Axt …

„Ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.
Franz Kafka

schreiben-mazoni

Das „Selbst“ ist ein schlechtes Schauspiel …

Die größte Schwierigkeit bereitet mir, zu bestimmen, wer ich bin. Es ist mir unmöglich so tief in mich hineinzuschauen, um den Kern meiner Persönlichkeit zu finden. Und selbst, sollte ich den Kern all meines Seins finden, würde es mir Mühe bereiten, ihn als Fackel mit mir umherzutragen.

Zwar habe ich mir gewisse Eigenschaft erfunden und Worte dafür zurechtgelegt, doch weiß ich nicht, ob das alles nicht nur ein Schauspiel ist, in einem Spiel, das wir alle spielen.

Erstaunlich empfinde ich es, wenn gesagt wird „Finde zu dir Selbst“. Das hieße ja, in jedem von uns gäbe es was Unveränderliches, etwas Eigenes, ein „Selbst“ ähnlich einer Maschine, die unentdeckt in den Tiefen wohnt und unermüdlich arbeitet. Ein „Selbst“ wäre es, das von Hunger oder Krankheit unberührt bliebe und auch die Leidenschaft, z. B. die einer Liebe, ließe es völlig kalt. Stoisch und ziemlich unbeweglich, thronte dieser Kern im tiefen Untergrund eines Menschen, eines Tieres und sogar jeder Pflanze.

Als ich gestern einen zwölf Jahren alten Jungen sah, da erinnerte ich mich daran, wie ich einmal war; in seinem Alter. Seitdem jedoch, in all diesen Jahren, bin ich schon mehrmals gestorben und längst nicht der, der ich einmal war. Absurd wäre es, dahin zurück zu kommen; in die vergangene Zeit.

Jede Einzelheit, jede Sekunde müsste ich einsammeln, das „Selbst“ das mich als Junge umhüllte, wiederzufinden. Das Läuten der Kirchenglocke, der Ruf der Mutter, die Stimmen und Körper der Freunde, der Deutschlehrer mit dem Glasauge, die Lederhose, die ich trug, die Sonne, die auf meiner Haut brannte, die Mücke, die mich mitten ins Gesicht stach, der Milchladen um die Ecke, das Mädchen mit dem schwarzen Haar … All dies, und Millionen, Trilliarden anderer unbewusster Dinge, müsste ich zusammen tragen, zu einem Ball formen, zu einem Kern, der ich einmal war. Ein sinnloses und unmögliches Unterfangen – würde aus all diesen unendlichen Teilchen nur eines vergessen, wäre das „Selbst“ aus der Vergangenheit dahin.

„Finde zu dir selbst“ – es ist eine Illusion, die nicht mal schön ist. Der Körper ist nur angenehm an seiner Oberfläche, innen aber ist er ein Gefängnis, indem die Seele gefesselt liegt. Und trotzdem, statt die Gitterstäbe aufzubrechen, sehen viele eine Erfüllung darin, in diesem Knast Löcher zu graben, in die sie am Ende selbst hereinfallen – denn außer einen Abgrund werden sie dort nichts finden. Wie denn auch, mit jeder Bewegung, mit jeder Handlung und Ereignis verändert sich das Sein. In mir befindet sich immer was Fremdes, weil das Tier, das in meiner Höhle wohnt sich ständig verwandelt.

Als die Liebe einst unverhofft aus dem Gebüsch sprang und mich packte, da zwang sie mich, nicht mehr das zu sein, was ich vorher war – da starb ich hinein in einen neuen Traum und das „Selbst“ war vergessen. Liebe ist nicht Tiefe – ist nicht das Bohren in sich hinein – Weite ist sie, Geben wollen; eine Flucht ist sie, eine, nach vorn. Ein Traum ist sie, der sich in der Geliebten manifestiert, Entdeckerin ist sie, will erobern, was noch keiner kannte.

„Finde zu dir Selbst“ – es ist eine Scheiß-Moral, die mir nicht behagt. Trägheit ruft sie hervor. Statt in die Tiefe zu gehen suche ich lieber das Weite, lass mich durchfluten von der Welt- statt in den Abgrund meines „Selbst“ zu blicken, fliege ich davon. Und sollte der Psychologe mich suchen , bin ich längst verschwunden.

blackeye-mazoni

Ergeben …

„Die Männer, die mit den Frauen am besten auskommen, sind dieselben, die auch wissen, wie man ohne sie auskommt.“

Charles Baudelaire

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Frühling in Neapel

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