Werden immer nur werden …

Es ist vollbracht, das Jahr ist vorbei, man kann sagen, es ist erledigt. Warum in die Zukunft blicken, sie erscheint grauer als die Vergangenheit?

Im Grunde meines Herzens bin ich ein Anarchist. Wobei das auch ein Widerspruch ist. Ein Anarchist – zumindest in meinem Verständnis – ist nicht, sondern wird. Ich bin ein Fragment, aus verschiedenen Teilen zusammengesetzt. Deshalb kann ich nicht sagen, dass ich nur gut oder nur schlecht bin. Ich versuche, das zu sein … ach, ich versuche, ein Liebender zu sein, ich versuche, mein Herz in Bewegung zu halten.

Ich bin in dieser Hinsicht ein Anarchist, ich lehne Staaten ab, und noch mehr lehne ich Staatsführungen ab. Ich kenne keinen Staat, dem ich vertrauen würde, dem ich zutrauen würde, die anstehenden Probleme zu lösen. Den gibt es nicht. Staaten sind Gewalten – das sagen sie selbst – Staaten sind gewalttätig. Immer. Ich glaube fest daran, dass der Mensch im Grunde nicht ekelhaft und mörderisch ist, nicht einmal gierig. Vielleicht ein bisschen gierig, wie eine Katze, die von Leckereien nicht genug bekommen kann. Aber das macht sie auch irgendwie sympathisch. Also, der Mensch ist keine Bestie, er wird zur Bestie gemacht, er wird dazu erzogen. Geld ist die böse Zuchtmeisterin, mit Geld wird der menschliche Geist verdreht. Geld ist die Geißel, die den Menschen gefangen hält. 

Ich weiß nicht, ob es ein Leben nach dem Tod gibt. Jedenfalls stirbt mit dem Tod alles, was wir einmal waren. Es stirbt die Absticht. Es stirbt der Vater, die Mutter – der Tod ist der große Schwamm, der alles aufsaugt. Der Tod ist die eigentliche Zukunft, der Tod ist das eigentliche Ziel. Alle anderen Ziele sind dagegen sekundär. Ich glaube zwar, dass es danach weitergeht, dass alles ein Kreislauf ist. Es ist nur ein Glaube, von dem ich auch niemanden überzeugen will, ich habe den Tod noch nicht erlebt. Man könnte meinen, der Tod sei absurd, weil er alles niederreißt und auslöscht, aber absurd ist vielmehr die Vorstellung, der Mensch könne etwas aufbauen, das über seinen Tod hinausgeht. Auch der mächtigste Mensch, auch der größte Imperator wird eines Tages abtreten müssen. Das Reich, für das Caesar einst gekämpft hat, ist für ihn in dem Augenblick bedeutungslos geworden, als ihm das Messer in die Brust fuhr. Alles, was wir sehen und manchmal auch fühlen (ein Zahnschmerz zum Beispiel ist keine Einbildung, sondern real), entspringt unserer Vorstellung. Warum sollten wir uns abmühen, warum sollten wir reich werden, wenn wir uns einfach zurücklehnen und das Leben genießen könnten? Wir alle könnten das Leben auskosten, wenn man uns in Ruhe ließe, wenn nicht andere habgierige Zeitgenossen uns das Wenige, was wir brauchen, auch noch wegnehmen wollten.

Ich bin für einen anarchischen Morgen. Ich stehe auf und mache möglichst Dinge, die mir Spaß machen. Ich sage JA zum Leben, egal ob es regnet oder die Sonne scheint, egal ob ich mich langweile oder traurig bin. Das Ja ist ein Ja zu allem, was die Welt ausmacht, das Ja zu meinem Leben ist das Ja zum Leben der anderen. Ich verachte mich selbst, wenn ich anderes Leben verachte. Aber ich verachte die Verächter.

Töten ist etwas Schreckliches. Manchmal habe ich sogar Skrupel, eine Mücke zu töten, die mich stechen will. Ein Tier zu töten, das einmal voller Optimismus und Freude das Licht der Welt erblickt hat – das tötet auch etwas in mir. 

Ich erinnere mich gerne. An die Freude, an die Liebesnacht, an die Kindheit mit all den optimistischen Blicken in die Zukunft. Es ist ein verdammtes Verbrechen, dem Kind die Kindheit zu nehmen, es ist widerlich, dem Menschen die Freude zu nehmen.

Ja, ich bin ein Anarchist, wenn ich es recht bedenke. Ich bin für das Chaos, für die Vielfalt und dagegen, alles mit dem Besen einer Ideologie zu kehren. Es ist schön, wenn neben mir verschiedene sich ausschließende Ansichten wie ein buntes Blumenbouquet existieren, solange sie nicht die anderen Farben vernichten wollen. Ein Mensch, der sein ganzes Leben glücklich mit der Vorstellung eines Gottes verbringt, der über ihn wacht und ihn in die richtigen Bahnen lenkt, ist mir lieber als ein Soldat, der für sein dummes Vaterland tötet. Warum jemanden, der glaubt, die Erde sei eine Scheibe, vom Gegenteil überzeugen? Ich gebe ihm Recht in seinem Irrtum, auch wenn es nicht wissenschaftlich ist. Wir leben in unseren Vorstellungen und das wird immer so bleiben. Ich habe meinen Fortschrittsglauben – ich sage extra Glauben – aufgegeben, er hat uns nichts gebracht. Die Zivilisation hat vielleicht den Gipfel erreicht und danach geht es nur noch bergab. Die Macht des Geldes hat unseren Planeten verwüstet – wäre der Mensch nur in seiner Höhle geblieben, er wäre vielleicht glücklicher. 

3 Comments

  1. Ich glaube, dass das alles so funktionieren kann, solange es genug Platz und Mittel für alle gibt. Das gilt für Tiere wie Menschen. Sobald die Population zu groß an einem Ort wird, funktioniert auch die Anarchie nicht mehr. Es beginnt dann das Überleben der fittesten, die, die nicht so gut kämpfen können, schaffen es vielleicht von den Brosamen zu leben, aber glücklich geht anders. Die Politik wird dann notwendig, wenn so viele auf einem Fleck leben, dass Mord und Totschlag sonst nicht mehr zu vermeiden wären. Das ist die Situation in der wir leben. Alles in allem noch recht gut, zumindest hier und zumindest die meisten. Schwer erträglich wird es, wenn sich Grüppchen bilden die für sich versuchen die Pfründe aufzuteilen. Würden alle am gleichen Tropf hängen, wäre es länger erträglich, also Weltpolitik. Es läuft aber zur Zeit leider genau in die andere Richtung. Der Anarchist hört in diesem Theater nur noch so die Granaten fliegen und wundert sich, solange er sich noch wundern kann.

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    1. Vielleicht ist der Fehler, dass die Politik nicht das ist, was sich die alten Griechen einmal vorgestellt haben. Die Politik kümmert sich wenig um das Wohl der Welt, sondern mehr um den Geldbeutel. Danke für Dein Post.

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      1. Das ist das Problem mit den Idealen. Das Problem der Politik ist glaube ich nicht, dass die Ideale nicht mehr gelebt werden. Es braucht absolut integre Politiker mit Charakter und vor allem Weitsicht. Das was mir nutzt, nutzt nicht unbedingt dir und es ist und bleibt immer ein Kompromiss auf niedriger Ebene. Als ich noch jung war glaubte ich, dass die ideale Regierungsform eine Diktatur eines Expertenrates. Das Problem ist aber, dass es diese Experten nicht wirklich gibt und bei einer Demokratie ist man halt gefangen in Mehrheitsbeschlüssen, auf die natürlich auch Interessenesgemeinschaften einwirken. Ganz ehrlich finde ich unsere Politik gar nicht so schlecht, wie sie überall propagiert wird. Besser geht halt immer. Dann dir noch einen schönen Abend (Ich hatte übrigens auch mal einen Anarcho Stern auf meinem Nummernschild. Viele Grüße Wolfgang

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