Ich fühle in mir zwei Menschen …

Der Gedanke, eine zweite Persönlichkeit könnte in mir Platz genommen haben, umtrieb mich und ließ mich mit einem Male in einem anderen Licht betrachten. Es verwirrte mich; ein fremder Genius in mir könnte meine Geschicke lenken, mein Handeln mitbestimmen und meinen eigenen Willen beeinflussen. An einem vermeintlich normalen Tag, wurde mir demonstriert, dass es keine normalen Tage gibt und das es solche auch nie mehr geben wird; mir wurde ein Schlag versetzt, eine innere Hand erhob sich gegen mich. 

In jedem Menschen stecken zwei Menschen, das spüre ich nun – ich bin nicht allein. Doch es ergeht nicht nur mir; zwei Seelen, so waren schon die Orientalisten der Meinung, seien als Keim in jedem Körper von uns eingepflanzt. Sie seien miteinander verfeindet und teilten sich auf, in einen guten und bösen Geist. Ein Feind also in mir, der ich selber bin und der sich in einem Wettstreit mit mir befindet. Wer war es, der mir diesen Schlag versetzte? Ein Gegner, der mich zum Kampf herausfordern wollte? Doch wenn ich es selber bin, wer spricht dann aus mir, das Gute oder das Böse? In jedem Fall, egal wer Teufel oder Engel ist, beide befinden sich stets in einer Gegnerschaft. Wer hat das Steuer in der Hand, wer bemächtigt sich meinen Willen? Könnte es nicht ein guter Feind sein, wertvoller vielleicht als ein schlechter Freund – ein Mensch, der in mir wohnt, mich herausfordert und dennoch aufs Schärfste bekämpft? Unser ganzes Leben sei ein unausgesetzter Kampf mit Hindernissen, die am Ende den Sieg davon tragen, meint Schopenhauer in gewohnt, entzückend, pessimistischer Art. Demzufolge werden wir angetrieben und zu einem Duell herausgefordert, das wir am Ende immer verlieren. Recht hat er, betrachtet man es von seinem Standpunkt aus. Aber ist das Leben nicht ohnedies ein Spiel, dem man keinen besonderen Ernst beimessen sollte und indem es nicht darum geht, zu gewinnen, sondern um zu spielen? Ich baue mir, rein zum Vergnügen, eine Burg aus Sand und weiß doch genau, sie wird wieder zusammen stürzen – mit der Burg auch mein Körper und mit dem Körper all meine Ideale. Das Leben dient einzig der Ästhetik, bedarf keinen weiteren Sinn, als Schönheit darin zu finden. Tragik, Glück, Liebe, Erotik und Triebe – es gleicht einem Mandela, einem Bild, welches nach der höchsten Vollendung vernichtet wird und die winzigen Körnchen, aus dem das Bild entstand, sich in alle Richtungen verstreuen. 

„Ich ist ein Anderer“, sagte Rimbaud. Hatte auch er das Fremde, das Unbekannte in sich gespürt, so wie ich, oder wie Kafka, der für sich feststellte, in ihm sei etwas Unzerstörbares? Als Kafka die Diagnose seiner Krankheit erhielt, meinte er, es sei was anderes, etwas was im tiefsten Inneren sich in ihm befinde.

Im tiefsten Inneren: Dort haust auch mein zweites Ich, versteckt auf geheimen Grund. Es redet nicht, es agiert nicht. Das eine Ich und das andere sind getrennt – uns trennt die Zeit. Ja, die Zeit – sie macht im Denken halt. „Cogito ergo sum“ – ich denke also bin ich. Descartes hatte das „Ich“ emanzipiert. Indem ich eine Aussage über mich treffe, überhaupt mich denke, bezeuge das, dass ich vorhanden sein muss. Selbst wenn ich behaupte, ich wäre nicht existent, muss diese Aussage zweifelsfrei von mir getroffen worden sein. Descartes Verdienst ist es, dem „Ich“ eine Eigenständigkeit zu geben – das „Ich“ stammte fortan nicht mehr von Gott ab, sondern … Ja, von was denn nun? Ist der zweite Mensch, das zweite Individuum, was in meiner finsteren Höhle sein Dasein fristet – ist das womöglich auch ein Gott, mein Gott demzufolge, eine Person, die unendlich ist? Könnte es sein, wenn der eine oder andere den Körper verläßt, wenn der Körper stirbt, das Ich, welches nicht spricht, bestehen bleibt? Womöglich setzt das Ich, ohne Ego seine Reise in der Zeit fort, sucht sich einen neuen Körper, indem erneut ein anderes Ego den verzweifelten Versuch unternehme – so wie ich – dem Ich nahe zukommen. Lassen wir die These dahingestellt – obwohl ich glaube, alles was wir denken und auch träumen, selbst wenn es momentan noch absurd erscheint, im Realen vorhanden ist.  

Zurück zu Descartes Beweis, dass alleinig das Denken über sich die eigene Existenz bezeugt. Die wesentliche Frage in seinem Gedankenspiel jedoch bleibt offen; nämlich welche Existenz es denn sein soll, die ich denke? Das Dasein müsste doch unbeweglich verharren, müsste solange wie ich darüber  reflektiere zu einer Säule einfrieren. 

 „Ich denke“ kann doch nur ein augenblicklicher Bestimmungsakt sein, indem ich die Zeit anhalte, um das Bild von mir betrachten zu können. In dem Moment wo ich mich bezeichne, mir selbst eine Eigenschaft zuordne, bin ich längst ein Anderer, der sich in der Zeit verändert hat. Das Denken kommt nicht hinterher, da es rückwärts auf eine Existenz gerichtet ist, die längst Geschichte ist und sich verwandelt hat. „Ich bin“ schon längst fort, denn „Ich“ ist ein Fluß, kein starres Gebilde, was unendlich fließt und mit keiner Zeit gemessen werden kann. Das Ego kann mit dem Denken nicht sein eigenes Ich erfassen. Wird es überhaupt möglich sein, wird es je eine Situation geben, in der beide zusammenfinden? Oder wird einzig der Widerspruch, die Gegnerschaft die Form des Zusammenlebens sein?  

 Ist denn alles, was ich über mich aussagen kann, nur eine Lüge, sind meine Gedanken, die ich über mich mache auf eine trügerische Fata Morgana gerichtet? Wenn ich diese Worte hier niederlege und sie mit jedem Laut fühle und höre, so stammen sie ohne Zweifel, zumindest von einem Teil von mir. 

Es muss zwei von mir geben, anders geht es nicht – ob Feind oder Freund ist nicht entschieden. Vielleicht haben wir zusammen diese Worte hier niedergeschrieben – vielleicht ist überhaupt unsere Existenz nur mit dem Fremden in uns möglich. Rimbaud scheint es erkannt zu haben, wir sind vom Ich und vom Ego getrennt. Die Vorstellung, die wir von uns machen ist eine Illusion. Warum also nicht mit dieser Lüge weiterleben und weitere Lügen spinnen – am Ende könnten wir uns sagen, es war ein reizvolles Märchen, indem wir uns befanden – ein Märchen zusammengesetzt aus Glück und Drama, aus Tod und Vitalität. 

Ich bin in zwei zerrissen – der Schizophrene hat unbestreitbar eine treffliche Vorstellung davon. Das Andere in mir versetzte mir einen Schlag, vielleicht war es auch eine Aufforderung, um mich zur Umkehr meiner gewohnten Lebensweise zu bewegen. 

 So tief ich auch in mir blicke, ich werde es nicht erkennen können. War es der gut gemeinte oder der mir feindlich gesonnene Geist? Was auch immer, wer auch immer: Wir sind zu zweit, wir sind der Motor mit dem sich unser Sein-Schiff einen nicht endenden Fluss entlang bewegt.