AFRICA …

Africa“ heißt der Roman an dem ich schreibe. Eine Liebesgeschichte zweier Frauen. Ich lasse sie Cate erzählen.

Melissa ist neunzehn Jahre alt, ihre Urahnen kommen aus Afrika, sie aber war selbst noch nie dort. Sie lernt die zehn Jahre ältere Cate in einem Club kennen, just an dem Tag, als diese mit ihrem Mann Schluss gemacht hat. Für Cate, wird sich durch die Begegnung mit Melissa ihr Leben gewaltig verändern, denn die dunkelhäutige, junge Schönheit ist sehr offensiv; was sie sich in den Kopf setzt, will sie auch kriegen – und sie will Cate, will sie dominieren, nicht um sie zu besitzen, sondern um mit ihr Grenzen zu überwinden. Der Eingang zum Herzen, zur Seele, zum Verstand, überhaupt zu allem Sein, so Melissas feste Überzeugung, liege in der Erotik. Wir sind nicht aus dem Paradies vertrieben worden, weil wir von dem Baum der Erkenntnis genascht haben – so Melissa – sondern wir werden gehindert, dorthin zu kommen, weil wir in den Apfel, den uns die Weiblichkeit in der Person von Eva hingehalten, nie gebissen haben. Der Weg zum Paradies, das in jedem von uns steckt, sei, der Verführung nachzugeben.

Cate lässt sich verführen und erlebt mit ihr eine Liebe, von der sie nie glaubte, dass so etwas existieren je könnte. Cate packt ihre Sachen zusammen und zieht zu Melissa. Zusammen erleben sie eine Zeit im Rausch ihrer Gefühle zueinander und Melissas Wohnung wird zu einem paradiesähnlichen Ort. Das allerdings geht nur solange gut, wie Melissas Vater ihre Tochter finanziell unterstützt. Eines Tages tritt die bittere Botschaft ein: die Firma des Vaters musste Konkurs anmelden, Melissas Vater ist pleite und kann weder die Tochter noch ihre teure Wohnung weiter finanzieren – die Unterkunft der beiden muss geräumt werden. Was also tun? Melissa verfügt über keinerlei Einkünfte, Cate lebt nur von dem wenigen Geld ihres Stipendiums. Einige Zeit versuchen beide die Situation zu ignorieren, vernichten Rechnungen, Mahnungen und bezahlen keine Miete mehr. Das Unheil rückt näher, das Liebesnest der beiden ist bedroht; eine Entscheidung muss gefällt werden. Melissa lehnt es kategorisch ab, arbeiten zu gehen; sie will die kostbare Zeit, die sie mit ihrer Geliebten verbringt, nicht mit inhaltslosen Jobs eintauschen. Auch will sie nicht, so wie Cate es vorschlägt, in Cate’s kleine Wohnung umziehen. Melissa meint, es müsse immer nach vorne gehen und niemals zurück. Da kommt ihr die Idee:

Was glaubst du wie alt mein Onkel ist?“, fragte Melissa mich.

Ich weiß nicht, wenn es dein Onkel ist, kann er noch nicht so alt sein …“

Ach du. Er ist doch nicht mein Onkel im eigentlichen Sinne. Er ist der Onkel vom Onkel vom Onkel …“

Also dann ist er schon älter“.

Ja natürlich ist er älter, wenn er der Onkel von mehreren Onkeln ist. Also was glaubst du, wie alt ist er?“

Dazu müsste ich wissen, wie alt die anderen Onkel sind“.

Meine Güte Cate, du bist wie eine Mathe-Leherin. Woher soll ich wissen, wie alt die alle sind, weder kenne ich sie, noch interessieren sie mich.“

Woher soll ich ohne Anhaltspunkte wissen, wie alt dein Onkel ist?“

Du verdirbst mir noch die ganze Geschichte mit deiner Genauigkeit. Musst du alles so penibel unter die Lupe nehmen? Ich hab ihn nur ‚Onkel‘ genannt, weil ich seinen Namen nicht kenne. Cate, schätze jetzt einfach wie alt er ist?“

Ok. Fünfundsechzig“, erdachte ich mir eine Zahl.

Fünfundsechzig?! Wie kommst du darauf?“

Ich hab’s mir ausgedacht.“

Warum sollte ich dir eine Geschichte eines Fünfundsechzigjährigen erzählen, das wäre total banal.“

Verdammt Melissa, sag mir einfach wie alt er war.“

Wieso ‚war‘? Er lebt noch.“

Melissa! Wie alt ist er?“

Hundertsiebenundzwanzig!“, strahlte sie mich triumphierend an.

Ja, wow! Und was war denn nun mit diesem alten Mann, der in einer Strohhütte wohnt und nicht dein Onkel ist?“

Hab ich vergessen!“

Was?“

Melissa will nach Afrika, den „Onkel“ finden, der vor seiner Hütte irgendwo am Wasser sitzt. Was für ein Gewässer soll es sein, welcher Ort und auch welcher Mann? Melissa weiß es selbst nicht, aber sie ist sich sicher, sie wird ihn antreffen.

Natürlich erscheint es Cate absurd, einen 127-jährigen Mann, von dem niemand weiß, ob er lebt, zu suchen, um von ihm die Erkenntnis über das Leben zu erfahren. Doch schließlich lässt sie sich überreden, besser: lässt sich von ihrer Geliebten verführen und willigt ein, mit auf die Reise zu kommen.

Eine Party wird veranstaltet, auf der, bis auf wenige Dinge, all ihr Hab und Gut verkauft werden. Der Verkauf ist ein voller Erfolg und aus dem Erlös kaufen sich Melissa und Cate einen alten Ford Bus, bauen ihn zu einem Wohnmobil aus. Die Reise kann beginnen.

Das ist die Vorgeschichte.

Mittlerweile ist die Geschichte auf Seite 311 angelangt. Viel ist passiert und jetzt, wo diese Worte hier niederschreiben werden, sind Melissa und Cate auf dem Weg von Frankreich hin zur spanischen Grenze. Manchmal müssen sie länger an Orten verweilen, weil der Autor nicht gut drauf ist, Geldverdienen muss, oder für wenig Geld bestochen wird als Ghostwriter eine beknackte Vampir-Geschichte zu schreiben. Aber er will die beiden Mädels nicht alleine lassen, sie haben nicht einmal die Hälfte ihrer Strecke zurückgelegt. Es ist dem Schreiber egal, ob das Buch jemals veröffentlicht wird, jetzt geht es nur darum Cate und Melissa von Erlebnis zu Erlebnis, von Ort zu Ort voranzutreiben. Er ist die Energie, mit der sich die Welt in dieser Geschichte dreht.

Selbst, wenn es draußen kalt und der Himmel verdunkelt ist, der Autor muss den Motor ihres Autos immer neu anschmeißen, er muss der Realität absagen, alleine in seinem Zimmer sitzen und schreiben und schreiben und schreiben …

Welch schöner Wahnsinn!

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Wecke mich!

„Wenn man in einer anderen Zeit aufwacht, an einem anderen Ort, könnte man auch als anderer Mensch aufwachen?“ (Fight Club)

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Die schwarzen Augen von Neapel

An einem heißen und grell sonnendurchfluteten Tag, da spiegelte ich mich in dem Blick ihrer schwarzen Augen wider. Stehen blieb die Zeit, kein Zeiger bewegte sich, in diesem Augenblick, wo ich mich in der Weite ihrer Dunkelheit verloren hatte.

Sanft und still, wie eine Nacht, wo der Lärm der Menschenseelen verstummen, war es, als ich in ihre unergründliche Tiefe schaute, war dieser Moment, als mich wie eine unsichtbare Zauberhand, hin zu dieser unscheinbaren Bar führte.

Ein warmes Lächeln benetzte ihre vollen Lippen, Helligkeit bestrahlte ihr Gesicht und wie aus einem Traum gerissen, fragte sie mich, was ich trinken möchte.

Ihr langes dunkles Haar ruhte auf ihrer schmalen Schulter und benommen von der Sommerhitze und ihrer Erscheinung, von dem Aufschlag ihrer langen Wimpern, orderte ich in kurzen Worten „un caffé“ und durchbrach damit gleichfalls die kurze Stille, die mich umgab.

Einer Katze gleich, mit geschmeidigen Bewegungen drehte sie sich um, gab mir ihre Rückansicht zu sehen. Der Lärm der Mühle, in dem sich die Kaffeebohnen befanden und die sie betätigte, vermischte sich mit den Geräuschen der Musik aus einem Fernseher und den lauten Stimmen der anderen, mit Händen gestikulierenden, Anwesenden.

Wie vor einer glänzenden silbrigen Metallwand stand sie vor der gewaltigen Espressomaschine, mir war, als könnte ich jeden einzelnen Muskel an ihrem Körper dabei bewegen sehen und mit präzisen Griffen, gleich einem Uhrwerk, so als sei sie für einen Moment selbst zum Teil der Maschine geworden, drehte sie den Arm, indem sich der Siebträger befand, heraus, klopfte den alten Kaffeerest auf einem Behälter aus, presste das neue Kaffeemehl hinein und drehte den Arm fest wieder in die Öffnung zurück.

Alles war vorbereitet wie zu einem Fest, eine Untertasse und ein Glas mit Mineralwasser stand bereit vor mir, da schob sie den Hebel der Maschine nach oben, ein gewaltiger Druck, den ich glaubte zu hören, baute sich auf – kurz noch sah ich, wie ihr Gesäß sich dabei aufregend in ihrer engen Hose bewegte – sie sodann den Hebel herunter schob und eine zähflüssige Kaffeemasse sich in eine kleine Tasse presste. Damit der Kaffee sich nicht verdünne, wurden die letzten verwässerten Tropfen von einem kleinen Löffel abgefangen. Die Produktion war vollbracht! Vorsichtig nahm sie, mit rotlackierten Fingernägeln, die heiße, kleine Tasse, stellte sie vor mich hin, drehte sie so, dass der Henkel zu meiner rechten Hand zeigte.

„Prego!“, sagte sie, wieder trafen sich unsere Blicke und ließ mich mit dem, was sie geschaffen hatte, alleine.

Wie ein roher Diamant, frisch abgeschlagen aus einer Höhle, so stand er vor mir, der „Caffé“, geformt aus ihrer Hand.

Sanfter Schaum benetzte seine Oberfläche und seitlich neben mir, geordnet in einem Gefäß, nahm ich mir eine kleine Zuckertüte, öffnete sie und schüttelte langsam die weißen Zuckerkristalle auf die schwarze Masse, wo sie auf der Krone des Kaffeeschaumes liegen blieben.

Einem Drama kommt es gleich, so wie es sich millionenfach jeden Tag in Neapel vollzieht. Der Protagonist in diesem Schauspiel ist der Kaffee, stolz wie ein schwarzer Schwan schwebt er über die Bühne. Voller Bitterkeit ist er noch, zu bitter, um dem Genuss die nötige Leichtigkeit zu verleihen. Dieser schwarze, bittere Königsvogel, voller Kraft, Energie und Triebe, muss sich mit der hellen Unschuld – die eigentlich gar keine ist – vereinen, damit seine breiten Flügel des Genusses über den Gaumen schwebe. Süsslich ruhen die funkelnden, weißen Zuckerkristalle noch unschuldig auf der dunklen, schwarzen Hölle. Es ist ein Kampf des Guten gegen das Böse. Wenn alles richtig läuft, wird das Weiße sich mit der bitteren dunklen Macht vermählen und Beide werden nicht mehr sein, was sie einmal waren: das Bittere wird süßlich sich geben und das Weiße das Kleid der Hölle sich überziehen.

Doch noch war es nicht soweit, noch beugte ich mich herunter, das Schauspiel zu betrachten. Langsam verdunkelte sich die Helligkeit des Zuckers, zurück blieb nur eine kleine Insel, die wie auf einem heißen Vulkan ruhte. Dann jedoch, als hätte eine nimmersatte Glut eine paradiesische Unschuld in den Abgrund gezogen, glitt der Zucker auf den Tassenboden.

Es war nun an mir, die Vereinigung zu vollenden und mit einem Löffel stach ich hinein in das Spiel, rührte darin umher, erhob das Gefäß und trank es leer. Bitter-süßlicher Geschmack verbreitete sich auf meiner Zunge, Unschuld und Sünde vermengten sich, mein Herz schlug höher und der Schleier der Benommenheit zerteilte sich. Einen kurzen Moment ließ ich meinen Gaumen an dem Ereignis sich ergötzen, leerte sodann das Glas mit dem Wasser, legte ein Fünfzig-Cent-Stück als Geste der Dankbarkeit und Anerkennung für die Schaffung dieses Genusses auf den dunklen, gefleckten Marmor Tresen.

Da kam sie wieder aus irgendeiner Ecke zurück, nahm das Geldstück, warf es in einen Becher, räumte Tasse, Glas und alles andere ab, wischte mit einem Lappen über die Fläche, wo zuvor mein Kaffee stand, reinigte alles, so als wollte sie damit den Schlussakt des Schauspiels einläuten. Gestärkt und voller Hoffnungstriebe, machte ich mich bereit zum Fortgehen, schickte der Barista einen Abschiedsgruß hinter den Tresen, den sie willig erwiderte und ging, jetzt mit festeren Schritten, hin zur Ausgangstür und drehte mich, während ich den Messinggriff der Tür in der Hand hielt noch einmal zurück. Sie hatte noch ihr Wischtuch in der Hand, fuhr damit über die steinende Platte und für einen winzig kurzen Augenblick, kürzer noch als der Blitz auf die Erde trifft, verfingen sich wieder unsere Blicke. Die Ausgangstür öffnete sich, ich ging hinaus, blauer Himmel, Hitze und greller Sonnenschein empfingen mich, aus der Schachtel fingerte ich eine Zigarette, steckte sie an, genoss es, wie der Rauch meine Lungenflügel stimulierte, ein Lächeln huschte ungewollt über mein Gesicht – die Welt ist weiblich, dachte ich – und setzte meinen Weg fort, auf der staubatmenden, mit Autos befahrenden Strasse, ging den schmalen Gehweg entlang, wo die Sonne unbarmherzig nieder ging und rettete meinen Blick neben mir in das regungslose, undurchdringliche Bambusfeld.

Blau, so blau war der Himmel an diesem Tag, so voller Licht, doch die Helligkeit, die wahre, die mich umgab, das waren schwarze Augen, Tiefe in die ich blickte – schwarze Augen abgründig, leuchtend und bittersüß.

Die schwarzen Augen von Neapel

„Weil es Dich gibt !“

Ich schreibe für Dich – Irgendwo: Fern einer Heimat, sitzend am Rande des Regenbogens, darüber gespannt, der blaue gottverlassene Himmel und einem Albatros gleich, tragen Lüfte die Gedanken, die Schatten über Landstriche werfen, Nebelschwaden über Felder entzweien und aus dem sonnendurchtränkten Blau, wie Vogelscharen niederstürzen.

Für Dich: Aus Sonnenstrahlen und weichem Atem, ein Gewand webend, goldglänzend, das die Seele als Kleid, stolz wie eine Dame trägt.

Ich schreibe für Dich! Aus der Welt heraus und schwebend, zwischen Himmelreich und Verderben, die Lippen des Erden-Mundes küssend, kauernd zwischen Wölfen, liegend zwischen stacheligen Rosen im Garten Eden und mit glänzenden Augen stehend, zwischen leuchtenden, kotzenden Vulkanen.

Ich denk an Dich: Nachts in Bars, die wie glitzernde Sterne funkeln, mich in erregender Sünde locken, an Tresen, wo im dicken Rauch Freunde sich umarmen, Wörter sich neu erfinden und der Rausch und die Lust neue Geschichten bringen.

Für Dich in der Einsamkeit: Getrennt von Freunden und Kontinenten, umgeben von wilden, unüberwindbaren Gewässern, an Orten, die keine Satelliten kennen, zwischen verlassenen Ruinen, bröckelnden Fassaden, auf heißem Boden unter dem die Lava brennt; ja, irgendwo, unter einem violetten Firmament, wo keine Schreie, keine Laute zu vernehmen sind – dort spitze ich die Feder, senke den Kopf, schreibe nieder, was der Geist sich erdenkt, erschaffe Monstren, Tiere, Menschen, Leiber, die es noch nicht gibt, erschaffe Leben, bin ich Gott nur für Dich, graviere alles auf das kleine Pergament, falte es mit der Schrift zu einem Schiffchen, lege es auf das tosende Meer, in schwächlicher Hoffnung, es würde an das Ufer treiben, wo Du versunken in Gedanken stehst, es entdeckst und es nehmen würdest, es entfaltest und es liest.

So bin ich also jener, dieser Autor, nicht mehr und auch nicht weniger, kommend von irgendwo und ungefähr und sollte die Frage kommen, warum ich schreibe, so kann ich die frohe und stolze Antwort erteilen: Ich schreibe, weil es Dich gibt!

– Kadee Mazoni

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