Fluchtlinien …

Ich glaube an Gott, ich glaube an Darwin, ich glaube an Nietzsche, an den Weihnachtsmann, an den Osterhasen, an das sozialistische Vaterland. Fuck off! Ich glaube an das, was mir am meisten Spass macht, was eine tolle Geschichte ergibt. Ich picke mir aus allem die schönsten Rosinen heraus. Wann war der Urknall vor 40 oder 60 Milliarden Jahren. Scheiß der Hund drauf, wen interessiert es schon. Was muss ich tun, damit ich gesund bleibe und reich werde? – es langweilt mich. Märchen erzählen, die den Märchenerzähler selbst interessieren. Soll ich darüber nachdenken, wie die Welt besser werden kann? Blockade! – die entsteht immer dann, wenn die Geschichte falsch gesponnen wird. Wenn die Blockade entsteht muss die Geschichte weggeschmissen werden, dann taugt sie nichts und eine neue muss gesponnen werden. Fluchtlinien bilden!! – in die Geschichte flüchten, die man am liebsten für sich erzählen möchte, die einen am meisten interessiert.

Aus dem Kokon entfliehen …

Auch das ist Bewegung: „Ich schreibe anders als ich rede, ich rede anders als ich denke, ich denke anders als ich denken soll und so geht es weiter bis ins tiefste Dunkel.“ (Kafka)

Das Buch „Africa“ hat nun (ohne Korrektur) 777 Seiten. Welch eine schöne Zahl. Und nun stehe ich vor dem Abgrund – Schreibblockade. Ich gehe umher, durchkreuze unter grauem Himmel den Park, laufe auf dem Laufband im Fitnessstudio, stemme Gewichte – nur um die Worte wieder zu finden, die ich verloren habe. Bewegung, Bewegung … so wie die Erde sich um ihre eigene Achse dreht. Im Stillstand bin ich der Koma Patient, der mit letzter Kraft versucht, seine Blutbahn in Schwung zu halten. Schreiben ist der Schutz vor der Gesellschaft wie sie ist . Warum sonst, wenn ich mit ihr klar kommen würde, muss ich all die unzähligen Wörter zwischen ihr und mir stellen. Schreiben ist das rettende Ufer eines keuchenden Ertrinkenden, der nicht im Alltäglichen umkommen will. Es ist ein ständiges Aufbäumen und rebellieren gegen das was stattfindet – es ist Geburt einer Insel aus einem tosenden Meer  – es ist Schaffung einer möglichen Welt, die erst in Jahrtausenden von Menschen besiedelt werden kann. Es ist ein Traum, indem ich nicht einmal leben wollte, denn würde er wahr werden, hätte er keine Bedeutung mehr. Insofern ist Schreiben das wunderbarste dafür, den Grundstein seiner eigenen Niederlage zu legen für ein Fundament, das zusammen stürzen wird.  Wenn etwas „fertig“ geschrieben ist, fühlt man sich wie ein gestrandeter Fisch der mit jämmerlichen Bewegungen versucht ins Wasser zurück zu kommen.

Wie kann auch etwas fertig sein, wo es schließlich kein Ende gibt. Selbst die Geburt eines Leben hat keinen Beginn, sondern platzt mitten in einer unendlichen Geschichte herein, ist eine Wurzel, die sich mit anderen Wurzeln verbindet und etwas Neues entwickelt – ist eine Erzählung, die die große Geschichte – die Geschichte des Menschseins – fortsetzt. Aus unserer Verschiedenheit bilden wir ein Band der Bruder – und Schwesternschaft, das sich um die Erde legt – Schwestern und Brüder, die sich lieben oder hassen, aber sich nicht töten.

Wenn das Gefühl der Liebe aufhört, wenn man in einer Blume, Pflanze oder Meereswelle, in dem Himmel, der Sonne oder dem Ficken, keine Bedeutung mehr empfinden kann, wird man nur noch existieren, in die Rentenversicherung investieren und auf ein Ende hoffen. Oder man wird zum Mörder ohne Leidenschaft, wie all die Soldaten, Generäle und Politiker, die töten und töten lassen ohne je die Getöteten gekannt zu haben, ohne je die wundervollen Körper zu schätzen aus denen sie die Seelen gebombt haben.   

Der Orgasmus ist ähnlich dem Moment, wo der Kokon aufbricht und ein Schmetterling entsteht, die Berührung zweier Zungen ist wie eine Wespe, die die Orchidee befruchtet. Alles findet im Äußeren, in der Fremde statt, dann wenn es für einen winzigen Moment zur eigenen Innerlichkeit wird und wenn ein einziger Satz es vermag, die Konsistenz der Seelenträne des Anderen zu beschreiben. Es ist wie das Paradies, nach dem man sucht, aber es nicht fassen kann, es ist die Seifenblase, die, will man sie in der Hand behalten auseinander bricht. Und doch ist dieses kurze, winzige erfahrbare Glück ausschlaggebend für das eigene Weltgeschehen – der Schmerz der Sehnsucht ist der Motor, der es ermöglicht den wackligen Boden unter den Füssen auf und ab zu gehen.

Ab einer gewissen Stelle kann man nicht mehr aufhören, weil es notwendiger zum Leben ist, als die Wirklichkeit. Ein Gedicht vielleicht –  wäre es nie geschrieben worden, die Welt zum Stillstand gebracht hätte. Eine Melodie, die wichtiger als die Nahrung ist und die Nahrungsaufnahme nur deshalb von Wichtigkeit ist, damit das Lied unaufhörlich gehört werden kann.

Kafka war heilfroh todkrank zu sein – erst jetzt, vom Arbeitsleben befreit, konnte er weiter schreiben. Dostojevski versuchte niemals seinen Kopf vom Blatt zu heben, damit nie der Strom abreißen kann und erschuf damit ein unfassbar umfangreiches Werk. Als Hemingway glaubte nicht mehr schreiben zu können, hatte er sich erschossen. Nietzsche litt zeit seines Lebens an einer Krankheit und schaffte es nur so, eine Philosophie der Gesundheit zu entwickeln. Die Gebiete die er dabei schuf, werden erst jetzt zaghaft betreten. Balzacs Motor war die Liebe zu einer Unbekannten – als er sie schließlich bekam und heiratete, verendete er noch auf der Hochzeitsreise.

Die Leere ist ein fürchterliches Ungeheuer, was vielleicht eines Tages den Planeten vernichtet – der Psychotiker  sollte das am meisten fürchten.

Glaubt mir oder glaubt mir nicht (am besten ihr tut es nicht) – das beste Ziel ist, sich eines zu erfinden das niemals zu erreichen ist. So wie dieser Versuch, mich wieder an eine Blutbahn des Unerklärlichen anzuschließen, in dem lächerlichen Unterfangen eine neue Menschheit zu gründen.

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„Wo man liebt, wird es niemals Nacht“

Nicht der Roman hat sich dem Leben anzupassen … und jetzt quäle ich mich, das kleine Verbindungsstück, diese letzte Brücke, diese wenigen Worte zum letzten Kapitel zu finden. Werde ich es heute schaffen, oder mich wieder ablenken lassen, abwaschen, Kaffee kochen, dumme Gespräche führen, nur um mich vor dem letzten Abschnitt zu drücken?

Im Geiste bin ich in Afrika, physisch in Hamburg, ich tanze in Dakar mit den bunt gekleideten Frauen Voodoo Tänze … Die Brücke muss gebaut werden – heute (oder doch morgen?). Ich fühle mich nicht mehr frei, bin Gefangener meiner eigenen Geschichte. Frei bin ich erst wieder wenn …

Plötzlich taucht Sira auf, eine senegalesische Sängerin und Gitarristin – eine  Teuflin, die verführen will. Sie kennt Europa, sie kennt die westlichen Freiheiten, die es im Senegal so nicht gibt. Trotzdem will sie hier bleiben, in Dakar und versucht es den beiden zu erklären: es sei was Körperliches, das es in Europa so nicht gäbe.

Ja, Cate und Melissa sind in Dakar, eigentlich auf der Durchreise weiter in den Süden, auf der Spur des alten Onkels. Und tatsächlich im letzten Kapitel haben sie ihn gefunden – im letzten Kapitel, was schon geschrieben wurde

Das Leben dem Roman anpassen: zweitausend Kilometer bin ich hin nach Amalfi gefahren, saß auf einem Berg in Pontone, um weiter am Roman zu schreiben. Zweitausend Kilometer fuhr ich wieder nach Hamburg zurück, weil die Einsamkeit mich dort erdrückte. Mit dem Schreiben bin ich zugleich auf der Suche nach einem geeigneten Platz auf der Welt, den ich nicht gefunden habe. Der geeignete Platz ist die Fiktion, ist der Roman selbst. Eine Welt erfinden, die es noch nicht gibt – eine in der ich mich wohlfühle und machen kann was ich will, eine, die mich vom Alltag entfernt. Wenn das Schreiben still steht, stehe ich gleichfalls bewegungslos vor einem Abgrund, bin ich dem Alltag  ausgeliefert. Also: es gibt kein zurück – ich werde von meiner Reise – und auch der von Melissa und Cate – weiter berichten.

„Wo man liebt, wird es niemals Nacht“ (afrikanische Weisheit)

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Happy Birthday David Lynch

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70 Jahre David Lynch – 30 Jahre „Blue Velvet“

Bild: David Lynch und Isabella Rossellini by Helmut Newton

Space Oddity – Gedanken zu David Bowie

Was ist schon der Schmerz gegen die Leere, gegen die Kälte, die das Gemüt durchfriert. David Bowie ist tot.

Space Oddity: Der Astronaut als das Sinnbild des Menschen in der sich verlierenden Unendlichkeit, träumend von Freiheit, kann er nur überleben im engsten Raum. Es ist die Tragik, dass die Realität stärker erscheint als der Traum, dass die Freiheit kleiner ist, als das was sie verspricht.

Träume sind aus Klängen gewebt, Wellen tragen dich davon und dort wo Liebe ist, ergreift die Musik dich mit Tentakel-Armen. Wenn Traum und Musik den Hochzeitstanz eingehen, ist die Realität im Sternenstaub versunken, der Ernst vernichtet – ein Lächeln auf den Lippen verschönert das Gesicht.

Als Kind wollte ich Astronaut werden – irgendwie entfliehen. Aus dem Raumschifffenster wollte ich bessere Welten erblicken und in der Unendlichkeit schweben. Wenn ich schwerelos durchs All gleiten würde, so dachte ich, dann hätte ich nur meine eigenen Probleme zu lösen, dann gäbe es kein „du musst“, kein „du sollst“, kein dick, kein dünn, kein Alter und keine Zeit – dann würden die Blumen in meinem Kopf ewig blühen und die Bäume immer fette Früchte tragen. Zwischen gestern und morgen gäbe es keine Grenze mehr, eins wäre ich und verschmolzen in Unsterblichkeit.

Major Tom steigt einfach aus, will das Glühen der Sterne spüren, doch sehnsuchtsvoll blickt er zurück auf den blauen Planeten, vielleicht auch auf die Wellen, die sich in Ozeanen regen.

Als ich „Space Oddity“ das erste Mal hörte, war ich längst kein Kind mehr, da war es eigentlich zu spät, da hatte David Bowie Ziggy Stardust schon lange zu Grabe getragen. War es nötig Ziggy sterben zu lassen, dieses Kind eines metrosexuellen Traumes?

Doch das Raumschiff, das in meinem Inneren pochte, in unendliche Weiten fort fuhr, die Astronautensehnsucht, die nie verblasste, all das war ergriffen von diesem Lied. Es war, als ginge ich den Regenbogen auf und ab, als bildeten sich neue Fluchtlinien:

I’m stepping through the door. And I’m floating in a most peculiar way. And the stars look very different today.“

EinesTages jedoch, ich stand vor der „Sagrada Familia“ in Barcelona, da musste ich an Major Tom denken. Liebesschmerz trieb mich dorthin und in meinem Wahn wollte ich alles auf einmal von der Welt entdecken. Als ich vor der Kathedrale stand – im gleichen Wahn, in dem ich mich befand, von Gaudi erschaffen – wurde mir schwindelig und ich musste mich setzen. Sonne schien auf das Wunderwerk herab und ein tiefblauer Himmel untermalte die Kulisse. Spitz ragten die Türme wie hinein in die Ewigkeit und als ich es sitzend und tiefatmend vor mir sah, war mir als befände ich mich tiefer im Kosmos als jedes Flugzeug und als jedes Sternenschiff. Major Tom, so durchglühte es mich, hätte hierher kommen müssen, berührt von der Wunde der Liebe, um das Paradies, das er suchte, zu finden. Fern war mir nun der Gedanke im Dunkeln der Unendlichkeit umher zu irren – Sonnenkrieger wollte ich werden und selbst im Schatten dem Lichte hinterher jagen.

David Bowie ist tot. Zurück bleiben Märchen. Ziggy Stardust ist am Leben! Alles ist im Kopf, alles in der Phantasie und es wird wichtig sein, dem Traum an den richtigen Platz zu bringen. Die Realität ist nur ein kleines Werkzeug den Traum zu justieren, ihn zu verfeinern, ihn mit noch mehr Bildern zu füllen.

I want eagles in my daydreams, diamonds in my eyes“

David Bowie: Er wusste, dass er sterben wird, aber er wollte entkommen. 18 Monate kämpfte er mit dem Krebs, doch die Krankheit hat ihn nicht besiegt. Er hat die Flucht nach vorne, mit dem Raumschiff seiner Träume, angetreten:

„Look up here, I am in heaven/ I’ve got scars, that can’t be seen/ I’ve got drama, can’t be stolen/ everybody knows me now“. „Black Star is waiting for me“, „You know, I’ll be free“, „Oh, I’ll be free/ just like that bluebird/ Oh, I’ll be free/ ain’t that just like me“ (aus seinem letzten Album, erschien am 8. Januar)

Lebe wohl David, wo immer Du auch bist – ich halte Ziggy Stardust tief in meinen Armen fest.

ziggy-mazoni

I’ll be your mirror …

Artist: Wilhelm Gallhof. „The coral chain“, 1910
„I’ll be your mirror
Reflect what you are, in case you don’t know
I’ll be the wind, the rain and the sunset
The light on your door to show that you’re home“
(Velvet Underground)

kadeemazoni

Alex Zondro …

alex.digi

Alex Zondro ist der Artist, der das Cover für „Serena“ gestaltet hatte. Hier sind noch mehr Werke von ihm zu sehen: Alexzondroart