Wo ist das Kind?

Warum tue ich das, dieses ständige Schreien in geschriebenen Worten, die kaum Gehör finden? Ich habe das Gefühl, ich müsste gegen das Unrecht anschreien, so wie die Opfer schreien, wenn sie das Unrecht erfahren. Ich müsste weinen, denn wenn ich nicht innerlich oder äußerlich weine, bin ich selbst verloren.

Ich sah, wie Soldaten in ein zerbombtes Kinderzimmer eindrangen und sich dabei filmten. Sie hielten Spielzeug, das einmal einem Kind gehört hatte, in die Kamera und machten sich darüber lustig. Ich musste schreien, innerlich mit Worten. Kaum jemand hörte mich. Egal. Ich muss es tun. Jeder Buchstabe ein Laut gegen die Schweinerei, ein Laut, der im Wind verweht und doch mein einziges Schwert ist. Der Schrei zerreißt mich, ich sollte aufhören, vergessen, mein Gesicht in die Sonne halten, um es zu wärmen. Ich sollte mich beruhigen, mich dem Nihilismus hingeben, die Menschheit verfluchen und aufgeben. Angesichts der Grausamkeiten sollte ich sagen, so ist die Welt, sie wird untergehen, ich kann nichts dagegen tun. Man kann nicht mit der Welt leiden. Das ist richtig. Oder doch? Was ist mit dem Kind, dem das Spielzeug gehörte und über das sich der „tapfere“ Soldat lustig machte? Er verhöhnte mit seiner Tat die Existenz des Kindes, er sprach dem unbekannten Kind das Recht auf Leben ab. Das Kind ist eine Metapher für alle geschändeten, getöteten, verstümmelten Kinder.

Wo ist das Kind? 

Die Welt eines jeden besteht in sich selbst. Die Sterne funkeln nur, weil ich sie sehe, sie wollen mich beeindrucken. Die Sonne gibt mir ihre Wärme, das Meer singt ein Lied nur für mich. 

Die Welt des Kindes ist seine eigene, sie gehört nur ihm. Das Stofftier, das der Soldat verächtlich in die Kamera hielt, war die Geliebte neben dem Kind, wenn es schlief. 

Was ist mit dem Kind geschehen? 

Liegt es unter den Trümmern begraben, wurde es halb tot von Bulldozern mit all dem Schutt begradigt – oder lebt es noch, gibt es noch Hoffnung, ist es ohne Wasser auf der Flucht, hat es Hunger? 

Schrei!  – Nein, rufen, dem Kind zurufen, dass sein Leben gerechtfertigt war und ist, und niemand daran zweifeln darf. Hörst du mich? Diese Worte sind für Dich. Ich bin auf Deiner Seite. Ich will anklagen, obwohl ich Anklagen hasse. Ich will der stärkste Mann der Welt sein, der alle Waffen vernichtet, ich will der mächtige Vater sein, der alle verwundeten Seelen auf seinen Schultern trägt. Ich kann nur diese Worte schreien und sie wie Feuerbälle in die Welt schleudern. Ich kann nur dieses Schwert erheben, in dem sich die hässlichen Frazen spiegeln und sich vor ihrem Ebenbild fürchten.

Wo ist das Kind? 

Ich glaube nicht an das Böse. Der Mensch ist an sich gut, denke ich. Er kann Scham, Liebe und Angst empfinden. 

Ich habe einen anderen Soldaten gesehen, der sagte: Das ist das Geschenk für dich, meine Geliebte. Dann explodierte das Haus. Das Wohnhaus fiel mit einem lauten Knall in sich zusammen, und er lächelte in die Kamera. Was für eine grausame Liebe, die nur lieben kann, wenn sie andere tötet. Ich muss dagegen sein, ich muss kämpfen, schreien und die Liebe vor diesem Angriff retten. 

Ich will nicht an das Böse glauben … aber was ist es dann? Ich muss flammende Worte erfinden, um die dunklen, mörderischen Abgründe zu erhellen. Schreien gegen die Verrohung der Menschheit, gegen die Gefühlskälte – ja, Feuer spuken, um das Eis zu brechen. 

Und deshalb schreie ich: Wo ist das Kind, gebt ihm das Stofftier zurück, formt wieder ein Lächeln auf seine Lippen – dafür sind wir doch da. Nicht wahr? Dafür existieren wir doch. Oder nicht? Welchen Sinn hat das Leben, wenn wir widerspruchslos hinnehmen, was dort gerade geschieht? Wofür haben wir Augen, wenn sie nicht sehen wollen, wofür ein Herz, wenn es nicht mehr schlagen will?

Vielleicht können wir gegen die dunklen Mächte nichts ausrichten, aber wir können tanzen, lachen und … schreien. Es ist deine Welt, dein Meer, deine Sonne – es sind deine Kinder – und es sind auch deine Frauen und Männer. Du bist das riesige Herz, das das Universum in sich trägt. 

Wir können einen Chor bilden und zusammen mit den Tieren singen, die Welt zum Swingen bringen. Scheiß auf die Politik, die nur Hass und Mord schürt, scheiß auf Rassismus, scheiß auf Faschismus, scheiß auf Apartheid – lasst uns Rebellen des Lebens werden und das Leben mehr lieben als den Tod.

Wo ist unser Kind? Lasst es uns suchen und in die Arme schließen.

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