Bericht zur Weltlage …

Eng umschlungen tanze ich mit dem Kater auf meinem Rücken zu Trentemoeller durch den Raum. „I am thinking about you“. Welt ist immer dort, wo man sich befindet.

Luigi hab ich den Kater genannt. Er hat immer Hunger. Heute früh um 5:30 Uhr, ich wälzte mich noch vom Traum und Hitze geplagt im Bett umher, schaffte er es, mir das Laken wegzuziehen. Luigi der Kater – er hat einfach, ohne großartig zu fragen, beschlossen, hier einzuziehen. Ja, großen Hunger hat er und schickt mich zum Supermarkt, Dosen mit Katzenfutter einzukaufen. Als er kam, war er sehr abgemagert und aß alles, was es zu Essen gab, doch nun gefällt ihm das Futter in der Dose für 0,59 EUR nicht mehr.

Heute: Hubschraubereinsatz. Sie kreisten lärmend durch den strahlend blauen Himmel.  Es ist keine Demo. Irgendwo neben mir in den Bergen ist Feuer ausgebrochen. Zu viel Sonne, zu wenig Regen – trotzdem oder gerade deswegen: blau, blau, blau Himmel, Meer … Blicke ich von der Terrasse in die Ferne ist der Horizont nicht auszumachen – das Blau hat auch ihn verschluckt, Meer und Himmel sind ineinander übergegangen.

Um 22 Uhr überfällt mich meist Müdigkeit – acht Stunden früher als sonst in Hamburg. Dafür stehe ich dort auch sieben Stunden später auf. Im Supermarkt (richtig: Luigis Nahrungsquelle) entdeckte ich Anti-Mücken-Tücher, die mich von den Quälgeistern, wenn ich meinen Körper damit einreibe, beschützen sollen. Erstaunt stellte ich gestern Nacht im Badezimmer fest, dass sich genau auf diesen Tüchern eine Mücke bequem machte und ich nun an die Wirksamkeit der Inhaltsstoffe zu zweifeln beginne.  Ich mache trotzdem, bevor ich zu Bett gehe, mit dem Ritual weiter. 

Vor kurzem fragte ich mich noch, woher all das Wasser kommt, das der Wasserfall in den Bergen  mit sich führt. Als ich Besuch bekam, wurde ich von einem Freund aufgeklärt: in den Bergen schlummern riesige Wasserreservate  von soundsoviel Tonnen. Mit soundsoviel bar wird das Wasser rausgedrückt und … Manchmal ist es besser, keine Antworten auf seine Fragen zu bekommen – die Vorstellung, das Wasser käme aus dem Nichts, gefiel mir besser.

Um 20 Uhr gibt es Essen. Fast immer pünktlich. Manchmal auch schon um 19:56 Uhr. Meist sind es Spaghetti mit Tomatensoße. Die Tomaten sind hier so zahlreich, wie die Sonnenstrahlen. Ich hab es beim Spaghettikochen schon weit gebracht. Ich kann es mittlerweile so gut koordinieren, dass ich Soße und Pasta gleichzeitig zu machen verstehe, ohne in Panik zu geraten. Spaghetti müssen stets eine Minute weniger kochen, als auf der Packung steht. 

Manchmal treffe ich meinen Vermieter Roberto. Manchmal hat er schlechte Laune – z.B. weil er seine Miete, statt am Ende des Monats von mir erst am 8. Tag des folgenden Monats bekommt. Er will mir erklären, warum es ausgerechnet am Ende sein soll und ich ihm, dass die Überweisungen erst zum 8. kommen – aber wir sprechen zum Glück nicht die gleiche Sprache. Manchmal ist es schön nicht über unnötige Dinge diskutieren zu können. Am 8. freut er sich trotzdem aus seine „Affitto“. 

Roberto züchtet unter mir auf verschiedenen Terrassen professionell Zitronen, Tomaten und anderes Gemüse. Manchmal kommt er stolz mit seinem gezüchteten Gemüse zu mir, gibt es mir, in der Vorstellung ich könnte es zum Kochen verwenden. Anfänglich fühlte ich mich überfordert, weil ich die einzelnen Sorten gar nicht kannte. So betrachtete ich längere Zeit ein penisähnliches, grünes Gebilde und wusste weder, was es war, noch was ich daraus kochen sollte,. Ich schaute im Internet nach und war  nach gründlicher Recherche sicher, dass das, was die ich fragend in den Händen hielt, sich um Zucchini handeln müsste. Die kannte ich natürlich, die gab es zu Hause in Restaurants. Spaghetti mit Zucchini – braten sollte ich das Gemüse, wie mich der Internetkoch beriet, braten zusammen mit Zwiebeln. Immer wenn ich was brate macht es Luigi total nervös, oder besser macht es ihn hungrig und er läuft zwischen meinen Beinen umher. Fehler Nummer 1: ich schälte die Zucchini, während die Zwiebeln in der Pfanne schmorten. Ich hatte nur ein stumpfes Messer  zur Verfügung, sodass die Schale dick und der Rest ziemlich dünn ausfiel. Eigenartig wässrig empfand ich das, was vor mir lag und war fest entschlossen, nie wieder mit mir unbekanntem Gemüse herum zu experimentieren. Dennoch schmiß ich alles in die Pfanne, packte eine Dose Kirschtomaten rauf, würzte das Ganze. Ein Festmahl war das nicht. Später, als ich Besuch bekam und der Bekannte aus den grünen Teilen, die ich für Zucchini hielt, Gurkensalat machte, erkannte ich wie falsch ich lag.

Ach wie schön, die Sonne scheint, ich brauche mich nicht zu beeilen, sie abzubekommen, sie ist immer da – und Angela McCluskey singt nur für mich „Don’t Believe What They say“. Singt nur für mich, hier auf dem Berg und wenn ich will, werde ich den Repeat-Knopf drücken und sie wird so lange mit ihrer Engelsstimme für mich singen wie ich es will. 

Ich sollte schwimmen gehen, ich mag es, wenn das Salz des Meeres sich in meinen Haaren verfängt. Heute koche ich nichts, wärme das Essen von gestern auf.

Am liebsten mag ich es, mit dem Auto umher zu fahren. Dann kurble ich die Fensterscheiben runter und höre mir den Schwachsinn im Radio an, singe sogar manchmal laut mit. Bewegung ist alles. Ich erinnere mich wie ich als Kind versuchte die Wörter von den Reklameschildern zu entziffern und sie laut und stolz zu sprechen. Hier bin ich sprachlich zu diesem Kleinkind  zurückgeworfen. 

Momentan schreibe ich am „Africa“ Roman eruptionsweise weiter. Sätze werden ausgespuckt, in die Tastatur gebracht, danach folgt eine erschöpfende  Pause. Cate und Melissa haben das Atlasgebirge verlassen und sich nach Taroudant bewegt. Dort treffen sie Mohammed und Nadia. Ich zeichne ihnen den Weg vor, male mit meinen Worten die Landschaften in denen sie sich bewegen. Es werden Menschen nur aus dem einfachen Grund geboren, weil ich sie erfunden habe. Immer müssen Cate und Melissa mit dem Auto weiter fahren,  Bewegungen und nochmals Bewegungen erzeugen. Mitunter fragen sie mich, warum sie nicht mal Halt machen können. Dann lass ich ihnen durch eine Person mitteilen: solange ihr euch fortbewegt, wird es keinen Alltag geben und solange kein Alltag aufkommt, werdet ihr enger zusammenwachsen. Gewohnheit, lasse ich streng  sagen, ist der Tod der Liebe. Ob es stimmt weiß ich nicht. Ich behaupte es schließlich nicht, sondern lasse es andere behaupten. Dem Autor geht es nur darum, dass sie fortkommen, wegkommen, sich durch das Fremde, durch das Unbekannte bewegen …

… ich muss auch hier wieder weg!

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Freedom …

Der Tag an dem Ritchie Havens starb…
…da erinnerte ich mich an diese rauch-zarte Stimme und wie er  im Staccato singend rief „Freedom“.

Freedom, das war die Wasserkanne, mit der die Hoffnung begossen wurde. Rhythmisch  bewegten wir uns aufeinander zu, Paradiesgefühle schlugen in unseren Herzen, durch dunkle Wolken brach sich die Sonne: Freedom.

Ein Lied, ein Klang, ein einziges Wort als Lied; Freedom.  Ein Wort, was  Millionen Geschichten erzählt. Lieder werden ewig bleiben, Geschwätz hingegen wird vergehen. Wir tanzten uns fort zu einem neuen Ort, einer, der noch nicht besiedelt war. Richie Havens auf der Woodstock Bühne, ein Kampfgeschrei, ein Schicksalsschlag. Er hat in diesem Moment den Krieg besiegt.
Ein Tornado der Liebe: Freedom.  Samenkörner explodierender Blume wurden in uns gepflanzt: Freedom. Der Samen wird in uns blühen, solange Gefühle fortbestehen. Hast du es vergessen?  Wieviel Attentate werden gegen sich verübt, wieviel Herzen sind ausgeglüht: Freedom! 

Wer andere töten will, der hat sich selbst verloren. Wer töten will, hat keine Lieder. Wer Lieder verbieten will, der will auch töten. FREEDOM.

Horror im Konjunktiv …

Würde ich versuchen den Rhythmus, den ich auf die grüne Flasche trommle, während ich, wie so oft, auf jemanden warte; versuchen, dieses Musikstück, was mir einfiel, zu dir zu tragen, es dir  vorzuspielen, in der Hoffnung, dich damit beglücken zu können und öffnete im gleichen Moment, während ich mich überwinde, mein Spiel dir darbringen zu wollen, jemand deine Zimmertür, stürmte  herein mit einem Tambourin in der Hand, schüttelte diese, sodass laut die Schellen erklängen, setzte sich auf die Lehne deines Sofas und trommelte darauf Takte, die dich tanzend machend und animieren würden  deine Hüften zu bewegen, und würde er, begeistert über das, was er mit seiner Trommelei anzustellen vermag, immer schneller mit Fingern, Handfläche und Faust auf das Fell einschlagen und du mit aufgewühltem Haar und in die Lüfte erhobenen Händen, zusammen mit dem Tambourin Mann jauchzend wild durch den Raum tanzen und mich  mit der grünen Flasche in der Hand vergessend stehen lassen;  wenn also nicht ich es wäre, der die Traurigkeit mit meinem Vortrag aus deinem Gemüt vertriebe, entstünde nicht dann, beim Anblick deines Freudentanzes, in mir eine schwermütige Leere, ein Einsamkeitsempfinden, indem ich unbemerkt die Flasche auf den Boden stellte und so täte, als hätte ich sie niemals mitgebracht und mich unentdeckt aus der Wohnung zwängte,  hinunter auf die Straße ginge und inmitten  den Häuserschluchten und regennassem Gehweg ein stechendes Unbehagen über rhythmische Klänge empfände und darüber nachdächte, ob du dich beim Aufräumen, die herrenlose Flasche entdeckend, daran erinnern könntest, dass ich es gewesen wäre, der es gewollt hätte, mit nur drei Fingern, auf dem selbsternannten Musikinstrument dir etwas zu bieten, was dir ein Lächeln auf deine Lippen hätte zaubern können.

Da dies aber nicht so ist, entleere ich mit einem letzten Schluck die Flasche, stelle sie zurück in das Regal, wo ich sie gefunden hatte, gehe in dem Raum umher, betrachte mir im Atelier die Bilder des Malers, auf den ich warte, schaue aus dem Fenster in das trübe Grau des Himmels, betrachte den Kanal, der sich mit kaum erkennbarer Bewegung Richtung  Westen bewegt und abgestorbene gelbliche Herbstblätter, wie ein Kleid mit sich trägt, und noch ehe ich ganz die Betrachtung zurück auf die bunten Gemälde richten kann, um ein innerliches Urteil über die Kunstwerke zu fällen, öffnet sich die Tür, der Maler tritt herein und erklärt, wir könnten jetzt gehen.

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Der heilige Orgasmus … oder die Welle, die vor mir bricht

Das Meer hat ein Lied gesungen und versunken am Strand, lausche ich der Musik. Helle Sopranstimmen, wenn die Wellen an das Ufer brechen, weiter draußen der Bariton, das tiefe Rauschen, wie ein Raunen, das aus der Tiefe des Meeresbodens kommt. Weiße, fette Möwen lassen sich vom Wind treiben, stimmen mit quiekenden Vogellauten ein in das Konzert – Kinder spielen Ball, schreien umher: Ein Erd-Choral ist entstanden. Gehen alle Seelen zurück ins Meer?Ich denke an Falten – gerade nun, wo vor meinen Füssen das Meer sich entfaltet, Welle auf Welle entsteht. Niemals wird die Welle, die ich sehe, wiederkommen – nur einmal, an diesem Tag wird sie sich zeigen, untertauchen und verschwinden in der Weite des Ozeans. Kein Lied wird wieder ähnlich klingen, wie dieses – es wurde mir nur einmal gespielt, danach wird ein anderes folgen. Ich denke an die Falte. Wieso? Wären wir im Stande, nur einen Bruchteil einer Sekunde zurück zu drehen, die Welt würde untergehen – sie könnte die Wiederholung der Myriaden von Ereignissen nicht verkraften.   Es ist die Erinnerung, die uns vor dem Wahnsinn bewahrt, dass nichts so ist, wie es einmal war, dass die Brust, die uns säugte sich verwandelte, dass die kleine Welle, dieses Kind, zurückfließt ins Unkenntliche.  Die Erinnerung, sie ist trügerisch, schön gefärbt, niemals wahr, aber immer immer wunderbar. Die Bilder haben sich in ihr gefaltet, das Gesicht der Geliebten strahlt in ihr, Gerüche haben sich dort gesammelt, Stimmen und die Berührung einer Hand. Was erinnert wird, bekommt neues Leben, ein anderes, aus dem es sich speiste. „Der kleine Prinz“ sagt, man müsse mit dem Herzen sehen – in der Falte schlummert die Essenz, liegt das verborgene Gefühl. Die Welt ist gefaltet, sie hat keine Tiefe, die Geheimnisse können nur oberflächlich entfaltet werden. Ein Traum, der kommt, uns berührt und von fremden Dingen berichtet – die Liebe, die unerwartet hereinbricht und alles Denken verändert, Worte, die wie aus einer anderen Welt kommen, Musik oder ein Gemälde, was völlig selbst entsteht, als hätte alles ein Eigenleben – das sind Falten, die aufgebrochen werden, wo, wie aus einer Flasche, ein Geist entspringt.  Auch dieser Text hat sich irgendwie entfaltet – wollte ich doch eigentlich etwas über den „heiligen Orgasmus“ schreiben. Der Orgasmus, indem sich alles entfaltet … die Bilder, die Sinne zum Explodieren bringt, verborgene Gefühle nach oben schwemmt, sich wie die Welle verhält, die krachend ans Ufer bricht. Ich wollte mich zu der gewagten Behauptung hinreißen lassen, dass die Wahrheit im Erotischen liegt. Gerne hätte ich mit nur einem Pamphlet alle Genitalien zum Brennen gebracht. Doch das überdenke ich nun und werde es verschieben.  

I love your ass for bad or worse

I love your ass for bad or worse
I love your nasty way you curse
When you sit down, it’s wild how you sit
Grind your heel in the ground, the groovy way you spit

Jesse Will – Singer/Songwriter. Musician. New Zealand