hügel auf den sich bewegenden Fluss. Er fließt und fließt und mit jedem Moment ändern sich auch die Gesichter, die vor ihm stehen und ihn betrachten.

Wieso, so dachte ich, als ich hinunter zum Elbstrand ging und die kleinen Wellen, hervorgerufen durch die Fahrt eines Schiffes, sich am Ufer brechen sah – wieso hatte das Publikum Beifall geklatscht als ein achtzigjähriger Talk-Show-Gast verkündete, er sei seit sechzig Jahren mit der gleichen Frau verheiratet? Entnahmen die Beifallspender daraus eine Form des Glücks?

Welle für Welle betrachtete ich, Sehnsucht nach einem weiten, tosenden Meer kam in mir auf und ich fühlte, wie angenehm mich Unzufriedenheit durchströmte. Wie oft stand ich hier schon, gegenüber einem Wald voller Kräne und versuchte mit der Hilfe von Himmel, Sonne und Wasser irgendwelche Probleme zu lösen. Probleme, so las ich bei Bergson, seien Dinge an denen man sich entwickle – stelle man das Problem richtig, beinhalte es bereits die Lösung. Also ging ich weiter, man kann wahrscheinlich nichts anderes tun, als gehen und gehen, bis sich endlich etwas löst und in einem Aha-Effekt aufbricht. Ja, ich glaube fest an die Bewegung, früher nahm ich mir sogar einmal vor, solange die Elbe entlangzugehen, bis mir eine zündende Idee komme. Ich tat es dennoch nicht.

Sechzig Jahre verheiratet! Das werde ich nicht mehr schaffen. Nicht schaffen werde ich es, mit meiner Geliebten, wir beide aus dem Frühling kommend, gebrechlich und hinkend, im Winter unserer Gefühle, mit einer Plastikeinkaufstüte in der Hand, nebeneinander herzugehen. Nicht schaffen werde ich es, dass wir uns solange die Hände reichen, bis uns der Sabber aus dem Mund fließt, bis all unsere Leidenschaft sich einfriert in Alltäglichkeit und das Schwert der Emotionen stumpf geworden ist.

Liebe ist doch nur ewig, solange noch Wind in die Segel weht und jede Begegnung ein Rendezvous ergibt. Warum also klatschte das Publikum? Weil es allein das stoische Verharren miteinander als selig machende Form empfand? Unweigerlich musste ich an Sartre und Simone de Beauvoir denken, sie waren in ihrem Zusammensein getrennt – sie waren ein Paar, zweier sich eigenständig bewegender Menschen.

Ein kalter Wind blies mir in den Rücken, die Sonne hatte sich hinter einer Wolke versteckt, mein Haar geriet mir durcheinander, fiel mir von hinten ins Gesicht. Ich lief schneller, die Kälte wurde mir unangenehm und ich bog ab vom Strand hin zu einem windgeschützten Gehweg. Ich hörte mal, Erfrieren sei kein so schrecklicher Tod, man würde einfach einschlafen und nicht wieder aufwachen. Furchtbar. Müsste ich mir mal ein Ende bereiten, ich wollte lieber, so wie ein griechischer Philosoph, vom Kraterrand des Ätna in die Glut der Lava springen und dort verpuffen und als Wolke in den Himmel steigen. Cioran, der Todesphilosoph, meinte, man müsse sein Leben zu einem Zeitpunkt beenden, solange man noch die Handlungsfreiheit darüber hat. Er starb, welch eine Katastrophe, schließlich umnachtet in einem Altersheim. Es gibt keinen richten oder falschen Weg, jede Weisheit ist eine Illusion. Das Glück ist schwer zu erfassen, es ist der kleine Moment, der sich zwischen Blitz und Dunkelheit erzeugt.

Der Wind wurde weniger, ich strich meine Haare wieder nach hinten. Entlang ging ich den Weg zwischen den alten Kapitänshäusern, sah bunte Blumen in den Gärten, sah wie das Grün aus den Zweigen brach. Die dunkle Wolke am Himmel zog weiter und Sonnenstrahlen beschienen mein Gesicht. Wo sind all jene geblieben, mit denen ich einst hier entlang gegangen bin? Wo ist die behinderte Frau geblieben, die ich mit ihren Stöcken und schnellen Schritten damals öfters sah, wenn ich mit dem Fahrrad, jonglierend zwischen all den Menschen, hier entlangfuhr? Sie war immer alleine und soviel Freude stand in ihrem Gesicht. Wo sind all die Wörter geblieben, die ich hier in die Gegend warf? Selbst die Orte bewegen sich, sind nicht mehr die gleichen, die man mal verlassen hatte. Auch sie atmen irgendwie ein und aus, dehnen und ziehen sich zusammen, verändern sich bis zur Unkenntlichkeit.

Auf einem Gartenbeet sprossen bunte Tulpen und als ich um die Ecke bog, passierte es: Eine schwarz-weiß gemusterte Katze, streckte ihren Kopf zwischen Gitterstäben, ich beugte mich zu ihr hinunter. Ein Flohhalsband trug sie und sie quetschte sich elegant durch die Stäbe, kam zu mir hin. Ich streichelte sie, sie schnurrte, ein warmer Strom durchzog mein Gemüt. Und als die Katze in der Türöffnung eines Hauses verschwand, da wusste ich plötzlich, was ich zu tun hatte: Die Entscheidung brach aus mir heraus, als ich mit meinen Fingern das Katzenfell berührte.

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Werner ist tot

Ich stelle die roten Rosen in das Glas, aus dem er trank, davor lege ich das Bild mit seinem Gesicht. Eine weiße Kerze steht daneben – sie brennt nicht.

Werner ist tot! – Die Zeit ist so lang, wie ein Moment.

Morgens, wenn ich aufstand ins Badezimmer oder zur Toilette ging, war er schon wach, seine Tür stand offen, graues Tageslicht beschien den dunklen Flur und wir grüßten uns. Meist war sein Notebook aufgeklappt, auf das er, Zigaretten rauchend, blickte. Öfters fragte ich ihn, ob er auch ein Kaffee von mir wolle – doch ich war zu spät, er wollte lieber Filterkaffee, den sein Mitbewohner in aller Frühe kochte. Der Filterkaffee war ein Verbindungsglied zwischen ihm und Ra., meinem anderen Mitbewohner.

Werner ist tot – mir blieb kaum Zeit ihn näher kennenzulernen. Seit November wohne ich hier. Werner war schon vorher krank, aber, so hörte ich, es stand mit ihm schon einmal schlimmer. Wi., die Freundin von Ra., sagte mal, Werner sei unverwüstlich.

Ende April soll seine Asche in einer Urne, die sich im Laufe der Zeit auflösen wird, in die Erde gelassen werden.

Wohin ist sein Lächeln gegangen, welches ich auf dem Foto vor mir sehe?

Ich fragte meinen Mitbewohner, was er glaubt, wohin die Seelen gehen würden, ob sie irgendwo blieben und uns eventuell beobachten. Er sei Marxist, unbeantwortete er mir meine Frage; die Fragestellung allein sei ihm schon zu esoterisch. Er setzte noch hinterher, nachdem er einen Schluck vom Rotkäppchen Wein genommen hatte, dass Werner auch unreligiös gewesen sei. Aber, konterte ich grinsend, meine Frage sei durchaus materialistisch und von daher auch marxistisch gewesen. Eine Seele, oder was es auch immer sei, müsse doch Bedingung für ein Leben sein. Nichts Lebendiges könne ohne einen speziellen Lebenswillen existieren. Wo also, wollte ich von ihm wissen, bliebe dieses mysteriöse Unbekannte, es könne doch nicht einfach verschwinden. Er sagte mir, es wäre ihm höchst unangenehm, wenn Werners Seele ihn, wohlmöglich bei Intimitäten, unerkannt beobachten würde. Ich gab ihm recht, solch eine Vorstellung wäre mir auch unheimlich.

Werner ist tot. Wie lange dauert das Leben einer Eintagsfliege? Ich meine, wie lange ist eine Eintagsfliegenzeit? Ist eine Sekunde ein Fliegentag, ein Fliegenflügelaufschlag wie eine Fliegenewigkeit?

Ist unsere Lebenszeit ein Wimpernschlag im Auge des Universums?

Es begann alles im grauen Hamburger Winter, als der Regen kein Ende nahm. Werner bekam Husten, erst war er leicht, dann wurde so stark, dass wir aufmerksam wurden. Ich hatte auch Husten – wir unterhielten uns darüber – meiner ging zurück, seiner hingegen bohrte sich tief in seinen Körper. Ich machte Obstsalat, füllte ihm eine Schüssel voll, in der absurden Hoffnung, einige Vitamine könnten vielleicht das Problem in den Griff bekommen. Sein Husten wurde stärker, breitete sich aus – später hörten wir die Diagnose; es wurde eine Lungenentzündung daraus. Dann ging alles ziemlich schnell, er lag regungslos auf seinem Bett, ein Notarztwagen schaffte ihn ins Krankenhaus, wo er, weil mittlerweile auch andere Organe ausfielen, ins künstliche Koma versetzt wurde. Künstlich ernährt, an einem Maschinenpark angeschlossen und ohne Bewusstsein – das waren seine letzten Tage.

Werner starb in jenem Moment, als Wi. sich neben seinem abgemagerten Körper ins Bett legte, ihn streichelte und ihm die Wangen küsste – er starb, als sie zu ihm sprach, er dürfe jetzt loslassen und gehen. Mit welchen Ohren hatte er ihre Stimme vernommen? Es musste ein anderes Bewusstsein gewesen sein, als das, was wir kennen, mit dem er für sich entschied, diese Welt als Werner endgültig zu verlassen.

Werner ist tot, wie fürchterlich das klingt – vielleicht wird er wiederkommen, als jemand anders, vielleicht in einem anderen Körper und ohne die Erinnerung, dass er einmal Werner war. Vielleicht wird er irgendwann wiederkommen und seine Geliebte, die ihn verlassen hatte, wieder treffen und beide werden nicht wissen, warum sie nun unzertrennlich sind, nicht wissen, dass der Ursprung dafür sich im Werner-Zeitalter befand. Vielleicht sind all unsere Seelen, die wir nicht kennen, aber Bedingung dafür sind, dass wir leben – vielleicht sind sie ewiger, unendlicher als unsere Körper, vielleicht verhalten sie sich genauso wie das Universum.

Werner ist tot. Und als er starb, klarte sich ungerechter Weise, nach all der langen Zeit seines Hustens, der Himmel wieder auf. Die Sonne beschien die Stadt mit gesunden Strahlen und das Grün und neues Leben brach aus den Zweigen. Die Menschen trauten sich aus ihren Wohnungen und Lächeln und Sonnenbrillen waren mit einem Male in ihren Gesichtern zu sehen. Rosen habe ich neben seinem Bild gestellt, ein Stück Sonne, die ihm fehlte. Im Regal steht die Tüte H-Milch, die er mir einmal gab, ich schaue auf das Haltbarkeitsdatum – es hat ihn überlebt.

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Stolperstein der Vergegenwärtigung

Stell dir vor, die Berge wären nur Täler und der Strand ohne Meer.

Stell dir vor, die gleiche, dich streichelnde Welle, käme immer wieder.

Stell dir vor es gäbe nur Lebende und keine Toten,

keine Vulkane, die Unheil bringen und keine Gewitter mehr.

Und was wäre alles ohne den verhassten Regen,

was, keine dunkle Wolke mehr würde das Sonnenlicht trüben?

Wie könnte ich noch stürmisch deinen Mund küssen,

wäre er mir nicht entzückend divergent?

Wie noch lieben, wäre in der Liebe kein Geheimnis gegenwärtig?

Eine Landschaft aus gleichem Guss; es wäre fürchterlich.

Ist nicht auch die Trauer des Glückes Mutter?

Wie könnte heiteres Lachen die Lippen umspülen,

gäbe es nicht aus Schmerz geborene Tränen?

Wie könnte ich existieren ohne das Fremde neben mir –

bin ich mir doch selbst ein Immigrant.

Archäologen sind wir, in einer unbekannten Welt,

Stein für Stein tragen wir zusammen, was unsere Hoffnung nährt.

Asyl ist uns gegeben auf dem Raumschiff „Terra“,

suchend nach Halt im Dickicht eines betrunkenen Zauberwaldes.

Terror …

Terror ist Alltag geworden, selbst dann wenn es keinen Terror gibt. Es ist wie im Film „Brazil“, eigentlich weiß man nicht so recht, warum es Terroristen gibt. Sie sind einfach da, religiös hypnotisiert, nicht ansprechbar, nicht umkehrbar – sie sind weder Revolutionäre noch Rebellen, eher wie ein Virus, der die Welt befällt.
Bomben gehen hoch, Menschen schreien, laufen weg, Präsidenten und Minister halten Reden des Bedauerns, versprechen noch mehr Waffen, noch mehr Polizisten, noch mehr Überwachung. Danach wird der Mist weggeräumt, Angst bleibt zurück, aber der Einkauf geht weiter, die Regale sind gefüllt, die Wirtschaft, so ist zu lesen, befindet sich in bester Frühjahrsstimmung – ähnlich wie in „Brazil“.
Terror ist Alltag, längst sind die Zeiten passé, in denen man sich noch gestört fühlte, an Sicherheitspersonal vorbeigehen zu müssen – heute ist die Kontrolle überall präsent, akzeptiert, man wird betatscht, durchröntgt, Individualität ist abgeschafft und selbst der Vermieter, wenn auch anderen Gründen, will wissen wie du dich verhältst. Spuren werden zusammengetragen, Daten gesammelt, Telefone überwacht – zurück bleibt ein devoter, gläserner Mensch.
„Brazil“: Zur Hinrichtung schon bereit gemacht, flüchtet sich Sam Lowry, der Antiheld, in einen Traum einer besseren Welt. Und noch ehe die Henker ihm den Todesstoß versetzten können, stellen sie entsetzt fest: „Er ist uns entkommen.“
Welch ein schönes Ende!

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Rebel Yell …

Sie sitzt am Fenster, das Licht der Morgensonne bescheint ihr Gesicht und dringt durch ihr durchwühltes, blondes Haar.

Weißt du …“, sagt sie zwischen ihren vollen Lippen, ich schaue sie an, aber ihr Blick ist hinausgerichtet, vielleicht hin zum Baum, der gegenüber vom Fenster im Hinterhof steht, vielleicht aber auch gen Himmel – ich kann es nicht erkennen.

Sie werden Rebellen genannt, aber das sind sie nicht“, setzt sie fort und ich lausche gespannt was kommen wird. Ihr weißes Hemd, das über ihre Knie gezogen ist, hängt zart über ihre Schultern, läßt die Arme frei. Ihre entblößten Füsse, mit ihren brüchig, rot lackierten Zehnnägeln, sind auf der Fensterbank abgestützt.

RE-BELL-ION“, sagt – nein singt sie fast schon, lässt genüsslich lang das Wort über ihre Zunge gleiten. Schlafsand entdecke ich in ihren Augen – und sie dreht ihren Kopf wieder hin zum Licht, als solle es, während sie denkt, ihr Gesicht wärmen.

Die Rebellen sind Poeten des Lebens und sie erheben sich, weil die Ketten, die sie zu brechen versuchen sich ständig verändern. Sie müssen die Herzschläge fühlen können, sie müssen wissen, wie der Vogel fliegt, fühlen, wie die Kelche der Blumen sich öffnen, hören wie die Knospen der Blätter an den Bäumen sich öffnen. Rebellen tragen ewig die Kindheitstage in sich und haben die Tränen des Schmerzes und der Freude in ihre Herzen geschlossen. Nächtens stehen sie still am Meeresrand, beobachten, wie Sterne in ihrem Schein sich widerspiegeln, lauschen dem Lied des Rauschens, sehen wie die Wellen sich brechen, sich zurück ziehen und wieder vergehen – nie ist eine Welle dieselbe, genauso wenig wie der Mensch es ist.

Die Rebellin …“, sie sagt tatsächlich ‚Rebellin‘, als will sie damit das Weibliche, oder einfach nur sich selbst unterstreichen, und wendet ihren Blick ab vom Fenster, hin zu mir.

… erinnert sich an die Nächte der Liebe, an jene, in denen überschäumende Lebenskräfte, begrenzende Dämme lustvoll durchbrechen.“

Eine Kunstpause wirft sie ein, ich will ihre Gedanken nicht unterbrechen. Freudige Nachdenklichkeit hat sich über ihr Antlitz gelegt. Gespannt lausche ich ihren Gedanken, die sie mir, trotz Heiserkeit des Klanges, mit engelsgleicher Stimme offeriert. Meine Augen sind auf sie gerichtet, hypnotisiert schaue ich auf die Bewegung ihrer Lippen und den Glanz ihrer Augen, die ebenfalls zu mir reden. Ihre Worte zusammen mit ihrer Erscheinung, wirft sie aus, wie Fischernetze, die ihre Wirkung bei mir nicht verfehlen. Und so denke ich, in diesem bewegenden Moment, dass nicht nur entscheiden ist, was gesprochen wird, sondern auch, wer da spricht, dass die gleichen Worte, weniger wahr sein können, kämen sie von einem anderen.

Wir Rebellen …“, sagt sie, erhebt sich von der Fensterbank, betritt mit ihren nackten Füssen das Holz des Bodens des Raumes, indem wir beide, wie in einem Raumschiff und über die Dinge schwebend, zusammen sind. Ich zünde mir eine Zigarette an, Stolz und Freude erfüllt mich, dass mit dem ‚wir Rebellen‘, sie mich scheinbar mit einbezieht.

Auf mich zukommend, lächelt sie mich an – unter ihrem weißen Hemd, das ihr knapp über ihre Knie reicht, sehe ich ihre Brüste sich bewegen – und nimmt mir die glühende Zigarette aus der Hand, zieht daran und geht damit, eine Rauchwolke hinter sich herziehend, den den Raum entlang.

Wir Rebellen, bevor wir etwas auf unsere Fahnen schreiben, bevor wir zur Schlacht aufrufen, sollten all die Sinne der Welt – und nicht nur die, sondern auch noch all der Sterne und all der anderen Galaxien – in uns empfinden können … mehr als nur das Unrecht herauszuschreien, mehr als nur die Finsternis wie einen Dauerregen niederprasseln zu lassen, sollten wir Licht in die Dinge bringen.“

Aber …“, unterbreche ich hüstelnd ihren Gedankenfluss – ein Kloß hat sich irgendwie in meinen Rachen gelegt, „… wenn das Unrecht nicht benannt wird, wie sollten wir es dann abschaffen können?“

Niederbrennen!“, erwidert sie kurz und knapp, zieht erneut an der Zigarette bläst den Rauch in meine Richtung und drückt sie anschließend , neben mir im Aschenbecher aus.

Niederbrennen?“, frage ich erstaunt zurück.

Ja, richtig“, sagt sie, ihr Tonfall klingt euphorisch. „Wenn wir alle Ströme der Sinnlichkeit aufnehmen, wenn wir mit all unseren Organen, mit all unserem Körper es einatmen … dann, ja dann genügt es nicht allein, es muss in unsere Blutbahnen dringen und unsere Herzen entflammen:“

Aufgebracht läuft sie im Raum umher, so als sei sie schon selbst von ihrem erschaffenen Rebellenblut infiziert, als poche es sehnsuchtsvoll in ihren Adern.

Ich bin nicht nur Wunde, ich bin auch das Messer!“, ruft sie, als stünde sie auf einer Barrikade, händehebend aus. Mir ist, als habe ich den Spruch schon einmal in einem anderen Zusammenhang gehört. Kleinlaut und Respekt vor ihrer Begeisterung zollend, gebe ich zu bedenken, dass das, was sie gerade auf ihre Fahnen schreibt, ein Traum sei, wenn auch ein schöner, aber in der Realität nicht Stand halten könne.

Ich will es aber!“ erwidert sie trotzig, setzt sich auf meinen Schoß und legt einen Arm um meinen Nacken.

Versprichst du mir, dass wir mit den Flammen unserer Herzen, Licht in die Welt bringen werden?“, sagt sie mit sanfter Stimme zu mir, so als könnte ich, alleine mit ihr, die Welt von ihren Ketten befreien.

Ich verspreche es dir. Ich verspreche es dir aus meinem schon glühenden Herzen.“

Das ist schön“, erwidert sie auf meine fast schon unbewusst herausgebrachten Worten. Und während sie ihre Lippen zart auf die meinigen legt, sagt sie, sodass ihr Atem in mir dringt: „Dann sind wir Rebellen, abgemacht?“

Abgemacht!“, hauche ich zurück, in vollster Überzeugung, dass von nun an unser Licht all die Finsternis durchbrechen und unser Traum stärker als alles andere sein wird.

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Kalte Macht …

Die tiefdunkle Nacht durch das das bleiche Licht des Mondes sich bricht – davor fürchte ich mich nicht. Zwischen Vulkanen auf bebenden Boden, im Orchester von Blitz und Donner zu stehen – da finde ich Halt. In der Unendlichkeit all der Sterne verloren und so groß und so klein zu sein, was ich sehe – das entzündet meinen Geist. Der Tod, der auf meiner Schulter hockt, wartend auf seine goldene Stunde – darüber lache ich noch. Die Liebe, die das Herz zerreißt, schmerzlich in die Seele beißt – das ist Feuer, an dem ich mich wärme.

Doch wie groß ist das Leid, wenn es verschwindet, wie bitterlich, wenn es keine Träne mehr zu trinken gibt. Das tödlichste aller Monster, das ist der innere Winter, der mit frostigen Fingern eingreift in das Gemüt. Grau ist die Decke der Monotonie, die sich über das Feuer legt, furchterregend leer ist das Werk, was ihre Betriebsamkeit erschafft – sie ist ein endloser, langsamer Regen, der alle Sinnesfarben erbleicht. Wie ein Bergmassiv aus nassem Asphalt legt sie sich schwer auf die Brust, lässt leuchtende Blütenköpfe krank und verwelkt zurück. Fahl macht sie das Licht des Himmels, zugenäht hat sie seinen Mund, verstummt seine feurige Sprache, die einst mit vollen Lippen deinen Namen rief. Phantasielos glättet sie die Ebene – sie die Monotonie – entreißt der Welt ihren Zauber, stürzt sie in Agonie.

Wie viel Sommer muss man in sich tragen, wie viel Feuer entfachen – wie scharf muss das Schwert im Herzen sein, ihre kalte Macht zu besiegen. Stolz muss die Brust füllen, um mutig in ihre hässliche Fratze zu grinsen. Laut und überzeugt muss das Wort erklingen um die Macht der Leere zu bezwingen, sonnig das Wort, das die Nebelwand durchbricht: „Leidenschaft“! Gib mir die Wunde zurück, durch die ich die Welt atmen kann.

dunkle_machtBild: Michal Mozolewski

Flucht ist alle Hoffnung …

Monatelanger grauer Himmel, Pfützen liegen auf dem Boden, Nieselregen, kahl die Bäume, wie abgestorben, Regenschirme, Autos halten, Scheibenwischer, dicke Jacken, ernste Gesichter. Doch die Ordnung geht weiter, so als sei es normal, werden in dicken Neopren-Jacken Einkauftüten in schrillen, bunten Farben in schützende Häuser getragen.

Nach mehreren Alpträumen schrecke ich hoch, mein Körper ist mit Schweiß bedeckt, feucht das Laken und die Decke, eile ich zur Toilette. Zum Glück, ich bin allein und blass wie vom Mond beschien, betrachtet mich grimmig, mit zerzausten Haaren eine Fratze, ich schrecke zusammen; es ist mein Spiegelbild. Eine Grippewelle hat mich erfasst. Fröstelnd, hustend und zitternd, noch vor dem Beckenrand stehend, wird mir neblig bewusst, dass dies hier der falsche Ort für mich sein muss. Zurück wankend und mich ins Alptraumbett legend, reden fiebrig die Gedanken mit tausenden Stimmen, reden wirr und durcheinander lassen mich nicht zur Ruhe kommen. Wartend auf etwas Helligkeit, die die Dämonen vielleicht verdrängt, rotiere ich im Bett umher – ich bin ein Feind der Winterwelt. So sehr ich mich auch anstrenge, ich kann dem Norden von toten Ästen und einfallslosen Bauten, keine Melancholie entnehmen. Es ist wie ein feuchtes Grab, indem sich wie Würmer lauter Konsumenten bewegen.

FLUCHT – schießt es mir durch dunkle Gefühle, erhellt für Sekunden meinen virenkranken Körper. SONNE soll mich durchdringen, all die kranken Säfte zum Verdunsten und die Samen zum Blühen bringen. Bejahend werden sollen all die Gedanken, das Blau von Meer und Himmel soll mich reinigen. Nicht hoffen will ich mehr, sondern mitten in der Hoffnung leben.

Neun Uhr morgens ist es geworden, Türen knallen, Automotoren brummen, fahles Licht scheint durchs Fenster und ich hab einen Plan. Ich drehe mich zur Seite, die Stimmen werden leiser, verstummen und zurück verbleibt im Ohr ein Summen. Erlösende Müdigkeit kommt auf und mit einem Fluchtplan im Herzen ich schlafe endlich ein.

stadtregen-mazoni

Flucht und Grenze

Wer flüchtet, befindet sich immer im Recht – denn jede Flucht ist die Möglichkeit hin zu etwas Besserem. Eine Raserei entsteht, ein Blitz entzündet sich – es kann nicht so bleiben, wie es ist, es muss nach vorne gehen. Die Flucht ist die Heldentat, auch wenn sie nicht gelingt, sie schafft die Besinnung auf was Neues.

Grenzen werden überschritten, das ist der Sinn von jeder Flucht – es ist die Notwendigkeit des Überlebens. Eine Grenze rechnet stets mit einer Überschreitung und Verletzung – denn wofür sonst wäre sie gezogen. Wenn einmal die Zäune niedergerissen sind, ist die Luft danach viel klarer – und so widersinnig es auch klingt: die Grenze erkennt sich erst selbst durch ihre Durchdringung. Denn nun, da der Schlagbaum zerbrochen ist, besinnt man sich auf verloren geglaubte Werte, die einst von ihm begrenzt wurden. Nicht ein bequemes Zuhause, nicht der gemütliche Sessel auf dem man in seinen Anschauungen Platz genommen hat – es ist die Entfremdung, aus der man sich neu erschafft.

Der Flüchtende weiß um die Leere, in die er hineingefallen ist, er fühlt die Angst wie ein Kind, das in der Dunkelheit steht – wie ein Kind aber auch spürt er die Freude, dass der neue Morgen was anderes mit sich bringen könnte – die Flucht ist die Bejahung nach Veränderung.

Das ist genau die entgegengesetzte Bewegung des Seßhaften; er fürchtet jegliche Revision seines bestehenden Zustandes und mit aller Macht, versucht er die Grenze zu verteidigen. Seine Angst ist nicht die Angst eines Kindes, das hinaus will in die Welt, seine Furcht ist die eines Greises, der jeden Moment als was Gleiches erleben will.

Vielleicht ahnt oder fühlt er, dass der Dammbruch nicht zu verhindern ist, doch in seinem rückwärts gerichteten Denken wird er die Befestigung noch höher bauen, bis die Flut sich staut und die Ordnung noch gewaltiger zusammenbricht.bird-mazoni

Happy Birthday David Lynch

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70 Jahre David Lynch – 30 Jahre „Blue Velvet“

Bild: David Lynch und Isabella Rossellini by Helmut Newton

Liebeskraft

Auf einmal ist es Liebe und nichts erscheint mächtiger und wahrhaftiger als diese Wunde.

Dann ist es, als sei es eine Bestimmung und keinen anderen Grund gäbe es, als nur diesen, wofür man geboren wurde.

Dann ist es, als habe schon vor langer Zeit, eine unbekannte Hand es in den Himmel geschrieben und man hätte nur suchen müssen, das Zeichen zu finden.

Dann spürt man die Kraft, die keinen Namen hat und weiß doch, es ist die gleiche, die das ganze Universum zusammenhält.

liebeskraft

Mel hat gelesen: Serena von Kadee Mazoni

Vielen Dank an Melanie für die nette Buchkritik meines Buches. Allerdings ist das Buch zurzeit nicht Online, da es überarbeitet wird.

Lesezauber

Kadee Mazoni - Serena Kadee Mazoni – Serena

Hallo ihr Lieben!

Das eBook „Serena: Gefangen im Netz der Leidenschaft“ von Kadee Mazoni habe ich bereits im Sommer gelesen. Da es mir sehr gut gefallen hat, bin ich „Serena“ noch eine Rezension schuldig!

Titel: Serena: Gefangen im Netz der Leidenschaft

Autor: Kadee Mazoni

erschienen als eBook und als Taschenbuch (ca. 200 Seiten)

Handlung

aus dem Klappentext

Serena – Vamp und Rebellin in einer Person –  eine jugendliche Frau mit Charme und Intellekt, ausstaffiert mit weiblichen Reizen.

Serena – liebt das Leben und das Spiel, „Ernst“ ist aus ihrem Wortschatz gestrichen.    Nach dem Tod seiner Mutter hat Timo einzig im Sinn, aus der Enge der Stadt seiner Kindheit zu entfliehen. Er stößt auf Serena und ahnt nicht, welches Schicksal diese Begegnung mit sich bringt. Er gerät in die Netze Serenas Willens und ihrer Reize, schwebt zwischen Himmel und Hölle – entdeckt sich aber durch ihr…

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Space Oddity – Gedanken zu David Bowie

Was ist schon der Schmerz gegen die Leere, gegen die Kälte, die das Gemüt durchfriert. David Bowie ist tot.

Space Oddity: Der Astronaut als das Sinnbild des Menschen in der sich verlierenden Unendlichkeit, träumend von Freiheit, kann er nur überleben im engsten Raum. Es ist die Tragik, dass die Realität stärker erscheint als der Traum, dass die Freiheit kleiner ist, als das was sie verspricht.

Träume sind aus Klängen gewebt, Wellen tragen dich davon und dort wo Liebe ist, ergreift die Musik dich mit Tentakel-Armen. Wenn Traum und Musik den Hochzeitstanz eingehen, ist die Realität im Sternenstaub versunken, der Ernst vernichtet – ein Lächeln auf den Lippen verschönert das Gesicht.

Als Kind wollte ich Astronaut werden – irgendwie entfliehen. Aus dem Raumschifffenster wollte ich bessere Welten erblicken und in der Unendlichkeit schweben. Wenn ich schwerelos durchs All gleiten würde, so dachte ich, dann hätte ich nur meine eigenen Probleme zu lösen, dann gäbe es kein „du musst“, kein „du sollst“, kein dick, kein dünn, kein Alter und keine Zeit – dann würden die Blumen in meinem Kopf ewig blühen und die Bäume immer fette Früchte tragen. Zwischen gestern und morgen gäbe es keine Grenze mehr, eins wäre ich und verschmolzen in Unsterblichkeit.

Major Tom steigt einfach aus, will das Glühen der Sterne spüren, doch sehnsuchtsvoll blickt er zurück auf den blauen Planeten, vielleicht auch auf die Wellen, die sich in Ozeanen regen.

Als ich „Space Oddity“ das erste Mal hörte, war ich längst kein Kind mehr, da war es eigentlich zu spät, da hatte David Bowie Ziggy Stardust schon lange zu Grabe getragen. War es nötig Ziggy sterben zu lassen, dieses Kind eines metrosexuellen Traumes?

Doch das Raumschiff, das in meinem Inneren pochte, in unendliche Weiten fort fuhr, die Astronautensehnsucht, die nie verblasste, all das war ergriffen von diesem Lied. Es war, als ginge ich den Regenbogen auf und ab, als bildeten sich neue Fluchtlinien:

I’m stepping through the door. And I’m floating in a most peculiar way. And the stars look very different today.“

EinesTages jedoch, ich stand vor der „Sagrada Familia“ in Barcelona, da musste ich an Major Tom denken. Liebesschmerz trieb mich dorthin und in meinem Wahn wollte ich alles auf einmal von der Welt entdecken. Als ich vor der Kathedrale stand – im gleichen Wahn, in dem ich mich befand, von Gaudi erschaffen – wurde mir schwindelig und ich musste mich setzen. Sonne schien auf das Wunderwerk herab und ein tiefblauer Himmel untermalte die Kulisse. Spitz ragten die Türme wie hinein in die Ewigkeit und als ich es sitzend und tiefatmend vor mir sah, war mir als befände ich mich tiefer im Kosmos als jedes Flugzeug und als jedes Sternenschiff. Major Tom, so durchglühte es mich, hätte hierher kommen müssen, berührt von der Wunde der Liebe, um das Paradies, das er suchte, zu finden. Fern war mir nun der Gedanke im Dunkeln der Unendlichkeit umher zu irren – Sonnenkrieger wollte ich werden und selbst im Schatten dem Lichte hinterher jagen.

David Bowie ist tot. Zurück bleiben Märchen. Ziggy Stardust ist am Leben! Alles ist im Kopf, alles in der Phantasie und es wird wichtig sein, dem Traum an den richtigen Platz zu bringen. Die Realität ist nur ein kleines Werkzeug den Traum zu justieren, ihn zu verfeinern, ihn mit noch mehr Bildern zu füllen.

I want eagles in my daydreams, diamonds in my eyes“

David Bowie: Er wusste, dass er sterben wird, aber er wollte entkommen. 18 Monate kämpfte er mit dem Krebs, doch die Krankheit hat ihn nicht besiegt. Er hat die Flucht nach vorne, mit dem Raumschiff seiner Träume, angetreten:

„Look up here, I am in heaven/ I’ve got scars, that can’t be seen/ I’ve got drama, can’t be stolen/ everybody knows me now“. „Black Star is waiting for me“, „You know, I’ll be free“, „Oh, I’ll be free/ just like that bluebird/ Oh, I’ll be free/ ain’t that just like me“ (aus seinem letzten Album, erschien am 8. Januar)

Lebe wohl David, wo immer Du auch bist – ich halte Ziggy Stardust tief in meinen Armen fest.

ziggy-mazoni

Alles Liebe …

… Auch wenn das, wo wir sind, fern von Zahl und Mathematik, einzig von der Sternenschar umblüht, auch wenn wir in uns ewig sind und Jahre weder Anfang noch Ende  kennen, auch wenn der Fluß immer weiter fließt, halte ich still für einen Moment, werfe den Blick zurück und wünsche allen das Glück, dass quälende Sorgen durch lichtdurchflutende Morgen sich verdunsten und Sonne in die Herzen bringen. Auf, auf ihr Sehfrauen – und sehende Männer, die Augen zum Horizont gelenkt, vorbei an Ungeheuern, es gibt kein Ziel, sondern immer neue Abenteuer.

Wir sehen uns wieder, singen neue Lieder auf den Barrikaden des Zwanzighundertsechzehn. 

time-mazoni

Must Be Talking To An Angel

Ob Dein Seelenengel aus der Hölle kommt oder geflogen vom Himmel,

ob er die Fackel des Satans trägt, all Deine Dämonen zu erleuchten,

ob er zart und in weißem Gewand, seine Lippen auf Deine Stirn bettet

oder ob er beides ist; mal ein bleicher Nebel, der Dein Gemüt durchzieht,

mal auf seinen Flügeln, hoch zum sonnigen, blauen Zelt, Dich hebt –

Er ist Dein Kind, geboren aus Deinem Leib aus Deinen Sinnen.

Drücke ihn an das heiße Herz und erinnere Dich: Du musst ihn beschützen!

Schöne Festtage euch allen!

blk.angel-mazoni

Yesterday Is Here …

Das Rauschen des Bambusfeldes. Höre ich jetzt. Wie die Büsche sich im Wind bewegten. Ich vermisse es. Die Sonne, die ins Auge stach, der blaue Himmel, der Hoffnung barg …

If you want to go

where the rainbows end
you’ll have to say goodbye

Der viel zu große Küchentisch, beratend, was werden wird – es war das Holz zur Welt. Jetzt sehe ich uns dort sitzen – ratlos wie immer – unsere Gespräche haben neue Nahrung bekommen. Die Katzen, die jaulten, Essen haben wollten … Ich vermisse sie.

If you want money in your pocket
and a top hat on your head
a hot meal on your table
and a blanket on your bed

Und wenn wir es gewusst hätten, wäre es fraglich gewesen, ob wir den Weg zurück gegangen wären. Das Fremde ist so warm, die Heimat ist so ferne.

well today is grey skies
tomorrow is tears
you’ll have to wait til yesterday is here

Weißt du noch, aus der Pavoni hatten wir uns den „Caffe“ gemacht, an dem wir uns wärmten.

Die Pfützen waren tief, neben uns das Meer und weiter hinten, dort wo die Götter wohnten, waren die Berge. „Neapel sehen und sterben!“ Der schwarze Vogel auf dem Zitronenast hatte uns ein Lied gebracht.

and it’s out where your memories lie

well the road’s out before me

and the moon is shining bright

what I want you to remember

as I disappear tonight

Jetzt wieder Nomade werden, den Blick gerichtet auf den Horizont – die sinnlosen Ziele haben uns entzweit. Und je schneller wir uns bewegen, desto mehr Erinnerungen werden wir uns geben – das Glück liegt dort, wo es verlassen worden ist, man spürt es erst, wenn es vergangen ist.

today is grey skies
tomorrow’s tears
you’ll have to wait til yesterday is here

Wiegelied der Seelen …

Bombenteppich, U-Boot Jagd, Einkaufszentren schön gemacht. In der Vegan – Abteilung halte ich ihre kalte Hand. Die Welt ist aus den Fugen, der Tisch umgekippt, die Teller zerbrochen. Die Götter sind zurück und kotzen uns ins Gesicht.

Ich könnte Dieb werden, sage ich ihr, ich würde für sie das Feuer stehlen. Das Feindselige ist draußen, dort liegen die Wolken tief. Auf einem Schaukelpferd fährt ein dickes Kind durch unser Paradies und jeder neue Tag zerteilt mich noch mehr. Ich bin verwirrt, schaue zur Uhr, ahne, wo die Sonne hängen müsste.

Könnten wir nicht die Traurigkeit besiegen, fragt sie mich und löst ihre kalte Hand von mir, wenn wir Worte neu erfinden würden. Sie läuft durch das Labyrinth der Regale, ich sehe sie kaum mehr. Jeder imitiert das Gute, jeder hat eine Richtung nur die Kriege werden mehr.

Es müsste eine neue Sprache geben, ruft sie von weit hinten, ich sehe ihr Kajal ist unter ihren Augen verschmiert, Schwarzes läuft ihr übers Gesicht. Aber rufe ich, renne ihr hinterher, wenn alles Lügen auch Wahrheit ist, wie können wir da noch einen Sinn erfinden. Hinter dem Tresen, wo wir stehen, grinst ein Mann mit blutiger Schürze uns an. In der Spiegelung der Glasscheibe vom Tresen, hinter dem zerstückelte tote Tiere liegen, sehe ich mein Gesicht und erschrecke mich. Falten haben sich auf mein Gemüt gelegt, die Zeit ist zwischen meinen Fingern zerronnen, ich werde noch verdammt ohne Licht in den Abgrund gehen müssen. Wo ist nur die Sonne, frage ich sie, sie war doch unser ganzes Glück, ausgerechnet sie hat uns verlassen. Die Sonne kommt zurück, erwidert sie, tröstet mich und tätschelt mir die Wangen. Aus dem Lautsprecherboxen erklingt ein Lied, es singen kleine, nackte Engel danach herrscht kurze Stille.

Von Seele zu Seele, sagt sie jetzt, sie hat nachgedacht, so müsste die neue Sprache reden. Mit einem lauten Knall hackt der Schlachter hinter uns ein Schwein entzwei. Ein Preisschild wird ins rohe Fleisch gestochen und ich gehe auf sie zu, drücke sie fest an mich heran.

Das wäre schön, gebe ich ihr zurück und hülle sie in meinen Mantel. Wir könnten dann das Leben pochen hören, sage ich ihr und streiche mit meinem Finger über ihre Lippen – das wäre eine Sprache wie sanftes Wiegen der Seelen, nichts könnte mehr passieren.

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Ein Sonntagmorgen in St.Pauli

Als ich aufwachte und den grauen Himmel aus meinem kleinen Fenster sah, anschließend die niedrige, weiße, mit Raufasern tapezierte Decke über mir erblickte, kam mir mit einem Male die Frage in den Sinn: Bin ich glücklich?

Ich konnte mir keine Antwort darauf geben. Wie denn auch? Ist Glück ein breites Grinsen im Gesicht, ein guter Fick, ein Jauchzen bevor man einschläft, ein Klopfen auf die Schulter, ein Liebesgefühl, ein gelungener Text, ein wunderbares Buch, das man liest – ist es die Sonne, das blaue Meer, eine Zigarette, sind es Augen in die man blickt und dabei den Mund sich bewegen sieht, ist es das Gefühl: dieser Tag gehört mir allein oder ist es die Blume zu der man sich niederkniet, ist es der Vogel, der auf einem Ast singt – ist Glück sehnlich erwünschte Hoffnung, ist es ein Volk, das es noch nicht gibt, oder ist es nur die Freude darüber, dass das Herz noch schlägt?

Noch am Abend, bevor ich einschlief, nahm ich mir vor, diesmal, am sonntäglichen Morgen, aus dem Bett zu schnellen, mich zu reinigen und anzuziehen, innere Euphorie in mir zu erzeugen und raus zu gehen, um den Tag mit einem Lächeln auf den Lippen zu begrüßen.

Untersagt hatte ich es mir, noch vor meiner Aktivität, Nachrichten zu lesen, die mich niederdrücken und lähmen könnten. Heute wollte ich nichts von der großen weiten Welt wissen, klein sollte alles bleiben und erquicklich.

Voller Tatendrang betrat ich die Küche, traf dort beim Kaffeekochen meinen Wohnungsgenossen, der blass und mit dicken Rändern unter den Augen mich begrüßte. Die Küche ist immer kalt, weil, so wurde mir gesagt, es unnötig sei, sie zu beheizen.

Der Grund für sein verkatertes Aussehen war nicht, dass er die Nacht über durchmachte; nicht zuviel Alkohol war im Spiel – im Gegenteil es war zuwenig. Normalerweise trank er gerne sehr viel, doch nun hatte eine strenge, weibliche Hand, nämlich die seiner Geliebten, ihm klar gemacht, er möge doch bitte weniger zu sich nehmen. Es sei Scheiße, erklärte er mir, ohne Alkohol mache das Leben weniger Spaß und das er sich jetzt einschränken müsse, bereite ihm unnütz viel Schmerzen.

Ich ging hinaus, ließ ihn alleine, er wollte auch nicht viel reden. Nieselregen und Wind fegte mir um die Nase und ich verschränkte vor Kälte meine Arme über meine Brust. An der Strassenecke hatte sich ein Bullenauto aufgebaut. FC St. Pauli spielte. Schutzhelme sah ich durch die Windschutzscheibe und auch Schlagstöcke. Der Fahrer trank aus einem Becher ein Heißgetränk, der Motor lief und auf der Rückbank erkannte ich trotz abgedunkelter Fenster andere Männer, die sich für den Ernstfall bereit hielten. Es war kalt, der Asphalt glänzte, Scherben und Kronkorken hatten sich von der Samstagnacht auf der Strasse verteilt. Der Himmel war verschwunden und eine eigenartige, bedrückende Sonntagsstille hatte sich über die Gegend gelegt. Ich beschloss in ein Café zu gehen, um das mitgenommene Buch, weiter zu lesen. Ich lese gerne an anderen Orten, oftmals erinnere ich mich an die Orte wieder wenn ich lese und an das Gelesene wenn ich die Orte wieder betrete.

Heute jedoch waren alle Cafés in der Umgebung überfüllt. Menschen, meist verkatert vom Vortage, drängten sich um die Tische. Hastig bediente das Personal die zischende Espressomaschine, um dem Fluss des geforderten Koffeins in Bewegung zu halten. Ich verzichtete darauf, ein schmales Plätzchen in all dem Stimmengewirr noch zu finden und beschloss, beim Bäcker mir Brötchen zu holen. So suchte ich jene kleine Bäckerei auf, die seltener Weise noch selber Brot und Brötchen backt.

Die Bäckerei ist kaum noch auszumachen, weil groß daneben, als sollte sie erdrückt und verdrängt werden, ein größerer Backshop sich breit gemacht hat. Heute war sie fast menschenleer.

Eine ältere Dame, elegant gekleidet, wollte mir gerne den Vortritt geben. Gewiss war sie nur gekommen, sich mit den ebenso älteren Frauen, die mit schlürfenden Schritten hinter dem Ladentresen hin und her wandelten, Unterhaltung zu führen.

Ich bedankte mich bei ihr über die Freundlichkeit und suchte mir, irritiert über das große Brot-Angebot drei Brötchen aus. Deutschland ist das Land der Brote.

Mit einem zarten Lächeln auf ihren leicht geschminkten Lippen, beobachtete mich die ältere Lady bei meiner Bestellung. Ein Croissant solle ich doch noch kaufen, meinte sie zu mir, das hätte sie früher auch gemacht. Etwas Sehnsuchtsvolles klang in ihrer Stimme und erstaunt fragte ich, ob sie denn nun nicht mehr frühstücke. Nein, nein, antwortete sie mir und schenkte mir erneut ihr bezauberndes Lächeln, das sei vorbei. Eine Scheibe Schwarzbrot und eine Tasse Tee, das sei nun alles, mehr gäbe es nicht mehr in ihrem Leben. Sekundenschnell kreuzten sich unsere Blicke, sodann aber wandte sie sich ab, hin zur Verkäuferin, die mit ernster Miene und gekrümmten Rücken meine Bestellung in die Papiertüte packte. Ein Croissant solle sie noch mit hinzu tun, rief ich der Verkäuferin zu und sah wie die Lady dabei zustimmend lächelte.

Ich ging hinaus, in meinen frierenden Händen die Tüte. Eine junge Mutter schob an mir ihren Kinderkarren vorbei, St. Pauli Fans hatten sich vor einem Kiosk versammelt und tranken Bier aus Flaschen. Sie aber hatte aufgehört zu Frühstücken! Versammelten sich vielleicht einst die Männer um ihren gedeckten Tisch, brachten ihr Blumen mit und sie legte, mit ihrem reizenden Ausdruck im Gesicht, jedem, als Überraschung, ein Croissant auf den Tisch? Ihren Stolz, ihr anmutendes Wesen, ihre Schönheit und ihre Eleganz, das alles konnte ich, als sie mit geradem Rücken vor mir stand, erkennen. Irgendwann war alles vorbei, kein Gentleman kam mehr vorbei, all die Vasen blieben leer, kein Rot der Rosen, die ihr Herz einst beglückten, gab es mehr. Was war nur geschehen, fragte ich mich, während ich den Weg nach Hause ging. Sie hätte es nicht tun sollen, schlussfolgerte ich – sie hätte nie aufhören sollen zu Frühstücken.

Alleine und mit diesen Gedanken im Kopf, ging ich zurück in meine Wohnung, kochte mir Kaffee, belegte meine Brötchen. Es war vierzehn Uhr, von Weitem hörte ich aus dem Stadion die Menge grölen, blickte aus dem Fenster hinein in den Nieselregen, ging hin zum Spiegel, zog Grimassen und stellte mir dabei erneut die Frage: Bin ich glücklich?

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Spielplatz

#Hamburg: Wenn ich aus dem Fenster schaue, erblicke ich vor mir einen Kinderspielplatz. Der Platz ist übersät mit toten, braunen Herbstblättern; er ist nicht sehr groß, dicht an dicht befinden sich dort eine Schaukel, eine Rutsche und ein Drehkarussell. Daneben eine Parkbank, wahrscheinlich dazu erdacht, dass Eltern darauf Platz nehmen, um ihre Kinder zu bewachen und zu beschützen. Fein säuberlich ist das Terrain für Kinder eingezäunt und brav in deutscher Manier, sind an der Umzäunung Schilder angebracht, die ich von Weitem nicht entziffern kann. Noch nie hab ich dort Kinder spielen sehen, aber irgendjemand muss den Platz mal betreten haben, denn im Mülleimer, der neben der Bank steht, befindet sich eine frische Mülltüte. Mütter ziehen mit Kinderkarren oder fahren auf Fahrrädern mit Kindersitzen vorbei, aber nie findet ein Kind seinen Weg hin zu diesem Platz, der eigentlich zum Spielen geplant war. Einzig der kalte, nordische Hamburger Nieselregen – Wind bewegt die Schaukel, dreht manchmal auch das Karussell. Gibt es sie noch: spielende Kinder?

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November …

„Dunkle Lippen, mit Süße getränkt,
Haben sich leise den meinen gesenkt …“ (Stefan Zweig)

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Love will always win…

… und du fragst noch, was können wir tun gegen all den den Wahnsinn …

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Ein syrisch-französisches Paar. Foto: Jeremie-Lortic

Neuer Morgen …

Gelb sind die Blätter des Bambus und auch der Himmel – selbst hier im Süden – ist verhangen. Aus dicken Wolken weint es Regen, das Meer wirkt auch traurig und meine Füsse frieren. Verdammt, mir ist so kalt, ich hasse den Winter. Ich gehe fort, packe meine Sachen und fahre in den Norden. Ja, in den Norden, nach Deutschland … Es klingt widersinnig, aber wenn schon kalt, dann nicht hier, dann lieber in den Gefilden, wo die Heizungen funktionieren, wo die Menschen an der Theke sitzen, trinken und sich unterhalten. Alles ist grässlich unter grauem Himmel und auf nassen Strassen – Regen mag ich nur nach heißen Sommertagen.
Ich gehe fort, fort von hier, von Baia Verde sowieso – aber auch von Neapel.

Nach Neapel komme ich vielleicht wieder – nach Baia Verde bestimmt nicht. Es war eine gute Zeit, doch jetzt muss was Neues passieren. Jetzt auch lerne ich ein Auto zu schätzen: Morgen in aller Frühe setzte ich mich mit Alex, drei Katzen und mit den Sachen, die ins Auto passen, hinein und fahre los. Losfahren – ohne Abschied zu nehmen. Einfach weg – dem Neuen, dem Ungewissen entgegen. Niemand wird an meinem Jackenzipfel zerren und mich daran hindern. Fortgehen, flüchten – es ist befreiend. Gas geben, entwurzelt sein. Ich freue mich so!
Bald melde ich mich wieder. Ciao, Kadee

„Wie komm´ ich am besten den Berg hinan?“
Steig´ nur hinauf und denk´ nicht dran! (Nietzsche)

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Lesen macht sensibel …

„Gut lesen,
das heißt langsam,
tief, rück- und vorsichtig,
mit Hintergedanken,
mit offen gelassenen Türen,
mit zarten Fingern und Augen lesen …“ (Nietzsche)

gutlesen-mazoni

 

Heroes …

„I, I wish you could swim
Like the dolphins, like dolphins can swim
Though nothing, nothing will keep us together
We can beat them, forever and ever
Oh we can be heroes, just for one day.“ (David Bowie)

Foto: Martin Aigner

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Ich hatte heute den Tod gesehen …

… und nichts dabei empfunden. (Fonteanelle, Neapel)

  

Alma…

„Deine Fehler sind unendliche Güten, Deine Schwächen sind unbegreifliche Schönheiten, Deine Müdigkeiten sind unauskostbare Süssigkeiten“ ( Liebesbrief von Paul Kammerer an Alma Mahler-Werfel)

Dank „sugar4all“ bin ich auf der Spur dieser Frau, die für viele Persönlichkeiten Muse und Ungeheuer war. Alma Mahler-Werfel. 

  

Neapel – das ist reinste Anarchie und Leidenschaft. Ich liebe die Menschen hier!

„Ich hatte trotz all der Zeit, die vergangen war, Mitleid mit diesem Jungen. Hätte er auch nur ansatzweise für sie so viel empfunden, wie ich für sie empfand, konnte ich seinen Schmerz geradezu spüren.

„Aber du hast ihn doch geliebt, oder?“, fragte ich sie naiv, mir war, als hätte das Foto und die Geschichte mich wie ein Pfeil getroffen.

„Ist Liebe denn nicht unvergänglich?“

Sie lachte laut auf.

„Ja die Liebe ist unvergänglich“, sagte sie und nahm mir das Foto aus der Hand, steckte es zurück in die Schublade.

„Sie ist solange unvergänglich, wie sie wirklich Liebe ist. Verstehst du, sie ist unendlich nur in sich selbst. Ich hatte ihn geliebt. Wirklich! Ich war dreizehn und er war fünfzehn, ich hatte ihn geliebt und er auch mich, wir waren füreinander da, unzertrennlich, mit all unseren kindlichen Gefühlen. Doch dann verließ mich eines Tages das Gefühl, ich sehnte mich nach was anderem, wollte andere Wege gehen. Also hab ich ihn verlassen. Das ist doch nur ehrlich, oder?“

aus:“Serena“ – jetzt als Buch, zum Anfassen und so.

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Drama einer Liebenden …

„Aus ihrem schmalen Körper brechen Flammen der Exaltation, ihre Sanftheit löst sich plötzlich in einen bacchantischen Taumel der Leidenschaft, sie preßt sich mit einer unvermuteten Trunkenheit an den Erstaunten, mit einem Durst, als wollte sie von ihm allein alle Seligkeit des Himmels und der Erde trinken. Er will eine Geliebte und findet die Liebende, er begehrt in ihr die Frau, die wunderbare, die vielfältige, die neue, und sie ist die glühende, immer die gleiche. Er will die Lust, und sie gibt ihm die Liebe. Er will Stunden, und sie bietet ihm die ganze Unendlichkeit.“ (Stefan Zweig über die Dichterin Marceline Desbordes-Valmore) 

  

Stummer Schrei …

Nachrichten: ein blutiger Teppich – allmorgendlich – breitet sich vor mir aus. Schreie dringen aus den Schriften, Laute aus der Ferne, Hände strecken sich entgegen. Lautlos und innerlich schreie ich zurück, reiche im Geiste dem Ertrinkenden meine Hand … Doch zu spät, meine Phantasie vermag es nicht, auch nur einen einzelnen zu retten.

Wellen brausen über die Köpfe hinweg, ziehen alle Hoffnungen in gurgelnde Tiefe und die weit aufgerissenen, angsterfüllten Augen werden vom salzigen Meereswasser bedeckt. Das gesegnete Land bleibt unerreichbar, verschwunden ist auch die Heimat.

Der aussichtslose Kampf mit dem Meer beginnt, die Schreie verstummen, füllen sich mit Wasser, wer zuvor seinem Leben nicht viel Wert bemaß, der macht es jetzt. Ewig dauert die Zeit bis zum Tode, länger und unendlich ist sie, länger wahrscheinlich noch, als das Leben zuvor. Dann die Ermattung, ein Aufgeben, ein Nicht-Mehr-Können wollen, die Luft dieser Erde wurde genommen- die Blüten, die Sonne, die Freude, das Leid, die Liebe, die einmal war, die Freunde, die Kindheit, das Spielen, alle Berührungen, die der Ertrinkende einmal empfand – spulen sich ab als Film, als Erinnerung, in diesem Meer voller Rauschen und Luftblasen. Noch einmal wird der Körper an die Oberfläche geraten,  für einen Augenblick verstummt das grausame Gurgeln, die Luft des Lebens,  Balsam unseres Paradies, in dem er leben wollte, berührt sein Gesicht – noch einmal scheint nur kurz die Sonne, trifft das Augenlicht mit hoffnungsvollen Strahlen, vielleicht im Wahn noch ein letztes Lächeln auf den Lippen, ein Bild im Kopf, von dem, was einmal war – dann sinkt der Körper in die Tiefe, das Meer nimmt sich all die Gefühle, all die Gedanken, all die Liebe, nimmt sich den Herzschlag und die Seele, pustet das Leben aus, wie eine Kerze. Ein ganzes Universum geht zugrunde, alle Worte stehen still, alle Erinnerungen sind weiß wie Schnee.

Angespült oder raus geholt wird der Körper, in dem einst ein eigener Gott thronte, ein Körper, indem das Bild der gesamten Menschheit sich befand. Körper über Körper werden ans Land gezogen – Götter über Götter, deren Namen man nicht kennt, Menschen aus einem fernen Land. Jeder einzelne hat eine Geschichte – doch es sind zu viele. Wer wird diese Geschichten je erzählen können?

Der Vorhang zieht sich zu, das allmorgendliche Drama wird mit Werbeeinblendung beendet.  Zurück bleibe ich allein als Nachrichtenempfänger. Mit Tränen im Herzen gehe ich hinaus, öffne die Tür, atme die Luft, atme sie tiefer als zuvor;  diese Luft, die in Übermaßen die Welt erfüllt, diese Luft der Freiheit, die anderen fehlt.

Drowning_Man_by_Janoosh