Gefaltete Seele

Als ich erwachte, die Augen öffnete und das Licht durch mein Fenster erblickte, überkam mich ein eigenartiges, ichbezogenes Weltgefühl, eines, was manchmal Menschen zu sich empfinden, eben weil sie Menschen und in der Lage sind, ihr Dasein in verschiedene Richtungen zu denken. Der lichte Tag brach in jenem Moment herein, der zwischen Traum und Erwachen stand, jener also, wo man nicht so recht weiß, in welcher Realität man sich real befindet; in der des Taumelns oder der, der vermeintlichen Beständigkeit. Es dauerte nicht lange, da war die Traumwelt – diese schöne Braut – wie mit einem Schwamm von der Tafel des Bewusstseins gewischt und verloschen, und ich fand mich dort wieder, wo meine nächtliche Reise begann, in meinem Bett, mit dem Kopf auf einem zerknitterten Kissen.

Ich ordnete das Kissen, auf dem ich lag, bog es zurecht, sodass ich den Baum vor meinem Fenster erblickten konnte und sah, wie auf einem Ast sich eine Taube niederließ und mit flatternden, ungeschicktem Flügelaufschlag sich wieder entfernte. Verschwommen waren bis dato meine Sinne, noch nicht im Getriebe der Alltäglichkeiten eingepasst, frei noch und fern von beklemmenden Verpflichtungen, die Zeit irgendwie ausfüllen zu müssen.

Da brach die Idee, wie ein Fötus aus mir heraus, der Gedanke, dass das Morgenlicht, der Baum, die Äste und auch die Taube ein Teil von mir seien, dass, wenn ich nicht erwacht, diese Welt mit mir im Schlaf versunken geblieben wäre.

Wie könnte, so mutmaßte ich dreist, die Erde sich ohne mich weiterdrehen, wie das Blatt des Baumes auf dem die Taube saß, sich bewegen, das Licht durch mein Fenster scheinen? Sind denn nicht mein Atem, mein Herzschlag, das pulsierende Blut in meinen Adern an die Erde gebunden? Und der Kosmos, verstieg ich mich egomanisch weiter, ist er nicht auch für mich erschaffen worden. Der Stern, der am nächtlichen Himmel funkelt, hab ich ihn wohlmöglich selbst erfunden? Der Beweis, dass alles so ist, wie es ist, kann doch nur erbracht werden, wenn ich es bin, der ihn aufnehmen kann, wenn ich ihn verstehe. Wer schon könnte mir den Nachweis erbringen, dass alles Leben und Treiben, jede Melodie, jeder Herzschlag, jeder Glanz in den Augen, jede Welle, die sich in den Ozeanen erhebt, jede Katze, die auf die Mauer springt, jeder Laut und jede Stimme, die ich höre … fortbesteht, blieben an dem Morgen meine Augenlider verschlossen?

Vielleicht war dieses Gefühl, was mich an diesem Morgen beherrschte, banal, aber dennoch blieb ich regungslos im Bett liegen, um ja nichts von dieser Ungeheuerlichkeit zu abzuschütteln.

Ich könnte, so sinnierte ich, während ich ängstlich die Bettdecke hoch zu meinen Schultern zog, durchaus den Gedanken verfestigen, dass alles, was ich fühle, höre und sehe, einzig meiner Einbildung entsprungen sei. Vielleicht ist meine Phantasie derartig mächtig, diese Bilderwelt, in der ich lebe, mir vorzugaukeln. Vielleicht ist sie so gewaltig, mich Glück und Schmerz fühlen zu lassen. Vielleicht sind Feuer, Wasser, Menschen, Tiere und die verschiedenen Kontinente nur Fiktion und alleinig aus meiner Idee hervorgebracht. Wer schon könnte mir die Entkräftung erbringen, dass ich mich nicht im Traum befinde, dass wenn ich erneut erwachen würde, diese sogenannte Realität wie Nebelschwaden verschwinden würde. Könnte es nicht sein, dass mein formidabler Geist, mich von einer Welt zur nächsten treibt, dass das Reale die Fiktion ist und der Traum Wirklichkeit?

Mein Gott“, flüsterte ich in mich hinein, in welch einem großartigen Betrug wäre ich hineingeraten!

Stille. Kein Wind bewegte mehr die Blätter der Bäume, keinen Laut konnte ich mehr vernehmen. Wer nur, fragte ich mich, war es, der die Hände gen Himmel erhob, wer sprach das erste Gebet, um der Ungeheuerlichkeit des Gedankens, allein in dieser Welt zu sein, zu entkommen? Wer war der erste Mensch, der sich einen Gott erfand, um wieder festen Boden unter die Füsse zu bekommen? War ich es? Ich musste grinsen. Mein Bett wurde zum Raumschiff, mein Kopf ins Kissen gepresst, flog ich durch das Gestrüpp, durch die Blätter, mit den Vögeln hin zum Licht.

Aber die Liebe? Ja, die Liebe, so dachte ich: zeigt nicht ausgerechnet sie, dass ich nicht alleine bin? …

Es klingelte, ich erschrak, krachend landete das Raumschiff wieder dort, wo es gestartet war. Ich sprang aus dem Bett, zog mir was über, eilte den Korridor entlang und Schritt für Schritt, wie bei einem geöffneten Gefäß, verlor sich das Gefühl, was ich zuvor noch auf dem Kopfkissen hatte. Ich öffnete die Tür und da stand sie vor mir, ihr blondes Haar war aufgewühlt, wahrscheinlich vom Wind. Sie blickte und lächelte mich an, sagte etwas, ich erinnere nur ihre Stimme. Ich bin nicht sie und sie ist nicht ich, schwer zu glauben, meine Phantasie hätte sie erfunden. Ihre Arme umklammerten meine Schulter, ihre Lippen drückten sich auf meinen Mund. Traum oder Wirklichkeit, ich weiß es nicht – das eine so richtig wie das andere. In den Falten der Seele liegt schlummernd und im Dunkeln die Erkenntnis, sie ist unendlich, genauso wie es die Falten sind. Wenn man sich entfalten will, muss man sich nur immer hin zum Himmel strecken.

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Werner ist tot

Ich stelle die roten Rosen in das Glas, aus dem er trank, davor lege ich das Bild mit seinem Gesicht. Eine weiße Kerze steht daneben – sie brennt nicht.

Werner ist tot! – Die Zeit ist so lang, wie ein Moment.

Morgens, wenn ich aufstand ins Badezimmer oder zur Toilette ging, war er schon wach, seine Tür stand offen, graues Tageslicht beschien den dunklen Flur und wir grüßten uns. Meist war sein Notebook aufgeklappt, auf das er, Zigaretten rauchend, blickte. Öfters fragte ich ihn, ob er auch ein Kaffee von mir wolle – doch ich war zu spät, er wollte lieber Filterkaffee, den sein Mitbewohner in aller Frühe kochte. Der Filterkaffee war ein Verbindungsglied zwischen ihm und Ra., meinem anderen Mitbewohner.

Werner ist tot – mir blieb kaum Zeit ihn näher kennenzulernen. Seit November wohne ich hier. Werner war schon vorher krank, aber, so hörte ich, es stand mit ihm schon einmal schlimmer. Wi., die Freundin von Ra., sagte mal, Werner sei unverwüstlich.

Ende April soll seine Asche in einer Urne, die sich im Laufe der Zeit auflösen wird, in die Erde gelassen werden.

Wohin ist sein Lächeln gegangen, welches ich auf dem Foto vor mir sehe?

Ich fragte meinen Mitbewohner, was er glaubt, wohin die Seelen gehen würden, ob sie irgendwo blieben und uns eventuell beobachten. Er sei Marxist, unbeantwortete er mir meine Frage; die Fragestellung allein sei ihm schon zu esoterisch. Er setzte noch hinterher, nachdem er einen Schluck vom Rotkäppchen Wein genommen hatte, dass Werner auch unreligiös gewesen sei. Aber, konterte ich grinsend, meine Frage sei durchaus materialistisch und von daher auch marxistisch gewesen. Eine Seele, oder was es auch immer sei, müsse doch Bedingung für ein Leben sein. Nichts Lebendiges könne ohne einen speziellen Lebenswillen existieren. Wo also, wollte ich von ihm wissen, bliebe dieses mysteriöse Unbekannte, es könne doch nicht einfach verschwinden. Er sagte mir, es wäre ihm höchst unangenehm, wenn Werners Seele ihn, wohlmöglich bei Intimitäten, unerkannt beobachten würde. Ich gab ihm recht, solch eine Vorstellung wäre mir auch unheimlich.

Werner ist tot. Wie lange dauert das Leben einer Eintagsfliege? Ich meine, wie lange ist eine Eintagsfliegenzeit? Ist eine Sekunde ein Fliegentag, ein Fliegenflügelaufschlag wie eine Fliegenewigkeit?

Ist unsere Lebenszeit ein Wimpernschlag im Auge des Universums?

Es begann alles im grauen Hamburger Winter, als der Regen kein Ende nahm. Werner bekam Husten, erst war er leicht, dann wurde so stark, dass wir aufmerksam wurden. Ich hatte auch Husten – wir unterhielten uns darüber – meiner ging zurück, seiner hingegen bohrte sich tief in seinen Körper. Ich machte Obstsalat, füllte ihm eine Schüssel voll, in der absurden Hoffnung, einige Vitamine könnten vielleicht das Problem in den Griff bekommen. Sein Husten wurde stärker, breitete sich aus – später hörten wir die Diagnose; es wurde eine Lungenentzündung daraus. Dann ging alles ziemlich schnell, er lag regungslos auf seinem Bett, ein Notarztwagen schaffte ihn ins Krankenhaus, wo er, weil mittlerweile auch andere Organe ausfielen, ins künstliche Koma versetzt wurde. Künstlich ernährt, an einem Maschinenpark angeschlossen und ohne Bewusstsein – das waren seine letzten Tage.

Werner starb in jenem Moment, als Wi. sich neben seinem abgemagerten Körper ins Bett legte, ihn streichelte und ihm die Wangen küsste – er starb, als sie zu ihm sprach, er dürfe jetzt loslassen und gehen. Mit welchen Ohren hatte er ihre Stimme vernommen? Es musste ein anderes Bewusstsein gewesen sein, als das, was wir kennen, mit dem er für sich entschied, diese Welt als Werner endgültig zu verlassen.

Werner ist tot, wie fürchterlich das klingt – vielleicht wird er wiederkommen, als jemand anders, vielleicht in einem anderen Körper und ohne die Erinnerung, dass er einmal Werner war. Vielleicht wird er irgendwann wiederkommen und seine Geliebte, die ihn verlassen hatte, wieder treffen und beide werden nicht wissen, warum sie nun unzertrennlich sind, nicht wissen, dass der Ursprung dafür sich im Werner-Zeitalter befand. Vielleicht sind all unsere Seelen, die wir nicht kennen, aber Bedingung dafür sind, dass wir leben – vielleicht sind sie ewiger, unendlicher als unsere Körper, vielleicht verhalten sie sich genauso wie das Universum.

Werner ist tot. Und als er starb, klarte sich ungerechter Weise, nach all der langen Zeit seines Hustens, der Himmel wieder auf. Die Sonne beschien die Stadt mit gesunden Strahlen und das Grün und neues Leben brach aus den Zweigen. Die Menschen trauten sich aus ihren Wohnungen und Lächeln und Sonnenbrillen waren mit einem Male in ihren Gesichtern zu sehen. Rosen habe ich neben seinem Bild gestellt, ein Stück Sonne, die ihm fehlte. Im Regal steht die Tüte H-Milch, die er mir einmal gab, ich schaue auf das Haltbarkeitsdatum – es hat ihn überlebt.

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Wiegelied der Seelen …

Bombenteppich, U-Boot Jagd, Einkaufszentren schön gemacht. In der Vegan – Abteilung halte ich ihre kalte Hand. Die Welt ist aus den Fugen, der Tisch umgekippt, die Teller zerbrochen. Die Götter sind zurück und kotzen uns ins Gesicht.

Ich könnte Dieb werden, sage ich ihr, ich würde für sie das Feuer stehlen. Das Feindselige ist draußen, dort liegen die Wolken tief. Auf einem Schaukelpferd fährt ein dickes Kind durch unser Paradies und jeder neue Tag zerteilt mich noch mehr. Ich bin verwirrt, schaue zur Uhr, ahne, wo die Sonne hängen müsste.

Könnten wir nicht die Traurigkeit besiegen, fragt sie mich und löst ihre kalte Hand von mir, wenn wir Worte neu erfinden würden. Sie läuft durch das Labyrinth der Regale, ich sehe sie kaum mehr. Jeder imitiert das Gute, jeder hat eine Richtung nur die Kriege werden mehr.

Es müsste eine neue Sprache geben, ruft sie von weit hinten, ich sehe ihr Kajal ist unter ihren Augen verschmiert, Schwarzes läuft ihr übers Gesicht. Aber rufe ich, renne ihr hinterher, wenn alles Lügen auch Wahrheit ist, wie können wir da noch einen Sinn erfinden. Hinter dem Tresen, wo wir stehen, grinst ein Mann mit blutiger Schürze uns an. In der Spiegelung der Glasscheibe vom Tresen, hinter dem zerstückelte tote Tiere liegen, sehe ich mein Gesicht und erschrecke mich. Falten haben sich auf mein Gemüt gelegt, die Zeit ist zwischen meinen Fingern zerronnen, ich werde noch verdammt ohne Licht in den Abgrund gehen müssen. Wo ist nur die Sonne, frage ich sie, sie war doch unser ganzes Glück, ausgerechnet sie hat uns verlassen. Die Sonne kommt zurück, erwidert sie, tröstet mich und tätschelt mir die Wangen. Aus dem Lautsprecherboxen erklingt ein Lied, es singen kleine, nackte Engel danach herrscht kurze Stille.

Von Seele zu Seele, sagt sie jetzt, sie hat nachgedacht, so müsste die neue Sprache reden. Mit einem lauten Knall hackt der Schlachter hinter uns ein Schwein entzwei. Ein Preisschild wird ins rohe Fleisch gestochen und ich gehe auf sie zu, drücke sie fest an mich heran.

Das wäre schön, gebe ich ihr zurück und hülle sie in meinen Mantel. Wir könnten dann das Leben pochen hören, sage ich ihr und streiche mit meinem Finger über ihre Lippen – das wäre eine Sprache wie sanftes Wiegen der Seelen, nichts könnte mehr passieren.

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