Es ist drei Uhr.
Die Welt hält den Atem an. Keine Bewegung. Kein Laut. Nur Dunkelheit – und ich.
Ich liege wach.
Kann man von Schlaflosigkeit irrewerden? Der Gedanke kommt leise, fast vorsichtig, und bleibt. Ich drehe das Kissen, wälze mich hin und her, als ließe sich Unruhe abschütteln wie ein schlechter Traum.
Mein Herz schlägt zu laut.
Wenn ich jetzt einschlafe, denke ich, werde ich beim Erwachen nichts mehr erkennen. Weder den Raum noch mich selbst. Ein absurder Gedanke. Und doch – er lässt mich nicht los.
Drei Uhr.
Die Stunde, in der alles bilanziert wird. Keine Ablenkung mehr, keine Stimmen, keine Bewegung. Nur das, was übrig bleibt.
Es wird gerechnet. Ein Strich unter die Lebensrechnung gemacht. Ergebnis:
Du warst nicht gut genug.
Um drei Uhr geschehen Herzstillstände. Schlaganfälle. Um drei Uhr beginnt etwas zu wachsen, still und unaufhaltsam. Etwas, das sich in den Gedanken festsetzt, Wurzeln schlägt, sich ausbreitet.
Der Wahnsinn hat Zeit.
Ich starre zur Decke. Bewege mich nicht. Kann mich nicht bewegen.
Ich bin wach – und doch schon halb verschwunden.
Das Bett ist ein Grab.
Kein Summen. Kein Wind. Nicht einmal das Rascheln der Nacht. Nur diese Stille, die nicht leer ist, sondern schwer.
Insomnia.
Ein schönes Wort. Fast zärtlich. Doch es trägt eine andere Melodie in sich – leise, gleichmäßig, unausweichlich.
Bleib liegen, flüstert sie. Beweg dich nicht.
Das Bett wird zum Schiff. Und etwas zieht dich fort.
Es gibt kein Zurück.
—
Am Morgen hört man den Schrei.
Die Tür steht offen. Sie tritt ein.
Er liegt im Bett.
Still. Zu still.
Seine Augen sind geschlossen, und auf seinen Lippen liegt ein Ausdruck, der nicht hierher gehört. Kein Schmerz. Kein Kampf. Etwas anderes. Etwas Friedliches.
Für einen Moment versteht sie nicht.
Dann spürt sie es.
Etwas ist noch da – und zugleich schon fort. Etwas Unsichtbares, das sich löst, dass durch den Raum gleitet, hinaus durch die geöffnete Tür.
Ein Hauch. Ein Abschied.
Es streift sie.
Wie ein Kuss.
Sie weiß nicht, was sie gespürt hat. Nur, dass es endgültig war.
Er ist gegangen.
Hat alles zurückgelassen – sein Leben, seine Gedanken, seine Liebe.
Gestern Abend haben sie gestritten. Getrennt geschlafen.
Jetzt gibt es keine Rückkehr mehr. Kein Verzeihen.
Sie sieht ihn an.
So friedlich. Fast glücklich.
Als wäre etwas von ihm befreit worden.
Für einen kurzen, verstörenden Moment weicht der Schmerz. Und macht etwas anderem Platz.
Dann bricht es über sie herein.
Der Schrei. Der Zusammenbruch.
Es war stärker.
Sein Herz steht still.
Und irgendwo, jenseits von allem, trägt ihn etwas weiter.
—
Wenn ich jetzt einschlafen würde – würde ich zurückkehren?
Oder würde ich ebenfalls gehen? Wer würde um mich schreien? Wer würde mich küssen?
Der Gedanke trifft mich plötzlich, scharf und klar.
Ich richte mich nicht auf. Ich bleibe liegen.
Panik steigt in mir auf, lautlos. Wenn ich aufstünde, würde mir alles fremd sein. Jeder Gegenstand, jeder Gedanke.
Wohin würde ich laufen?
Zum Licht.
Ja.
Zum Licht würde ich rennen. Dorthin, wo noch etwas ist, das bleibt.
Jetzt verstehe ich die Motten.
Sie fliegen ins Licht, weil es erträglicher ist, zu verbrennen, als in der Dunkelheit zu enden.
—
Wenn ihr um drei Uhr wach liegt – denkt an mich.
Vielleicht irre ich dann umher. Lautlos. Zwischen den Dingen.
Und kämpfe gegen etwas, das ich nicht mehr erkennen kann.
Kämpfe gegen mich selbst.
Euer Kadee

