Die Vegetarierin

Ich habe Han Kangs Roman „Die Vegetarierin“  gelesen – Nein ich hab es als Hörbuch gehört. Die Nobelpreise, vor allem für Literatur, haben etwas. Sie sind nicht so ideologisch gefärbt wie die Friedensnobelpreise, zum Beispiel der vorzeitige an Barak Obama. 

Jedenfalls bin ich auf Han Kang aufmerksam geworden und habe mir sofort „Die Vegetarierin“ besorgt. Ich war, man kann es nicht anders sagen, begeistert von Inhalt und Stil.

 Es ist ein Werk, nein, es ist eine Reise in die Abgründe der menschlichen Seele, in die Brüche und Risse, die sich unter der Oberfläche eines scheinbar normalen Lebens verbergen.

Im Mittelpunkt steht Yeong-hye, eine Frau, deren Entscheidung, kein Fleisch mehr zu essen, wie ein Tropfen Gift in das ruhige Wasser ihrer Familie eindringt. Doch was auf den ersten Blick wie eine einfache Ernährungsumstellung aussieht, ist viel mehr – eine stille, radikale Revolte gegen die Zwänge einer patriarchalischen Gesellschaft, ein Versuch, sich von den Fesseln zu befreien, die Körper und Geist einengen. Ihre Weigerung, Fleisch zu essen, wird zum Symbol, zum Brennglas, das die Dunkelheit in ihrer Umgebung enthüllt.

Han Kangs Sprache schneidet wie eine Klinge, scharf und erbarmungslos. Die Bilder, die sie zeichnet, sind schön und beunruhigend zugleich – der Duft von Bäumen, der sich mit dem metallischen Geschmack von Blut mischt, Träume, die sich in Alpträume verwandeln, Körper, die zerbrechen, als wären sie aus Glas. Es ist eine Geschichte, die keine Antworten gibt, sondern Fragen stellt – über die Grenzen des Körpers, die Macht der Konformität und den Preis der Freiheit.

Doch die Geschichte von Yeong-hye ist nicht nur ihre eigene. Es sind die Stimmen derer um sie herum, die das Bild vervollständigen: ihr Mann, kalt und berechnend; ihre Schwester, gefangen zwischen Pflicht und Sehnsucht; ihr Schwager, dessen Besessenheit ihn in den Wahnsinn treibt. Jeder von ihnen ist ein Spiegel, der eine andere Facette von Yeong-hyes Kampf reflektiert, und gleichzeitig ein eigenes Gefängnis, aus dem es kein Entkommen gibt.

Die Vegetarierin“ ist ein Werk, das verstört und fasziniert, das den Leser zwingt, innezuhalten und in den Abgrund zu blicken. Es ist eine Meditation über Gewalt, nicht nur über physische Gewalt, sondern auch über die stille, unsichtbare Gewalt der Erwartungen, der Normen, der Gesellschaft. Wie zerbrechlich der menschliche Geist ist, wie leicht er gebrochen werden kann. Han Kang dringt tief in die Psyche ihrer Figuren ein, das ist beeindruckend und für den Leser leichter Literatur vielleicht manchmal unerträglich. Nebenbei erfährt der Leser ein Stück südkoreanische Lebensart und Kultur.

Trotz all des Schmerzes und der Ablehnung, die die Protagonistin erfährt, gibt es Momente unerwarteter Schönheit, flüchtiger Hoffnung und Augenblicke des Glücks. Da ist die Erinnerung an die Bäume, an den Wind, an die Freiheit, die Yeong-hye sucht und die vielleicht nur in ihrer eigenen Auflösung, im Loslassen ihrer Existenz zu finden ist. Als Vegetarierin selbst zur Pflanze zu werden, sich zu erheben und der menschlichen Gesellschaft gänzlich zu entsagen.

Das Universum ist eine Illusion und das Leben ein Traum, würde Borges sagen. Filme und Bücher sind Träume, also Leben, und sie sind besonders gut, wenn man sie immer wieder lesen, hören oder sehen kann. Ich habe nur wenige davon. Aber die, die mir ans Herz gewachsen sind, sind meine persönlichen Meisterwerke. „Die Vegetarierin“ ist so ein Buch, eine Geschichte, die ich nicht so schnell vergessen werde,  ein Dorn in der Erinnerung.  Es sind Bilder darin, die immer wieder auftauchen werden.

Das ist Literatur pur – mein persönliches Meisterwerk. 

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